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     Prof. Dr. Hans-Olaf Henkel
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Eine neue Heimat für die Liberalen
Weitere Themen: Finanzkrisen, Allgemein, Reformen

Mit der Entscheidung der Mitglieder der FDP für den permanenten „Rettungsschirm“ (ESM) hat die letzte im Bundestag vertretene liberale Kraft ihren Geist aufgegeben. Wo die Liberalen eine neue Heimat finden können.

Um auf ihren Abgeordnetenstühlen, Staatssekretärenposten und Ministersesseln sitzen bleiben zu können, hat sich die FDP-Spitze gleich dreifach an ihren Prinzipien versündigt:

1.     Als liberale Partei schrieb sich die FDP bisher die Selbstverantwortung auf die Fahnen. Jetzt begleitet Philipp Rösler Frau Merkel weiter in Richtung falsch verstandener Solidarität: durch die Vergemeinschaftung der Schulden, für die am Ende des Weges niemand mehr verantwortlich ist.

2.     In Deutschland war die FDP immer die Partei des Wettbewerbs. Mit dem Marsch in die “Fiskalunion“ setzt sie nun auf das genaue Gegenteil: auf Harmonisierung. Dass der Wettbewerb zwischen kleineren Einheiten immer zu einem stärkeren Ganzen führt, war nicht nur das Credo Otto Graf Lambsdorffs, auf den sich Philipp Rösler jetzt fälschlicherweise beruft, es war einmal die DNA der FDP.

3.    Bisher machte sich die FDP für das Prinzip der Subsidiarität, der Wahrnehmung von Verantwortung möglichst weit „unten“, stark. Jetzt ist, als Nebenprodukt diverser Euro-Rettungsschirme, auch für die FDP ein bürokratischer Zentralstaat das Ziel.

Da sich die CDU immer mehr sozialdemokratisiert und die SPD dadurch nach links gedrängt hat, die Grünen inzwischen die SPD links überholt haben und sich die Piraten auch schon links verortet haben („Mindestlohn“, „Rente ab Geburt“), ist der Niedergang der FDP als glaubwürdige Anwältin liberaler Ideale in der Europapolitik doppelt tragisch. Nun mag man einwenden, dass die politische Klasse nichts anderes als den tatsächlichen Zustand unserer Gesellschaft reflektiert. Das ist ein Trugschluss.

Zum einen, weil die überwältigende Mehrheit der Bürgerinnen und Bürger diese Euro-Politik nicht unterstützt. Damit wird die Euro-Politik immer mehr zu einem exklusiven parteiübergreifenden Projekt der politischen Klasse.

Zum anderen ist die immer größer werdende Kluft zwischen Bürger und Politiker auch das Resultat des Versagens unserer sogenannten Elite. Die Wirtschaftsredaktionen konvergieren zwar alle in ihren Diagnosen und immer öfter auch in ihren Prognosen für den Euro-Patienten, eine alternative Therapie zu diskutieren, geschweige denn zu verschreiben, bleibt in diesem Land aber weiterhin politisch inkorrekt.

Das gleiche erlebe ich täglich in Gesprächen mit vielen meiner Ex-Kollegen: Unter vier Augen sagen sie fast ausnahmslos das Gegenteil von dem, was in Großanzeigen über die segensreichen Wirkungen des Euro gedruckt oder auf BDI-Jahrestagungen erzählt wurde. Politische Korrektness ist ganz offensichtlich der Wunsch, im Schwarm der Mehrheit mitzuschwimmen, und sei es unter Ausschaltung des eigenen Verstandes.

Was kann man als engagierter Bürger in diesem Land tun, wenn man diesen Weg für verhängnisvoll hält, die gesamte politische Klasse ihn aber unbeirrbar weiter beschreitet?

 

Das größte Potenzial liegt in der größten Partei Deutschlands

Man kann eine neue Partei gründen. Einerseits hängt eine neue liberale Partei, die Europa-freundlich aber Euro-kritisch ist, wie eine reife Frucht am Ast. Man muss nur gegen den Stamm treten, dann fällt sie herunter. Andererseits ist der bürokratische Akt nicht nur sehr aufwändig, man kann kaum sicherstellen, nur solche Mitstreiter zu bekommen, die die gleichen liberalen Werte und Ziele teilen.

Die effizientere Alternative ist zu versuchen, eine der etablierten Parteien zu beeinflussen. Frank Schäffler hat das in einer sehr mutigen und anerkennenswerten Art und Weise innerhalb seiner FDP versucht. Ergebnis bekannt.

Auf der Suche nach einer neuen Heimat für die Liberalen, sollte man sich deshalb mal mit den „Freien Wählern“ beschäftigen. Dabei gilt es zwei Hürden zu überwinden:

1.     Da ist zum einen der erkennbare Widerspruch, in den die Partei der Freien Wähler dadurch gerät, dass sie einstmals als eine „parteilose Wählergemeinschaft“ angetreten ist. Dagegen kann man einwenden, dass nur eine Partei dafür sorgen kann, dass die Macht der Parteien zugunsten der Macht der Bürgerinnen und Bürger beschnitten wird.

2.     Die kommunale Basis und die Erfahrung mit den Bürgern vor Ort sind zwar die unschlagbaren Stärken der „Freien Wähler“, aber es tun sich auch Widersprüche auf. Hier ist man gegen den Ausbau eines Flughafens, dort für eine bessere Infrastruktur, einige sind für mehr Subventionen für die Landwirtschaft, andere für niedrigere Steuern. Die Lösung dieses Dilemmas kann nur in der Trennung von liberalen bundespolitischen Positionen einerseits und landes- beziehungsweise kommunalpolitischen Themen andererseits liegen. Neu ist das allerdings für die bestehenden Parteien auch nicht.

Das Potenzial für eine neue liberale Kraft, wie die der „Freien Wähler“, liegt „auf der Straße“:

1.     Nach dem Mitgliederentscheid suchen viele FDP-Mitgliederbei eine neue liberale Heimat.

2.     In der CDU/CSU formiert sich Widerstand gegen die Beliebigkeit und die Sozialdemokratisierung der Parteiführung.

3.     Irgendwann werden auch die Stammwähler der SPD nicht mehr mit Begeisterung akzeptieren, dass ihre eigene materielle Zukunft durch eine Euro-Politik auf Pump bedroht wird.

4.     Die Unzufriedenheit mit der Einheitseuropolitik ist im nicht parteipolitisch engagierten Teil der Bevölkerung besonders groß.

Das größte Potenzial liegt in der größten Partei Deutschlands, der Partei der frustrierten, enttäuschten, politik- und parteiverdrossenen Nichtwähler. Wären die „Freien Wähler“ in der Lage, diese wieder in den politischen Entscheidungsprozess einzugliedern, würden sie nicht nur der liberalen Idee sondern unserer Demokratie insgesamt einen großen Dienst erweisen.

Beitrag erschien zuerst auf handelsblatt.com



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Kommentare (9)




 
  Kommentare (9)

ahgee, 23.12.2011 23:42
Die freien Wähler sind seit ihrem Erfolg in Bayern in keinem Bundesland mehr erfolgreich gewesen. In Berlin sind sie auf Landesebene gar nicht angetreten.
Die Etablierung einer Bundespartei ist ein Top-down-Prozess; die Kraft kommunalpolitich erfahrener Bürger ist da leider nicht tragfähig. Ohne eine Ostermann, einen Schäffler, einen Merz, einen Gauweiler und diverse abgesprungene Mißfelders geht das überhaupt nicht. Denn nur mit denen kommt man in die Glotze.
Die FW lehnen Großspenden (von der Industrie) ab. Das ist naiv; für einen Bundetagswahlkampf braucht man 3 Mio. aufwärts, besser 10 Mio. Denn eine liberale Partei kann nicht mit Unterstützung der Qualitätspresse rechnen. Die ist ein Projekt zweier ehemaliger WG-Genossinnen: die eine hat im sozialindustriellen Komplex ihr Brot gefunden, die andere tippt alles in die Nazi-Ecke, was den Transferleistungsempfängern und ihren Betreuerinnen die Fleichtöpfe reduzieren würde, weil ja auch immer Migranten betroffen wären. Dafür wird der Anti-Nazismus hemmungslos instrumentalisiert, und niemand schreit auf: Man muss sich das vorstellen: 6 Mio. ermordete Juden werden über den Tod hinaus missbraucht, damit die Gabi weiter Migrantinnen und Arbeitslose betreuen darf, deren Situation sich bloß nicht verbessern darf.
Dagegen anzukommunizieren muss komplett eigenständig erfolgen und frei finanziert sein und mit Sprachkünstlerin erfolgen, die man nur für Mio-Honorar von den "Agenturen zum blöckenden Schaf" bekommt. Mit nix auf der Naht ist das nicht zu machen.
Im übrigen beantworten auch die FW nicht die Grundfrage: "Warum soll eine Nation gerettet werden, die sich ohnehin selbst abschafft?". Dass der Liberalismus wegen seines grundsätzlichen Verzichts auf "Überpositives" jeden Schmarrn mitmacht und ist er noch so schädlich für die Nation, ist grundsätzlich nicht zu ändern. "Die Freiheit", die ja tatsächlich nicht rechts ist, sondern den Hedonismus der sich selbst Abschaffenden aktiv verteidigen will, hat Herrn Henkel doch angeschmachtet? Wenn ihm das komisch vorkam, dann kann es doch nicht so schwer sein zu begreifen, dass die einzige tatsächliche politische Marktlücke eine konservative Position ist: konservativ im Sinne von: wir machen im Grunde nur Staat, um der Nation eine Zukunft zu geben und nicht, um den Individualismus zu füttern; und das fängt bei der Biologie an. Die Deutschen: 10.000 Pornos im Kleiderschrank, aber Kinderkriegen ist ein Tabuthema.
Vergessen wir auch alle, die glauben, die Nichtwähler könnte man aktivieren. Wenn das ginge, würden es CDU und SPD mit 1 Mio. Mitgliedern und etlichen Mio. auf dem Konto längst getan haben - im Verbund mit den Gewerkschaften.
Die Deutschen sagen längst: nach mir die Sintflut. Es ist ein moralischer Zerfall, der gewollt ist; dieser Zerfall ist tatsächlich die amoralische Mehrheit. Alles weitere sind Illusionen. Die Krise des Linkskollektivismus eruptiert erst noch mit den Piraten. Wenn eine türkische "Minoritätenparei" in den Bundestag kommt, wird das Aufwachen erfolgen. Liberale werden damit dann nichts zu tun haben. Hoffen wir nur eines: die NPD oder wie auch immer ihre Nachfolgeorganisation heißen wird, auch nicht.


Klaus Ermecke, 23.12.2011 18:45
Wenn ich es in den letzten Jahren richtig verfolgt habe (man mag mich korrigieren), waren die "Freien Wähler" in Bayern gegen jedes größere Infrastrukturprojekt, vom Transrapid über den Münchner Autobahn-Südring bis zum Ausbau des Münchner Flughafens. Kernenergie? Nein danke, dafür Windmühlen als "Jobmotor der Zukunft". Und -ja natürlich - "Klimaschutz"!

Die "Freien Wähler" sind eine weitere opportunistische grüne Partei. Prof. Henkel war schlecht beraten, sich dieser Gruppierung zu anzuschließen - sie vertritt auf keinen Fall die Ideale, die ich bisher dem ex-BDI-Chef zugeschrieben hatte.

.


Karin Weber, 20.12.2011 22:08
Deutschland brauch einen generellen politischen Neuanfang! Das Land ist versunken in einem ätzenden Parteiensumpf. Politiker haben schon Jahre kein Interesse mehr an der Umsetzung des Wählerauftrages, weswegen man auch alle von denen rückstandslos nach Hause schicken muss. Das muss nur schnell gehen, denn sonst verlieren die letzen Bürger die Lust zum Wählen. Der Ruf von Politikern zieht doch gleichgesinnte Leute, die sich 4 Jahre bloss die Taschen vollhauen wollen, magisch an. Das verstärkt zum einen den Effekt der Wahlmüdigkeit, aber es führt auch zu einer Abschreckung für Menschen, die es echt ehrlich meinen würden und sich Gedanken über die Zukunft unseres Landes machen. Was tun wenn es keine Wahlalternativen und Wähler mehr gibt? Wir werden es bald erleben!

Wer Zivilcourage und Charakter hat, der verlässt diese Parteien und sucht sich eine neue politische Heimat.


Elmar Oberdörffer, 20.12.2011 15:43
Korrektur: Der Link zur Partei der Vernunft heißt www.parteidervernunft.de

Erich Hein, 20.12.2011 13:24
Was in den Programmen steht, ist insoweit irrelevant, weil wir auf den Staatsbankrott zu maschieren. Geld gibt es also ohnehin nicht mehr. Da kann im Programm stehen, was will.

Klimax, 19.12.2011 21:39
@Hein: "Sozialismus steht in allen Programmen. Das ist egal."

Mir nicht.


punctum, 19.12.2011 15:13
Ein deutliches Bekenntnis zu einem türkei-freien Europa wäre der sichere Durchmarsch in den Bundestag. Die Ablehnung eines EU-Beitrittes der Türkei nähert sich in D der 90%-Marke! Immerhin hat sich Henkel schon sehr deutlich in dieser Frage profiliert! Das lässt hoffen!

Eric Hein, 19.12.2011 14:41
Der Unterschied zwischen den Freien Wählern und der Partei der Vernunft ist, dass die Freien Wähler schon eine Infrastruktur haben, schon in einem Landtag vertreten ist, und erfahrene Kommunalpolitiker aufweisen können. Sozialismus steht in allen Programmen. Das ist egal. Wenn sich die FW als Antirettungsschirmpartei positionieren mit Henkel an der Spitze, dann kann es etwas werden.

Elmar Oberdörffer, 19.12.2011 12:40
Schön und gut, Herr Henkel, aber meiner Erfahrung nach haben sich die Freien Wähler ihren Namen gegebne, weil sie frei und unabhängig von den bestehenden Parteien sein wollen, aber nicht, weil sie dezidiert liberal wären. Sozialistische Gedanken werden auch bei den Freien Wählern gehegt. Eine wirkliche Heimat könnten enttäuschte Liberale bei der Partei der Vernunft finden. Diese noch kleine Partei will wachsen, neue Mitglieder sind willkommen. Näheres auf www.pdv.de.


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