Alice Schwarzers Magazin "Emma" lesen zwar nur wenige (nach eigenen Angaben etwa 43 000), aber die Herausgeberin und unbestrittene Oberfeministin Deutschlands hat es trotzdem erneut geschafft, sich ins Rampenlicht zu bugsieren. Ihr bei "Bild" zitierter offener Brief an die Frauen-(und Familien)ministerin Kristina Schröder ist eine wutschnaubende Beschimpfungskanonade, die die Absenderin eher diskreditiert als die Empfängerin.

Das Spiegel-Interview der Ministerin hat mich nicht sonderlich überrascht. Dass sie keine typische Feministin ist, war schon bekannt. Beachtlich ist ihre offene Zurückweisung des De-Beauvoir-Postulats: "Man wird nicht als Frau geboren, man wird es." Sie sagt: "Dass das Geschlecht nichts mit Biologie zu tun hat, sondern nur von der Umwelt geschaffen wird - das hat mich schon als Schülerin nicht überzeugt."
In den Augen des Standard-Feminismus ist die Absage an diesen Glaubenssatz die reine Blasphemie. Die Ministerin begeht dadurch für Schwarzer einen Verrat. So groß ist Schwarzers Wut darüber, dass sie die Ministerin persönlich beleidigt: "Was immer die Motive der Kanzlerin gewesen sein mögen, ausgerechnet Sie zur Frauen- und Familienministerin zu ernennen – die Kompetenz und Empathie für Frauen kann es nicht gewesen sein." Dieser Satz ist aufschlussreich über Schwarzers Denken: Kompetenz für Frauen kann also nur eine bekennende Feministin haben? Der Begriff Empathie in diesem Zusammenhang ist absurd: Schröder ist schließlich selbst eine Frau und davon abgesehen ist es zweifelhaft, ob es ein generelles Einfühlungsvermögen in die Psyche der Hälfte der Menschheit überhaupt geben kann.
Am Schluss des Briefes lässt Schwarzer alle Höflichkeit fahren: "Ich halte Sie für einen hoffnungslosen Fall. Schlicht ungeeignet."
Der Gipfel ist aber, dass sie der Ministerin "als Jahrgang 1977" das Recht abspricht, "Stammtisch-Parolen zu reproduzieren" über den "frühen Feminismus". Mit letzterem fühlt sich Schwarzer naheliegenderweise weitgehend identisch. Aber das Recht auf freie Meinungsäußerung, also auch auf "Stammtischparolen" gilt auch für Ministerinnen.
Zumal Schwarzer selbst nicht mit den Parolen der feministischen Stammtische geizt: "Vielleicht sollten Sie Presse-Sprecherin der neuen, alten so medienwirksam agierenden, rechtskonservativen Männerbünde und ihrer Sympathisanten werden."
Schwarzer hätte ein wenig mehr Zurückhaltung und Kritikfähigkeit gut getan. Vor allem da Schröder sie im Spiegel durchaus respektvoll behandelt. Sie bezeichente Schwarzers Bücher immerhin als "sehr lesenwert".