Von den Verirrungen der modernen Pädagogik
Während der Bildungsmesse 2011 in Wien („Interpädagogika“) wurde ich Zeuge eines Gesprächs zwischen zwei angehende Lehrerinnen. Sie waren auf der Suche nach Materialien zur Leseförderung. Während sie verschiedene Lernhefte durchblätterten, unterhielten sie sich:
„Wie war das noch mal mit den Modulen? Schau mal, das ist gut, aber es fehlen die Auswertungsbögen für eine Evaluation.“
„Da sind auch keine Standards drin. Und keine Lesejournale.“
„Für Schnell-Lesen brauchen wir auch Material. Lesetexte, schau her. Geht das damit?“
„Schnell-Lese-Kurse sind wichtig!“
„Die Schüler müssen ein Wort genau 300mal gesehen haben, bevor sie es erkennen.“
„Besser ist eine Wörterkartei, Texte sind viel zu kompliziert.“
Schneller lesen lernen? Haben unsere Schulkinder nicht Probleme damit, überhaupt lesen zu können? Offensichtlich ist die akademische Ansicht weithin verbreitet, Lesekompetenz werde im schulischen Unterricht durch Anwendung verschiedener Techniken im Schnell-Lesen aufgebaut. Übertragen auf den musischen Bereich hieße das: Einem Klavierschüler, der mangels Fingerfertigkeit eine Etüde nur sehr fehlerhaft und stockend spielen kann, soll durch die Aufforderung „Spiel schneller!“ zur Vervollkommnung seines musikalischen Könnens verholfen werden.
Die Lerngesetze auf den Kopf gestellt
In diversen Bereichen – zum Beispiel in Sport, Musik, Malerei, Handwerk – spielt sich das Lernen grundsätzlich so ab: der Lernwillige beginnt in kleinen Schritten tastend zu üben, in gemächlichem Tempo. Man beobachte ein Kleinkind, das den aufrechten Gang erprobt! Allein der Prozeß des Übens bewirkt eine Beschleunigung, die ganz ohne pädagogischen Druck von außen einsetzt. Das Tempo steigert sich dank zunehmender Fertigkeit, Automatisierung ist das Ziel. Schnelligkeit, ein Nebeneffekt der Geschicklichkeit, kann als solche nicht gelehrt werden. Jeder diesbezügliche Versuch ist ein Eingriff und richtet Schaden an. Er stört die feinen Selbststeuerungsmechanismen im Lernprozeß. Kinder und Uhren, so weiß ein humorvoller Spruch, darf man nicht immerzu aufziehen. Man muß sie auch gehen lassen.
Nun ist seit Jahrzehnten ein sich ständig verstärkender Trend in der modernen Pädagogik zu beobachten. Dort wird das Naturgesetz des Lernens auf den Kopf gestellt. Alle diesbezüglichen Versuche sind von Mißerfolgen begleitet. Angesichts der deprimierenden Erfahrungen fragt man sich, weshalb sich kein Widerstand regt. Über die Ergebnisse der modernen Unterrichtsmethoden werden allerorten laute Klagen geführt. Indes, zur Ursache des Problems stößt kaum jemand vor. Oder wagt es niemand, den „Kaiser“ als nackt zu bezeichnen? Lesen durch Schreiben, Freies Schreiben mit Anlauttabellen, Ganzheits- und Selbstlernmethoden – diese und ähnliche Heilslehren der Grundschuldidaktik sind eine ergiebig sprudelnde Quelle für Lernversagen. Das pädagogische Pferd wird vom Schwanz her aufgezäumt: Komplex kommt vor einfach, schnell vor bedacht, flüchtig vor sorgfältig. Geschieht dies aus Gedankenlosigkeit? Ist es eine Folge des Zeitgeistes, der geprägt ist durch Eile und Oberflächlichkeit unter dem Diktat elektronischer Medien? Sind lernpsychologisch widersinnige Methoden die Frucht einer durch und durch ideologisierten, dogmatischen Monopolpädagogik? Sind sie etwa gar Geschäftsmodelle, die ohne Rücksicht auf die Folgen für die kleinen „Kunden“ verwirklicht werden? Gelten gesunder Menschenverstand und Erfahrungswissen denn gar nichts mehr?
Besonders zu leiden haben lernschwache Kinder. In dieser Diagnose sind sich Kritiker aller Denkrichtungen einig. Bei der Ursachenforschung freilich tut man sich schwer. So mancher Experte müßte nämlich seine vormalige Lehrmeinung verwerfen und sich zu seinem Irrtum bekennen. Das setzt persönliche Größe voraus, die nicht jeder besitzt. Gebetsmühlenartig wird statt dessen beteuert, alles Bemühen gelte den lernschwachen Kindern. So wird der bekannte Slogan „Keiner darf zurückbleiben!“ gerne zitiert. Das Beharren auf zeitgeistigen Lehrmeinungen indes bestimmt das reale Schicksal der benachteiligten Kinder. Sie erhalten kaum die Chance, ihr bescheidenes Lernpotential voll zu entfalten. Jedes gesunde Kind wäre bei Anwendung guter Methoden in der Lage, fundamentale Lese- und Schreibkenntnisse zu erwerben.
Naiver Expertenglaube
Viele selbsternannte Experten sind umtriebig und verzapfen dabei nichts als wohltönendes Geschwätz, dem das fadenscheinige Mäntelchen der Wissenschaft umgehängt wird. Gerade die jungen, unerfahrenen Lehrer lassen sich durch das törichte Gedankengut verunsichern. Experten sind dabei, alle Winkel unseres Daseins auszuleuchten. Es scheint, als seien wir außerstande, auch nur das geringste zu lernen ohne Führung und Anleitung durch offiziöse Fachkräfte. Im schulischen Rahmen erzeugen sinnwidrige Methoden vielfältiges Leid. Die individuellen Fertigkeiten im Fach Deutsch sind für jedes Kind weichenstellend. Lebensläufe werden beeinflußt. Wenn an den Schulen das Lesen und Schreiben auf eine Weise vermittelt würde, die es so gut wie allen Kindern erlaubte, an der Schriftkultur teilzunehmen – wieviel Kummer könnte vermieden werden! Es ist nicht einzusehen, weshalb heute nicht mehr gelingen soll, was in vergangenen Jahrzehnten selbstverständlich war.
Wir haben es mit einem kausalen Problemkreis zu tun: die gesellschaftlichen Auswirkungen als Resultat mangelhafter Beschulung werden nicht unmittelbar sichtbar, sondern erst mit jahre- und jahrzehntelanger Verzögerung. Doch schon kurz nach der Einschulung lassen sich bestimmte Warnsignale erkennen – so man sie als solche wahrhaben will. Heute zieht sich der Prozeß des Lesen- und Schreibenlernens nicht selten über die ganze Grundschulzeit hin – welch eine Bankrotterklärung der Grundschulpädagogik! Bemäntelt wird dieser Umstand durch Beschwichtigungsrhetorik: „Keine Sorge, das wächst sich aus!“ Tut es aber nicht. Dieser Umstand bedarf kritischer Betrachtung, soll nicht weiterhin ein Teil der Schulkinder bis an den Rand des Analphabetismus getrieben werden.
Der Erfahrungshorizont schrumpft
Produktionsstätten der wirklichkeitsfremden pädagogischen Elaborate sind überwiegend aus Steuertöpfen finanziert. Es sind die Vertreter der Schulbehörden selbst, die kraft Amtsautorität indirekt oder direkt für Reformmethoden werben. Eltern und jungen Lehrern fehlen praxisbezogene Maßstäbe zur inhaltlichen Bewertung. Was den Generationen noch vor wenigen Jahrzehnten Halt gab, war ein historisch gewachsener Orientierungsrahmen, in dem es für die Erwachsenen einfach war, sich prinzipientreu und vorbildlich zu verhalten. Vieles wurde allein schon deshalb praktiziert, weil es sich bewährte. Und was sollte an Bewährtem so schlecht sein? Alles als richtig, nichts als falsch zu sehen ist Werterelativismus; Beliebigkeit befreit nicht, sondern erzeugt Ängstlichkeit! Zeitgenossen, die sich selbstbewußt über die Zumutungen einer gesichts- und mitleidlosen „Niemandsherrschaft“ hinwegsetzen, sind eine Rarität.
Der Erfahrungshorizont des postmodernen Menschen schrumpft zusehends. Bis ins Kleinste vorangetriebene Arbeitsteilung und zunehmendes Spezialistentum engen den Blick auf Zusammenhänge ein. In das Erfahrungsvakuum dringt penetrant und unerbittlich die Außensteuerung durch die mächtige Schuladministration ein. Das Berufsbild des Lehrers ähnelt inzwischen dem des Buchhalters. Diese zutiefst unbefriedigenden und beklemmenden schulischen Arbeitsbedingungen bilden den Nährboden für das allgemeine Leiden an der Schule, das Burn-out, die Sinnkrise, die Gleichgültigkeit, den mentalen Rückzug. In einer solchen Atmosphäre verkümmert nicht nur der Bildungsdrang, sondern auch das Mitmenschliche.
Schriftsprache ist kein Experimentierfeld!
Schriftsprache ist eine Kulturtechnik, der die westliche Welt ihren historisch beispiellosen wirtschaftlichen und zivilisatorischen Aufstieg verdankt. Schriftsprache ist das Fundament, auf dem wir alle stehen. Auch Fundamente müssen gepflegt werden! Schriftsprache ist deshalb kein Experimentierfeld. Es gibt keinen gesellschaftlichen Auftrag, der die Schule ermächtigte, Schrift neu zu erfinden oder es den Schülern zu überlassen, ob sie die Schrift „entdecken“ wollen. Schrift muß von jeder Generation neu eingeübt werden. „Bestimmte Elementarvorstellungen sind so tief in unser Alltagsleben eingesenkt, daß sie dem Bewußtsein gänzlich entglitten zu sein scheinen. Wir handeln, ohne überhaupt an sie zu denken, und werden ihrer nur in Zeiten des Wandels oder der Krise gewahr.“ Mit diesen bemerkenswerten Sätzen leitet Barry Sanders sein lesenswertes Buch „Der Verlust der Sprachkultur“ ein. Besser kann nicht ausgedrückt werden, was ich dem geneigten Leser sagen will: Schriftsprache ist kein Zufallsprodukt der Evolution, das wie Luft und Wasser einfach vorhanden ist! Das Fortbestehen der Schriftkultur auf hohem Niveau ist nur dann gewährleistet, wenn jede Generation die Mühe auf sich nimmt, dieses Gut intensiv zu pflegen und es in seiner allgemein üblichen, traditionell anerkannten Form gewissenhaft an Kinder weiterzuvermitteln. Die Meinung, Schüler würden sich das Lesen und Schreiben selbst beibringen, wenn sie zum „Experimentieren“ mit diesem Kulturgut angeregt würden, hat sich als Illusion erwiesen. Trotziges Festhalten an solchen Irrlehren könnte die Gesellschaft teuer zu stehen kommen.
Gute und schlechte Methoden
Um ein bestimmtes Ziel zu erreichen, gibt es sowohl gute als auch schlechte Methoden, was niemand bestreiten wird. Angehenden Deutschlehrern während der Ausbildung weiszumachen, das Schriftbild eines Wortes müsse vom Schüler genau 300mal betrachtet werden, damit er es sich merke, ist keine besonders intelligente Methode. Dieses realitätsfremde Gedankenkonstrukt ist ein Formalismus, der seltsame Blüten treiben könnte: während dem Schüler Wortkärtchen vorgelegt werden, fertigt der beobachtende „Lerncoach“ Strichlisten über Häufigkeit und Zeitdauer des Kärtchenbetrachtens an. Formal hat die Schule ihre Aufgabe erfüllt, womit die Institution – auch in juristischer Hinsicht – aus der Verantwortung ist. Bleibt der individuelle Lernerfolg dennoch aus, so müsse es wohl am Schüler selbst liegen. Woraufhin er weitergereicht wird an die staatlichen „Reparaturbetriebe“.
Unsere lebendige Sprache
Und noch einmal, damit keinesfalls ein falscher Eindruck entsteht! Den Lehrern selbst ist diese Fehlentwicklung nicht anzulasten! Wir alle sind Opfer einer ausufernden Bürokratisierung der Pädagogik, deren einziges Mantra das Messen, Zählen, Dokumentieren und Evaluieren ist. Wenn Lehrer nicht Ursache der Fehlentwicklung sind: Wie kann diesem fatalen Trend Einhalt geboten werden? Wer stemmt sich gegen die praxisfernen Methoden im Deutschunterricht? Wer verhilft dem Willen von Lehrern und Eltern zum Durchbruch? Wer setzt sich ein für das Wohl der Schulkinder?
Aber auch weitere Fragen sind zu stellen: Darf sich der Einzelne bei seinem pädagogischen Handeln auf Vorschriften und amtliche Anweisungen hinausreden, so als stünde nicht hinter jeder Maßnahme ein Mensch, der sich für oder wider sein Tun entscheiden kann? Heißt es nicht, ein jeder von uns habe einen freien Willen? Oder ist uns dieser im Getriebe der organisierten Gesellschaft abhanden gekommen? Sollte man letzteres bejahen müssen, dann ist der moderne Pädagoge nichts anderes als eine traurige Marionette der anonymen Schulverwaltung.
Seit Urzeiten gibt es zwei Arten von Menschen: die einen befehlen, die anderen gehorchen. Aufgeklärt und gleichberechtigt, wie wir uns alle fühlen, hören wir das nicht gerne. Die Wirklichkeit aber richtet sich nicht nach den Gefühlen. Wäre es nicht an der Zeit, sich darüber Gedanken zu machen, weshalb wir heute so handeln, wie wir handeln – in Unterricht und Schule oft genug wider besseres Wissen, und wider Herz und Verstand?
Sprachunterricht in der Schule
Sprache ist ein lebendiges Kommunikationsmittel. Sie ermöglicht den Gedankenaustausch zwischen Menschen. Sprache erzählt Geschichten und stiftet den Sinnrahmen, ohne den wir nicht existieren können. Sprache ist ein unbeschreiblich geheimnisvolles Instrument, voller Lebendigkeit und Mitteilungskraft. Die pädagogische Reduktion von Sprachmustern auf ein rein formales, nacktes Zeichensystem bewirkt eine Sinnentleerung. Unter dem Diktat bürokratischer Verwaltung verdampft das Wesen der Sprache. Welchen Zweck hat es, den Schüler isolierte Wörter von Kärtchen ablesen zu lassen? Würde dies 300mal, ja 500mal oder 1.000mal geschehen – nichts würde das Kind dabei spüren, nichts würde es lernen. Die Zähl- und Meßpädagogik ist kalt und gefühllos. Sie verletzt die Würde des Menschen. Formalistischer Sprachunterricht ist sinnlose Kraftvergeudung, gefolgt von tiefer Enttäuschung. Warum unterrichten wir unsere Kinder nicht mehr systematisch im Lesen und Schreiben, wie dies zu vormodernen Zeiten erfolgreich geschah?
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