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27.05.2012
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Versinkt Europa im Schuldensumpf? Ein Ranking der fiskalischen Sünder
Weitere Themen: Finanzkrisen, Wirtschaftspolitik

“Als es Europa noch besser ging, war der Papst italienisch und der Notenbanker deutsch.” (Dieter Spethmann)

Das Endspiel um den Euro hat begonnen. Über sein Schicksal wird in den nächsten Wochen entschieden. Das Problem sind die staatlichen Schuldenberge. Überall wurden sie über Jahrzehnte aufgehäuft. Gelingt es der Politik nicht, einen glaubwürdigen Plan zum Abbau vorzulegen, wird Europa unter den Schulden begraben. Dann werden Staaten und Banken wie Dominosteine fallen. Das griechische Schicksal der Pleite droht allen. Noch ist Deutschland der Fels in der Brandung. Das kann sich aber schnell ändern, wie die angedrohte niedrigere Bewertung des gesamten Euro-Raums von Standard & Poor’s zeigt. Die fiskalische Lage der Länder der EWU ist heterogen. Ein Ranking gibt einen ersten Überblick über kurz- und langfristige fiskalische Nöte.

 

Die Vorgehensweise

Auf den ersten Blick behandeln Kapitalmärkte die Länder recht unterschiedlich. Ein Land wie Italien, das viele für illiquid nicht aber für insolvent halten, zahlt bisweilen höhere Zinsen als Spanien, von dessen Pleite eine Vielzahl von Ökonomen überzeugt ist. Noch unverständlicher wird vielen das Verhalten der Märkte, wenn die USA, UK oder Japan betrachtet werden. Japan ist weit höher verschuldet als Griechenland. Dennoch kann sich der Staat immer noch zu günstigen Zinsen verschulden. Das gilt auch für die USA und Großbritannien. Offensichtlich gibt es aber neben staatlichen Defiziten und Schuldenständen noch andere Faktoren, die über die Tragfähigkeit von Staatsschulden entscheiden.

Der Internationale Währungsfonds listet in seinem Fiscal Monitor eine Reihe von Indikatoren auf, die Auskunft über die fiskalische Lage der Länder geben. Wir werden uns im Wesentlichen an diesen Indikatoren orientieren, konnten allerdings mit dem Nettoauslandsvermögen und den kapazitätssteigernden staatlichen Investitionen zwei weitere wichtige Indikatoren staatlicher fiskalischer Solidität identifizieren. Der IWF unterscheidet generell zwischen kurzfristige und langfristige Indikatoren. In der heutigen Notfallsituation dominieren zwar kurzfristige Faktoren. Die Bewertung der Länder durch die Märkte hängt aber entscheidend auch von den langfristigen Faktoren ab, die Länder fiskalisch beeinflussen.

 

 

Die Vorgehensweise ist einfach. Wir ranken die Länder – EWU, UK, USA und Japan – danach, auf welchem Tabellenplatz sie bei den 21 Indikatoren stehen. Das beste Land erhält 10 Punkte, das schlechteste einen Punkt. Die Punkte für die dazwischen liegenden Länder werden mithilfe einer linearen Interpolation berechnet. Am Ende werden die  Punkte für die einzelnen Indikatoren aufsummiert. Kleine Länder, wie Estland, Malta, Luxemburg und Zypern, wurden wegen fehlender oder lückenhafter Daten nicht berücksichtigt. Eine Vereinfachung war bei den Gewichten der einzelnen Indikatoren notwendig. Da die tatsächlichen Gewichte noch nicht exakt empirisch ermittelt werden konnten,  werden in einem ersten Schritt die Indikatoren gleich gewichtet.

Das Ranking

Das Gesamtranking, in dem alle Indikatoren enthalten sind, zeigt in der Spitze das übliche Bild. Von den wirtschaftlich wichtigsten EWU-Ländern sind die mit einem Triple A vorn. Erstaunlich ist allerdings, dass der Wackelkandidat Italien und das Vorzeigeland Niederlande nicht weit auseinander liegen. Nach wie vor gilt: Italien ist anders als die PIGS. Auf den Abstiegsplätzen liegen Griechenland und Portugal. Irland kann sich davon absetzen. Die USA und Japan sind im europäischen Vergleich stark abstiegsgefährdet. Demgegenüber hält sich Großbritannien weiter in der europäischen Spitzengruppe. Von den wirtschaftlichen Schwergewichten ist nur Deutschland besser.

 

Das Gesamtranking verdeckt allerdings, dass kurz- und langfristige Indikatoren unterschiedliche fiskalische Entwicklungen anzeigen können. Auf den Märkten dominieren gegenwärtig kurzfristige Faktoren. Bei diesen sind Deutschland, Finnland und Österreich vorne. Mit Frankreich tanzt allerdings ein wichtiges Triple A-Land aus der Reihe. Es rangiert hinter Italien vor dem irischen Problemfall und den Abstiegskandidaten Portugal und Griechenland. Auch hier sehen Japan und die USA fiskalisch alt aus. Sie liegen noch hinter Italien und Spanien. Auch Großbritannien verliert an Boden, bleibt allerdings immer noch auf einem sicheren Platz im Mittelfeld.

 

Das Bild ändert sich jedoch, wenn langfristige Faktoren berücksichtigt werden. Vor allem Frankreich kann seine (demographischen) Vorteile ausspielen. Deutschland verliert als Fels in der fiskalischen Brandung an Boden. Die gescholtenen Länder Italien und Spanien halten sich im sicheren Mittelfeld. Auch Triple A-Länder, wie Österreich und die Niederlande, sehen nicht mehr gut aus. Ganz düster sieht es langfristig für die USA aus. Hält die politische Blockade an, wird sich das Problem weiter verschärfen. Sie liegen hinter Portugal und sind kaum besser als Griechenland. Auch Japan ist fiskalisch abstiegsgefährdet. Weiter gut hält sich das hochverschuldete Großbritannien in der Spitzengruppe.

 

Die Länderanalyse

Die Ergebnisse für die einzelnen Länder basieren nur auf den 21 fiskalischen Faktoren. Mit Frankreich, Deutschland und UK sollen  exemplarisch drei Länder im Detail betrachtet werden. Frankreich ist kurzfristig ein Instabilitätsfaktor. Das größte Manko sind die hohen Budgetdefizite und Finanzierungserfordernisse. Nicht viel besser steht es um die aktuellen und mittelfristigen Primärsalden. Auch bei der Schuldenquote reißt Frankreich keine Bäume aus. Längerfristig ist Frankreich allerdings eher ein Stabilitätsanker, liegt es doch bei den Ausgaben für Pensionen ganz vorne. Auch bei der Differenz zwischen Zinssatz und Produktivitätswachstum ist Frankreich in der Spitzengruppe.

Das wirtschaftlich stärkste Land der Europäischen Währungsunion ist Deutschland. Bei der Rettung der EWU kommt ihm eine strategische Rolle zu. Tatsächlich ist Deutschland fiskalisch stark. Die Stärken liegen in positiven Primärsalden, relativ geringen gesamtwirtschaftlichen Finanzierungssalden, einem hohen Nettoauslandsvermögen und einem noch relativ niedrigen Schuldenstand. Deutschland zeigt fiskalisch aber auch unübersehbare Schwächen. Die Staatspapiere haben eine relativ kurze Laufzeit, die langfristigen Lasten aus Pensionszahlungen sind überdurchschnittlich hoch, die Zinsen übersteigen in den nächsten Jahren das Wachstum der Produktivität.

 

Das Vereinigte Königreich steht fiskalisch besser da, als der Blick auf die aktuell hohen Staatsdefizite vermuten lässt. In der kurzen Frist wichtig sind die relativ langen Laufzeiten der Staatspapiere, der geringe Anteil der ausländischen Gläubiger und die relativ niedrigen Risikoaufschläge für britische Staatspapiere. Das Wachstum der Produktivität übersteigt den Zinssatz, der investive Anteil der staatlichen Verschuldung ist relativ hoch. Die fiskalischen Schwächen liegen vor allem in den aktuellen und prognostizierten hohen Primärdefiziten. Ernsthafte Schwierigkeiten können Großbritannien längerfristig hingegen aus den wachsenden Ausgaben im Gesundheitssektor erwachsen.

 

Fazit

Die reiche Welt steckt im staatlichen Schuldensumpf. Sie versinkt darin nur dann nicht, wenn sie endlich vom aktuellen Kurs abweicht. Alle staatlichen Aufgaben müssen auf den Prüfstand. Ein kleinerer und effizienterer Staat initiiert wirtschaftliches Wachstum und generiert staatliche Einnahmen. Dieser Weg ist aber noch wenig wahrscheinlich. Die Politik wird versuchen, weiter zu machen wie bisher. Finanzielle Löcher werden auch künftig mit Krediten gestopft. Über Eurobonds degeneriert Europa endgültig zur fiskalischen Haftungsunion. Standard & Poor’s liegt mit seinem Ausblick auf den Euro-Raum schon richtig. Wächst der Widerstand der Geber, wird die Politik die EZB nötigen, Staatsschulden in großem Stil zu monetisieren. Europa und die Welt werden auch inflationär auf den Hund kommen.

Literatur und Datenquellen

IMF (2011a): Fiscal Monitor. Adressing Fiscal Challenges to Reduce Economic Risks, World Economic and Financial Surveys, Sept. 2011, S.72-73.

IMF (2011b): Global Financial Stability Report. Graplling with Crisis Legacies, World Economic and Financial Surveys, Sept. 2011, S.8.

EUROSTAT (2011): Balance of payments statistics and International investment positions, Luxemburg.

GERKEN, L./ KULLAS, M. (2011): CEP-Default-Index. Zur Entwicklung der Kreditfähigkeit der Euro-Länder, cepStudie, Freiburg.

Beitragerschien zuerst auf wirtschaftlichefreiheit.de



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Kommentare (1)




 
  Kommentare (1)

Freigeist, 07.12.2011 23:50
Sie wissen doch schon seit Beginn der Krise, dass es nur über eine Geldschwemme der EZB zu machen ist.
Zwischenzeitlich müssen Regierungen Defizite abbauen. Das ist der Weg.



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