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27.05.2012
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     Birgit Kelle
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150 Euro sind ein Witz
Weitere Themen: Bildung, Reformen, Familie

Während sich in allen Parteien die Gegner des geplanten Kinder-Betreuungsgeldes sammeln und zum Gegenschlag, sprich zur Streichung aufrufen, noch bevor die umstrittene »Herdprämie« tatsächlich 2013 in Kraft tritt, wagte die bayerische Sozialministerin Christine Haderthauer einen Schritt nach vorne: Anfang der Woche forderte sie nicht nur 150 Euro, sondern sogar 500 Euro Betreuungsgeld ab dem Jahr 2013. Endlich, kann man da nur sagen. Endlich findet sich mal eine Politikerin, die den Eltern in Deutschland nicht mit reflexhaftem Misstrauen begegnet, sondern stattdessen honorieren will, dass sich diese in der großen Mehrheit mit viel Geld, Zeit und Liebe um ihre Kinder kümmern.

Gut – der Vorschlag von Frau Haderthauer überlebte keine 24 Stunden im medialen Mainstream. Dann vermeldete die Presse bereits, dass die CSU-Frau zurückrudere. Sie fordere derzeit keine massive Aufstockung mehr und 500 Euro Betreuungsgeld seien unter den jetzigen finanziellen Gegebenheiten leider nur »Zukunftsmusik«.  Was auch immer zu diesem offensichtlichen, plötzlichen Sinneswandel führte, richtig bleibt dennoch Haderthauers entscheidender Hinweis: »Jeder Krippenplatz kostet im Monat 900 bis 1.000 Euro. Die Betreuung durch die Eltern sollte uns zumindest halb so viel wert sein.«

Es ist ein Witz, mit welchem Betrag der Staat die Eltern abspeisen will, wenn man bedenkt, was er bereit ist auszugeben, wenn wir unsere Kinder in seine Obhut geben. Es wäre also für den Staat deutlich kostengünstiger, Betreuungsgeld an die Mütter und Väter zu zahlen, dennoch tut sich die Politik schwer, den Eltern Bargeld in die Hand zu geben. Über allem schwebt der teilweise unausgesprochene, teilweise aber auch deutliche Vorwurf, Eltern würden in so einem Fall das Geld einsacken und verantwortungslos verschleudern für Flachbildschirme und Ähnliches. Man traut uns nicht zu, ein paar hundert Euro mehr im Monat vernünftig zu verwalten. Da die Kosten offenbar in dieser Debatte nicht ausschlaggebend sind, muss es andere Gründe geben, warum der Staat einer Betreuung in seinen eigenen Einrichtungen Vorrang gibt vor der Fürsorge zu Hause durch die Eltern.

Wahlfreiheit, es ist das Schlagwort, das immer fällt, wenn es um die Einrichtung neuer Kindergartenplätze geht – als ob es keine Alternative gäbe zur staatlich organisierten Kinderbetreuung. Wahlfreiheit – kaum ein Wort wird mehr missbraucht. Wahlfreiheit, so wird uns erklärt, bedeute, dass die Frauen sich durch die Schaffung von Kita-Plätzen jetzt endlich entscheiden könnten, ob sie lieber nutzlos zu Hause bleiben oder produktiv erwerbstätig werden, denn der Staat nimmt ihnen die Betreuung der Kinder ab.

Nur eine Wahl ist in diesem Gedankenspiel nicht vorgesehen: Die Mütter und auch Väter, die sich gerne selbst um ihre Kinder kümmern würden. Die haben keine Wahl. Denn der Staat sagt, wir helfen dir durch einen Kitaplatz, der kostet in NRW zum Beispiel 11.000 Euro im Jahr. Und dann kannst du arbeiten gehen. Oder du nimmst den Kindergartenplatz nicht, aber dann helfen wir dir auch nicht. Das klingt für mich nicht nach freier Wahl, sondern eher nach Erpressung!

Der Staat will nicht, dass die Mütter lange zu Hause bei ihren Kindern bleiben, denn dann bleiben sie dem Arbeitsmarkt fern, zahlen nicht in die Sozialsysteme ein und helfen auch nicht, den Fachkräftemangel zu beheben. Es sind in Wahrheit ganz andere Ziele wichtiger, wenn es um die kostengünstige Betreuung von Kindern, und das möglichst flächendeckend, geht.

Es geht hier weder um das Wohl der Kinder, noch um das Wohl der Familien.

Alle europäischen Staaten haben im Wesentlichen zwei Probleme, die man sich eigentlich vorgenommen hat, zu beheben: Den demographischen Wandel und den Fachkräftemangel, der durch die demographische Krise zusätzlich verstärkt wird. Hinweise dazu finden sich im Vertrag von Lissabon, in den OECD-Studien, in regelmäßigen Berichten zur Lage der Gleichstellung – sprich in allen EU-Dokumenten. Dabei buhlen bei den Lösungsansätzen alle politischen Strategen um ein und die selbe Masse Mensch: Die europäische Frau im leistungsfähigen und gebärfähigen Alter zwischen 20 und 40 Jahren. Sie soll einerseits arbeiten gehen, andererseits aber gleichzeitig Kinder bekommen, somit also zwei Fliegen mit einer Klatsche treffen. Das ganze hübsch zurechtgelegte System bricht zusammen, wenn die Frauen sich nicht an die Vorgabe halten, möglichst schnell auf ihren Arbeitsplatz zurück zu kehren und stattdessen mehrere Jahre im Erwerbsleben pausieren.

Ja, wir Mütter sind schon reaktionäre Wesen, verweigern uns einfach den Anforderungen des Marktes, und anstatt unsere Verantwortung für das Kollektiv wahrzunehmen, verschwenden wir unsere Arbeitskraft stattdessen an unsere Kinder. Damit uns diese Flausen ausgetrieben werden, wird es für uns finanziell einfach unmöglich gemacht, lange bei unseren Kindern zu bleiben, so dass wir – siehe oben – gezwungen sind, auf  das Kita-Platz-Angebot des Staates einzugehen, wenn die Familie sich etwas anderes nicht leisten kann.

Doch zurück zum Betreuungsgeld, der so genannten »Herdprämie«. Blicken wir doch einfach mal ins Ausland und schauen, was unsere Nachbarn, bei denen die Geburtenrate deutlich höher ist als bei uns, so alles in der Familienpolitik tun. Wird uns nicht immer vorgehalten, von den skandinavischen Ländern lernen, heiße angeblich siegen zu lernen? Na, dann lasst uns lernen: Denn während sich bei uns noch eine ganze feministisch geprägte Frauengeneration am Begriff der »Herdprämie« abarbeitet und Tausende von Müttern damit diffamiert, hat man sie in Skandinavien schon lange erfolgreich eingeführt:

In Finnland gibt es etwas Derartiges seit 1985, in Norwegen seit 1998, in Dänemark seit 2002 und in Schweden seit 2008. Gezahlt werden unterschiedliche monatliche Beträge im Rahmen zwischen 160 und über 400 Euro und, je nach Land, entweder für Kinder bis drei Jahre oder auch bis sechs Jahre. Gezahlt wird an diejenigen, die die staatliche Betreuung nicht in Anspruch nehmen und die Betreuung selbst übernehmen. Bezahlt werden auch Tagesmütter, und wenn man doch auch ein paar Stunden Kindergarten in Anspruch nimmt, wird der Betrag entsprechend der genutzten Stundenzahl gekürzt.

Je nach Land und Kommune gibt es recht unterschiedliche Ausführungen dieses Betreuungsgeldes, aber die Grundaussage ist jedenfalls ein und die selbe: Der Staat stellt eine Summe zur Verfügung, um die Eltern bei der Betreuung der Kinder zu unterstützen. Wie die Eltern diesen Betrag einsetzen, ob sie eine Kita nutzen, ob sie es der Oma geben, der Tagesmutter, dem Au-Pair-Mädchen oder ob sie das Geld selbst behalten, ist Privatsache. Na, geht doch, möchte man ausrufen! Lasst es uns den Skandinaviern gleichtun.

ursprünglich erschienen auf www.kopp-online.com



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Kommentare (11)




 
  Kommentare (11)

Dr. med. Dorothea Böhm, 28.09.2011 23:56
Danke für diesen Artikel. Wenn wir die Familienerziehungsarbeit nicht deutlicher anerkennen und gerechter entgelten, werden wir immer mehr junge Leute davon abhalten, Familien zu gründen. Wer hat schon Lust, sich chronisch ausbeuten zu lassen...?! Allem familienministerialem Propaganda-Gesäusel vom Umfang der Familienleistungen zum Trotz: Menschen mit Kindern sind zu allen Zeiten im Leben finanziell ärmer als Menschen ohne Kinder.

RealDeal, 27.09.2011 13:23
@Friedrich Dominicus
War auch nicht als Widerspruch gemeint, eher bestätigend.


Friedrich Dominicus, 27.09.2011 12:13
@RealDeal Nun ja dann sehe ich die Lösung eher in weniger Umverteilern und Umverteilereien und da habe ich glaube ich deutlich gemacht.

RealDeal, 27.09.2011 10:50
@Friedrich Dominicus
Sie schreiben "Ich bin gegen die Transferzahlungen für was auch immer. Irgendwo, kommt irgendwie, irgendwer immer schlechter weg ..."

Das liegt daran, dass beim Umverteilungsprozess DREI Parteien beteiligt sind: Der Empfänger von Transferleistungen, der zwangsweise teilenteignete Geber und last but not least der Umverteiler selbst. Dieser streicht einen nicht unerheblichen Anteil der Umverteilungsmasse ein, als man in the middle sozusagen. Der Umverteiler ist der eigentliche Gewinner dieses Systems. Für den Umverteiler ist es so lohnenswert, dass sich eine regelrechte Umverteilungsindustrie gebildet hat. Eine Industrie ohne jegliche Wertschöpfung. Zum Vergleich mit der Kaiserzeit (aus Bödecker): Beschäftigte in Bereichen, die einen Mehrwert erzeugen: Deutschland 1914-> 42 Prozent. Deutschland 2000->17 Prozent. Den heutigen Wertschöpfern wird die Luft immer enger, sie können die Umverteilungsindustrie schlichtweg nicht mehr finanzieren. Das Geld, das immer "da" ist, reicht ohnehin nie: Im Umverteilungsparadies Deutschland kommt es bei Rekordsteuereinnahmen zu Rekordneuverschuldungen im Jahrestakt. Kein Bürgerfleiß reicht aus, den Umverteiler dauerhaft zu füttern.


RealDeal, 27.09.2011 09:04
Frau Kelle,
die vielstrapzierten Parolen "Das Geld ist da" und "Dafür ist Geld da" ebenso wie "Geld reinstecken" entspringen einem grundlegend falschem Denkansatz. Das Geld ist nämlich schon lange nicht mehr "da". Es wird einfach gedruckt, und die 150 EUR, die Sie als Witz bezeichnen, werden noch witziger werden, wenn der Cantillon-Effekt greift und die Inflation zur Teurung wird. Dann sind 150 EUR wirklich ein Witz.


Friedrich Dominicus, 26.09.2011 13:47
Sehr geehrter Freau Kelle, der Staat spart nicht wenn er weniger umverteilt. Irgendwer muß auch die 5000 ¤ aufbringen.

Nein nicht mehr Umverteilerei sondern sollte angesagt sein und damit ist jedwege Umverteilung gemeint. Also kein Geld mehr nach Griechenland (wer das will soll das "privat" tun).

Ich selber habe drei Kinder und wäre "nur" zufrieden wenn meine Steuern leidlich "gerecht" wären, ich aber im Großen und Ganzen einfach in Ruhe gelassen werde. Ich kümmere mich schon, ich verlange aber nicht, daß mich Andere dafür "bezahlen".

Ich bin gegen die Transferzahlungen für was auch immer. Irgendwo, kommt irgendwie, irgendwer immer schlechter weg und ich finde, man MUSS sich nicht auf Kosten Anderer bereichern.


Birgit Kelle, 26.09.2011 12:30
@Gladstone: Doch das kann der Staat sich leisten. Das Geld ist da, die Frage ist, wofür geben wir es aus. Der Staat würde 11.000 Euro investieren jährlich, wenn ich mein Kind in eine KITA gebe und will das auch noch als Rechtsanspruch in einem Gesetz zementieren. Wenn er mir auch nur die Hälfte gibt, orgenisiere ich meine Kinderbetreuung selbst. Der Staat spart also 50 Prozent. Will er aber nicht.

Gladstone, 26.09.2011 11:01
Das ist kein Witz, das ist viel Geld für ein Land, das im Grunde auch pleite ist. Zusätzliche Ausgaben kann Deutschland sich nicht leisten. Die Kosten für die Kinderbetreuung zahlen nämlich die Kinder selbst später mit Zins und Zinseszins zurück. Ich denke, dass können die Eltern nicht wollen.

Petra, 25.09.2011 09:28
Die Einstellung der Grünen zur Natur!

Quelle: http://www.kopp-online.com/hintergruende/deutschland/torben-grombery/westerwaelder-vogelschredder-gruene-volkserzieher-drehen-durch.html


Frank Martin, 24.09.2011 14:54
Es kann nicht darum gehen, beim Umverteilungsspiel etwas mehr zu bekommen, sondern darum, dass den Eltern weniger genommen wird. Der gefräßige Sozialstaat wird nicht durch seinen Ausbau zugunsten von Eltern entschärft. Wer Zeit für die Kinder erübrigen will, der kann nicht nur darauf hoffen, daß andere dies bezahlen, sondern er muss beim Arbeiten, Sparen und Investieren ungestört bleiben.



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