Neulich unternahm ich einen Stadtbummel. Vor einem Geschäft mit weihnachtlicher Dekoware blieb ich stehen. Die Auslage war hübsch geschmückt mit weihnachtlichen Motiven. Neben Kitsch und Kram warteten auch geschmackvolle Gegenstände auf Käufer: Kerzenständer, Leuchtsterne, Vasen, Nußknacker, Kristallkelche, Glaskugeln, Nikoläuse, Engelfiguren, Spieluhren und vieles mehr.
Zwischen rotem Nikolaus und hellblauem Engel war eine lebensgroße Taube ausgestellt. Wow, dachte ich, sieht die schön aus! So echt! Was die wohl kostet? In diesem Moment zwinkerte das linke Taubenauge, ruckelte der Taubenkopf. Unwillkürlich ruckelte auch ich mit meinem Kopf, denn eine Taube, die nicht nur lebendig aussieht, sondern dank eines elektronischen Mechanismus täuschend echte Minibewegungen ausführen kann, ist eine Sensation!
Ich stand und starrte. Die Taube starrte auch. Plötzlich drehte sie ihren Kopf um 90 Grad und äugte hinter sich. Gleichzeitig ließ sie einen Klecks in den weißen Kunstschnee fallen, genau zwischen Engel und Nikolaus. Das schien mir eindeutig zu viel an Elektronik und verdächtig. Ich eilte um die Ecke herum in den Laden hinein. „Ist das in Ihrer Auslage eine echte Taube?“
Eine Verkäuferin stand hinter der Ladentheke und kassierte gerade. Eine weitere stand neben der Theke. Ihr Gesicht zeigte ein amüsiertes und zugleich hilfloses Grinsen. Sie nickte. „Die ist einfach reinspaziert und hat sich dann in die Auslage gesetzt.“
Es klirrte. Ich schaute über die schmale Brüstung in die Auslage hinein. Der Kristallkelch war gegen den Nußknacker gefallen und dieser hatte einen der Engel zu Fall gebracht. Es gab jetzt noch einige zusätzliche Kleckse im Dekoschnee.
„Und jetzt? Das Tier muß doch raus!“
„Wir haben bereits den Chef angerufen“, sagte die eine. Es klang gereizt. Wahrscheinlich war ich nicht die erste Passantin, die mit solchen Vorschlägen hereingeschneit kam. Die zweite Verkäuferin zuckte dümmlich lächelnd die Schultern.
Draußen schaute ich noch einmal in die Auslage. Die Taube hatte inzwischen auch einen zweiten Engel K.-o. geschlagen. Sollte der herbeigerufene Chef eine weite Anreise haben oder im Feierabendverkehr steckenbleiben, mag man sich ausmalen, welch trübes Ende den übrigen Gegenständen in der Auslage blühte. Während ich nach Hause ging, sah ich immerzu die Taube vor mir, wie sie den Kopf um 90 Grad verdreht.
Eine Schnurre aus der Vorweihnachtszeit? Aber zugleich eine Begebenheit, über die nachzudenken lohnt. Wenn man es mit etwas Unvorhergesehenem, Nichtalltäglichem zu tun hat, stehen keine eingeübten Strategien und bewährten Handlungsmuster zur Verfügung. Und wie steht es mit dem Einsatz des gesunden Hausverstands? Wo ist er denn geblieben? Im tiefen Dekoschnee versunken? Unter die Ladentheke gefallen? Situationsbezogene Klugheit und Beherztheit werden an der Schule nicht unterrichtet. Lebenspraktische Bildung und Mut zum Handeln muß sich jeder selbst aneignen. Im akuten Problemfall auf den persönlich anreisenden Chef und seine Befehle zu warten, ist ein Zeichen beklemmender Phantasie- und Hilflosigkeit. Statt müde grinsend zuzuschauen, wie ein Gegenstand nach dem anderen umfällt, zerbricht und beschmutzt wird, hätte eine der beiden Damen unerschrocken eingreifen können. Lieber ein Ende mit Schaden, als Schaden ohne Ende. Ein geeignetes Stofftuch, um den Vogel damit zu fangen, wäre sicher aufzutreiben gewesen. Aber wer weiß, vielleicht hat auch der Chef aus schierer Ratlosigkeit nichts anderes gewußt, als die Feuerwehr zu rufen. Ich weiß es nicht. Wie die Sache ausging, ist mir nicht bekannt.