Die Deutschen sind ein reiselustiges Volk, das reiselustigste in ganz Europa. Aber wer von uns käme wohl auf den Gedanken, innerhalb von drei oder vier Tagen ebenso oft das das Flugzeug zu besteigen, um in derselben Runde mit denselben Leuten dieselben Dinge zu besprechen? Um dann, wenn alles vorbei ist, vor dasselbe Publikum zu treten und mit denselben Floskeln zu erklären, dass die Welt von nun an schöner, heller, besser, glücklicher, sicherer und was weiss ich geworden sei? Wir würden einer solchen Reiseplanung nicht viel abgewinnen können, weil sie ja gerade das vermissen lässt, was uns zum Reisen animiert, den Reiz des Neuen.
Was uns langweilig vorkommt, scheint auf die Staats- und Regierungschefs dieser Welt einen unwiderstehlichen Reiz auszuüben. Sie eilen von einem Gipfel zum nächsten, als wollten sie beweisen, dass die rot-grüne Koalition ihrer Zeit nur knapp voraus war, als sie unter dem Motto "Regieren macht Spass" ihr Amt antrat. Sie sind es zufrieden, wie Tiere in einem Wanderzirkus durch die Manege zu traben, wenn nur am Ende der Vorstellung Aussicht auf das besteht, was ihr Herz höher schlagen lässt: den Fototermin. Wie jeder Tourist wissen die Politiker, dass nur das Gipfelfoto den schlüssigen Beweis dafür liefert, dass das Ziel erreicht wurde, das Unternehmen also ein Erfolg war. Dafür posieren sie geduldig.
Ein Fotos pro Woche sollte da genug sein, meint unsereiner. Das meinen die Staats- und Regierungschefs, die Browns und die Sarkozys, die Merkels, die Barrosos und die Topolankes aber ganz und gar nicht. Von ihnen will jeder nicht nur ein, sondern sein Foto haben: das Bild, das ihn im Mittelpunkt, umrahmt von seinen Gästen, vor seiner heimatlichen Kulisse zeigt. Der Hintergrund muss mit ins Bild, 10 Downing Street also, das Panorama Strassburgs, das Kurhaus in Baden-Baden und die Prager Burg. Man ist nur dann dazu bereit, die Nebenrolle des Teilnehmers zu übernehmen, wenn man beim nächstenmal in der Hauptrolle, als Gastgeber, auftreten darf Deswegen statt der einen nun gleich drei Vorstellungen in einer und derselben Woche.
Leider verbraucht sich der Effekt. Als man zum erstenmal zusammenkam, in London, glaubte Frau Merkel noch von einem historischen, zumindest einem "fast" historischen Treffen sprechen zu dürfen. Am Tag darauf, in Baden-Baden, klang es schon viel bescheidener. Als die Karawane dann schliesslich Prag erreicht hatte, waren die Teilnehmer erkennbar müde und hatten nicht viel mehr zu bieten als Routine und ein bisschen Showbizz. Das Abrüstungsthema, langfristig wahrscheinlich das wichtigste von allen, hatte Obama ja schon in London angeschnitten; in Strassburg, Kehl und Baden-Baden kam es nur noch beiläufig zur Spache, in Prag war es schon antiquiert und abgehangen.
Wie man sieht, sind die Medien, die der Politik diese Art von Selbstdarstellung wenn schon nicht aufgezwungen, so doch nahegelegt haben, rücksichtslose Partner. So rabiat sie nach dem Reiz des Neuen gieren, so schnell verbrauchen sie ihn auch. Man kann es drehen und wenden wie man will: die Serienproduktion von Gipfeln verträgt sich nicht mit dem Anspruch, etwas Historisches zu beschliessen, einen Durchbruch zu riskieren oder sonst etwas von Bestand zu schaffen. Die Kirche war da klüger; sie wusste, dass Wunder nur dann geglaubt werden, wenn sie sich nicht dreimal wöchentlich ereignen, und ging mit ihnen deshalb sparsam um.
Als Bürger will man selbstverständlich wissen, welchen Zielen die Staats- und Regierungschefs ihr Land, den Kontinent oder die ganze Welt entgegenführen wollen. Fragt man auch so, wenn man am Abend ins Theater geht? War Bert Brecht nicht der letzte, der auf der Bühne mehr bieten wollte als Unterhaltung? Die Politiker sind mit der Zeit gegangen und haben gelernt, dass das Spielfeld, das ihnen die Medien abgesteckt haben, nicht mehr erlaubt als kurze, schlichte und banale statements. Statt Botschaften zu verkünden, wollen sie bloss vorkommen, irgendwo und irgendwie, am besten mit einem Bild, weil das auch ohne Worte spricht. Sie wollen kommunizieren, und das gelingt umso besser, je weniger die Kommunikation mit Inhalten belastet ist.
Was in der Demokatie zusammengespannt werden sollte, das Volk und die Regierung, fällt unter dem Druck der Medein wieder auseinander. Die Politik wird zur regierenden, das Volk zur regierten Klasse, zur Claque. Es darf Fähnchen schwingen und mit einstudierten Slogans seiner Begeisterung darüber Ausdruck verleihen, dass es von Leuten regiert wird, die den Kontakt zum Volk gründlich verloren haben; mehr nicht. Was man landläufig und gedankenlos die politische Klasse nennt - die gibt es wirklich, mit allen Merkmalen, die einer Klasse eigen sind. Sie lebt in einer Welt für sich, streng abgeschieden vom Volk, das sie sich mit Hilfe von Leibwächtern, Spürhunden, gepanzerten Limousinen und sehr viel Geld vom Leibe hält.
Was für Zeiten, als Friedrich der Grosse beim Ritt durch die Städte und Dörfer seines Landes von einer Kinderschar begleitet wurde, die ihre Mützen in die Luft warfen, dem König, wenn er nah genug war, den Staub von seinen Stiefeln rieben und auch sonst, wie Kugler in seiner Geschichte des grossen Königs bemerkt, zu allerlei freundlichem Unfug bereit waren. Das war zu den finsteren Zeiten, in denen der preussische Absolutismus das Volk in Angst und Schrecken hielt. Heute sind wir weiter. Heute werden ganze Stadtviertel zu Sperrzonen erklärt, Strassen blockiert, Häuser abgeriegelt und Kanaldeckel verschweisst, wenn sich die demokratischen Machthaber dazu herbeilassen, dem Volk ihre Aufwartung zu machen.