Auch wenn es (fast) alle schreiben: Thilo Sarrazin wurde nicht von »den Kreuzbergern« vertrieben. Es waren notorische Aktivisten, die ihre vermeintlichen Schützlinge für den Affront benutzt haben.
Es ist der - wie es scheint - inzwischen fast alltägliche Wahnsinn, dem man dieser Tage wieder nicht entkommen kann: Das Opfer wird zum Täter gemacht, der Bock zum Gärtner. Das Opfer war im aktuellen Fall Sarrazin, die Identität des Täters indes wird verheimlicht. Barbara John hat es im Tagespiegel vom Sonntag in einer unerhörten Weise vorgemacht; sie ist nur eine unter vielen. Obwohl die Lage einigermaßen klar ist. Was ist geschehen?
Güner Balci will mit Thilo Sarrazin einen Beitrag für die ZDF-Sendung »Aspekte« drehen und geht deshalb mit ihm durch Berlin-Kreuzberg über einen Markt, am nächsten Tag besuchen sie ein türkisches Restaurant und ein Alevitisches Kulturzentrum, wo sie jeweils verabredet sind. Auf dem Markt diskutiert Sarrazin mit Händlern und Passanten, zwischendurch diskutiert auch Balci durchaus kontrovers mit Sarrazin. So weit, so normal. Politische Unterhaltungen »auf der Straße« laufen selten so gepflegt ab wie in Talk-Shows, insofern gibt es hier keine besonderen Vorkommnisse zu vermelden. Auch dass das Fernsehen nach einer passenden Kulisse verlangt, versteht sich von selbst.
Interessant ist, was sich am zweiten Drehtag abgespielt hat, als sich offensichtlich herumgesprochen hat, dass Balci und Sarrazin für das ZDF unterwegs sind. Ins türkische Restaurant wird das Team von aggressiven Unbekannten verfolgt. Ein junges Paar, das sich besonders aggressiv gibt, ist »zufällig« dahergekommen. Balci sagt zu Sarrazin: »Im Hintergrund versuchen die Leute - - zu sagen: Wir boykottieren den Laden, wenn Sie den hier bewirten.« Dem Wirt wird wegen des Auftriebs mulmig zumute. Schließlich bittet er die beiden zu gehen, weil er mit seinem Restaurant seinen Lebensunterhalt verdient und sich einen Boykott nicht leisten kann. Irgendwie verständlich.
Vor dem Kulturzentrum erwartet Balci und Sarrazin ein skandierender Mob (»hau ab, hau ab«) aus Mitgliedern der Gemeinde und Unbekannten. Balci: »Später erfahren wir, dass einige Protestler gar nicht zur Gemeinde gehören.« Es wird eine Erklärung verlesen, und obwohl einige Gemeindemitglieder sich über Sarrazins Besuch gefreut zu haben scheinen, muss er unverrichteter Dinge wieder gehen. Merkwürdig: Man hätte Sarrazin auch telefonisch mitteilen können, dass der Termin abgesagt wird, dann wäre ihm dieser Affront erspart geblieben. Hatten die Aleviten plötzlich vergessen, was die Höflichkeit gebietet?
Ganz offensichtlich hat Balci, die durchaus zum Streiten aufgelegt zu sein scheint, die beiden Termine vereinbart, um eine kontroverse Diskussion zustande zu bringen. Der Restaurantbetreiber hatte offensichtlich zugesagt, doch angesichts des Mobs überlegte er sich es anders. Das Gespräch kam nicht zustande bzw. konnte nicht sinnvoll geführt werden, weil ihm mit wirtschaftlichen Nachteilen gedroht wurde. Was die Alevitische Gemeinde bewogen hat, Sarrazin so öffentlichkeitswirksam auszuladen, nachdem auch sie sich mit einem Treffen einverstanden gezeigt hatte, bleibt im Dunkeln. Aber es darf vermutet werden, dass auch sie unter Druck gesetzt wurde.
Wer hat Druck ausgeübt? Ein Blog hat unter den Schreihälsen vor dem Kulturzentrum Dirk Stegemann und Philipp Stein ausgemacht; letzterer war erkennbar um Anonymität bemüht. Über Stegemann ist zu erfahren, dass er Betreiber
des Weblogs »Rechtspopulismus stoppen« ist. Hat er die Aktion, nachdem er vom geplanten Beitrag Wind bekommen hatte, inszeniert? Das »Public Buhing« - früher hätte man einen Pranger errichtet -, auf das unter anderem taz und Radio eins so freudig hingewiesen haben, wurde übrigens unter anderem von »Rechtspopulismus stoppen« veranstaltet. Ein Schelm, der Böses dabei denkt.
So viel steht nach dem inszenierten Skandal fest: Sarrazin ist in einen von notorischen Aktivisten gelegten Hinterhalt geraten. Der Restaurantbetreiber und die Alevitische Gemeinde sind ebenfalls ihre Opfer geworden, sie wurden durch Drohungen davon »überzeugt«, bei der Aktion mitzumachen; da ist man ja bekanntlich nicht zimperlich. Keinesfalls haben »die Kreuzberger« verhindert, dass es zum Gespräch kommt, und auch aus Kreuzberg wurde er nicht hinausgeworfen. Wie die Szenen auf dem Markt beweisen, waren die, über die Sarrazin geschreiben hat, für Diskussionen durchaus aufgeschlossen. Es waren die selbsternannten Beschützer, die versuchen, missliebige Ansichten zu unterdrücken, wozu ihnen fast jedes Mittel recht ist.