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27.05.2012
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     Vera Lengsfeld
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Schöner urlauben in der DDR
Weitere Themen: DDR-Unrecht, Allgemein, Bildung

Es war nicht alles schlecht in der DDR, lautet das Mantra der ewiggestrigen Liebhaber der von Günther Grass so genannten „kommoden Diktatur“. Schließlich gab es Arbeit für alle, Kinderkrippen, fast kostenlose Schulspeisung, subventionierte Kinokarten, billige Mieten und preiswerten Urlaub.
Klingt zu schön, um wahr zu sein. War es auch nicht. Wer heute den DDR-Alltag als Argument dafür ins Feld führt, dass die kleinere deutsche Republik so schlimm nicht gewesen sein kann, ist nur erfolgreich, so lange die Kehrseite dieses Alltags nicht ausreichend untersucht ist.
Thomas Schaufuß hat sich dankenswerterweise daran gemacht, den Mythos vom billigen Urlaub für alle zu enttarnen. Heraus kam eine höchst informative, fundierte Studie über den Sozialurlaub von FDGBs Gnaden.
Schaufuß ist mit einer wissenschaftlichen Gründlichkeit vorgegangen, von der Freiherr zu Guttenberg und andere Kopiermeister jede Menge lernen könnten. Der Käufer kann sicher sein, dass er kein Buch erwirbt, in dem steht, was man auch an anderer Stelle nachlesen kann. Im Gegenteil: man erfährt jede Menge Neues und hat am Ende viel gelernt.
Zum Beispiel über die historische Entwicklung des Sozialtourismus, der von der DDR mit ihrem FDGB-Feriendienst perfektioniert wurde. Man erfährt, aus welchen Quellen sich der Sozialtourismus speist. Von den Anfängen der Weimarer Republik, den Einflüssen des sowjetischen Kur-, und Erholungswesens, aber vor allem über das unausgesprochene Vorbild, die Kraft- durch- Freude- Ferien im Dritten Reich.

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En passant korrigiert der Autor das Bild von der DDR als ein Staat, der, im Gegensatz zur BRD, mit dem Dritten Reich vollkommen gebrochen hätte. Man muss nicht auf NVA-Aufmärsche, Staatssicherheit und wehende Fahnen verweisen. Mit dem FDGB-Feriendienst wurde ein Konzept der Nazis bis ins Detail übernommen und perfektioniert. Die Kraft- durch- Freude- Schiffe der DDR hießen „Völkerfreundschaft“, „Fritz Heckert“ und „Aurora“ und liefen zu Beginn sogar westliche Häfen an, damit die sozialistischen Kreuzfahrer die Überlegenheit ihres Gesellschaftssystems in kapitalistischen Städten demonstrieren konnten. Darauf musste bald verzichtet werden, weil sich bei diesen Landgängen die Besatzung regelmäßig stark verringerte.
Wer einen Ferienplatz bekam, erhielt ihn preiswert, aber nicht umsonst. Am ersten Urlaubstag musste man sich politische Reden anhören, bevor touristische Informationen gegeben wurden.
Natürlich war die Stasi immer dabei. Auch in der schönsten Zeit des Jahres mussten Informationen gesammelt werden. In entspannter Atmosphäre an der Hotelbar konnten die Genossen vom „Schild und Schwert der Partei“ Dinge erfahren, die ihnen sonst kaum zu Gehör kamen.
Die Ferienanlagen dienten auch dazu , den Frust der Werktätigen über die Versorgungslage des Landes abzubauen. Die Buffets waren gefüllt mit Obst und Südfrüchten, die sonst schwer zu bekommen waren. Man konnte die tägliche Einkaufsjagd mal für zwei Wochen vergessen und sich wie im Paradies fühlen.
Schaufuß untersucht auch, warum die DDR-Bürger trotz aller Schwierigkeiten reiselustig wie ihre westdeutschen Verwandten waren. Natürlich innerhalb der wohlbekannten Grenzen.
Wer keinen FDGB- Ferienscheck bekam , weil er nicht zum bevorzugten Kreis gehörte, oder als Akademiker höchstens in der Nebensaison berücksichtigt wurde, machte sich in eigener Regie auf den Weg.
Die Machthaber sahen diesen Individualtourismus nicht gern, weil es an Kontrollmöglichkeiten fehlte. Weil die staatlichen Kapazitäten nicht ausreichten, private Anbieter auf dem Ferienmarkt selten waren, musste der Camping-Tourismus ausgebaut werden.
Auf dem FKK-Campingplatz an der Ostsee demonstrierte der DDR-Bürger seine Unabhängigkeit. Hier musste selbst die Stasi die Hosen fallen lassen, wenn sie dabei sein wollte. Als die Anmeldezeit für Campingplätze immer länger wurde, erfanden besonders Gewitzte das Zelt auf dem Trabbidach.
Damit war die vollkommene Mobilität erreicht. Und wäre die DDR nicht untergegangen, gäbe es sie noch heute.
Wer jetzt Lust bekommen hat, mehr über den Urlaub im Drei-Buchstaben-Land zu erfahren, greife zu : Thomas Schaufuß, „Die politische Rolle des FDGB- Feriendienstes in der DDR“. Verlag Duncker und Humboldt, Berlin.

Beitrag erschien zuerst auf achgut.com



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Kommentare (4)




 
  Kommentare (4)

Thomas Rießler, 20.12.2011 22:33
Dies klingt sehr authentisch nach ostdeutschem Schnüffelstaat. Vor allem für jüngere Leute, die keinen persönlichen Bezug zu diesem Teil deutscher Geschichte haben, scheint mir eine solche Lektüre lohnend zu sein.

Noah, 20.12.2011 08:44
@Ebenherz
Vollkommen richtig! Denn es ist egal ob die Faschisten in braunen, roten oder grünen Tönen lackiert auftreten. Genauer betrachtet gleichen sie sich in erschreckender Weise.
Die Bezeichnung "Spinner" ist eigentlich noch viel zu harmlos.


Freigeist, 17.12.2011 16:57
Das Buch kostet 38 Euro. Für derlei Einsichten etwas zu hoher Preis.

Ebenherz, 15.12.2011 13:29
Selbstverständlich, hatte die DDR nur theoretisch vollständig mit dem Nationalsozialismus gebrochen.
Reichsbahn, Uniformen + Stahlhelm 1:1.

Die naheliegende Frage wäre: War im Dritten Reich alles schlecht?
Blöde Frage,- natürlich nicht.

KdF, warum nicht? Volkswagen, Autobahn, Sozialversicherung, Olympisches Feuer, ja bitte.
Wenn man die Dinge an Hand der Zeit beurteilen will, in der sie erfunden wurden, kommt man sowieso nicht weit.

Die Frage ist, hat man mit den Dingen gebrochen, welche eindeutig in die Katastrophe geführt haben.

Das Streben nach dem 'Neuen Menschen' war dem DDR Sozialismus so eigen wie dem Nationalsozialismus.

Und auch heute sind derlei Gedanken wieder am Aufleben.
Glückverheissendes Verzichten zum 'Schutze des Klimas', Irrlehren von der Gleichheit der Geschlechter in allen Facetten. Die Spinner werden nie aussterben.
Schlimm wird es immer, wenn sie in die Gelegenheit kommen, die Menschheit zu 'deren Glück' zwingen zu können.



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