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17.05.2012
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     Thorsten Trautmann
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Assange für Arme
Weitere Themen: Allgemein

Das Internet ist immer wieder für eine Überraschung gut. Diesmal will ich eine Begebenheit schildern, die sich auf Twitter zugetragen hat. Die veröffentlichten Tweets sind alle original und von jedem in den entsprechenden Timelines zu überprüfen.

Neulich im – nein, nicht im Nachtdienst – Krankenhaus! Ich lag da so nutzlos rum und beschäftigte mich mit der zweitwichtigsten Sache der Welt – dem Internet. Wie der gewogene Leser vielleicht weiß, bin ich auch bei der Microbloging Plattform Twitter recht aktiv. Dabei versuche ich so viele Informationen aus dem Gezwitscher heraus zu filtern, wie nur irgend möglich. Ich habe mir selbst die Aufgabe gestellt, dabei nicht nur die Nachrichten zu verfolgen, die immer meiner Meinung entsprechen. Um einen größtmöglichen Nutzen zu erzielen, versuche ich eine große Bandbreite an Meinungen abzufragen. So kommt es, dass ich auch die Tweets der TAZ (Die Tageszeitung) verfolge, die man politisch wohl ganz unbedenklich als links einstufen darf. Die Artikel der TAZ sind häufig systemkritisch und heben sich deutlich vom „Mainstream Journalismus“ ab. Dies ist hier mal gänzlich wertfrei zu verstehen. Ich stieß nun auf einen Artikel, bei dem es darum ging, ob man über die NPD berichten solle. Dabei kam der Autor zu dem Schluss, dass die NPD in Ermangelung von genügend medialer Resonanz, selbst für ihre Propaganda sorge, was wohl nicht im Interesse der Allgemeinheit liegen dürfte. Mit dieser Aussage laufe ich nun vollkommen konform. Also dachte ich mir nichts Böses und klickte auf „Retweet“, was dazu führt, dass der eben gelesene Tweet unter Angabe der Quelle von mir erneut abgeschickt wird. Das dient dazu, solchen Meldungen eine höhere Verbreitung zu verschaffen. Dies sah dann im Original so aus:

RT @tazgezwitscher: #13Februar #Nazis taz-Kommentar zu NPD und Medien: Soll man über die NPD berichten. Ja, sonst macht sie's selbst: http://tinyurl.com/64hsujg

Wie gesagt ging es mir dabei um diesen einen Artikel. Ich bin alles andere als politisch rechts gerichtet und unterstütze jegliche demokratische und rechtsstaatliche Initiative gegen diese braune Bedrohung der Menschlichkeit. Es dauerte gar nicht lange, da wurde mir folgende Antwort angezeigt:

@PoetryCop ist ja spannend... du hör mal, da du ja taz gerne liest. schon mal an openleaks gedacht? bisschen interna? #13februar

Was sollte ich denn nun davon halten? Da ich ja wie erwähnt im Krankenhaus lag, mangelte es mir nicht an Zeit, sondern an Möglichkeiten, diese zu vertreiben. Also antwortete ich, weil ich mir das Begehren von wikinews030 nicht recht erklären konnte, wie folgt:

@wikinews030 Da brauche ich aber etwas mehr input. ;-)

Hätte ich zu diesem Zeitpunkt schon gewusst, was dieser eine Satz auslöst, ich hätte ihn mir gespart.

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So bekam ich aber das, was ich mir gewünscht hatte, nämlich Input:

@PoetryCop ok... kein problem. etwas mehr input gibt es hier: 1.) http://wp.me/psdI6-TN 2.) blaues-tshirt-vorfall fsa 2009 #13februar

hm... @openleaksdotorg @openleaks daniel. wie lange braucht ihr für den start. wg anfrage von @PoetryCop

@PoetryCop aktuell zu heute hätten wir großen interesse an interna zu #drohnen #dresden WL nimmt noch nicht wieder an aber OLbald #13februar

Bitte? Was sollte das denn heißen? TAZ-Leser sind allesamt Revoluzzer, die für den Schlag gegen das System ohne mit der Wimper zu zucken, dienstliche Geheimnisse ausplaudern? Wollte man mich hier als lebendes Leck in der Staatsmacht aufbauen, weil ich mich erdreistete die linke Presse nicht nur zu lesen, sonder diese auch noch zu verbreiten? Sollte ich der Assange der provinziellen Staatsdienerschaft werden und mein Leben von nun an im Untergrund fristen? Außerdem, wovon zur Hölle sprach der da? Ich bin ein einfacher Streifenbeamter in einer kleinen Großstadt in NRW. Da fängt der Haken ja schon an, denn Polizei ist bekanntlich Ländersache. Woher soll ich dann also wissen, was da in Dresden so los ist. Selbst wenn ich dort Dienst verrichten würde, hätte mein Dienstherr bestimmt besseres zu tun, als mich in allen Details über die Taktik bei diesem Großeinsatz zu informieren. Gelinde gesagt irritiert antwortete ich:

@wikinews030 Weil ich die TAZ retweete, muss ich auch gleich unglücklich in meinem Job sein? Meine Einstellung gibt diese Seite sehr gut wieder: http://www.kggp.de . Ansonsten halte ich nicht viel davon, solche Geheimniskrämereien bei twitter breit zu treten. Ist doch wohl ein Widerspruch in sich, oder?

@wikinews030 Selbst wenn ich wollte, was nicht so ist, könnte ich darüber keine Informationen abgeben. Ich lebe und arbeite in NRW! Polizei ist Ländersache! #drohnen #dresden #13februar

Jeder halbwegs zu komplexen Denkprozessen fähige Drittklässler sollte nun verstanden habe, dass ich keineswegs als Informationsquelle für irgendwelche selbsternannten Weltverbesserer dienen wolte. Nicht aber wikinews030:

 @PoetryCop 1. wennde glücklich im job bist ist doch schön, war und ist nicht thema. wennde unzufrieden bist mit einigen... ( #13februar

@PoetryCop ...mit einigen entscheidungen über deinem kopf. oder in deiner direkten beamten-nachbarschaft. dann ist z.b. OL eine..(#13februar

@PoetryCop ..eine schicke adresse. z.b.zu interna #drohnen #dresden. du DARFST unzufrieden sein,wenn du ungesetzliches in deinem (#13februar

@PoetryCop ..in deinem direkten umfeldbemerkst.neonazi-gedankengut bei beamten,sadismus im amt...solche sachen.@openleaksdotorg

Wie überaus großmütig, dass ich unzufrieden sein DARF! Wann hatte ich denn irgendetwas in der Richtung geschrieben? Wem das noch nicht klar sein sollte, dem sei nun mitgeteilt, dass ich in meinem Beruf kaum zufriedener sein könnte. Der Job erfüllt mich mit Freude und gibt mir eine Zufriedenheit, die ich mir in kaum einem anderen Beruf vorstellen kann. Außerdem klingt mir dieser Tweet ein bisschen nach: „Du bist total unzufrieden und traust dich nicht, es auch öffentlich zu sagen.“. Vielleicht interpretiere nur ich das dort hinein, aber man unterstellt mir hier unterschwellig, dass ich doch gar keine Ahnung habe, was um mich herum vorgeht und wie unglücklich ich damit bin. Zutiefst entrüstet antwortete ich:

@wikinews030 Dann werde ich das aber nicht so handhaben, sondern das direkt angehen. In meinem direkten Umfeld läuft in der Richtung gar nichts. #13februar

Für mich war das die freundliche Art zu schreiben: „Ich bin schon groß und brauche eure Kindergarten-Revolution nicht!“. Das war aber für wikinews030 anscheinend noch zu subtil:

@PoetryCop schön,sicher,theorie super. wenn du praktisch einmal feststellst, das hilft nicht viel-> http://openleaks.org #13februar #drohnen

Ich gab es ernüchtert auf, diesem verbohrten Weltretter klar zu machen, dass er meine Welt schön in Ruhe lassen solle. Ich bin unter anderem Polizeibeamter geworden, um etwas verändern zu können. Das kann und mache ich auch im täglichen Dienst, indem ich im Kontakt mit dem Bürger zeige, dass wir auch nur Menschen sind, die zufällig eine Uniform tragen. Für mich ist es Revolution genug, wenn ich Nachbarn davon abhalten kann, sich wegen einer lautstarken Party an den Hals zu gehen, wenn ich Familien davor bewahren kann, unter Gewalt zu leiden, oder wenn ich auch nur einem Kind beibringen kann, dass es auch auf dem Zebrastreifen gut aufpassen muss. Was soll sich denn ändern, wenn ich ganz geheim – auf Twitter! - darüber weine, dass mich mein Vorgesetzter nicht jedes Mal fragt, ob ich den anstehenden Einsatz auch wirklich wahrnehmen möchte? Was soll sich ändern, wenn anonym im Internet verbreitet wird, dass meine Kollegen Rassisten sind (was sie definitiv nicht sind!)? Mir kommt es ein bisschen so vor, als wollten hier einige Hitzköpfe Weltpolitik spielen. Dabei ist ihnen jede Quelle recht. Ich bin mir fast sicher, dass wikinews030 vorher nicht meine Internetseite gelesen hat. Ansonsten hätte ihm klar sein müssen, dass dieses Anliegen mir gegenüber geradezu grotesk war. Wäre ich gar kein Polizeibeamter gewesen, und dafür hatte er ja keinerlei Beweise, hätte ich ihm auch das Blaue vom Himmel lügen können und es wäre als Insiderwissen im Internet publik gemacht worden. Sehr professionell!

© Thorsten Trautmann

Rheine, 14.02.2011



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