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17.05.2012
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     Professor Dr. Wolfgang Krieger
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Von Jesus und Maria zu Öko und Klima
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In meiner Geburtsstadt München beschäftigt man sich mit der Gründung eines „ Zentrums für Islam in Europa“ (ZIEM) samt Moschee und einer Imam-Akademie. Im Stadtrat gibt es „fraktionsübergreifende Rückendeckung“, wie in den Zeitungen zu lesen stand, auch bei der konservativen Minderheit. Man sucht ein Grundstück in der Innenstadt, und zwar im „interreligiösen Viereck“ der City wie der dritte Bürgermeister (von der Partei der Grünen) erklärte. Drei Seiten dieses Vierecks gebe es schon: den katholischen Dom, die evangelische Matthäuskirche und die (2006 eröffnete) neue Synagoge. Der Spruch des neuen Bundespräsidenten Wulf, der Islam „gehöre zu Deutschland“ wie eben das Christentum und das Judentum, wird hier wörtlich genommen. So kommt man vom Dreieck zum Viereck.

     Ob die Bürger von München, die gegen ein früheres Moscheeprojekt in der Innenstadt protestierten, dieses große Bauprojekt akzeptieren werden, läßt sich nicht absehen. Sie müßten gegen alle etablierten politischen Parteien sowie gegen die katholische und die evangelische Kirche kämpfen. (Die jüdische Gemeinde wird sich vermutlich still halten.) Und ob München dieses islamische Zentrum wirklich braucht, soll uns hier nicht weiter beschäftigen.
     Denn mir stellt sich eine ganz andere Frage. Sollen wir in der politischen Diskussion in Deutschland überhaupt noch von der historisch dominierenden Rolle der beiden christlichen Kirchen ausgehen? Oder befinden wir uns bereits im post-christlichen Deutschland?
     Gewiß gibt es noch viele gläubige Christen in diesen beiden Kirchen. Etwa 60 Prozent der Steuerpflichtigen zahlen noch Kirchensteuer. Aber man darf vermuten, daß weit weniger als die Hälfte der deutschen Bevölkerung sich noch als christlich empfindet. Da die muslimische Bevölkerung und alle anderen religiösen Gruppierungen zusammen genommen weniger als 10 Prozent ausmachen, darf man wohl fragen, ob Deutschland noch ein christlich geprägtes Land ist. Im ehemals kommunistischen östlichen Teil sind ohnehin die Atheisten bereits in der Mehrheit.
     Die gleiche Frage kann man sich übrigens bei der Europäischen Union stellen, die sich bekanntlich weigerte, in die „Verfassung“ von 2004 – und zwar in die Präambel – einen Gottesbezug aufzunehmen. Es ging damals nicht um den christlichen Gott, sondern um Gott als Instanz über den Menschen und ihrer Politik! Somit kann sich „Europa“, also das Werk der europäischen Integration, nicht auf die Tradition des christlichen Europa berufen. Es ist nichts weiter als eine zwischenstaatliche Organisationsform mit politischen Entscheidungen, denen man fallweise zustimmen oder die man ablehnen kann.
     Aber ist die Mehrheit der Leute, denen die traditionellen Kirchen nichts mehr bedeuten, deswegen ohne Glauben? Für Deutschland kann man, so glaube ich, eine neuheidnische Naturreligion konstatieren, die sich vielleicht mit „Öko und Klima“ bezeichnen läßt. Es gibt, so meine ich, eine quasi-religiöse Gläubigkeit in bestimmte Dogmen der Ökologiebewegung, die den Platz des traditionellen Christentums eingenommen hat.
     Ein erster Nachweis dafür wäre die Tatsache, daß die konservativen Parteien zwar noch „christlich-demokratisch“ und „christlich-sozial“ heißen, jedoch von praktisch allen Wertvorstellungen, die sich früher damit verbanden, abgerückt sind. Im Führungspersonal gibt es kaum noch Leute mit fester kirchlicher Verwurzelung. Man hat sich weitgehend der politisch-gesellschaftlichen Agenda der Grünen angepaßt. Selbst in der Frage der Kernenergie dürfte die unter Bundeskanzlerin Angela Merkel stark geschrumpfte Wählerschaft kaum noch mehrheitlich anders empfinden. Eine ähnliche „Vergrünung“ finden wir bei der Sozialdemokratie, die trotz ihrer Anpassungsversuche an den grünen Trend immer weniger Wähler findet. Amerikanisch ausgedrückt könnte man vom „Greening of Germany“ sprechen. In seinem Buch von 1970 („The Greening of America“) sah Charles A. Reich eine Art von dominanter Hippie-Kultur aufsteigen. Aber die grünen deutschen Wähler verdienen im Durchschnitt mehr als die übrigen Wähler, sind keine Kiffer und stricken nur noch wenige Wollsocken. Sie sind die neue Elite. Und sie glauben an das grüne Bekenntnis, das sich, wie gesagt, bereits stark bei den Wählern der anderen Parteien ausgebreitet hat.
     An die Stelle des Kreuzes ist das riesige Öko-Windrad getreten, das sich im deutschen Abendhimmel oft nur dreht, wenn sein elektrischer Hilfsmotor (hoffentlich ohne Atomstrom!) eingeschaltet ist. Ein technischer Schwindel also, aber die Leute glauben daran. Etwas gegen diese häßlichen Windräder zu sagen, verstößt gegen die politische Korrektheit.
     Oder nehmen wir die Angst vor der Klimakatastrophe. Mag schon sein, daß sich das Weltklima ändert – was es nachweislich mehrfach getan hat, ehe es überhaupt Menschen gab. Doch darüber in einer Weise zu reden, wie man es bei gewöhnlichen naturwissenschaftlichen Hypothesen tut, ist heute kaum noch möglich. Der Weltuntergangsglaube, die Vorstellung von einer menschlich verschuldeten Megakatastrophe, hat sich stark pseudo-religiös aufgeladen. Wie man früher an das Jüngste Gericht glaubte, so heute an den Öko-Weltuntergang.
     Dementsprechend versucht man, die Naturgewalten durch Ökosteuern, Abgaben für Waldprojekte im Sumpfland, CO-2-Strafgebühren und dergleichen mehr zu besänftigen. Oder jedenfalls sein schlechtes Gewissen wegen der billigen Fernreisen in den tropischen Süden zu beruhigen. Vermutlich werden wir bald ein Öko-Mönchtum (natürlich geschlechtslos) erleben. Öko-Prozessionen in Form von Protestmärschen gibt es bereits. Öko-Fahnen, und –gewänder sowie andere symbolische Gegenstände ebenso. Viele der Nicht-Regierungsorganisationen lassen sich als universale Pseudo-Kirchen des Öko-Glaubens verstehen, zumal ihre verdeckten oligarchischen Grundstrukturen den hergebrachten Kirchenstrukturen ähneln.
      Man muß diesen Vergleich nicht in alle Verästelungen weiterführen, um zu sehen, daß sich Öko von einer durchaus plausiblen politischen Reformbewegung — von einer wie mir scheint notwendigen Kritik an der szientistisch-technokratischen „Modernität“ — zu einem System von pseudo-religiösen Glaubensdogmen gewandelt hat, über die man weder wissenschaftlich noch politisch frei sprechen kann.
     Es fragt sich also, ob der grüne Bürgermeister Münchens mit seinem “interreligiösen Viereck” noch auf der Höhe der Zeit ist. Den Wandel von Jesus und Maria zu Öko und Klima scheint er noch nicht recht begriffen zu haben.



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