suchen
17.05.2012
Einloggen | Registrieren
 
 
 
     Carlos A. Gebauer
Zur Person und Archiv      Email an diesen Blogger schreiben

Die Frage nach dem bügelfreien Stauffenberg
Weitere Themen: Allgemein

„Die Situation war für die Männer und für ihn unangenehm, also machte ich dem ganzen ein Ende und schoß ihm mit einer 32er Pistole in die rechte Gehirnhälfte mit Austrittsloch am rechten Schläfenbein. Er röchelte noch ein wenig, dann war er tot.“

Che Guevara über die Exekution von Eutimio Guerra am 17. Februar 1957

Es geschah auf einer dieser merkwürdigen Stehpartys, bei denen nur der Gastgeber alle – und sonst niemand irgendjemanden – kennt. In lockerer Runde standen Menschen, die über Urlaubsziele parlierten. Ich schob mich schweigend in den Kreis. Ein Herr schwärmte von Kuba. Noch das abgelegenste Dorf habe Strom. Seine Augen glänzten wie Scheinwerfer im Zuckerrohr. Die Krönung aller Eindrücke aber sei die tiefe Nacht in Havanna. Der marode Charme einer menschenleeren, schwülwarm-laternenlosen Dunkelheit zwischen zerfallenden Stadthäusern sei ihm zu einer lebenslang unvergesslichen Erinnerung geworden. Die Frage meiner linksseits freundlich lächelnden Kreisnachbarin, ob ich denn auch schon einmal dort gewesen sei, verneinte ich wahrheitsgemäß. Zur vorsorglichen Mitleidsprophylaxe fügte ich an, Exekutionsgeräusche aus dem Hinterland jenseits der Dünen für unattraktiv zu halten, während ich in der Gischt bade, weswegen ich von Sonnenurlauben in Diktaturen bislang generell abgesehen habe.

In weniger als zwei Atemzügen war ich nun nicht mehr Teil des lockeren Gesprächskreises, sondern gleichsam Angeklagter eines Party-Tribunals. Eine Menschenmauer des Vorwurfes postierte sich frontal mir gegenüber und schmetterte vielstimmig: „Na, dann passen Sie mal auf, daß die Schüsse, die Sie hören, nicht aus Guantanamo herüberschallen!“ Erst jetzt erkannte ich, daß jenseits der starken Schulter meines rechtsseitigen Nebengastes bäuchlings ein breites Konterfei entschlossen, wenn auch leicht verwaschen, in den Raum blickte: Che Guevara war schon vor mir zur Feier erschienen.

Warum nur, fragte ich mich auf dem bald angetretenen Heimweg, tragen bundesrepublikanische Akademiker mit Wehrdienstverweigererhintergrund ein solches Hemd? Kann es vierzig Jahre nach dem Tode Che Guevaras im bestens informierten deutschen Bildungsstaat tatsächlich noch Wissenslücken zu diesem Mann geben? Denn eigentlich mochte – und mag – ich nicht glauben, daß meine friedensbewegt-irakkriegsgegnerischen, freiheitlich-demokratisch zugrundegeordneten Mitbürger einen verehren, der sagte: „Ich bin wohlauf und lechze nach Blut“. Bislang nämlich machten die meisten aller mir bekannten Akademiker auf mich noch nicht den Eindruck, in einem Zustand intensiverer Schizophrenie dahinzuvegetieren. Wie sonst aber kann man einerseits das Gefängnis von Guantanamo anprangern und andererseits mit einem Che-Guevara-Poster leben? Wie schrieb doch der Angehimmelte in seiner „Botschaft an die Völker der Welt“, die Rudi Dutschke mit Hilfe eines chilenischen Freundes gleich nach ihrer Veröffentlichung übersetzte:

„Der Haß als Faktor des Kampfes; der unnachgiebige Haß gegenüber dem Feind, der weit über die natürlichen Schranken eines Menschenwesens hinaustreibt und es in eine wirksame, gewalttätige, auswählende und kalte Tötungsmaschine verwandelt. Unsere Soldaten müssen so sein; ein Volk ohne Haß kann nicht über einen brutalen Feind siegen. Man muß den Krieg bis dorthin tragen, bis wohin der Feind ihn trägt: in sein Haus, in seine Vergnügungsstätten; man muß ihn zum totalen Krieg machen.“

Zugunsten meiner Mitgäste an jenem Stehpartyabend will ich davon ausgehen, daß ihnen diese augenscheinlich sportpalastwürdigen Gedanken ihres Heroen aus dem Regenwald schlichtweg nicht bekannt sind. Gleichwohl bleibt die bange Frage: Was mag es sein, das sie an ihm bewundern? Ist es sein Wille zur Kompromisslosigkeit im Kampf, der ihnen imponiert? Für Che Guevara gab es kein Leben außerhalb seiner Revolution. Er war bereit, für seine Ziele sein Leben zu geben. Das mag man anerkennen. Aber wie hätten wir gesprochen, wäre ihm 1962 gelungen, sich gegen Chruschtschow durchzusetzen und den atomaren Erstschlag gegen John F. Kennedy zu führen? Was hätte es genützt, wenn die Revolution für die Atomkriegsüberlebenden durch seine Exekutionen zögerlicher Guerilleros rein und der angestrebte geldlose Kommunismus moralisch geblieben wären? Die Erlösung der Menschheit vom Imperialismus mag ihm – ebenso wie seinem Freund und Vorbild Mao Tse-tung – eine geheiligte Sache gewesen sein, nur: Was, wenn der Gegenstand der Erlösung durch dieselbe ausgelöscht wird?

Dringt man dergestalt in die Vorstellungswelt dieser lateinamerikanischen T-Shirt-Vorlage ein, so erschließen sich die abgründigsten Erkenntnisse. Denn die notfalls in Kauf genommene totale physische Vernichtung des kubanischen Volkes zum Zwecke seiner finalen Befreiung stellt im Grunde nur die alternative Kehrseite des ideologischen Hauptzieles dar, die Vernichtung des Individualismus durch kommunistische Disziplin und Eigentumsnegation zu erreichen. Das also war der Mann, den Jean-Paul Sartre für den vollkommensten Menschen unserer Zeit hielt. Und das ist der Mensch, der uns in der Rezeption als Imitatio Christi verkauft wird, als „Christus mit der Knarre“, wie Wolf Biermann textete. Dessen Reinheit dereinst zu erreichen Fidel Castro als Ideal preist. Den die Tupamaros in Uruguay und die mexikanischen Zapatisten zu ihrem Vorbild erkoren, ihren Subcommandante Marcos eingeschlossen, der den Heiligenstatus durch verklärende Gesichtsmaskerade herbeipromoten will. Er fungierte nicht zuletzt als Ikone der westdeutschen APO bis hin zu RAF und Inge Viett, die der Entfremdung des Menschen einen militanten Humanismus entgegensetzen wollten und die – grotesk ist nicht grotesk genug – in seinem einsam-individuellen Kampf ein leuchtendes Vorbild für die kommende Auslöschung des Individuellen sahen.

Wird die Pop-Ikone „Che“ also nach allem an ihren eigenen Widersprüchen zugrundegehen? Es steht zu fürchten, nein. Denn wo sich One-World-Aktivisten vehement gegen Globalisierung stemmen, da darf auch ein radikaler Kollektivist Heiliger des Individualismus bleiben. Der „Gegenpol zu den Bausparern, Kassenpatienten, saturierten Bürgern der westlichen Welt“ also, wie Wolf Schneider sagt, eine „unwiederholbare Mischung aus Jesus, Lenin, Tarzan und Rudolph Valentino“ wird uns wohl noch einige Zeit begleiten. Paradox ist eben noch nicht paradox genug. Che ist einfach – mit einem Wort Michael Mierschs – vor lauter Niedlichkeit das Bambi der korrekten Gesinnung.

Zuletzt bleibt die bohrende Frage: Warum Che Guevara? Warum nicht Claus Schenk Graf von Stauffenberg? Hätte nicht er vor allen anderen den legitimen Anspruch, auf deutschen Brüsten stolz gedruckt und bügelfrei zu prangen? Käme nicht ihm, der sein Leben einsetzte, die Ehre – wenn es denn eine ist – zu, allüberall auf Postern und Plakaten weiterzuleben? Was hindert einen solchen Kult? Daß er nicht verlaust durch den Kongo und den Dschungel Boliviens einem Wahn hinterherjagte? Daß er nicht unrasiert starb? Daß seine Uniform falsche Assoziationen weckt? Daß er nicht medizinisch kunstgerecht wie der gelernte Arzt Che Guevara Hinrichtungen vollzog und Scheinhinrichtungen inszenierte? Daß er nicht Zuckerrohr schlug? Daß sich Andreas Baader und Gudrun Ensslin nicht auf ihn beriefen? Daß sein Tyrannenmord misslang?

Es steht zu fürchten, es ist dies: Stauffenberg war eben der konsequente Individualist, der Anti-Kollektivist und der Mann, den nicht die aberwitzige Idee trieb, uno actu gleich die ganze Welt zu retten. Er wollte einfach nur heldenmutig einen ganz konkreten Irrsinn beenden. Und damit war er eindeutig. Für den dauerhaften Nachruhm in einer politischen Religion ist aber gerade dies hinderlich. Denn wahre Glaube braucht nun einmal das Uneindeutige, Unfassliche, das Widersprüchliche, Groteske, Paradoxe: credo quia absurdum est! Auf der Party sollte es später dann noch Cocktails geben. Ob sich die selbstgewissen Pazifisten auch cuba libre mischten, habe ich nicht mehr mitbekommen.

Literatur: Stephan Lahrem – Che Guevara, Ffm 2005, m.w.N.

ursprünglich erschienen auf der Seite "make-love-not-law.com"



Artikel weiterlesen  
ANZEIGE


Kommentare (4)




 
  Kommentare (4)

Horario, 25.07.2011 12:05
@aucheiner
.. Ein Offizier der Zutritt zum Tyrannen hat sollte doch, auch der Ehre wegen, von seiner Pistole Gebrauch machen ..
~~
Da sind wir einer Meinung.
~~
@Carlos A. Gebauer.
Der Artikel hinkt sehr auffällig. Leider.


thom, 23.07.2011 23:06
Und was möchte der werte Schreiber uns damit sagen ? Graf Schenk währe quasi völlig uneigennützig unterwegs gewesen und die Che's sind die bösen ? Sie, die beiden Verglichenen dürften sich wohl sehr ähnlich gewesen sein, sowohl in Ihrer Auffassung, als auch in Ihrer Kompromisslosigkeit Ihrem Ziel folgend.
Sie waren quasi Brüder in etwa so wie Sozialismus und Kapitalismus Brüder waren. Aber es geht ja nichts über simple Weltbilder.


aucheiner, 23.07.2011 19:08
So eindeutig scheint mir der Herr von Stauffenberg auch nicht gewesen zu sein. Ein Offizier der Zutritt zum Tyrannen hat sollte doch, auch der Ehre wegen, von seiner Pistole Gebrauch machen und so die Katastrophe beenden anstatt einen Koffer abzustellen und dann zu gehen.
Da war ein Georg Elser eindeutiger. Auch aks konsequenter Individualist und Anti-Kollektivist.


unspaltbarer, 20.07.2011 21:19
sehr schöner Artikel, aber leider völlig falsch. Guevara auf T-Shirts ist nur ein Symptom eines viel größeres Problems, die Verkommenheit der Intellektuellen der westlichen Welt. In deren Augen haben es alle Sozialisten (außer Hitler) nur gut gemeint, die hunderte von Millionen Toten die es in den letzten hundert Jahren dank der sozialistischen Regime gab, naja die sind halt, aber egal, beim nächsten mal wird alles besser...
Warum diese ... so denken, es gibt viele Theorien, ich persöhnlich denke, sie sind einfach nur...



Kommentar schreiben

*=Pflichtfelder

CAPTCHA*

Bitte Geben Sie für die Freischaltung das Ergebnis ein:

Click to reload image
 
 
 



Spruch des Tages
Zu erkennen, daß man sich geirrt hat, ist ja nur das Eingeständnis, daß man heute schlauer ist als gestern.
- Johann Kaspar Lavater

ANZEIGE

Galerien

Europolis: Tagung zur Reform der europäischen Währungsordnung Europolis: Tagung zur Reform der europäischen Währungsordnung

Stuttgart: Anti-ESM-Demonstration des Aktionsbündnis Direkte Demokratie Stuttgart: Anti-ESM-Demonstration des Aktionsbündnis Direkte Demokratie

Südkongreß "ESM-Vertrag - der Weg in die Schulden- und Inflationsunion? Entdemokratisierung Europas?" Südkongreß \"ESM-Vertrag - der Weg in die Schulden- und Inflationsunion? Entdemokratisierung Europas?\"


Interviews

Dr. med. Rainer Böhm Betreuungsgeld ist sinnvoll und notwendig
Dr. med. Rainer Böhm
Kinder- und Jugendarzt

Alexander Ulfig »Gleichstellungspolitik führt zu Ungerechtigkeiten«
Alexander Ulfig
http://qualifikation-statt-quote.de/

Hedwig Beverfoerde, Birgit Kelle JA zum Betreuungsgeld!
Hedwig Beverfoerde, Birgit Kelle
Initiative Familienschutz, Frau2000plus

Bernhard Seitz Anti-ESM-Demo in Stuttgart
Bernhard Seitz
Aktionsbündnis Direkte Demokratie

Hubert Aiwanger Freie Wähler hoffen auf Erfolg in Schleswig-Holstein
Hubert Aiwanger
Bundesvorsitzender Freie Wähler

Mehr Interviews


Video

Zivile Koalition: Stoppt ESM-Vertrag - Stoppt Schulden- und Inflationsunion Zivile Koalition: Stoppt ESM-Vertrag - Stoppt Schulden- und Inflationsunion

EU: Treaty of debt - stop it now! (engl. Version von EU: Treaty of debt - stop it now! (engl. Version von

Stoppt EU-Schuldenunion (ESM-Vertrag)! auf Abgeordneten-Check.de Stoppt EU-Schuldenunion (ESM-Vertrag)! auf Abgeordneten-Check.de

Carlos A. Gebauer spricht über den ESM-Vertrag Carlos A. Gebauer spricht über den ESM-Vertrag

Jean-Claude Juncker: "Wenn es ernst wird, muss man lügen" Jean-Claude Juncker: "Wenn es ernst wird, muss man lügen"


Umfrage

Würden Sie sich für die Einführung eines "Nord-Euro" aussprechen?

Foto: Lupo / pixelio.de




Ergebnis

Meist gelesen
    Anti-ESM-Demo in Stuttgart

    Südkongreß: Zivile Koalition mobilisiert, Freie Wähler punkten, CSU fehlt

    Die »Ketchup-Inflation« kommt!

    Freie Wähler hoffen auf Erfolg in Schleswig-Holstein

    Interview: JA zum Betreuungsgeld!

Empfohlene Blogs

author Jürgen Liminski
Vom Pudding zum Präsidenten - Die Metamorphose des Francois Hollande

author Prof. Dr. Hans-Olaf Henkel
Die Deutschen haben die Wahlen verloren

author Birgit Kelle
Kinder statt Klappstühle

author Beatrix von Storch
Der sog. Fiskalpakt - oder wie man einen ganzen Kontinent verschaukelt

author Beatrix von Storch
Der finale ESM-Vertrag - Ende von Demokratie und Parlamentsvorbehalt


Reportage

Die eigenartige Zurückhaltung des Westens Die eigenartige Zurückhaltung des Westens

Mit der Brechzange in die Familien Mit der Brechzange in die Familien

Wer errechnet eigentlich die Inflation? Wer errechnet eigentlich die Inflation?

Hans-Olaf Henkels Euro-Aufklärungstour: "Es gibt Alternativen." Hans-Olaf Henkels Euro-Aufklärungstour: "Es gibt Alternativen."

Neuer Verband setzt sich für kinderreiche Familien ein Neuer Verband setzt sich für kinderreiche Familien ein

Mehr Reportagen


Empfohlene Beiträge

Familienschutz startet Online-Initiative "JA zum Betreuungsgeld" Familienschutz startet Online-Initiative "JA zum Betreuungsgeld"

Und jetzt die Inflationsunion! Und jetzt die Inflationsunion!

FDP und ESM - Ein Beitrag von Prof. Vaubel FDP und ESM - Ein Beitrag von Prof. Vaubel


Aktueller Goldpreis


Aktueller Silberpreis


Schlagworte

Deutschland Wetter




Finanzkrisen
Brandanschlag in Potsdam
Griechen leeren ihre Konten
Hass auf Deutsche trifft Holländer
Nahost-Konflikt
Die Sorge um Syrien nimmt zu
Doch keine Neuwahlen in Israel
Pakistan testet erfolgreich Rakete
DDR-Unrecht
Vaatz prangert Heuchelei an
Stasi-Unterlagen: 20 Jahre - 2,8 Millionen Akten-Einsichten
"Von oben" verordneter EU-Unionsstaat birgt totalitäre Tendenzen
Allgemein
Berliner Piraten- Chef tritt zurück
Brandanschlag in Potsdam
Katholikentag in Mannheim
Bildung
Offener Brief an die Betreuungsgeld-Skeptiker der FDP
Interview: JA zum Betreuungsgeld!
Gröhe ruft FDP zur Ordnung
Reformen
Minister setzen »Basel III« um
Dr. Rainer Böhm: Betreuungsgeld ist sinnvoll und notwendig
Sozialisten attackieren Merkel
Wirtschaftspolitik
US-Banken droht mehr Regulierung
Neue Umlage für Windstrom?
Merkollande sind sich einig
Familie
Offener Brief an die Betreuungsgeld-Skeptiker der FDP
Merkel plant Kompromiß zum Betreuungsgeld
Dr. Rainer Böhm: Betreuungsgeld ist sinnvoll und notwendig
Autoindustrie
Opel-Krise schwelt weiter
Neuer Schock für Opel
IG Metall ruft zum Warnstreik auf
Wahlen
Neue Umlage für Windstrom?
Führungskrise in Linkspartei
Merkollande sind sich einig
1945-49/Verfassungsbruch1990
Ein politisch tatsächlich bedeutsames Plagiat: Der Verfassungsbruch von 1991
Demonstrative Einigkeit um Zentrum für Vertriebene
Deutscher Richter: Bananenrepublik in Sichtweite
Justiz
Brandanschlag in Potsdam
Hass auf Deutsche trifft Holländer
Buback-Mord 1977 bleibt unaufgeklärt

Nach Oben  |  Impressum  |  Home  |  Politik  |  Wirtschaft  |  Lebenswelt  |  RSS RSS
© FreieWelt.net 2008