In den Kulturkämpfen der „Bewusstseinsindustrie” (Hans M. Enzensberger) sind Wörter die schärfsten Waffen: Ist einmal das richtige „Label” verpasst, verdrängt das ideologische Klischee immer mehr die Wirklichkeit. Beispielhaft dafür ist der Streit um die Kinderbetreuungspolitik: Zu große Gruppen, zu wenige und wechselnde Erzieherinnen und zu wenig Aufmerksamkeit für das einzelne Kind - die Alltagsprobleme in Kindertagesstätten sind vielen Eltern bekannt. Gleichzeitig belegen einschlägige Studien, dass nur bei hoher Betreuungsqualität eine (zeitlich begrenzte) außerfamiliäre Betreuung für Kleinkinder förderlich oder zumindest unschädlich sein kann. Dessen ungeachtet gilt der quantitative Ausbau der Kinderbetreuungsinfrastruktur im politisch-medialen Jargon als „Bildungsinvestition”, die den Lebenschancen der Kinder diene. Spiegelbildlich dazu ist die finanzielle Familienförderung in Verruf: Den Eltern gewährtes Bargeld würde von diesen lediglich für Flachbildschirme, Spirituosen und Zigaretten verschwendet, während ihre Kinder verwahrlosten. Die Polemik auf die Spitze trieb jüngst ein Bertelsmann-Funktionär: Ein Betreuungsgeld für Eltern, die ihre Kleinkinder zu Hause erziehen, denunzierte er als „Verdummungsprämie”.
Meist kommt die öffentliche Disqualifikation familiärer Erziehung weniger verbalradikal daher; sie artikuliert sich eher in gefälligen Begriffen wohlmeinender Fürsorge: Eltern sollen durch „soziale Dienste” von der „Alleinzuständigkeit” für ihre Kinder entlastet und Kinder durch Bildungsangebote gefördert werden. Um dies zu erreichen, müssten Kinder von klein auf „einen wesentlichen Teil des Tages in öffentlich organisierten und verantworteten Bildungs-, Betreuungs- und Erziehungseinrichtungen” verbringen. Familiäre Kinderbetreuung steht dieser Systemveränderung zur „Institutionenkindheit” im Weg; statt diese durch Geldleistungen zu unterstützen, müsse der Staat daher die Betreuungsinfrastruktur ausbauen - so lautet das Credo der Advokaten einer Entfamilisierung der Kindheit.
Befürworter elterlicher Wahlfreiheit hingegen sehen institutionelle Kinderbetreuung und finanzielle Hilfen nicht als Widerspruch, sondern als sich ergänzende Alternativen. Nach ihrer Ansicht sollten Eltern die Wahl haben zwischen einem Betreuungsplatz einerseits und einer Geldleistung für die Eigenbetreuung ihrer Kleinkinder andererseits. In anderen Ländern wie Frankreich oder Finnland ist das möglich. Die dort gezahlten Beträge (ca. 300 €) übersteigen dabei deutlich die Höhe des von der Bundesregierung geplanten Betreuungsgeldes (100 bis 150 €). Im Vergleich zu den öffentlichen Aufwendungen für einen Krippenplatz, der in Westdeutschland etwa 1200 € pro Monat kostet, sind das eher Taschengeldbeträge. Diese massive Begünstigung institutioneller Betreuung bleibt im politisch-medialen Diskurs meist ausgeblendet; dagegen wird das Ehegattensplitting, das Einverdienerfamilien begünstigt, als vermeintliche „Subvention” häuslicher Kinderbetreuung kritisiert.
Die Präferenzen in der Bevölkerung sehen anders aus: Häusliche Kinderbetreuung bevorzugen besonders kinderreiche Eltern; am Ausbau der Kinderbetreuungsinfrastruktur ist ihnen deshalb weniger gelegen als an Geldleistungen. Transfers wie das Kindergeld sind für diese Familien ein dringend benötigter Teil ihres meist knappen Budgets. Dessen weitaus größter Teil ist für den gemeinschaftlichen Grundbedarf an Nahrung, Kleidung und Wohnraum verplant. Sonderausgaben wie Restaurantbesuche und Reisen können sich kinderreiche Eltern nur relativ selten leisten. Im Unterschied zu Journalisten oder Politikern pflegen sie deshalb eher einen „häuslichen” Lebensstil. Fehlen Kindern in diesem Umfeld deshalb die Bildungsanregungen? Den verbreiteten kulturpessimistischen Klischees widerspricht die erstaunlich gute Ausstattung der meisten Mehrkinderhaushalte mit Spielzeug, Sachbüchern, Lernsoftware und Musikinstrumenten. Diese „Bildungsinvestitionen” entspringen der Aufmerksamkeit der Eltern für die Bedürfnisse ihrer Kinder. Für die Motivation und Ausdauer von Kindern beim Erlernen zum Beispiel eines Musikinstruments ist diese elterliche Zuwendung ein entscheidender Faktor. In einer durch Betreuungsinstitutionen bestimmten Kindheit droht dieser unersetzbare Bildungsfaktor zu verknappen - zum Schaden des kreativen Potentials nachwachsender Generationen. Wahrhaft verdummend sind daher nicht Transfers an Eltern, sondern die öffentliche Geringschätzung elterlicher Erziehungsmühen.
Dieser Beitrag erschien zuerst in einer ausführlicheren Version mit Anmerkungen beim Institut für Demographie, Allgemeinwohl und Familie (IDAF).