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27.05.2012
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     Karin Pfeiffer-Stolz
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Genau 300mal gelesen
Weitere Themen: Bildung

Von den Verirrungen der modernen Pädagogik

Während der Bildungsmesse 2011 in Wien („Interpädagogika“) wurde ich Zeuge eines Gesprächs zwischen zwei angehende Lehrerinnen. Sie waren auf der Suche nach Materialien zur Leseförderung. Während sie verschie­dene Lernhefte durchblätterten, unterhielten sie sich:

 

„Wie war das noch mal mit den Modulen? Schau mal, das ist gut, aber es fehlen die Auswertungsbögen für eine Evaluation.“

„Da sind auch keine Standards drin. Und keine Lesejournale.“

„Für Schnell-Lesen brauchen wir auch Material. Lesetexte, schau her. Geht das damit?“

„Schnell-Lese-Kurse sind wichtig!“

„Die Schüler müssen ein Wort genau 300mal gesehen haben, bevor sie es erkennen.“

„Besser ist eine Wörterkartei, Texte sind viel zu kompliziert.“

Schneller lesen lernen? Haben unsere Schulkinder nicht Probleme damit, überhaupt lesen zu können? Offensichtlich ist die akademische Ansicht weithin verbreitet, Lesekompetenz werde im schulischen Unterricht durch Anwendung verschiedener Techniken im Schnell-Lesen aufgebaut. Übertragen auf den musischen Bereich hieße das: Einem Klavierschüler, der mangels Fingerfertigkeit eine Etüde nur sehr fehlerhaft und stockend spielen kann, soll durch die Aufforderung „Spiel schneller!“ zur Vervollkommnung seines musikalischen Könnens verholfen werden.

Die Lerngesetze auf den Kopf gestellt

In diversen Bereichen – zum Beispiel in Sport, Musik, Malerei, Handwerk – spielt sich das Lernen grundsätzlich so ab: der Lernwillige beginnt in kleinen Schritten tastend zu üben, in gemäch­lichem Tempo. Man beobachte ein Kleinkind, das den aufrechten Gang erprobt! Allein der Prozeß des Übens bewirkt eine Beschleunigung, die ganz ohne pädagogischen Druck von außen einsetzt. Das Tempo steigert sich dank zunehmender Fertigkeit, Automatisierung ist das Ziel. Schnelligkeit, ein Nebeneffekt der Geschicklichkeit, kann als solche nicht gelehrt werden. Jeder diesbezügliche Versuch ist ein Eingriff und richtet Schaden an. Er stört die feinen Selbststeuerungsmechanismen im Lernprozeß. Kinder und Uhren, so weiß ein humorvoller Spruch, darf man nicht immerzu aufziehen. Man muß sie auch gehen lassen.

Nun ist seit Jahrzehnten ein sich ständig verstärkender Trend in der modernen Pädagogik zu beobachten. Dort wird das Naturgesetz des Lernens auf den Kopf gestellt. Alle diesbezüglichen Versuche sind von Mißerfolgen begleitet. Angesichts der deprimierenden Erfahrungen fragt man sich, weshalb sich kein Widerstand regt. Über die Ergebnisse der modernen Unterrichtsmethoden werden allerorten laute Klagen geführt. Indes, zur Ursache des Problems stößt kaum jemand vor. Oder wagt es niemand, den „Kaiser“ als nackt zu bezeichnen? Lesen durch Schreiben, Freies Schreiben mit Anlauttabellen, Ganzheits- und Selbstlernmethoden – diese und ähnliche Heilslehren der Grundschuldidaktik sind eine ergiebig sprudelnde Quelle für Lernversagen. Das pädagogische Pferd wird vom Schwanz her aufgezäumt: Komplex kommt vor einfach, schnell vor bedacht, flüchtig vor sorgfältig. Geschieht dies aus Gedankenlosigkeit? Ist es eine Folge des Zeitgeistes, der geprägt ist durch Eile und Oberflächlichkeit unter dem Diktat elektronischer Medien? Sind lernpsychologisch widersinnige Methoden die Frucht einer durch und durch ideologisierten, dogmatischen Monopolpädagogik? Sind sie etwa gar Geschäftsmodelle, die ohne Rücksicht auf die Folgen für die kleinen „Kunden“ verwirklicht werden? Gelten gesunder Menschen­verstand und Erfahrungswissen denn gar nichts mehr?

Besonders zu leiden haben lernschwache Kinder. In dieser Diagnose sind sich Kritiker aller Denkrichtungen einig. Bei der Ursachenforschung freilich tut man sich schwer. So mancher Experte müßte nämlich seine vormalige Lehrmeinung verwerfen und sich zu seinem Irrtum bekennen. Das setzt persönliche Größe voraus, die nicht jeder besitzt. Gebetsmühlenartig wird statt dessen beteuert, alles Bemühen gelte den lernschwachen Kindern. So wird der bekannte Slogan „Keiner darf zurückbleiben!“ gerne zitiert. Das Beharren auf zeitgeistigen Lehrmeinungen indes bestimmt das reale Schicksal der benachteiligten Kinder. Sie erhalten kaum die Chance, ihr bescheidenes Lernpotential voll zu entfalten. Jedes gesunde Kind wäre bei Anwendung guter Methoden in der Lage, fundamentale Lese- und Schreibkenntnisse zu erwerben.   

Naiver Expertenglaube

Viele selbsternannte Experten sind umtriebig und verzapfen dabei nichts als wohltönendes Geschwätz, dem das fadenscheinige Mäntelchen der Wissenschaft umgehängt wird. Gerade die jungen, unerfahrenen Lehrer lassen sich durch das törichte Gedanke­ngut verunsichern. Experten sind dabei, alle Winkel unseres Daseins auszuleuchten. Es scheint, als seien wir außerstande, auch nur das geringste zu lernen ohne Führung und Anleitung durch offiziöse Fachkräfte. Im schulischen Rahmen erzeugen sinnwidrige Methoden vielfältiges Leid. Die individuellen Fertigkeiten im Fach Deutsch sind für jedes Kind weichenstellend. Lebensläufe werden beeinflußt. Wenn an den Schulen das Lesen und Schreiben auf eine Weise vermittelt würde, die es so gut wie allen Kindern erlaubte, an der Schriftkultur teilzunehmen – wieviel Kummer könnte vermieden werden! Es ist nicht einzusehen, weshalb heute nicht mehr gelingen soll, was in vergangenen Jahrzehnten selbstverständlich war.

Wir haben es mit einem kausalen Problemkreis zu tun: die gesellschaftlichen Auswirkungen als Resultat mangelhafter Beschulung werden nicht unmittelbar sichtbar, sondern erst mit jahre- und jahrzehntelanger Verzögerung. Doch schon kurz nach der Einschulung lassen sich bestimmte Warnsignale erkennen – so man sie als solche wahrhaben will. Heute zieht sich der Prozeß des Lesen- und Schreibenlernens nicht selten über die ganze Grundschulzeit hin – welch eine Bankrotterklärung der Grundschulpädagogik! Bemäntelt wird dieser Umstand durch Beschwichtigungsrhetorik: „Keine Sorge, das wächst sich aus!“ Tut es aber nicht. Dieser Umstand bedarf kritischer Betrachtung, soll nicht weiterhin ein Teil der Schulkinder bis an den Rand des Analphabetismus getrieben werden.

Der Erfahrungshorizont schrumpft

Produktionsstätten der wirklichkeitsfremden pädagogischen Elaborate sind überwiegend aus Steuertöpfen finanziert. Es sind die Vertreter der Schulbehörden selbst, die kraft Amtsautorität indirekt oder direkt für Reformmethoden werben. Eltern und jungen Lehrern fehlen praxisbezogene Maßstäbe zur inhaltlichen Bewertung. Was den Generationen noch vor wenigen Jahrzehnten Halt gab, war ein historisch gewachsener Orientierungsrahmen, in dem es für die Erwachsenen einfach war, sich prinzipientreu und vorbildlich zu verhalten. Vieles wurde allein schon deshalb praktiziert, weil es sich bewährte. Und was sollte an Bewährtem so schlecht sein? Alles als richtig, nichts als falsch zu sehen ist Werterelativismus; Beliebigkeit befreit nicht, sondern erzeugt Ängstlichkeit! Zeitgenossen, die sich selbstbewußt über die Zumutungen einer gesichts- und mitleidlosen „Niemandsherrschaft“ hinwegsetzen, sind eine Rarität.

Der Erfahrungshorizont des postmodernen Menschen schrumpft zusehends. Bis ins Kleinste vorangetriebene Arbeitsteilung und zunehmendes Spezialistentum engen den Blick auf Zusammenhänge ein. In das Erfahrungsvakuum dringt penetrant und unerbittlich die Außensteuerung durch die mächtige Schuladministration ein. Das Berufsbild des Lehrers ähnelt inzwischen dem des Buchhalters. Diese zutiefst unbefriedigenden und beklemmenden schulischen Arbeitsbedingungen bilden den Nährboden für das allgemeine Leiden an der Schule, das Burn-out, die Sinnkrise, die Gleichgültigkeit, den mentalen Rückzug. In einer solchen Atmosphäre verkümmert nicht nur der Bildungsdrang, sondern auch das Mitmenschliche.

Schriftsprache ist kein Experimentierfeld!

Schriftsprache ist eine Kulturtechnik, der die westliche Welt ihren historisch beispiellosen wirtschaftlichen und zivilisatorischen Aufstieg verdankt. Schriftsprache ist das Fundament, auf dem wir alle stehen. Auch Fundamente müssen gepflegt werden! Schriftsprache ist deshalb kein Experimentierfeld. Es gibt keinen gesellschaftlichen Auftrag, der die Schule ermächtigte, Schrift neu zu erfinden oder es den Schülern zu überlassen, ob sie die Schrift „entdecken“ wollen. Schrift muß von jeder Generation neu eingeübt werden. „Bestimmte Elementarvorstellungen sind so tief in unser Alltagsleben eingesenkt, daß sie dem Bewußtsein gänzlich entglitten zu sein scheinen. Wir handeln, ohne überhaupt an sie zu denken, und werden ihrer nur in Zeiten des Wandels oder der Krise gewahr.“ Mit diesen bemerkenswerten Sätzen leitet Barry Sanders sein lesenswertes Buch „Der Verlust der Sprachkultur“ ein. Besser kann nicht ausgedrückt werden, was ich dem geneigten Leser sagen will: Schriftsprache ist kein Zufallsprodukt der Evolution, das wie Luft und Wasser einfach vorhanden ist! Das Fortbestehen der Schriftkultur auf hohem Niveau ist nur dann gewährleistet, wenn jede Generation die Mühe auf sich nimmt, dieses Gut intensiv zu pflegen und es in seiner allgemein üblichen, traditionell anerkannten Form gewissenhaft an Kinder weiter­zuvermitteln. Die Meinung, Schüler würden sich das Lesen und Schreiben selbst beibringen, wenn sie zum „Experimentieren“ mit diesem Kulturgut angeregt würden, hat sich als Illusion erwiesen. Trotziges Festhalten an solchen Irrlehren könnte die Gesellschaft teuer zu stehen kommen.

Gute und schlechte Methoden

Um ein bestimmtes Ziel zu erreichen, gibt es sowohl gute als auch schlechte Methoden, was niemand bestreiten wird. Angehenden Deutschlehrern während der Ausbildung weiszumachen, das Schriftbild eines Wortes müsse vom Schüler genau 300mal betrachtet werden, damit er es sich merke, ist keine besonders intelligente Methode. Dieses realitätsfremde Gedankenkonstrukt ist ein Formalismus, der seltsame Blüten treiben könnte: während dem Schüler Wortkärtchen vorgelegt werden, fertigt der beobachtende „Lerncoach“ Strichlisten über Häufigkeit und Zeitdauer des Kärtchenbetrachtens an. Formal hat die Schule ihre Aufgabe erfüllt, womit die Institution – auch in juristischer Hinsicht – aus der Verantwortung ist. Bleibt der individuelle Lernerfolg dennoch aus, so müsse es wohl am Schüler selbst liegen. Woraufhin er weitergereicht wird an die staatlichen „Reparaturbetriebe“.

Unsere lebendige Sprache

Und noch einmal, damit keinesfalls ein falscher Eindruck entsteht! Den Lehrern selbst ist diese Fehlentwicklung nicht anzulasten! Wir alle sind Opfer einer ausufernden Bürokratisierung der Pädagogik, deren einziges Mantra das Messen, Zählen, Dokumentieren und Evaluieren ist. Wenn Lehrer nicht Ursache der Fehlentwicklung sind: Wie kann diesem fatalen Trend Einhalt geboten werden? Wer stemmt sich gegen die praxisfernen Methoden im Deutschunterricht? Wer verhilft dem Willen von Lehrern und Eltern zum Durchbruch? Wer setzt sich ein für das Wohl der Schulkinder?

Aber auch weitere Fragen sind zu stellen: Darf sich der Einzelne bei seinem pädagogischen Handeln auf Vorschriften und amtliche Anweisungen hinausreden, so als stünde nicht hinter jeder Maßnahme ein Mensch, der sich für oder wider sein Tun entscheiden kann? Heißt es nicht, ein jeder von uns habe  einen freien Willen? Oder ist uns dieser im Getriebe der organisierten Gesellschaft abhanden gekommen? Sollte man letzteres bejahen müssen, dann ist der moderne Pädagoge nichts anderes als eine traurige Marionette der anonymen Schulverwaltung.

Seit Urzeiten gibt es zwei Arten von Menschen: die einen befehlen, die anderen gehorchen. Aufgeklärt und gleichberechtigt, wie wir uns alle fühlen, hören wir das nicht gerne. Die Wirklichkeit aber richtet sich nicht nach den Gefühlen. Wäre es nicht an der Zeit, sich darüber Gedanken zu machen, weshalb wir heute so handeln, wie wir handeln – in Unterricht und Schule oft genug wider besseres Wissen, und wider Herz und Verstand?

Sprachunterricht in der Schule

Sprache ist ein lebendiges Kommunikationsmittel. Sie ermöglicht den Gedankenaustausch zwischen Menschen. Sprache erzählt Geschichten und stiftet den Sinnrahmen, ohne den wir nicht existieren können. Sprache ist ein unbeschreiblich geheimnisvolles Instrument, voller Lebendigkeit und Mitteilungskraft. Die pädagogische Reduktion von Sprachmustern auf ein rein formales, nacktes Zeichensystem bewirkt eine Sinnentleerung. Unter dem Diktat bürokratischer Verwaltung verdampft das Wesen der Sprache. Welchen Zweck hat es, den Schüler isolierte Wörter von Kärtchen ablesen zu lassen? Würde dies 300mal, ja 500mal oder 1.000mal geschehen – nichts würde das Kind dabei spüren, nichts würde es lernen. Die Zähl- und Meßpädagogik ist kalt und gefühllos. Sie verletzt die Würde des Menschen. Formalistischer Sprachunterricht ist sinnlose Kraftvergeudung, gefolgt von tiefer Enttäuschung. Warum unterrichten wir unsere Kinder nicht mehr systematisch im Lesen und Schreiben, wie dies zu vormodernen Zeiten erfolgreich geschah?

 

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Kommentare (22)




 
  Kommentare (22)

Lutger, 11.12.2011 20:47
Was Sie schreiben, Kirsten, möchte ich bestätigen. Dabei ist besonders schade, dass viele Lehrer gern auf jeden Zug aufspringen, nur um als progressiv und fortgebildet zu gelten. In Konferenzen machen sie sich oft zu Wortführern, die mit ihrem neusten Wissen die Argumente der anderen ins Abseits stellen.
Vielleicht täuscht mich meine Wahrnehmung, aber aus anderen Schulen habe ich Ähnliches gehört.
Diese dominanten Kollegen haben in der Regel wenig an der Schulpolitik, -behörde oder auch an der GEW auszusetzen. Im Gegenteil, oft verteidigen sie sogar deren Vorstellungen und Ziele.
Wie soll da "Aufbegehren" möglich sein, wenn die Meinungen so stark auseinander gehen?


Kirsten St., 09.12.2011 20:21
@F.R.
Wenn das mal so einfach wäre. Die Lehrer sind dazu nicht solidarisch genug. Meiner Erfahrung nach gibt es kaum ein Kollegium, in dem nicht Konkurrenzkampf herrscht. Zu einem wirkungsvollen Aufbegehren gehört aber Einigkeit.


F. R., 08.12.2011 16:50
Im Artikel heißt es, dass schulische Fehlentwicklungen den Lehrern nicht anzulasten seien. Andererseits heißt es aber auch, dass der moderne Pädagoge eine traurige Marionette der anonymen Schulverwaltung sei.
Können Lehrer denn nichts gegen diese Ohnmacht tun? Wer oder was zwingt sie dazu, sich widerstandslos einer dummen Obrigkeit zu beugen? Und wer, wenn nicht sie, kann oder muss gegen blödsinnige Verordnungen aufbegehren?
Das sind Fragen, die einem durch den Kopf gehen. Für vernünftige Arbeitsmethoden müssen auch Lehrer sich selbst einsetzen. Diese Aufgabe kann ihnen niemand so leicht abnehmen.


Knut M., 07.12.2011 22:21
Schließe mich Ihrem Lob an, Miriam. Möchte es aber erweitern auf die Kommentare.

Miriam T., 07.12.2011 13:48
Durch den Hinweis "Empfohlene Blogs" bin ich auf obigen Artikel gestoßen, der mir so gut gefällt wie kaum ein anderer in letzter Zeit.
Herzlichen Dank an die Autorin!


Klaus Kolbe, 05.12.2011 11:51
@ Frau Prasuhn
Sehr geehrte Frau Prasuhn,
dieses Thema ausführlich zu diskutieren, würde einige Abende in Anspruch nehmen. Man kann das alles hier in diesem Forum nur rudimentär streifen – alles andere würde den Rahmen sprengen.
Falls Sie Interesse daran haben, mich einmal persönlich zu diesem Thema zu sprechen, kann ich Ihnen anbieten, den Weg über Frau Pfeiffer-Stolz (Stolz-Verlag - im Internet googeln) zu gehen. Frau Pfeiffer-Stolz und ich kennen uns aus den Zeiten der Rechtschreibreform-Gegnerschaft.


Ursula Prasuhn, 02.12.2011 22:25
Vielen Dank, Herr Kolbe, für Ihre aufschlußreichen Worte. Ich habe sie mehrmals gelesen und konnte manches kaum fassen. Die Kriterien der Antifa für Rechtsextremismus haben mich z.B. entsetzt. Davon wußte ich nichts. Überhaupt war mir vieles von dem, was Sie schreiben, nicht bekannt. Umso mehr schätze ich es, wenn jemand mit großem Hintergrundwissen wie Sie sich die Mühe macht, mir und anderen wichtige Zusammenhänge zu erklären.
Die unselige Rolle der 68er hat mich auch schon beschäftigt. Es fällt mir allerdings schwer, alle Schuld bei ihnen zu sehen, obwohl sie ohne Zweifel ein gerüttelt Maß an Verantwortung für den Werteverfall und die Doppelzüngigkeit in unserer Gesellschaft tragen. Sie plädieren für Freiheit im Denken und Sagen, schreiben aber vor, was schicklich ist zu denken und zu sagen. Sie entmündigen Andersdenkende und scheuen sich nicht, derweil die Fahne für Gedanken- und Redefreiheit zu schwenken. Sie haben etwas Diktatorisches, sehen sich aber als Befreier von Zwängen. Sie sind so überzeugt von ihrer einzig wahren volksbeglückenden Botschaft als Gutmenschen, daß sie nicht merken, wie sehr sie zu dem geworden sind, was sie immer bekämpfen wollten, nämlich zu Meinungs- und Deutungsrechthabern bzw. -herrschern.
Trotz aller negativen Auswirkungen der 68er-Bewegung auf unsere Politik, Gesellschaft und Schulen muß es meiner Meinung aber noch mehr Gründe für unsere Bildungsmisere geben. Diese interessiert mich – wie Sie wahrscheinlich bemerkt haben – in besonderer Weise. Und da glaube ich, daß ein krankes System zu vielen Interessenten nützt, sowohl ideell als auch materiell. Sie können zu gut von ihm profitieren – egal ob’s dem Patienten nützt oder schadet. Hauptsache, er bleibt krank. Nur so ist weitere Profilierung durch Heilsversprechen oder weiterer finanzieller Gewinn durch immer mehr Lehr- und Lerntherapeuten oder -mittel gesichert.
Die 68er-Bewegung hat meiner Meinung nach ein krankes Bildungssystem geschaffen und schafft es weiterhin (siehe Einheitsschule!). Das wiederum zieht Profiteure von Krankheiten an. Und so wird es immer schwerer, das Bildungssystem aufs richtige Gleis zu stellen. Zu vielen nutzt die Krankheit, nicht aber die Gesundheit.


Klaus Kolbe, 01.12.2011 20:47
Es hat zwar nicht direkt mit dem Artikel der Frau Pfeiffer-Stolz zu tun, aber sehen Sie sich doch einmal folgendes Video an, Frau Ursula Prasuhn, Frau Annegret Sch.:
http://www.alpenparlament.tv/playlist/473-europaeischer-stabilitaetspakt-esm-machtergreifung-der-eu-diktatoren
„Der ESM (Europäische Stabilitätsmechanismus) ist wieder so ein Orwell’scher Neusprecheuphemismus. Stabilität, das wollen wir ja alle. Endlich mal Ruhe vor den endlosen Krisen. Also lehnt sich der deutsche Michel beruhigt zurück, die da oben werden es schon richten, alles wird gut. Ganz und gar nicht! Der ESM ist der Zug der europäischen Lemminge in Ketten in den Abgrund. Der Blattschuß auf Freiheit, Demokratie und Bürgerrechte, dagegen sind die bisherigen Bailouts ein Kindergeburtstag.“
Dann wissen Sie, wie Politik „funktioniert“! Die Rechtschreibreform war da nur „Peanuts“ für die Politiker.


Klaus Kolbe, 01.12.2011 19:48
@ Ursula Prasuhn, 01.12.2011 13:29
Frau Prasuhn, da aller Wahrscheinlichkeit nach die 68er die einmal erlangte Meinungs- und Deutungsdominanz nicht freiwillig aufgeben, wird (wie ich schon geschrieben habe) erst das völlige „An-die-Wand-Fahren“ Raum für eine Neuausrichtung bieten.
„Solange sie noch nicht an den Schalthebeln der Macht sitzen, werden lauthals Recht auf Meinungsfreiheit und Rechte Andersdenkender eingefordert. Das ändert sich aber spätestens dann schlagartig, wenn sie ‚an der Macht‘ sind.“
Ungefähr 2007 gab es ein Flugblatt der militanten Antifa, die seinerzeit Kioskbesitzer zwecks Boykott einer bestimmten Zeitung terrorisiert hat. Als Kriterien für Rechtsextremismus werden dort genannt, und jetzt sehen Sie genau hin: Kritik an der Wehrmachtsausstellung, Schutz der Bundeswehr vor Verunglimpfung, Kritik an der Euro-Einführung und der Rechtschreibreform!
Ist das nicht völlig absurd?!
Der stickige Mief der sozialistischen Gesinnungsterroristen muß also erst aus Schulen und Universitäten heraus, und das (ich bin auch kein Hellseher) könnte u. U. nach einem finanziellen und damit auch wirtschaftlichen Zusammenbruch des Zinseszins-Systems (in dem wir alle leben), wie er sich immer mehr weltweit abzeichnet, erfolgen. Dann nämlich, wenn all diese Gesinnungswächter, die fast überwiegend staatlich alimentiert sind, vom Staat nicht mehr bezahlt werden können.
Verfolgen Sie doch einmal die Anfänge der sogen. Rechtschreibreform zurück, sie reichen bis in die NS-Zeit (und diese Bewegung war sozialistisch ausgerichtet: national s o z i a l i s t i s c h) unter dem damals zuständigen Minister Rust. In den letzten Kriegsjahren jedoch wurde davon abgesehen, da andere, kriegswichtige Ziele Vorrang hatten. In den Nachkriegsjahren versuchte man es erneut – ohne Erfolg, da die Ergebnisse schon vorher in der Öffentlichkeit bekannt und verrissen wurden. Beim nächsten und letzten Mal stellte man sich geschickter an, da ließ man die Öffentlichkeit so lange im Unklaren, bis die Reform staatlicherseits in Kraft trat. Erst danach kamen Regelwerk (von dem der Germanistik-Professor Theodor Ickler einmal sagte, daß er ungefähr ein Jahr benötigte, um sich in dieses hineinzuarbeiten!) und die ersten Wörterbücher „ans Tageslicht“. Erst dann konnte ja fundierte Kritik erst Raum fassen. Dann aber wurde den Kritikern beschieden, daß sie zu spät kommen würden. Man sieht also, wie die Öffentlichkeit bewußt im Unklaren gelassen, man könnte auch sagen mit dubiosen Machenschaften hinters Licht geführt wurde.
Das mindeste, was die zuständigen Politiker nach dieser Bankrotterklärung auf www.welt.de tun könnten, wäre, sich bei allen Schülern zu entschuldigen für das, was ihnen durch ebendiese angetan wurde – und selbstverständlich, falls noch im Amt, sofort zurückzutreten. Soviel Charakter aber von diesen zu erwarten, ist wohl zuviel verlangt. Zu guter Letzt: Die Mainstream-Printmedien als „Steigbügelhalter“ der Reform spielen eine nicht unwesentliche Rolle in diesem Trauerspiel. Eine Ablehnung derselben hätte das ganze Vorhaben sang- und klanglos zu Fall gebracht.


Ursula Prasuhn, 01.12.2011 13:29
Dass erst ein Crash den Schulwahnsinn stoppen kann, habe ich auch schon des öfteren gedacht, Herr Kolbe. Nur fürchte ich dann wieder, dass es ihn bzw. die Kenntnisnahme von ihm gar nicht geben wird. Wie sollte er denn aussehen, damit allen schlagartig klar wird, dass es so nicht weitergehen kann?
Wenn man so will, ist unser Bildungssystem doch schon längst an die Wand gefahren, nur wollen Politik, Fachwelt und auch Medien dies in seltsamer Eintracht nicht wahrhaben. Und ohne Eingeständnis des Scheiterns kann es eine Änderung des Kurses nicht geben. Was müsste also noch alles passieren, damit “an die Wand fahren” überhaupt wahrgenommen und eingestanden wird?
In der Wirtschaft wäre ein Unternehmen wie die Schule längst pleite. Hier folgt schlechten Geschäftsmodellen die Strafe auf dem Fuß. Die öffentlichen Schulen aber können (leider!) nicht pleite gehen. Steuergelder sichern ihnen eine Insolvenzverschleppung bis zum Sankt Nimmerleinstag. Und je schlechter sie funktionieren, desto lauter klingt der Ruf nach zusätzlichem Geld – so als läge es vorwiegend an ihm, dass schulische Leistungen immer mehr den Bach runtergehen.
Nein, so recht wage ich nicht mehr auf einen baldigen Zusammenbruch des kranken Systems zu hoffen. Die Verantwortlichen werden mit aller Macht versuchen, es künstlich am Leben zu erhalten. Gerade weil es so schlecht funktioniert, bietet es beste Chancen fürs Symptomkurieren, an dem sich alle Beteiligten eine goldene Nase verdienen - auch die Politiker.




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