Als die Aufstände in Tunesien und Ägypten begannen, hatten die westlichen Medien, vor allem aber die westlichen Intellektuellen, nichts zu sagen. Seither kommt es zu Umstürzen, zu Revolutionen und in Libyen zu einem heftigen Bürgerkrieg. Doch in den deutschen Fernsehkanälen fanden diese Ereignisse anfangs nur am Rande statt, zumal dann, wenn die wenigen vor Ort befindlichen Kamerateams und Reporter nicht wirklich „vor Ort“ waren.
Fernsehtechnisch war es schlichtweg bequemer, über die causa Guttenberg zu berichten – eine weltpolitische Marginalie, wenn überhaupt – als über die plötzlich ausgebrochenen politischen Orkane auf der Südseite des Mittelmeers und auf der Arabischen Halbinsel, mit deren Folgen wir uns noch über Jahrzehnte hinweg befassen werden. Ihr Platz in den Geschichtsbüchern ist unzweifelhaft gesichert.
Warum also sind die deutschen Fernsehanstalten, insbesondere die „öffentlich-rechtlichen“, gemeint ist der von den Bürgern zwangsfinanzierte Staatsfunk, so spät aufgewacht? Und warum haben die üblichen Großintellektuellen (bisher jedenfalls) nichts zu sagen?
Beides hängt vermutlich zusammen. Denn das fehlende Element der genannten Ereignisse war und ist die Möglichkeit einer Schuldzuweisung an den Westen. Es läßt sich – vorerst jedenfalls – nicht ausmachen, welche Schuld der Westen (vor allem die USA, aber auch die Westeuropäer) an diesen Ereignissen haben könnten.
Schön, man kann unseren Regierenden und unseren Firmen vorwerfen, sie hätten allzu lange mit den alten Diktatoren Geschäfte gemacht, Händchen gehalten und Küßchen ausgetauscht. Aber da es die Regierungen aller politischen Farben getan haben, zieht das nicht so recht für eine Medienkampagne. (Man denke nur an das Rendezvous von Gerhard Schröder und Joschka Fischer mit Herrn Gaddafi.) Niemand will also dem eigenen politischen Lager ans Bein pinkeln. Im übrigen hat man bei den entsprechenden Anlässen auch in der Presse kaum Proteste vernommen. Das Fernsehen hat alle diese pompösen Auftritte brav abgefilmt. Das war bequem, farbig und erfreute die amtierenden Regierungen. Und von den ergaunerten Milliardenbeträgen war kaum die Rede. Eher schon wies man drauf hin, daß diese arabischen Diktatoren (die man damals nicht so nannte) wichtig für die internationale Stabilität seien, und daß sie unverzichtbare Öl- und Gaslieferanten seien. Scharenweise flogen die Urlauber ins sonnige Ägypten, nach Tunesien und sonstwo hin, ohne sich über die dortigen politischen Verhältnisse sonderlich aufzuregen. Also handelt es sich bei dem einstmals kuscheligen Umgang mit den alten Regimen um eine Art von Kollektivschuld, an die niemand erinnern will, der auf das breitere Publikum angewiesen ist.
Vor allem aber fehlt den tonangebenden Vordenkern die passende „Meistererzählung“, mit der die Schuld an der arabischen Misere den „Richtigen“ verpaßt werden könnte: also den USA, den westeuropäischen Regierungen, dem Kapital, den Reichen und wie sie alle heißen mögen. Denen also, die auch sonst die Schuld an jeglicher internationalen und nationalen Misere tragen – angeblich …
In der englischen und französischen Presse sowie vereinzelt auch in der deutschen melden sich Regionalspezialisten zu Wort, von denen man über die Hintergründe, Zusammenhänge und lokalen Ursachen der arabischen Revolten viel lernen kann. Aber das ist keine „Meistererzählung“ wie die großen politischen Sagen vom Feudalismus, Kapitalismus, Imperialismus, Sozialismus und so fort. Keine davon paßt auf das, was sich derzeit in Nordafrika und am Golf abspielt. Daher vermutlich die allgemeine Hilflosigkeit.
So nützlich die Experteninformationen über Aufbau und Konflikte dieser Gesellschaften und Staaten im einzelnen sind, so fehlt ihnen zumeist der Mut, auf einer höheren Erklärungseben eine schlichte Wahrheit auszusprechen — daß nämlich diese Gesellschaften fundamental an der Aufgabe scheitern, für ihre Bürger ein modernes Leben mit demokratischer Machtbeteiligung, mit modernen Menschenrechten, mit sozialen Rechten und mit einem zumindest mäßigen Wohlstand für die breiten Bevölkerungsschichten bereitzustellen. Also jene Errungenschaften des Westens, die die Millionen auf den Straßen einfordern, vor allem die Jungen, und die so viele Flüchtlinge und Auswanderer in die westlichen Staaten führt. Hinzu kommt der Hunger nach jenen technischen Errungenschaften, von denen keine einzige aus der neuzeitlichen arabischen Welt kommt (Auto, Flugzeug, Video, Mobiltelephon, Computer, Internet, und so fort), die aber jeder dort haben will und viele bereits haben.
Das Geld für eine in diesem Sinne modernisierende Entwicklung wäre in mehreren dieser Staaten vorhanden – spätestens seit den riesigen Ölpreiserhöhungen vor beinahe vierzig Jahren. Aber es wurde dafür nicht eingesetzt. Deshalb lebt die ärmliche, rasch wachsende Bevölkerung im Zustand der Unterdrückung und der religiösen Fanatisierung.
Insofern ein gesamtgesellschaftliches, in einem weiten Sinne kulturelles Versagen dieser Gesellschaften die tiefere Ursache der heutigen Umbrüche bildet, läßt sich also dieses fundamentale Versagen nicht den „üblichen Verdächtigen“ zuordnen, die in den öffentlichen Debatten des Westens zumeist für alles Übel dieser Welt herhalten müssen. Nicht einmal „den Amerikanern“ kann man diesmal die Sache in die Schuhe schieben. Und nach über 50 Jahren des postkolonialen Zeitalters fällt es zunehmend schwerer, die Schuld an allem Elend bei den vormaligen europäischen Kolonialmächten zu suchen. Um so deutlicher sieht heute man den sagenhaften Reichtum an Bodenschätzen, den die bekannten arabischen Diktatoren zweifellos kontrollieren, mit dem sie uns, die ausländischen Verbraucher von Erdöl und Gas, wiederholt gequält haben (Stichwort „Ölkrisen“) und aus dem sie zweifellos ihr ebenso sagenhaftes wie betrügerisches Privat- oder Clan-Vermögen erworben haben.
Aus dieser Perspektive erklärt sich übrigens auch die Debatte, ob die USA (und andere westliche Regierungen) die nordafrikanischen Umbrüche verschlafen hätten. Denn keiner, der so argumentiert, hat wohl ernsthaft darüber nachgedacht, wie es wäre, wenn der Westen alles vorausgesehen hätte. Wenn also die zutreffenden Analysen seit Monaten auf den Schreibtischen der Regierenden gelegen hätten. Dann nämlich würde sogleich das Argument kommen, die ganze Sache sei vom Westen (zumindest von den USA) heimlich inszeniert worden. Von einer Unschuldsvermutung gehen die mediatisierten Großtheoretiker in solchen Fällen ja nicht aus …
Kurzum, die ganze Sache ist erst einmal zum Fiasko unserer Großintellektuellen und Meistererzähler geworden, die schon mit dem weltpolitischen Aufstieg Chinas, mit dem Zusammenbruch des europäischen Kommunismus und mit dem Untergang der Sowjetunion nichts anzufangen wußten. Es kommt der Verdacht auf, daß die Krise des westlichen Denkens erheblich über die mißglückte Dissertation des Barons zu Guttenberg hinausreicht.