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Dr. Benno Kirsch
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Die Hinterlassenschaft des Attentäters
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AllgemeinFür den Doppelanschlag von Oslo und Utøya können nicht die verantwortlich gemacht werden, auf die sich Anders Breivik bezieht. Notwendig ist ein Blick in den Abgrund norwegischer Normalität. Die Toten des Doppelanschlags in Norwegen waren noch nicht begraben, da ist in Deutschland und anderen Staaten auch schon ein obszöner Streit über Schuld und Verantwortung für das Verbrechen entbrannt. Zuerst hat man - verständlicherweise, denn die Vermutung lag nahe - islamische Fundamentalisten ins Visier genommen, doch dann stellte sich heraus, dass sie es nicht waren. Mit kaum zu überbietender Borniertheit hieß es in einem Blog: »Als ich im Ticker von einem verheerenden Anschlag im Regierungsviertel Oslos las, dachte ich zuerst, Muammar al-Gaddafi hätte seine Drohungen wahr gemacht und seinen Geheimdiensten den Befehl gegeben, den Krieg nach Europa zu tragen. Spätestens nach den Meldungen über einen Amoklauf in einem Juso-Ferienlager zerschlug sich diese Befürchtung jedoch glücklicherweise. Wie sich heute andeutet, gehen beide Anschläge auf einen jungen Mann zurück, dessen Profil so typisch für den neuen Rechtsextremismus ist, der auch in Deutschland grassiert.«
»Glücklicherweise« war es also die Tat eines Rechtsradikalen. Und so gerieten, nachdem sich außerdem langsam, gaaanz laaangsam herausgestellt hatte, dass auch »christliche Fundamentalisten« - trotz rührender Bemühungen beispielsweise Elmar Thevessens und Peter Freys vom ZDF - nichts damit zu tun hatten, »Islamkritiker« und »Rechte« ins Zentrum der Debatte. Schnell waren die Biedermänner identifiziert, die dem Brandstifter angeblich das Zündholz gereicht haben: Das Weblog »Politically Incorrect« gehörte dazu, aber auch - natürlich - Thilo Sarrazin und - irgendwie logisch - Henryk M. Broder. Der Weg zur Forderung nach Überwachung des Internets war dann natürlich auch nicht weit, und es ist nur verwunderlich, dass noch niemand den Zusammenhang von Computerspielen mit real ausgeübter Gewalt wieder hervorgekramt hat. Die Milchmädchenrechnung lautet: Wer Gewaltphantasien hat, wird Gewalt anwenden, und wer Kritik übt, stiftet andere an, gewalttätig zu werden.
Anders Breivik hat keinen antiislamischen Anschlag ausgeführt und er hatte keine christliche Motivation. Sonst hätte er ja wohl - nur zum Beispiel - eine Moschee überfallen und in seinem 1.500-seitigen Konvolut wenigstens ein paar Mal versucht, seine Tat mit Zitaten aus der Bibel zu rechtfertigen. Das hat er aber nicht. Sondern er hat im Osloer Regierungsviertel eine Bombe gezündet, ein sozialdemokratisches Jugendcamp überfallen und zu Protokoll gegeben, dass er »nicht unbedingt eine persönliche Beziehung mit Jesus Christus und mit Gott« hat, also kein Christ ist. Der »Grund« für seinen Massenmord muss deshalb woanders liegen. Es ist nicht nötig, sein »Manifest« zu lesen, weil man - allgemein gesprochen - den Gestörten nicht mehr Aufmerksamkeit zuwenden sollte als unbedingt nötig. Es ist wichtig, durch Nähe selbst keinen seelischen Schaden zu nehmen, weshalb man die Lektüre ruhig den echten oder selbsternannten Spezialisten überlassen kann. Man muss nur so viel wissen: Der Mann ist nicht dumm, er ist belesen, er hat Mitteilungsbedarf. Und er hatte ganz offensichtlich das Gefühl, dass er vom Gedanken zur Tat schreiten sollte.
Nur so viel ist wichtig: So intelligent Breivik auch ist - das, was er sagt oder schreibt, muss nicht immer das sein, was er meint. Er nennt Namen wie Broder oder John Stuart Mill? Das sagt nicht viel über Broder und Mill. Wer jetzt über die Broders und Mills herfällt und sie in die Nähe des Attentäters rückt, der besorgt Breiviks Geschäft auf eine viel hinterhältigere Weise, als dieser sich das je hätte träumen lassen, der macht sich mit dem Mörder in einer Weise gemein, die ihn vor Scham - die er natürlich nicht kennt - in den Boden versinken lassen sollte. Es ist schon merkwürdig: Auf der einen Seite geben sich Journalisten und Politiker cool und pflegen ihr ironisches, spielerisches Verhältnis zur Gewalt, wenn sie beispielsweise Stéphan Hessels »Empört euch« goutieren oder den Traktat »Der kommende Aufstand«. Qualitativ unterscheiden sich diese Manifeste - Hessels Schrift insofern ausgenommen, als er Gewalt angeblich ablehnt (nebenbei: wissen das die, die sich davon inspirieren lassen?) - aber nicht von dem Breiviks: Alle - der Unabomber darf an dieser Stelle nicht unerwähnt bleiben - drücken mehr oder weniger hilflose Versuche aus, sich den Zwängen einer modernen Welt zu entziehen. Sie leiden unter einem Druck, den sie kaum benennen können und dem sie deshalb hilflos ausgeliefert sind.
Es gibt viele Menschen, die leiden, aber alle reagieren anders. Grundsätzlich gibt es - behaupte ich - zwei Varianten: Die einen werden gegenüber sich selbst gewalttätig. Sie flüchten in den Rausch, zerkratzen ihre Haut, werden verrückt oder begehen Suizid. Die anderen lassen den Druck an anderen ab. Sie schlagen ihre Frauen, stecken Kaufhäuser in Brand oder nehmen an der »Revolutionären Demo« am 1. Mai in Berlin teil oder plündern in London. Was die Taten eines Andreas Baader oder Anders Breivik angeht, so unterscheiden sie sich lediglich durch bestimmte Umstände wie Zugang zu Waffen, Systematik des Vorgehens (was vermutlich mit der Intelligenz des Täters zu tun hat) beziehungsweise eine aktuelle gesellschaftliche Diskussion, die die Zuordnung der Tat zum rechten oder linken Spektrum ermöglicht. Doch es wäre verfehlt, sie mit politischen Maßstäben zu messen. Der Versuch von Sigmar Gabriel und anderen, die politischen Widersacher in Haftung zu nehmen, also Kapital aus einem ursprünglich nicht politischen Verbrechen zu schlagen, ist der - neben den fatalen Konsequenzen für die Demokratie, wenn man sie damit durchkommen ließe - ziemlich hilflose Versuch, den vordergründig unverständlichen Taten nachträglich einen Sinn zu verleihen. Dass auf der Basis dieser falschen Analyse keine zukunftsweisende Politik wachsen kann, versteht sich von selbst.
Wer dem »Sinn« des schrecklichen Verbrechens Breiviks auf die Spur kommen will, der müsste sich jetzt fragen, was es war, dass so viel Druck erzeugt hat, dass er meinte, auf ihn auf seine Art zu reagieren. Konsequenzen, die sich aus der Zuwanderung aus anderen Kulturkreisen ergeben, dürften dabei ebenso eine Rolle gespielt haben wie die starke sozialdemokratische Tradition Norwegens, die flache Hierarchie der norwegischen Gesellschaft oder der relativ einfach Zugang zu Waffen. Wenn man es wagen würde, in den Abgrund der norwegischen Normalität zu blicken, könnte man überlegen, ob es Entwicklungen gibt, die man besser korrigieren sollte. Vermutlich werden die Norweger nicht umhin kommen, diesen Blick zu riskieren, auch wenn sie sich jetzt noch mit einem verständlichen und bewundernswerten »Weiter so« über den Schock hinwegzuhelfen versuchen. Sicherlich können die Norweger auch weitermachen wie bisher, Breiviks Tat mit einem beliebigen Etikett versehen und dadurch »verstehbar« machen, anstatt nach Wahrnehmungen und auslösenden Faktoren für den Gewaltausbruch zu suchen. Klug wäre das aber nicht.
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Kommentare (7)
Menschenskind!, 15.08.2011 15:20
@Meier
»Bei "Licht betrachtet" sind die Anhänger solcher Scheinklugen, also links- bis öko-sozialistisch gelagerte Zeitzeugen mit einem erheblichen Defizit an Intelligenz unterwegs, erschrocken, wenn ihnen Jemand an der Maske zupft oder sie gar als Dummerle entlarvt.«
Sic! Erschrocken war ich von mir selbst, als ich vor einigen Jahren angesichts politischer Entwicklungen schlagartig erkannte, daß Linke in ihrer Mehrzahl dumm sein müßten. Mein Urteil erschien mir wie ein Frevel, eine Anmaßung meinerseits, jedoch der Gedanke bedrängte mich, ließ sich nicht verjagen und plagte mich fortwährend. Heute empfinde ich deswegen keine Scham mehr, denn ich habe viel gelesen und meine eigene Sichtweise dutzendfach bestätigt bekommen, und zwar durch klügere Menschen, als ich es bin: die Linken sind tatsächlich dumm bzw., das linke Weltbild ist primitiv und lockt Dumme an. Dummheit (fehlendes Reflexionsvermögen gepaart mit einem übersteigerten Selbstverwirklichungswahn) macht jedoch die Stärke des Sozialisten aus.
Meier, 11.08.2011 18:34
Gute Analyse, Herr Dr. Kirsch.
"Dass auf der Basis dieser falschen Analyse keine zukunftsweisende Politik wachsen kann, versteht sich von selbst," schreiben Sie völlig zutreffend.
Ich möchte sogar noch einen Schritt weiter gehen und feststellen, wer sich selbst nicht beherrschen kann, "sich nicht im Griff hat", der vergreift sich an anderen! Wer so irrational denkt und handelt, wem die Folgen seiner Gräueltaten, seiner Hasstiraden oder Unterstellungen egal sind, den halte ich beim Besten Willen nicht für intelligent.
Breivik ist psychisch zweifellos krank und handelte als Wahnsinniger und diejenigen die nun in seinem "Kielwasser" auf ihre "persönlichen Feinde medial schießen", sind durchaus ähnlich determinierte "Heckenschützen", denen Sarrazin, Broder, Kelek usw. an der "pseudo-intellektuelle Kuscheldecke" gezupft haben. Dabei verrutscht den weniger Intelligenten die erhabene Maske, wie z.B. Gabriel oder denen die sich emotional von den Verstandesmenschen Sarrazin, Broder und Kelek u.a., mit so ganz einfachen Tatsachen, als eitle Hochstabler und Lügner entlarven.
Wenn Chefredakteure diverser Linksblätter, nun den klügeren Zeitzeugen, die sich gegen eine alberne linkspolitisch gewünschte politische Meinungshoheit, bei weiten Teilen der Bevölkerung trotzdem erfolgreich durchsetzen, dann diese aus Rachlust für ihre erlittenen Niederlagen angreifen, offenbart ihre Verfassung.
Wer persönlich nicht im Leben reift, sich mit Ideologien identifiziert die real weder bisher, noch je funktionieren können, wem also auch aus fortwährend vielen Missgeschicken die Loser näher stehen, wem ganz einfach keine Intelligenz zur Verfügung steht, der muss Sarrazin hassen. Wenn der die Ergebnisse der Intelligenzforscher "verrät", wenn der behauptet, das auch die Menschen, wie alle Lebewesen hauptsächlich ihre Erbanlagen weitergeben, dann tut das denen weh, die sich selbst „anders gesehen haben wollen“ .
Wenn man sich vorstellt man hätte bei der "elterlich-genetischen Talentvergabe" einen der vielen "schwarzen oder roten Peter gezogen" und wäre ziemlich blöd am Kopf. Dann blickte man kaum irgendwo durch. Dann würde man den eigenen, bescheidenen Zustand mit Zorn auf die Klugen, auf die Wohlhabenden usw. durch klassenkämpferische Scheinerklärungen entschuldigen oder sich hinter protzigem Gehabe verbergen.
Dann entstehen eben auch solche Kuriositäten, das ein ungepflegter Mann wie Marx, es auch nicht fertigbringt mit Ordnung und Struktur, seine verquasten Theorien allgemein verständlich, kurz und bündig, zu formulieren. Kurios ist es dann auch nicht, wenn sich seine Anhänger durch seine verquasten Schinken quälen und ihren unverstandenen Guru, verehren, als ob der je den „Durchblick“ gehabt hätte. Denn er bietet ihnen ein Alibi, indem nun nicht die ererbte Dummheit, sondern die "kapitalistische Gesellschaft" am persönlichen "Hirnschaden" und darum per Revolte haftbar zu machen sei. Soviel Dummheit ist zwar kaum zu überbieten, findet aber glühende Anhänger.
Bei "Licht betrachtet" sind die Anhänger solcher Scheinklugen, also links- bis öko-sozialistisch gelagerte Zeitzeugen mit einem erheblichen Defizit an Intelligenz unterwegs, erschrocken, wenn ihnen Jemand an der Maske zupft oder sie gar als Dummerle entlarvt. Und darum können sie Broder nicht ertragen, der sie ruckzuck lächerlich werden lässt, hassen sie Sarrazin der ihre Karrieren in der hoch subventionierten Integrationsindustrie gefährdet, darum unternehmen sie nichts gegen die realen Brandtstifter in ihren eigenen Reihen, unterstellen, mogeln, lügen, tarnen und täuschen, eben wie "kleine Kinder" denen noch kein funktionierender, rationaler Verstand zur Verfügung steht.
Gute Analyse, Herr Dr. Kirsch.
„Dass eine vernünftige, gründliche Analyse erflogen muss versteht sich von selbst," schreiben Sie völlig zutreffend.
Ich möchte sogar noch einen Schritt weiter gehen und feststellen, wer sich selbst nicht beherrschen kann, "sich nicht im Griff hat", der vergreift sich an anderen! Wer so irrational denkt und handelt, wem die Folgen seiner Gräueltat...
Legolas, 11.08.2011 13:25
So ist es, die Regierenden und Mächtigen brachten schon immer Terror,Gewalt, Unruhen und Caos, um den Normalbürger langsam aber stetig immer mehr an die Kette zu legen. Und um dies zu rechtfertigen, und um es gut verkaufen zu können. Die Formel heißt Problem + Reaktion = Lösung. Ein Problem besteht, oder es wird geschaffen. Der Bürger reagiert und fordert. Und der Staat bietet sich und seine Agenda als Lösung an.
ich, 11.08.2011 09:22
Ob es nicht doch gut wäre sein Manifest zu lesen. Dann würde man erkennen können, dass er es wohl nicht selbst verfasst hat. Es ist in einer für ihn fremden Sprache (nicht Muttersprache)absolut Fehler frei (Grammatik, Satzzeichen usw.)geschrieben. Die Frage tut sich auf, ob er nicht instrumentalisiert wurde. Und nun kann man aus dem Vorfall viel machen, gegen viele hetzen und neue Gesetze erlassen um Menschen noch mehr zu überwachen.
Gast, 10.08.2011 17:24
Die Wahrheit liegt ganz woanders:
Der Mensch maßt sich an, selber Rache zu üben und macht sich zum Richter über alles. Diese gottlose Haltung führt immmer ins Chaos.
Gott ist der Rächer, die staatlichen Organe handeln in seinem Auftrag. Abgesehen vom Vergebungs-Gebot unseres Herrn Jesus Christus.
Marti, 10.08.2011 17:10
Breiviks Manifest muss man wirklich nicht unbedingt lesen. "Fjordman" der darin häufig zitiert wird, ist aber genauso wie beispielsweise Henryk M. Broder oder Thilo Sarrazin ein sehr interessanter Autor.
Sein Buch "Defeating Eurabia" sollte man sich einmal genauer ansehen.
unwissender, 10.08.2011 14:36
Warum gibt es keine internationale Intervention in GB ähnlich wie in Libyen? Schließlich wollen die "jungen Freiheitsliebenden" dort "nur" ihre Rechte durchsetzen. Rächt sich nun die Freiheitsdeppen-Theorie?
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Zu erkennen, daß man sich geirrt hat, ist ja nur das Eingeständnis, daß man heute schlauer ist als gestern. - Johann Kaspar Lavater |
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