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27.05.2012
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     Stefan Fuchs
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Geld und Genuß oder Glück und Sinn: Was Kinder (nicht) bringen
Weitere Themen: Familie

Schon vor Jahrzehnten erkannte der Starökonom Paul Samuelson: Der „homo oeconomicus" zeugt keine Kinder. Monetär betrachtet ist es einfach irrational Kinder zu bekommen: Allein die Ausgaben für ihren Grundbedarf erreichen über die Jahre Hundertausende Euro; der eigentliche materielle Verzicht ist damit aber noch gar nicht beziffert: Sofern Eltern ihre Kinder eigenhändig betreuen, verzichten sie auf Erwerbseinkommen; wenn sie ihre Kinder in die Obhut Dritter geben, zahlen sie oft hohe Beiträge. Die Gesamtkosten von Kindern sind umso höher, je länger diese wirtschaftlich unselbständig bleiben. Mit den verlängerten Ausbildungszeiten sind Kinder deshalb in den letzten Jahrzehnten immer teurer geworden: Eltern zahlen für die gestiegenen Qualifikationsansprüche der Wirtschaft einen hohen Preis (1). Zwar beteiligt sich über Leistungen wie das Kindergeld oder Ausbildungsbeihilfen auch die Allgemeinheit an den Kosten der Kindererziehung. Diese Zuschüsse decken aber nur einen kleineren Teil der Kinderkosten ab; anders als Medienberichte zu den vermeintlich üppigen „Subventionen" für Familien mitunter suggerieren, bleiben Kinder für ihre Eltern fiskalisch betrachtet immer ein Verlustgeschäft (2).

In (post)modernen Gesellschaften ist das Geld, wenn nicht das „Maß aller Dinge", so doch zumindest ein zentraler Erfolgsmaßstab. Warum Menschen heute auf Kinder verzichten ist deshalb „rational" leicht nachvollziehbar und braucht eigentlich gar nicht erklärt zu werden (3). Viel interessanter ist die Frage, warum sich immer noch so viele Menschen für Kinder entscheiden. Ihre Beweggründe sind vor allem emotionaler Natur: Sie haben Freude daran, Kinder aufwachsen zu sehen. Sie sehen in ihnen Glück und Lebenssinn. Eltern unterscheiden sich in dieser Hinsicht grundlegend von bewusst und gewollt Kinderlosen: Letztere stimmen Elternschaft bejahenden Statements wie „ohne Kinder kann man nicht glücklich sein" oder Kinder geben einem das Gefühl, „wirklich gebraucht zu werden" viel seltener zu. Wesentlich häufiger befürchten sie, wegen eines Kindes ihr Leben nicht mehr „wie bisher genießen" zu können (4). Warum betrachten manche Menschen Elternschaft als Hindernis ihrer Selbstverwirklichung, andere dagegen als ihre Lebenserfüllung?

Erhellend sind in dieser Hinsicht Erkenntnisse zu kinderreichen Eltern: Im Gegensatz zu früheren Zeiten sind Eltern mit drei und mehr Kindern heute eine relativ kleine Minderheit (5). Ökonomisch sind sie klar im Nachteil: Mit wachsender Kinderzahl verzichten Mütter immer häufiger auf Erwerbseinkommen, gleichzeitig wachsen die Kosten für Kinder und das pro Kopf verfügbare Einkommen sinkt deutlich. Beschränken müssen sich kinderreiche Eltern besonders in ihrer Freizeit: Sie können sich seltener Urlaubsreisen leisten und gehen seltener „auswärts" essen (6). „Modern" und „schick" ist ein solcher häuslicher Lebensstil sicher nicht: In der Medien- und Werbewelt dominieren konsumfreudige Paare und Singles, die ein aufregendes Berufsleben haben und sich in ihrer Freizeit in Restaurants, Diskotheken oder auf Reisen vergnügen. Abwechslungsreich ist meist auch das Beziehungsleben der (realen oder auch fiktiven) „Helden" der Medien: Krisen, Trennungen und Partnerwechsel sind die Regel, langjährige Verheiratete dagegen Raritäten.

Aus der Warte dieser Trendsetter erscheinen die Lebensformen kinderreicher Eltern „spießig": Mehr als 80% leben verheiratet zusammen; die allermeisten von ihnen in erster Ehe (7). Grundlage ihres Familienlebens ist nicht die postmoderne „sukzessive Polygamie", sondern eine auf Lebenszeit angelegte monogame Paarbeziehung. Ihre Lebenserfüllung sehen sie nicht darin wechselnde Partner und Lebensstile auszuprobieren, sondern sich langfristig zu binden (8). In einer auf Komfort und Flexibilität geeichten Multi-Optionsgesellschaft erscheinen kinderreiche Familien als Antiquität. Was motiviert Menschen sich für einen solch unmodernen Lebensentwurf zu entscheiden? Eine oft unterschätzte Rolle spielt die Weltanschauung: Den meisten kinderreichen Eltern ist der Glaube an Gott wichtig, sie unterscheiden sich darin markant vom „Durchschnitt" der säkularen Gesellschaft (9). Mit Religiosität einher geht aber nachweislich eine größere Bereitschaft, auf eigenen Komfort zu verzichten, sich für das Wohlergehen anderer einzusetzen und sich in einer Ehe endgültig zu binden (10). Schwindet der religiöse Lebenshorizont, gewinnen materielle Geldinteressen und kurzlebige Moden an Macht - zum Schaden des Familienlebens und der Gesellschaft.

(1) Zu den Kosten heranwachsender Kinder: http://www.i-daf.org/234-0-Woche-42-2009.html.

(2) Detailliert zu den Kosten von Kindern: http://www.i-daf.org/174-0-Woche-22-2009.html. Ein besonders krasses Beispiel für die zum Teil unseriöse Medienberichterstattung zur Familienförderung lieferte am 2. Dezember 2011 das Handelsblatt: Als „neue Variante der staatlichen Unterstützung" für Eltern verwies es auf das gar nicht mehr existierende Erziehungsgeld, das die Bundesregierung 2007 zugunsten des Elterngeldes abgeschafft hatte.

(3) Unverändert zutreffend und deshalb immer noch lesenswert ist in dieser Hinsicht die Analyse Joseph A. Schumpeters zur Krise der „bürgerlichen Familie": http://www.i-daf.org/69-0-Woche-31-2008.html.

(4) Vgl.: Jürgen Dorbritz: Kinderlosigkeit in Deutschland und Europa - Daten, Trends, und Einstellungen, S. 359-407, in: Zeitschrift für Bevölkerungswissenschaft 4-2005, S. 390-392 (Datenquelle:  Population Policy Acceptance Study 2003).

(5) Zum Rückgang kinderreicher Familien in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts: Karl Schwarz: Rückblick auf eine demographische Revolution. Überleben und Sterben, Kinderzahl, Verheiratung, Haushalte und Familien, Bildungsstand und Erwerbstätigkeit in Deutschland im 20. Jahrhundert, in: Zeitschrift für Bevölkerungswissenschaft, Heft 3/1999, Wiesbaden 1999, S. 229-279, S. 242.

(6) Zur materiellen Lebenssituation von Mehrkinderfamilien: Barbara Keddi et al.: Der Alltag von Mehrkinderfamilien - Ressourcen und Bedarfe, München 2010, S. 31-32. Zum Lebensstil kinderreicher Eltern: Stefan Fuchs: Mehrkinderfamilien in Deutschland - Ziele des Bundesfamilienministeriums und Erkenntnisse der empirischen Sozialforschung (2), http://www.erziehungstrends.de/Mehrkinderfamilien/ Bundesfamilienministerium/Sozialforschung/2.

(7) Vgl. ebenda. Zur Bedeutung der Partnerschaftsstabilität ferner: Barbara Keddi et al.: Der Alltag von Mehrkinderfamilien, a.a.O., S. 81.

(8) Anschaulich zum Lebensstil kinderreicher Eltern: Dorothea Siems: Die Großfamilie stirbt in Deutschland aus: http://www.welt.de/politik/article1711885/Die_Grossfamilie_stirbt_in_Deutschland_aus.html.

(9) Siehe: „Religiosität von Müttern nach Kinderzahl" (Abbildung unten).

(10) Zum Verhältnis von Religiosität und familiären Lebensformen: http://www.i-daf.org/85-0-Woche-39-2008.html, sowie: „Zu hohe Kosten als Grund gegen Kinder?" (Abbildung unten). Zur Rolle der Religiosität bzw. der Kirchenbindung für soziales Engagement: http://www.i-daf.org/170-0-Woche-20-2009.html.




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Kommentare (6)




 
  Kommentare (6)

Kindersachenbasare deutschlandweit, 30.12.2011 17:59
Mir ist nicht ganz klar, warum der Mann bei einer Scheidung stets der Dumme sein soll. Ist die Frau es doch, die in der Regel Abstriche in Ausbildung und beruflicher Karriere macht. Sie ist dann nach der Scheidung auch meistens für die Kinder verantwortlich.

Wer Kinder in die Welt setzt, hat Verantwortung, das gilt für verheiratete Elternpaare ebenso wie für getrenntlebende oder geschiedene. Die Belastung durch die Kinder bleibt auch mit der Scheidung nicht aus und muss von beiden Teilen getragen werden. Nur ist Mann immer öfter nicht bereit dazu. Verantwortung für die Kinder nur so lange, wie die Familienidylle heil ist.

Wohl der Frau, der ein solcher Lebensabschnittsgefährte erspart bleibt.


Hans von Atzigen, 22.12.2011 21:11
Grundsäzlich kann die Wirtschaftliche verbesserung der Materiellen Situation sowohl der Kinder als auch der Rentnergeneration nur mit einer steigerung der Produktivität in der Produktiven Lebensphase eines Menschenlebens erreicht werden.
Aktuell ist ein Durchschnitsmensch(entwikelten Nationen) rund die hälfte seines Lebens in den Produktionsprozess eingebunden.Das heist in dieser Phase muss er das erwirtschaften welches er auch für die Zweite Hälfte benötigt.
Das ist a.)Heranwachsen und Ausbildung.
b.)Das Rentnerdasein.
Dazwischen liegt die Produktionsphase.
Global gesehen ist, und das ist das grosse Problem ,das eben diese Produktife Phase mangels Möglichkeiten für die grosse Mehrheit der Weltbevölkerung oberlausig ist.
Ein entscheidender Grund ,ist die innzwischen verheerende Globale Übervölkerung des Planeten.
Die Vorderung nach einer weiteren erhöhung der Reproduktion ist der beste Weg in den Abgrund.
Der Sache kann man nur gerecht werden wenn alle Faktoren umfassend einbezieht.
Und eben da haben halt die meisten Menschen ihre liebe Mühe.
Es gibt 2 Wege.
1.Sich umfassend in die Problematik hineinkniehen und die Grauen Zellen in schwung bringen.
2.Schöngeistig drauflosschwadronieren und sich hinterher über das Endergebniss wundern und hinterher zetter mordio drauflosheulen und hilfe vom Himmel oder aus der Hölle herbeiheulen.
Der Himmel und der liebe Gott wirds nicht bringen.
Das Endergebniss des kurzsichtigen schwadronierens jedoch ist vorhersehbar es heisst unabänderlich Hölle.
Und das kans für humanistisch denkende und fühlende Menschen nicht sein.


Michael Bloch, 18.12.2011 19:50
Kinder sind nicht nur menschlich eine Bereicherung, sondern auch fiskalisch. Letzteres aber nicht sofort, sondern im Alter, wenn sie die Renten der Elterngeneration verdienen und diese versorgen und pflegen. Wer versorgt die ganzen "Alten" mit Nahrung, Kleidung, Energie, Strom, Medizin und hält die Infrastruktur aufrecht, wenn nicht die Kinder?
Allein schon aus diesen Gründen, die man mit "Generationenvertrag" umschreiben könnte, sind Kinder auch wirtschaftlich unverzichtbar.
Das Problem in unserer Gesellschaft ist nur, dass die Renten nach Erwerbstätigkeit und nicht nach Kindererziehung berechnet werden. Sprich wer wenig oder keine Erziehungsleistung erbracht hat, bekommt die höchsten Renten und umgekehrt. Dieses paradoxe Rentensystem verschleiert den Blick für den Generationenvertrag!
Damit ist es wie in einem Industriebetrieb: nur wenn ein Großteil der Arbeitskraft und des Gewinns in die Entwicklung zukünftiger Anlagen investiert wird, kann die Firma langfristig überleben. Und die Menschheit kann nur überleben, wenn sie einen Großteil ihrer Arbeitskraft und ihres Einkommens in die Erziehung des Nachwuchses steckt. Die klassische Familie tat dies, indem sich die Frau ausschließlich um die Erziehung des Nachwuchses kümmerte - deshalb haben solche Gesellschaften auch ausreichend Nachwuchs und sind im Alter bestens versorgt. Die heutigen Rentner haben ihren Wohlstand vor allem ihren Hausfrauen zu verdanken, die ausreichend Kinder erzogen, die nunmehr deren Renten verdienen.
Das muss man sich immer wieder klar machen.
Die heutige berufstätige Frau dagegen wird im Alter verarmen, weil sie nicht genügend Kinder erzogen hat, die später für sie eine Rente erwirtschaften können.


Freigeist, 14.12.2011 16:57
Den "homo oeconomicus" gib es nur in den Köpfen der Ökonomen. Wäre der "homo oeconomicus" der Normalzustand, würde die Aufzuchtbürde, die Kinder darstellen, nicht übernommen. Ich sehe die Aufzuchtbürde eher bei den Frauen als bei den Männern.

Klimax, 14.12.2011 10:47
Warum Menschen heute auf Kinder verzichten ist rational in der Tat leicht nachvollziebar. Indes ist der Grund keine kaufmännische Kalkulation, sondern die Tatsache, daß viel zu viele Ehen geschieden werden. Wer das im Hinterkopf hat und auch noch Mann ist, also derjenige, der in bezug auf Kinder bei Scheidungen fast immer der Dumme ist, der wird sich hüten Nachwuchs zu zeugen.

Eine Kosten-Nutzen-Rechnung stellt er nicht an, aber er überschlägt die Wahrscheinlichkeit für eine gelebte Vater-Kind-Beziehung.


Yussuf K., 13.12.2011 09:02
Kinder sind fiskalisch sicher ein Verlustgeschäft, aber menschlich auf jeden Fall eine BEREICHERUNG! Kinder zu haben, ist etwas sehr tolles und schönes. Leider sorgt der Staat dafür, dass ein Teil der Bevölkerung nur die fiskalische Belastung tragen darf. Väter werden massiv vom Rechtsstaat aus ihrer biologischen und sozialen Rolle und Verantwortung gedrängt und zum OnlyZahlschwein verdammt. Dagegen wehren sich immer mehr Väter! Macht mit: www.vaeterentsorgung.de.vu ! Kinder haben Mutter UND Vater!


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