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Erimar v. der Osten
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Prisoners of our minds
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AllgemeinBildungWirtschaftspolitikJungen Menschen sei bewusst geworden, dass “irgendetwas in unserem Umgang mit der Natur nicht stimmt” sagte der Papst in seiner Rede im Deutschen Bundestag. Die Bedeutung der Ökologie sei inzwischen unbestritten.
Kein Wunder angesichts Studien, die beispielsweise weltweit bis 2050 einen Waldverlust von 230 Millionen Hektar prognostizieren (WWF) oder Verluste des sog. Naturkapitals in Höhe von mehreren Billionen Euro pro Jahr feststellen (EU-Studie "The Economics of Ecosystems and Biodiversity" -TEEB). Diese Verluste betreffen nun mal die Jugend und ihre Zukunft viel stärker, als sie etwa heutige Rentner berühren.
Am Tag nach seiner Ansprache schrieb die Berliner Morgenzeitung „Der Papst lobt die Öko-Bewegung“, die Süddeutsche Zeitung stellte fest „Papst würdigt die deutsche Umweltbewegung“ und Berichterstatter anderer Medien sahen in seinen Äußerungen gar eine “Überraschung”. Bei der Fraktion der Grünen/Bündnis 90 lösten seine Bemerkungen spontan Applaus aus.
Abgesehen von dem vorbildlichen Engagement einiger Gruppierungen innerhalb der katholischen Kirche, tat sich der Vatikan bislang nicht als tatenreicher Fürsprecher in Sachen Umwelt und Sicherung natürlicher Ressourcen hervor. Dennoch hat Papst Benedikt XVI seit der Inbesitznahme der Leitungsgewalt der römisch-katholischen Kirche einige richtungsweisende Gedanken für sein Verständnis des Verhältnisses Mensch-Umwelt verlautbaren lassen.
Bereits vor zwei Jahren veröffentlicht der Papst die Caritas in veritate (lat. „Die Liebe in der Wahrheit“), seine dritte Enzyklika; und seine erste, die sich unmittelbar mit wirtschaftlichen Fragen und deren Auswirkung auf die Umwelt befasst. Allein das ist segensreich. Kern seiner Botschaft ist, dass der globale „westlich“ geprägte Kapitalismus sich an christliche Wertvorstellungen orientiere solle, um im Ergebnis „gerechter“ zu sein. Fragen der Globalisierung ziehen sich wie ein roter Faden durch die gesamte Schrift, die sich erstaunlich konkret mit Wirtschaft, Finanzen, Umwelt, Kultur und Religion beschäftigt.
Das Phänomen der Globalisierung beschreibt der Papst u.a. wie folgt:
„In unserer Zeit sieht sich der Staat mit der Situation konfrontiert, sich mit den Beschränkungen auseinandersetzen zu müssen, die der neue internationale ökonomisch-kommerzielle und finanzielle Kontext seiner Souveränität in den Weg legt – ein Kontext, der sich auch durch eine zunehmende Mobilität des Finanzkapitals und der materiellen wie nicht materiellen Produktionsmittel auszeichnet. Dieser neue Kontext hat die politische Macht der Staaten verändert.“
Es überrascht nicht, dass Benedikt XVI glaubt, römisch-katholische Einblicke in das menschliche Verhalten könnten helfen, die Schwächen unserer globalen Wirtschaftssysteme zu überwinden und sich auf die Gerechtigkeit für die Schwachen, sei es in unserer Gesellschaft, sei es im „globalen Süden“ (wo die Kirche im Gegensatz zur „nördlichen Hemisphäre“ wächst und gedeiht) zu besinnen. In Freiburg sagte der Papst, die Kirche müsse sich immer wieder neu den Sorgen der Welt öffnen und sich ihnen ausliefern.
Papst Benedikt XVI rief in der als Konzerthausrede bekannt gewordenen Ansprache in Freiburg zur Entweltlichung auf und warnte davor selbstgenügsam zu werden. Einen Augenblick lang meinte man Martin Luther zu hören. Es war ein großartiges Petitum, gängige Maßstäbe und Routinen zu überdenken: „Die von ihrer materiellen und politischen Last befreite Kirche kann sich besser und auf wahrhaft christliche Weise der ganzen Welt zuwenden, wirklich weltoffen sein.”
In Caritas in veritate meint Papst Benedikt XVI, Gerechtigkeit und Gemeinwohl müssen gewährleistet sein, damit das Prinzip der in der Wahrheit verankerten Liebe in Maßstäben sozialen Handelns Gestalt annehmen könne. Ohne die Wahrheit drohe die Liebe sentimental zu sein. Sie sei dann zwar für die Entwicklung der Gerechtigkeit und des Gemeinwesens nützlich, aber letztendlich entbehrlich. In anderen Worten: Liebe muss wehrhaft sein. Sie erhebt den Anspruch, die Wahrheit zu verteidigen, der Gerechtigkeit zu dienen.
„Die Kirche vertritt seit jeher, dass die Wirtschaftstätigkeit nicht als antisozial angesehen werden darf. Der Markt ist an sich nicht ein Ort der Unterdrückung des Armen durch den Reichen und darf daher auch nicht dazu werden. Die Gesellschaft muss sich nicht vor dem Markt schützen, als ob seine Entwicklung ipso facto zur Zerstörung wahrhaft menschlicher Beziehungen führen würde. Es ist sicher richtig, dass der Markt eine negative Ausrichtung haben kann, nicht weil dies seinem Wesen entspräche, sondern weil eine gewisse Ideologie ihm diese Ausrichtung geben kann. Es darf nicht vergessen werden, dass es den Markt nicht in einer Reinform gibt. Er erhält seine Gestalt durch die kulturellen Gegebenheiten, die ihm eine konkrete Prägung und Orientierung geben.“
Paul VI, auf dessen Enzyklika Populorum progressio (1967) die dritte Enyzyklika des gegenwärtigen Papstes aufbaut, betonte bereits die Gerechtigkeit als Maßstab für die Liebe – gewissermaßen Gerechtigkeit als Nagelprobe der Liebe: ohne Gerechtigkeit keine wahre Liebe -- die Liebe schließt die Gerechtigkeit ein, Ungerechtigkeit widerspricht ihr. Da die Menschen in eine Gesellschaft eingebunden seien und nur in ihr zu ihrem Wohl gelangen könnten, wäre die Orientierung auf das Gemeinwohl als Voraussetzung für das Wohl des Einzelnen ebenfalls ein Erfordernis der Liebe.
Eine intakte Umwelt und die Bewahrung natürlicher Ressourcen wären demnach gesellschaftliche Ziele, die das Wohl anderer bedingten und somit einen menschlicheren Fortschritt ermöglichten. Diese werden einem Hedonismus und Konsumismus gegenübergestellt, die sich Schäden gegenüber gleichgültig erweisen.
Auf einen solchen Leitgedanken spielte auch der US-Präsident Obama an, als er in seiner Antrittsrede sagte:
„Nor can we consume the world’s resources without regard to effect. For the world has changed, and we must change with it.“
(Übersetzung: Auch können wir die Ressourcen der Welt nicht verbrauchen, ohne auf die Konsequenzen zu achten. Denn die Welt hat sich geändert, und wir müssen uns mit ihr ändern.)
Barack Obama verweist auf die sog. negativen Externalitäten. Als solche werden die Effekte wirtschaftlicher Aktivitäten bezeichnet, die unbeteiligten Dritten ungerechtfertigte Kosten bescheren, wenn Produzenten mangels wirtschaftspolitischer Regelung die Freiheit nutzen, bei der Preisbildung nur die ihnen tatsächlich entstandenen betriebswirtschaftlichen Kosten, nicht aber die darüber hinaus anfallenden sozialen und ökologischen Kosten zu berücksichtigen.
Nach der BP Öl-Pest im Golf von Mexiko bewertete ein Analyst von JP Morgan Chase den Beitrag der Aufräumarbeiten zur Erhöhung des Bruttoinlandprodukt (BIP). Es ergab sich ein positiver Effekt von mehreren Milliarden USD. Diese Sichtweise verdeutlicht die Unzulänglichkeit des BIP als Maß des gesellschaftlichen Wohlergehens. BIP-Statistiken liefern wertvolle historische Daten, auf die jeder Ökonom angewiesen ist. Das gegenwärtige BIP-Modell muss aber reformiert und aussagekräftiger gestaltet werden. Anfang des Jahres konstituierte sich eine Enquete-Kommission des Bundestages, die bis zum Ende der Legislaturperiode im Jahr 2013 neue Messgrößen für Wohlstand und Lebensqualität erarbeiten soll.
Ende 2010 hat Papst Benedikt XVI eine Botschaft mit dem Titel „Willst du den Frieden fördern, so bewahre die Schöpfung“ veröffentlicht. Der Mangel an Bewusstsein für die Gesundheit des Planeten sei „nicht weniger besorgniserregend“ als „Kriege, internationale und regionale Konflikte, Terrorakte und Menschenrechtsverletzungen“.
Nur durch weltweite verantwortungsvolle Zusammenarbeit und den Einsatz jedes Einzelnen könne die Zerstörung der Erde verhindert werden. Dazu bedürfe es einer „globalen Solidarität“. Dies ist der Versuch, dem modernen Kapitalismus ein soziales, der Gerechtigkeit gewidmetes Antlitz zu geben. Das würde nahezu jeder unterstreichen – zumindest in der Theorie.
Ein paar Wochen vor der Veröffentlichung der "Caritas in veritate", forderte der am Vatikan wohlgelittene Katholik und Jurist Ernst-Wolfgang Böckenförde, ehemaliger Richter am deutschen Bundesverfassungsgericht (und mit Richterkollegen wie u.a. Konrad Hesse und Ernst Benda eines der bedeutenderen Intellektuellen, die die Rechtsprechung des BVerfG seit seiner Entstehung vor 60 Jahren maßgeblich geprägt haben), ein Manifest gegen den Kapitalismus „westlicher“ Prägung.
Böckenförde beschreibt in seinen Schriften den „westlichen“ Kapitalismus nicht als ein System, das ein wenig korrigiert werden müsse, sondern eines, das an seinem Ausgangspunkt komplett überholt werden müsse, da das System die Solidarität der Menschen mit- und untereinander nicht als strukturierendes Prinzip voraussetze, weswegen es im Ergebnis unmenschlich sei. (Siehe u.a. „Woran der Kapitalismus krankt“, Süddeutsche Zeitung vom 23.04.2009)
Der Erfolg und die Verbreitung des Kapitalismus sei - verkürzt ausgedrückt - ihrer Flexibilität gezollt. Sie funktioniere in der Demokratie und in der Diktatur gleichermaßen. Böckerförde bestreitet keineswegs, dass die (bereits von Adam Smith vorgegebenen) Anreiz- und Sanktionsmechanismen als Regulativ gute und oftmals hinreichende Dienste leisten. Auf lange Sicht sei aber der unmenschliche Charakter des Kapitalismus für die Gesellschaft destruktiv, weil sie die funktionale Logik aller nicht-kapitalistischen Strukturen überlagere und zerstöre.
Böckenfördes Beitrag kam zu einer Zeit nach der Finanzkrise 2008, als für einen kurzen Moment alles, das das Verhältnis Wirtschaft-Gesellschaft betrifft, auf den Prüfstand kam: das Wesen der Märkte, des Geldes, der Schulden; zu einer Zeit, als gesellschaftskritische Ideen der 70er Jahre ihre Wiedergeburt erlebten.
Auch für Böckenförde ist die vorherrschende Wirtschaftsform nicht nur eine wirtschaftliches, sondern stets zugleich ein gesellschaftliches System, weil es zu einer weitreichenden Kommerzialisierung der Gesellschaft führe. Man spricht auch von einer „Kommodifizierung“, die selbst persönliche zwischenmenschliche Beziehungen erfasst. Die in Teilen der Welt beschleunigte Zerstörung der Umwelt sieht Böckenförde als Konsequenz globaler sozio-ökonomischer Systeme, die in ihren Grundfesten erkrankt seien, was sich negativ auf deren zweckrationalen Orientierung und deren systemformenden Kräfte auswirke.
Er plädiert für eine Aktionsstrategie, wonach die Güter der Erde, also Natur und Umwelt, Bodenschätze, Wasser und Rohstoffe nicht zunächst denen, die sie besitzen und benutzen, sondern allen Menschen zu gewähren seien, um Grundbedürfnisse zu befriedigen und den Erwerb von Wohlstand für alle zu ermöglichen.
Böckenförde fordert – und vollzieht in diesem Punkt den Schulterschluss mit dem Papst - die Solidarität der Menschen miteinander müsse den grundlegenden Bezugspunkt eines Wirtschaftssystems darstellen. Solidarität dürfe nicht zu einem Abfallprodukt der antisozialen Systeme, also nicht nur zu einer schlichten Reparaturfunktion reduziert werden, sondern müsse selbst Ziel und Ausgangspunkt eines Wirtschaftssystems sein. Aus Solidarität sei auch die Umwelt zu schützen.
Das ist eine grundsätzlich andere Grundidee, als der moderne „westliche“ Kapitalismus vertritt, demzufolge alle Dinge sich ganz wesentlich aus der Befriedigung individueller Bedürfnisse ableiten lassen, es zugleich durch die „unsichtbare Hand“ des Marktmechanismus zu einer Maximierung des Gemeinwohls komme. Die Realität sieht oft anders aus. Jeder, der beispielsweise ein paar Jahre für ein international operierendes Unternehmen gearbeitet hat, weiß doch, wie einfach es ist, im internationalen Kontext Kausalitäten und Ketten von Verantwortlichkeiten zu verschleiern.
Weltweit werden Manager dafür bezahlt, möglichst viele Kostenfaktoren aus der eignen Bilanz zu halten und stattdessen der Allgemeinheit anzulasten – it doesn’t take a lot of brains. Wer das nicht hinkriegt, kommt im Unternehmen nicht weiter. Wer das erfolgreich macht, darf sein Gewissen – als Entschädigung für rücksichtsloses Verhalten –in einem Sustainability Steering Committee (für Top-Manager) oder Nachhaltigkeits AGs (für mittleres Management) beruhigen und fortan damit brüsten –- Ausnahmen bestätigen die Regel. Viele Unternehmen kollidieren erst gar nicht mit Umweltzielen.
Aber wie – um Gottes Willen - gelangen wir weltweit zu Gesellschaftsformen, die nicht primär aufgrund regulativer Anreiz- und Sanktionsmechanismen zum Gemeinwohl beitragen, sondern ganz zentral auf Solidarität beruhen. Und wie gewinnen wir aus dem Solidaritätsprinzip einen länderübergreifenden Ansatz?
In Deutschland gibt es mehrere tausend Wasser- und Bodenverbände. Ihre Rechtsgrundlage haben sie in einem Bundesgesetz sowie den entsprechenden Ausführungsgesetzen der Länder. Die einzelne stakeholder verfolgen häufig völlig konträre Interessen. Das geht schon damit los, dass beispielsweise Waldeigentümer in Generationen denken, während Landwirte auf Pachtflächen oftmals nur in Jahren planen. Beide mögen grundlegend andere Vorstellung über die Allokation von Wasser haben. Der eine wird das Wasser bei sich binden, der andere eher abgeführt sehen wollen. Integrative Konzepte zu entwickeln, stellen dabei enorme Herausforderungen dar. Länderübergreifende Kooperation auf dem Wassersektor sind noch viel komplexer und oftmals politisch überlagert.
Ein anderes Beispiel: In Deutschland kennen wir das auf Solidarität beruhende finanzpolitische Instrument des Länderfinanzausgleichs, ferner den Solidaritätszuschlag (Soli). Es ist schwer genug den Münchner zu überzeugen, sich für den Ost-Uckermärker zu strecken. Die aktuellen Debatten um den bisherigen European Financial Stability Facility-Mechanismus (EFSF) und dem Europäischen Stabilitätsmechanismus (ESM) zeigen auf, welche kaum lösbare Herausforderung darin liegen, Bürger eines EU-Mitgliedstaates zu gewinnen, sich mit Bürgern eines anderen EU-Mitgliedes innerhalb des EURO-Raumes solidarisch zu erklären. Umso schwieriger ist es, Opfer für Menschen auf anderen Kontinenten zu erbringen. Oftmals scheint der Nationalstaat die größte gesellschaftliche Einheit zu sein, in der solche Form der staatlich verordneten Solidarität noch einigermaßen funktioniert.
Auf Solidarität beruhende Ansätze über Sprachräume und Kulturgrenzen hinweg sind regelmäßig nur im Rahmen eines Regimes mit international verbindlichen Regeln möglich. Voraussetzung ist, dass Regelungen, soweit sie auf Solidarität basieren und Sonderopfer beinhalten, sich auch rechtswirksam durchsetzen lassen. Außerhalb einzelner Wirtschaftsräume (EU) ist dies primär nur durch das Regime der Welthandelsorganisation (WTO) erreichbar, weil diese, im Gegensatz zu den Vereinten Nationen und anderen supranationalen Organisation, Rechte und Ansprüche mittels der Streitschlichtungsgremien auch durchsetzen kann. Im Fokus der WTO steht die verbindliche Regelung von Handels- und Wirtschaftsbeziehungen und nicht von Allgemeingütern, um deren Schutz und gerechte Verteilung es geht, wenn wir uns solidarisch verhalten wollen.
Wenn nahezu alle Verhältnisse in unserer überwiegend marktwirtschaftlich geprägten Welt sich aus der Befriedigung individueller Bedürfnisse ableiten lassen, dann fragt sich, warum der Einzelne, der ja nur systemkonform nach der Erfüllung seines eigennützigen Individualismus strebt, in Solidarität mit anderen zurückhaltend sein soll; warum die Gemeinschaft ihr moralisches Kapital regenerieren sollte; oder warum wir unsere Ökosysteme bewahren sollten, es sei den, wir werden von normativen Strukturen – wie schon Adam Smith in Wealth of Nations vorsah - dazu angeleitet? Etwas zugespitzt - reicht es Sanktionen ausgesetzt zu sein, wenn wir uns nicht sozial, gerecht oder umweltschonend verhalten? Müsste es nicht mehr strukturelle Anreize geben.
Top-Manager werden nicht bezahlt, damit sie sich in Solidarität üben, sondern möglichst hohe Gewinne für ihre Unternehmen einzufahren. Dies gilt heute in aller Regel auch für von der öffentlichen Hand kontrollierte Betriebe. Insoweit hören sich die Ansätze von Böckenförde wie sympathische, aber utopische Beiträge eines Intellektuellen an. Konservative dürfte darin sogar kommunistisches „Teufelszeug“ erblicken.
Sind in der westlichen Hemisphäre nicht längst die meisten Bürger/Konsumenten/Marktteilnehmer „prisoners of their minds“, die sich kaum eine Welt vorstellen können, die nicht primär marktwirtschaftlich geprägt ist, weil sie erahnen, dass eine Abkehr davon jeden Aspekt ihres Lebens verändern würde?
Ein anderer großer Denker und Jurist der Gegenwart, James Gustave Speth, ehemals Dekan der Yale School of Forestry und Environmental Studies an der Yale University, New Haven, Connecticut und Gründer des World Resources Institutes, einer renommierten Denkfabrik in Washington, D.C., gehört zum intellektuellen Establishment seines Landes - vergleichbar mit Ernst Böckenförde hierzulande.
Wie kein andere versteht Speth wie Washington funktioniert, soweit es um Umweltfragen geht. Er weiß, wie es in den Maschinenräumen der zwei großen Parteien zugeht. Seit den 70er Jahren ist kaum ein wichtiges Umweltgesetz ohne sein Zutun auf den Weg gebracht worden. Ihm ging es schon immer viel mehr um die ökologische und weniger um die sozialen Ungleichgewichte in unserer Welt.
In seinem 2008 erschienenen Buch "The Bridge at the Edge of the World" argumentiert Speth, die Gesellschaft habe es versäumt, den modernen Kapitalismus westlicher Prägung soweit zu beschränken, dass wenigstens die schwerwiegenden globalen Umweltprobleme vermieden werden können. Wie Böckenförde sagt auch er, die wichtigsten Akteure der gegenwärtigen Form des Kapitalismus nutzten erfolgreich ihre politische Macht, um umweltspezifische Einschränkungen zu blockieren oder geschickt zu umgehen.
Wie Böckenförde erkennt auch er Anzeichen für einen Zusammenbruch des vorherrschenden globalen sozio-ökonomischen Systems. Er kritisiert die Inkonsistenz eines Systems, das darauf abzielt, globale Homogenität statt Vielfalt zu schaffen; eine Welt, die blindlings auf Wirtschaftswachstum setzt und die Kehrseite der Medaille, nämlich Umweltzerstörung, geradezu leichtfertig in Kauf nimmt; eine Gesellschaft, die Wirtschaftswachstum ständig beobachtet, bis zur Dezimalstelle misst, das Ergebnis beklagt oder lobt, als schwach oder stark diagnostiziert, und „stark“ automatisch mit „gesund“ gleichsetzt. Er beschreibt Ökonomen, die zu sehr auf quantitatives und zu wenig auf qualitatives Wachstum fixiert sind.
Speth stünde nicht in der Tradition des klassischen angelsächsischen Pragmatismus, wenn er nicht konkrete Lösungsansätze zur Unterbindung der massiven Zerstörung der Umwelt böte. Diese Lösungen beinhalten sowohl einige reformistische Ideen im Rahmen der existierenden Strukturen als auch einige radikalere und umfassendere Forderungen, die u.a. auf Folgendes abstellen: Entwicklung einer Umweltökonomie, die die wahren Kosten aller Externalitäten zu berücksichtigen versucht („getting the prices right"); Einschränkung des physischen Durchsatzes; Neuausrichtung des Wirtschaftswachstums und der wirtschaftlichen Entwicklung auf soziale und ökologische Investitionen, die zur Einschränkung des Konsumismus und Materialismus führen; Veränderung der Unternehmensverfassungen, die sich – soweit sie gewinnorientiert sind – konstitutiv ein stückweit dem Gemeinwohl unterzuordnen haben; Veränderung kultureller Haltung gegenüber Wachstum und Umwelt. Zu jedem Ansatz liefert er zahlreiche Beispiele.
Kritiker seines Buches argumentieren, während der Kapitalismus nicht gerade freundlich mit unserem Planeten umgeht, tut und tat dies auch kein anderes Wirtschaftssystem, insbesondere seit Beginn der industriellen Revolution. Vielmehr sei es primär die große Zahl von Menschen, unabhängig von dem jeweiligen sozio-ökonomischen System, die die Hauptbelastung darstelle. Die Mayas haben – folgt man den einschlägigen agrar-ökologischen Erklärungsversuchen - durch Ausschöpfung ihrer Ressourcen ihren eigenen Niedergang bereitet; nordamerikanische Indianer, kaum hatten sie sich Pferde und Gewehre angeeignet, ihre eigenen Nahrungsgrundlagen dezimiert, nämlich die Büffelherden der nordamerikanischen Prärie; Irlands Wälder, heute nur ein kleiner Bruchteil des ursprünglichen Waldgebietes, wurden nicht von Kapitalisten abgeholzt, sondern von Engländern, die das Holz verwerteten und Ackerbau begründeten; Afrikas Wälder wurden primär Opfer des Bevölkerungsdrucks und erst sekundär des Treibens multinationaler Konzerne.
Einige der schlimmsten Umweltbilanzen verzeichnen sozialistische Länder, mit bedrohlichen Umweltschäden, wie wir sie von Tschernobyl bis zum Aralsee wahrnehmen. Großräumige Entwaldungen oder Wüstenbildungen in einigen ehemals afro-sozialistischen Ländern, insbesondere in Sub-Sahara, sind nicht minder schockierend.
Speth stellt all das nicht in Abrede, er ist vielmehr bemüht vor der eigenen Haustür zu kehren. Auch er weiß, dass die Attraktion unseres kapitalistischen Systems nicht nur eine ökonomische ist, sondern nahezu untrennbar mit Freiheit, Entlastung von ökonomischen Überlebensdruck und Demokratie verbunden ist. Länder, die diese Werte nicht hochhalten, sind auch nach seiner Ansicht zweifelhafte Demokratien. Die Bindung von Leistung und Person hat einerseits rücksichtlose Individualisierungstendenzen befördert, bei der Macht und Eigentum manchmal unerträglich nahe rücken, andererseits enorme Innovationskräfte freigesetzt – Voraussetzung des Fortschritts und der Wettbewerbsfähigkeit.
Allerdings empfindet Speth es als unverzeihlich, künftigen Generationen massive Schädigungen von Ökosystemen, wie sie sich in vielen Teilen der Welt darstellen, aufzudrängen. Dabei stellt er selbst klar, dass sie nicht ausschließlich der kapitalistischen oder einer anderen Wirtschaftsordnung gezollt sind.
Es lohnt sich danach zu fragen und forschen, welche Grundideen unserer Wirtschaftsordnung noch weiterhin lebensfähig sind, welche Teile grundlegend reformiert werden müssen, damit wir künftig weniger ökologischen Katastrophen erleben, die in der Regel mit großem menschlichen Leid einhergehen. Es lohnt sich zu ergründen, inwieweit sich die Ökologie der Wirtschaft unterzuordnen hat oder ob es nicht zu Gunsten unserer Nachfahren umgekehrt sein sollte.
Wir stehen am Anfang der Entwicklung neuer ökologischer Wirtschaftsmodelle. An vielen Forschungseinrichtungen wird nicht nur intensiv daran gearbeitet, es findet dank moderner Kommunikationsmittel und Web 2.0 Strukturen - deren Entstehung der freien Marktwirtschaft gezollt ist - ein interdisziplinärer länderübergreifender Austausch statt, wie keine Generation zuvor erlebt hat. Im Denken vieler Wissenschaftler löst sich der wissenschaftlich-technisch begründete Fortschrittsglaube durch Einsicht in systemtheoretische Prinzipien der globalen Beschleunigungskrise auf.
Bei einer Messe zum 25-jährigen Bestehen des vatikanischen Jugendzentrums San Lorenzo hat Papst Benedikt XVI die Anwesenden zu mehr sozialem Engagement aufgerufen: Liebe, Beziehungen und der Einsatz für andere seien viel erfüllender als Konsum und Grenzenlosigkeit.
Was es bedeutet, wenn viele Menschen rücksichtslos viel konsumieren kann mehr sehr plastisch auf folgendem video-clip bestaunen: ted.com
Ein Interview mit James Gustav Speth findet sich hier
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Kommentare (4)
Richard Floto, 17.10.2011 12:33
Sehr geehrter Herr von der Osten!
Bitte verzeihen Sie meine späte Antwort. Ich stimme Ihnen im Prinzip völlig zu. Nur, sie werden keine Diskussion eröffnen können, da alles viel zu abstrakt ist. Als Beispiel möchte ich den Blogger nennen, da in dieser Zeitschrift versucht hat, eine Diskussion über politische Systeme bzw. systematische Organisation der Politik zu initiieren. Praktisch ohne Erfolg. Deshalb hat er sich jetzt zurückgezogen. (Der Name ist mir leider entfallen).
Einen Aufhänger sehe ich in der jetzigen Schuldenkrise. Selbst die Hermann Ehlers Akademie in Kiel hat dies erkannt und schleswig-holsteinische so genannte Experten aufgefordert, Vorschläge auszuarbeiten, wie man die in Schleswig-Holstein ab 2020 geltende Schuldenbremse umsetzen kann, da man eingesehen hat, dass Sparen alleine nicht hilft. Die Ergebnisse sollen uns heute Abend vorgestellt werden.
Einen Ansatz bietet Prof. Jörn Kruse von der Helmut Schmidt Universität in Hamburg. Ich empfehle folgende Links:
www.hsu-hh.de/kruse
Email: joern.kruse@hsu-hh.de
Mit sehr freundlichen Grüßen bin ich
Ihr
R. Floto
Erimar v. der Osten, 07.10.2011 10:46
Zu Richard Flotos Beitrag: Es ist sicher richtig, bei der Betrachtung von „moralischen Grundsätzen“ zwischen der Wirtschafts- und Sozialsphäre zu unterscheiden. Für Böckenförde, Speth und andere ist die vorherrschende Wirtschaftsform nicht nur eine wirtschaftliches, sondern stets zugleich ein gesellschaftliches System, weil er eine weitreichenden Kommerzialisierung der Gesellschaft konstatiert. Im Fokus der Betrachtungen oben stehen globale sozio-ökonomischen Systeme. Hier interessieren mich Auswirkungen auf die Umwelt, insbesondere die in Teilen der Welt beschleunigte Zerstörung der Umwelt als mögliche Konsequenz sozio-ökonomischer Systeme, deren zweckrationalen Orientierung und deren systemformenden Kräfte. Dabei gilt es auch stärker zwischen langfristig geltenden Werten und Normen, die sich häufiger ändern und, wie Richard Floto anspricht, immer mehr Einzelfallregelungen beinhalten und unübersichtlich werden, zu differenzieren. Beide stellen zwar Verhaltensmusters dar, aber als Werte sehe ich eher Verpflichtungen innerhalb einer Wertegemeinschaft, während Normen – sowohl im nicht-juristischen Sinne als auch im juristischen Sinne - „lediglich“ bestimmte von der Gesellschaft aufgestellte Verhaltensweisen (Bsp. Begrüßungsformeln bzw. Verkehrsegeln) darstellen -- sollten auf Werte basieren. Hierüber müsste man in der Tat viel mehr diskutieren. Hinsichtlich beider gibt es global gesehen – aus meiner Sicht - große Unterschiede zwischen unterschiedlichen Kulturräumen – und viel Raum für Missverständnisse. Es gibt aber auch einen erstaunlich großen gemeinsamen Nenner über den es sich lohnt häufiger und intensiver nachzudenken. Dennoch bleibt die Umsetzung und Anwendung in bestimmten Situationen problematisch. Bei Normen ist es häufig einfacher: normenwidriges Verhalten wird regelmäßig sanktioniert oder belohnt. Hinsichtlich der Werte-Auswahl und angemessener Priorisierung ist es schon schwieriger, was sicherlich dazu beiträgt, dass häufig auf fremdbestimmte autoritäre Weltbilder zurück gegriffen werden – for better or for worse. Wir Abendländer sind vielleicht geneigt uns an Kants kategorischen Imperativ und an seine Metaphysik der Sitten zu orientieren, der zufolge Menschen Pflichten gegenüber anderen haben, u.a. die Sekundärtugenden Fleiß, Pünktlichkeit, Zuverlässigkeit, allerdings um den Preis des Risikos übertriebenen Gehorsams und vermeintlicher Pflichterfüllung. Und dann sind da die Tugenden, die Aristoteles so bewunderte, nämlich Tapferkeit, Besonnenheit und Großzügigkeit oder die Lieblingstugenden der Stoiker - Gerechtigkeit und Menschenliebe. Darüber kann man nie genug diskutieren. Jeder Elterngeneration stellen sich diese Fragen aufs Neue - ein weites Feld.
Richard Floto, 06.10.2011 12:11
Ein Aufsatz, der zum Nachdenken anregt, aber, wie ich meine, auch zum Widerspruch reizt. Richtig ist auf alle Fälle, dass wir wieder zu den moralischen Grundsätzen zurückkehren müssen, welche unsere Gesellschaft zusammenhalten, seien sie christlich, seien sie humanistisch. Diese werden aber nicht nur im Kapitalismus sondern im gesamten sozialen Bereich missachtet. Ich erinnere an das Schimpfwort von den „Sekundärtugenden“ oder an das Ideal der Selbstverwirklichung ohne an den Nachbarn zu denken: nur ich, ich, ich! Weiter an die exzessive. Auslegung des Rechts der freien Meinungsäußerung durch das Bundesverfassungsgericht ohne letztlich Rücksicht auf die Ehre anderer Menschen zu nehmen (Soldaten sind Mörder) weiterhin Verletzung des nach dem Kriege aus der Erfahrung mit der Nazirechtsprechung entwickelten Grundsatz, dass eine Ausnahme von den allgemeinen Gesetzen nur erlaubt ist, wenn es vom Gemeinwohl gefordert wird, wie zum Beispiel die Ehe als Ausnahme von den allgemeinen Gesetzen, welche die Zusammenarbeit der Menschen auf allen Gebieten Regeln, denn trotz allen, was zur Zeit geschieht, ist die Ehe und Familie immer noch die Grundlage jeder gesellschaftlichen Ordnung. Schwulengemeinschaften zum Beispiel dienen dem Gemeinwohl in keiner Weise. Der Ansatz der Gleichberechtigung, welche die Gerichte anwenden, ist völlig verkehrt. Aber, der Grundsatz, dass Gesetze, um gerecht sein zu können, so allgemein gehalten werden müssen, dass deren Unterworfene nicht erkennbar sind (abstrakte Gesetze) ist im Laufe der Zeit verloren gegangen, weil man immer mehr glaubte, Einzelregelungen einführen zu müssen, die notwendigerweise immer weitere Einzelregelungen nach sich ziehen und zu einem unübersichtlichen Wust von Regelungen führen, den wir heute haben. Das ist ein sehr großes Problem und müsste gelöst werden. Aber wie?
Solange der Vorstandsvorsitzende eines großen deutschen Konzerns im kleinen Kreis offen zugibt, dass sein Entscheidungshorizont nur bis zur Verlängerung seines Vertrages reicht und die Bundeskanzlerin wie viele andere Politiker auch offensichtlich ihre Entscheidungen fast ausschließlich daran ausrichten, wie sie ihrer Wiederwahl bzw. Machterhalt fördern oder behindern, ist kaum eine Besserung zu erwarten. Deshalb begrüße ich sehr, dass Erimar Osten sich des Themas annimmt. Vielleicht kann man dort eine Diskussion eröffnen, die zielführend ist
ich, 06.10.2011 11:20
willst du den Frieden fördern so gibt dein Leben ganz in Jesu Hand und lass dich von IHM verändern. Würde der Papst das endlich mal tun und auch mal seine Bibel richtig lesen könnte manches anders werden. Aber da er sich als das Goldene Kalb feiern lässt und nur eine Religion verherrlicht kann sich nichts ändern. Wenn er ehrlich wäre würde er seinen Posten abgegeben, denn die Bibel kennt keinen Papst. Der ist von der Katholischen Kirche gemacht, um die macht über die Gläubigen auszuüben. Jesus hat sich nicht so vermarkten lassen. Er hat sein Leben in Abhängigkeit vom Vater geführt und den Menschen gedient. Seine Reisen haben andere nicht Millionen gekostet.
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