Warum gibt es jetzt einen grünen Ministerpräsidenten? Ganz einfach: weil die Grünen für ein Thema gestanden sind, seit ihrer Gründung ohne Wanken und Weichen.
Es ist nicht jedermanns Sache, dass nun aus dem in fast jeder Hinsicht erfolgreichstem Bundesland Baden-Württemberg ein grünes Experimentierfeld für meinungsdiktatorische Gutmenschen werden soll. Ein Integrationsministerium, das außer den Heerscharen von grünen Soziologen kein Mensch braucht, ein Verkehrsminister, der schon mal gleich der traditionell starken Autoindustrie in Baden-Württemberg von oben herab diktiert, was sie jetzt gefälligst zu bauen hätte und ein Satz im Koalitionsvertrag, wonach sich das Land eine eigene elektrisch betriebene Fahrzeugflotte zulegen solle. Dazu eine absurde Vereinbarung über ein „geschlechtergerechtes“ Wahlrecht. Hübsche Symbolpolitik, mehr nicht, das Erwachen wird schon noch kommen, keine Bange!
Die Wahl von Wilfried Kretschmann hat aber einen anderen, in diesen Tagen durchaus raren Aspekt. Mit seiner Wahl wird die Standhaftigkeit einer politischen Gruppierung belohnt. Der Erfolg der Grünen ist doch vor allem ihrem Festhalten an einem Thema zu verdanken: dem ökologischen Umbau einer Industrienation, also der Absage an die Kernenergie und dem Aufbau alternativer Energien. Sie haben diesen Glaubenssatz verteidigt, auch und vor allem zu Zeiten, als dazu noch Mut gehörte, als ihnen Hohn und Spott um die Ohren flogen. Sie haben dennoch daran geglaubt, tiefgläubig gar verhielten sie sich in den frühen 80zigern wie die Christen im Circus Maximus. Und der Lohn? Anhaltend hohe Glaubwürdigkeit und starke Identifikation mit eben diesem einen Thema: Umwelt und Anti-Atom.
Aus einer klaren Identität entspringt am ehesten Gefolgschaft, vulgo Wähler. Wer für etwas steht und dieses durchhält, wird insgeheim bewundert und dann auch irgendwann gewählt. Der Erfolg der Grünen erklärt den Misserfolg der anderen Parteien. Wofür stehen diese? Wofür haben sie gekämpft in den letzten Jahren? Wofür sind sie das letzte Mal verspottet und verlacht worden und wankten doch nicht? Die SPD hat im erst besten Moment die Agenda 2010 verraten, die CDU negiert in nachgerade existenzgefährdender Weise ihre marktwirtschaftliche Herkunft und verleugnet die Verwurzelung im bürgerlich-konservativen Milieu. Gegen die FDP ist ein Schilfrohr im Wind ein fester Betonpfeiler! Für Steuersenkungen und einen schlanken Staat angetreten, ist sie von Angela Merkel zur willenlosen Gehilfin bei der Zementierung einer ausufernden Verteilungsmaschinerie degradiert geworden.
Es gilt fast für alle Bereiche dieser Gesellschaft: wer keine klare Identität aufbaut und pflegt, wer nicht steht, wenn der Wind von vorne kommt, wer seine Mission nicht eindeutig definiert und ständig Retuschen an seinem Erscheinungsbild zulässt, der wird keine Gefolgschaft erwarten dürfen. Beliebigkeit ist keine Attraktion, die schnelle Drehung um 180 Grad eine schöne Zirkusnummer, die bestenfalls vergänglichen Applaus erzeugt.
Die Wahl im baden-württembergischen Landtag ist ein klares Signal: Standhaftigkeit und eindeutige Identität sind eben keine Sekundärtugenden!