Nach Sylvain Gouguenheim hat sich Europa das griechische Erbe selbst erschlossen; die Rolle islamischer Gelehrter ist nur als gering zu veranschlagen. Das passt den üblichen Verdächtigen nicht ins Konzept. Sie sprechen seiner Arbeit die Wissenschaftlichkeit ab. Aber argumentieren sie denn so viel anders?
Wer kennt das nicht, hat's nicht selbst schon erlebt: Man hat sich gemütlich in seinem Weltbild eingerichtet, alle Fragen geklärt, Ambivalenzen aus dem Blickfeld geräumt. Und dann meldet sich jemand zu Wort, der mit ein paar Sätzen das ganze Gebilde zum Einsturz zu bringen droht. Diese Situation findet man auch im Wissenschaftsbetrieb. Und wenn es um die Rolle des Islam geht, verhält es sich dort auch nicht anders als außerhalb, und der Querulant heißt dieses Mal Sylvain Gouguenheim. Der wagt es doch tatsächlich, nicht in den großen Chor einzustimmen, der behauptet, dass Europa dem Islam »viel zu verdanken« hat.
Gegen dieses vermeintlich gesicherte Wissens über den Islam und seine Rolle bei der Entstehung Europas aus dem Geist des Griechentums wendet sich Gouguenheim mit seinem Buch. Er weist die Behauptung zurück, dass der Islam Europa das Wissen der Griechen vermittelt und dadurch dem Kontinent zu seiner Identität und wissenschaftlicher Entwicklung verholfen hat. Dem stellt er die These entgegen, dass die europäischen Gelehrten von sich aus nach Wissen gesucht und sich das griechische Denken selbständig erschlossen haben. Die Rolle des Islam beschränkte sich darauf, Herrschaft über viele dieser christlichen Gelehrten ausgeübt zu haben. Der Beitrag des Islam zur Verbreitung griechischen Denkens in Europa war im Grunde unbedeutend.
Eine wichtige Rolle bei dem Versuch europäischer Gelehrter, die griechischen Texte zu bergen, zu übersetzen und sich anzueignen, schreibt Gouguenheim den Mönchen des Klosters auf dem Mont Saint Michel in Nordfrankreich zu, dem Ort, der dem Buch seinen Titel gibt. »Die Hellenisierung Europas im Mittelalter gelang den Europäern aus eigener Kraft. Die Epoche, die sich von Karl dem Großen bis zu Abaelard spannte, war keine ›dunkle Zeit‹, sondern wurde zunehmend durch den wachsenden Besitz von griechischen Schriften und die Dynamik erhellt, mehr und mehr davon zu bekommen. Die Europäer holten sich aus der Antike die Bildung, die Beziehung zur Welt und zur Wissenschaft, die einen der charakteristischen Züge ihrer Zivilisation ausmachen. [...] Die arabische Vermittlung bestand zwar, aber sie hatte bestimmt nicht die entscheidende Tragweite, die man ihr zuschreibt« (S. 165).
Eigentlich ist das Buch keine Rezension für ein breites Publikum wert, denn es behandelt ein Thema für Fachspezialisten und ist darüber hinaus nicht besonders gut geschrieben – eine mühsame Lektüre, für die man eine gehörige Portion Ehrgeiz mitbringen muss. Was den Inhalt angeht, so erscheint er dem Leser, der über keine speziellen Kenntnisse des frühen Mittelalters verfügt, mindestens plausibel. Auch aus dieser Perspektive gibt es also wenig zu diskutieren. Dass das Buch dennoch jedem zur Lektüre anempfohlen ist, liegt an den Reaktionen, die sein Erscheinen ausgelöst hat. Die Süddeutsche Zeitung sieht in dem »Skandalbuch« einen »Ausdruck einer ideologischen Haltung« und nennt Gouguenheim »Mittelalter-Sarrazin«. Diese Bewertung macht natürlich neugierig.
Es ist anzunehmen, dass das Buch inhaltliche Mängel aufweist; das sollen Fachleute klären. Aber selbst wenn sie umfangreich ausgefallen sein sollten (was nicht zu vermuten ist, weil Gouguenheim immerhin Professor für mittelalterliche Geschichte ist), rechtfertigen sie die aggressiven Reaktionen nicht. So haben sich in Frankreich Kollegen in einer öffentlichen Erklärung gegen seine Thesen erklärt, und die Wissenschaftliche Buchgesellschaft, die die deutsche Übersetzung herausgibt, erstaunt das Publikum damit, dass sie dem Text einen »kritischen Kommentar« von zwei deutschen Historikern anhängt. Der eine – Daniel König – soll »Gouguenheims kulturvergleichende Ausführungen methoden- und ideologiekritisch ... reflektieren«, dem anderen – Martin Kintzinger – ist aufgetragen, sie »in den gegenwärtigen wissenschaftlichen Diskurs einzuordnen« (S. 230).
Ihren Auftrag erfüllen sie mehr schlecht als recht. Bei König dominieren Zitate arabisch-islamischer Gelehrter, die ihren Respekt für die griechische Kultur und die Leistungen christliche Wissenschaftler äußern. Am Ende seiner Ausführungen gelangt er zu der wenig kontroversen These: »Wie jede Kultur hat diejenige Europas vielfältige Erscheinungsformen und vielfältige Wurzeln.« (S. 241) Aber was will man auch von einem erwarten, der »einen wohletablierten Forschungskonsens« (S. 237) vor sich herträgt wie eine Monstranz und der darüber hinaus – überaus irritierend – die Lebensdaten arabischer Gelehrter in zwei Zeitrechungen (islamisch und gregorianisch) angibt?
Auch Kintzinger, der »die Studie Gouguenheims in den gegenwärtigen wissenschaftlichen Diskurs einzuordnen« sich vorgenommen hat (S. 230), zahlt mit eher kleiner Münze. Sein zentraler Vorwurf an Gouguenheim ist der, dem »gesicherten internationalen Forschungsstand« zu widersprechen und »die Grundlagen methodisch seriöser wissenschaftlicher Argumentation« zu verlassen (S. 246). Davon hat Kintzinger offensichtlich eine Menge Ahnung: »Der gegenwärtige Forschungsstand in der Wissenschaft ist derzeit an dem 2006 veröffentlichten Tagungsband zum Thema ›Wissen über Grenzen. Arabisches Wissen und lateinisches Mittelalter‹ abzulesen.« (S. 247) Und da Gouguenheim diesen Band nicht zur Kenntnis genommen hat, wird »die Forschung« seinen Thesen »nicht folgen wollen und nicht folgen dürfen.« (S. 246) Mit dieser Art von Wissenschaft kann Kintzinger allerdings auch bei Wikipedia reüssieren.
Es kann keinen Zweifel geben: König und Kintzinger geht es nicht darum, eine wissenschaftliche Auseinandersetzung zu führen, auch wenn sie das vorgeben. Auch ihre Einlassungen werden nicht dem Maßstab gerecht, mit dem sie Gouguenheim messen, nämlich die Grenze zwischen »sachlicher, wissenschaftlicher Argumentation einerseits und wertender, subjektiver Stellungnahme andererseits« einzuhalten bzw. kenntlich zu machen. Ihre Forderung ist zwar nicht unberechtigt, aber liefern sie selber nicht. Zweitens ist die Trennung der beiden Bereiche letztlich auch nicht aufrechtzuhalten. Selbst der nüchternste Wissenschaftler begibt sich auf das Feld der Wertung allein schon durch die Wahl seines Themas, die notwendigen Eingrenzungen (würde man die ganze Welt beschreiben können, bedürfte es keiner Theorie mehr) und die Fragestellung. Die Grenze zwischen Wissenschaft und Politik ist fließend.
Was also ist zu kritisieren? Nicht, dass Gouguenheim nicht sauber trennt (er tut das hinreichend), nicht, dass König/Kitzinger das einfordern, und auch nicht, dass sie das selbst nicht leisten. Auch König/Kitzinger betreiben Geschichtswissenschaft nicht im luftleeren Raum, sondern lassen ihren Blick wie Gouguenheim interessegeleitet und mit Blick auf die Gegenwart schweifen. Sondern es ist der Versuch, eine Hierarchie zwischen zwei Meinungen zu errichten und auf Basis der so geschaffenen Differenz die Meinung des Gegners zu delegitimieren. Auch das haben König/Kitzinger gut erkannt: Die Frage nach dem Islam ist eine eminent politische Gegenwartsfrage und die historische Forschung zu dem von Gouguenheim angesprochenen Thema ist es demzufolge natürlicherweise auch. Mit welchem Recht aber sollte man diese Frage autoritativ – hier: mit der Autorität ›der Wissenschaft‹ – entscheiden?
Wenn sie – und die anderen, die sich über Gouguenheim echauffieren – jetzt jedoch versuchen, mit ›wissenschaftlichen‹ Argumenten Gouguenheims Arbeit als ›unwissenschaftlich‹ in Misskredit zu bringen, so ist eine Form der Zensur. Dass sich der Verlag mit dem Nachwort eine beispiellose Stillosigkeit erlaubt hat, ein unerhört illoyales Verhalten gegenüber dem eigenen Autor, sei nur am Rande bemerkt. Aber es passt ins Bild. Vor diesem Hintergrund – und eigentlich schon losgelöst von der verhandelten Frage – gilt deshalb alle Sympathie der These Gouguenheims. (Übrigens: Der Versuch, bestimmte Gedanken zu unerlaubten Gedanken zuerklären, ist nicht neu. Man kennt das vom Versuch, Kritiker der Evolutionstheorie zum Schweigen zu bringen.)