Als ich vor einer Weile mal via Twitter die Position, Homeschooling grundsätzlich verbieten zu wollen, als “unliberal” bezeichnet habe, bekam ich einen ganzen Haufen zum Teil recht verärgerter Kommentare serviert, gespickt mit lauter vermeintlich guten Gründen
für die gängige deutsche Praxis, Schulpflicht mit Polizei und Strafandrohung durchzusetzen.
Überzeugen konnte mich das alles natürlich nicht, die “Gegenseite” ging allerdings vorsichtshalber auch kein bisschen auf meine eigentliche Kernthese in dieser Auseinandersetzung ein, dass es doch letztlich nur darauf ankäme, wie man Homeschooling organisiert, beziehungsweise welche Bedingungen man daran stellt.
Mein Idealbild eines Bildungssystems gründet sich vor allem auf einem möglichst offenem Wettbewerb verschiedener Anbieter. Die Möglichkeit, völlig eigenverantwortlich zu lernen, bildet da in meinen Augen nicht mehr und nicht weniger als eine weitere und grundsätzlich völlig legitime Alternative zu institutionellen Schulen in welcher Trägerschaft auch immer (es wäre zum Beispiel auch denkbar, dass sich 20 Eltern zusammentun und selbst eine Schule gründen, weil sie die am “Markt” gebotenen Alternativen nicht in Ordnung finden). Wenn man solche Schüler dann so in ein Gesamtsystem bringen möchte, dass ihre Leistungen mess- und vergleichbar werden, wie das eigentlich ständig von Homeschooling-Gegnern als Totschlagsargument gefordert wird, wird man um eine Art Kontrolle der Lernerfolge natürlich nicht herumkommen – aber warum dass beim Homeschooling nicht möglich sein sollte, hat mir dessenungeachtet trotzdem noch niemand erklären können. In fast jedem anderen Land jedenfalls ist so etwas offenbar kein Problem.
Die Standardargumente gegen Homeschooling (jeder, der wie ich, ab und zu in Diskussionen darauf hinweist, dass es sich dabei um nichts Böses handelt, wird das bestätigen, denn es sind wirklich Standardargumente, die so stereotyp, dass man fast den Eindruck von erfolgreicher Indoktrinierung gewinnen könnte, immer wieder vorgebracht werden) lauten:
* Homeschooler-Eltern sind fast immer religiös motiviert und wenn wir das zulassen, haben wir bald tausende von Kindern, die an die Schöpfungsgeschichte glauben und die Evolutionstheorie für ein Werk des Teufels halten
* Homeschooler-Kinder werden keinen vernünftigen Abschluss haben und so Probleme haben, einen Job zu finden oder gar ein Studium aufzunehmen
* Homeschooler-Kinder werden von anderen Kindern isoliert und verkümmern sozial
Wenn man mal ein paar Minuten über diese Argumente nachdenkt, merkt man, wie weich sie sind. Mal abgesehen davon, dass sie mit der Realität wenig zu tun zu haben scheinen, wie unter anderem dieses Interview mit einer Mutter aufzeigt, die ihre Kinder nicht auf eine Schule schicken wollte und aus diesem Grund aus Deutschland fliehen musste.
Sie stellt zum Beispiel gegen Standardargument folgende These auf:
In den USA muss man einen Grund fürs Homeschooling angeben. Und da geben eben 40 Prozent religiöse Motive an, weil das am einfachsten ist. Ich glaube, die wirklichen Fundamentalisten überlassen die Indoktrinierung ihrer Jugend nicht irgendwelchen Muttis zu Hause am Küchentisch. Das wäre ihnen viel zu individuell und unzuverlässig.
Und um die Sorge “falscher” (sprich: von der Norm abweichender) Inhalte zu zerstreuen, weist sie einfach auf praktische Beispiele in uns ansonsten gerne als Beispiel für sonstwas willkommenen Ländern hin:
In nahezu allen angrenzenden Ländern, auch in Nordamerika, Australien oder Südafrika ist Homeschooling erlaubt. Und dort entstehen nicht scharenweise Homeschool-Sekten. Denn dort müssen meistens bestimmte Formalien erfüllt sein. Man muss sich abmelden, Lernjournale führen oder sich bei einer Schirmschule anmelden. In Österreich etwa muss man die Kinder einmal im Jahr staatlich prüfen lassen. Außerdem zeigt sich in allen Ländern, dass es nur wenige sind, die das Angebot annehmen.
Gegen das dritte “Argument” will ich nichtmal ein Zitat bringen, weil es einfach nur behämmert ist. Wer das anders sieht, findet im Interview genügend Anhaltspunkte, dass der Zusammenhang, dass sich soziale Kontakte ausschließlich in Schulen bilden könnte, Unsinn ist.
Ich kann das bei mir auch aus eigener Erfahrung absolut bestätigen: Das Leben ausserhalb der Schule hat zumindest bei mir immer die ungleich grössere Rolle gespielt und sämtliche dort geknüpften Beziehungen haben sich bis heute als nachhaltiger und wertvoller erwiesen, als Bekanntschaften aus der Schule. Möglicherweise hat die Schulpolitik inzwischen – eine Weile bin ich da ja nun immerhin schon raus – dafür gesorgt, dass das anders geworden ist und ein Leben ausserhalb der Schule praktisch nicht mehr stattfindet. Sollte dem so sein, wäre die Behauptung, ohne Schule könnten Menschen kein soziales Netzwerk weben und würden automatisch zu spinnerten Eigenbrötlern, natürlich sehr zynisch. Bei Licht betrachtet käme das der Vorstellung gleich, Kinder würden anstatt zur Schule zu gehen einfach gar keiner Tätigkeit nachgehen und sich zu allem Überfluss auch noch von sämtlichen Sportvereinen etc. fernhalten wollen. Mag jeder selbst beurteilen, wie realistisch diese Vorstellung ist.
Für Homeschooling gibt es, wenn man sich vom fragwürdigen Niveau dieser Gegenargumente erstmal ein bisschen löst, indes sehr gute Gründe.
Zum Beispiel die Freiwilligkeit: Für die allermeisten Kinder wird ein solches Modell schon daran scheitern, dass ihre Eltern überfordert wären. Auch in Ländern, in denen Homeschooling erlaubt ist, ist es darum alles andere als ein Massenphänomen und die meisten Eltern entscheiden sich für gewöhnliche Schulen.
Oder das Argument, dass das Schulangebot einfach so schlecht ist, dass Alternativen nötig sind. Man muss sich vor Augen führen, dass deutsche Schulsysteme seit Jahrzehnten so lange hin- und hereformiert worden sind, dass das eigentliche Kerngeschäft – laut den PISA-Studien – offensichtlich sehr gelitten hat. Unsere sogenannte Bildungspolitik versaut auf der einen Seite ihre eigenen Schulen mit überladenen und klar ideologisch motivierten Inhalten und Strukturen, verbietet aber wo immer es geht jede Alternative dazu, weil man sich ja nicht das Zepter aus der Hand nehmen lassen will. “Je schlechter das Schulsystem, desto mehr Homeschooler nehmen das auf sich,” beobachtet auch die interviewte Homeschooler-Mutter.
Auch der soziale Aspekt kommt mir recht fragwürdig vor. Auf meiner Schule war es vor über 10 Jahren bereits) ganz normal, dass man mit Pech in der Pause von Mitschülern auf verschiedene Weise misshandelt worden ist, wenn man den falschen Leuten über den Weg gelaufen ist. Ich kann nicht behaupten, dass zumindest meine sozialen Fähigkeiten durch diesen Schulalltag besonders beflügelt worden wären.
Insgesamt wünsche ich mir ein wenig mehr Offenheit, eigenes Gehirnschmalz und nicht zu vergessen Mut zu einem möglichst freien Wettbewerb in der Debatte um Schulbildung generell und zum Homeschooling im Besonderen. Und das auch und gerade innerhalb Organisationen und Parteien, die sich als liberal begreifen wollen. Ideologie allein ist hier wie üblich kein guter Ratgeber.
Es gibt viele Spielarten von Homeschooling. Man kann das in Kooperation mit bestehenden Schulen machen, die die Kinder regelmässig prüfen, man kann einheitliche Abschlussprüfungen einführen, wenn man mag. Die Vorstellung jedenfalls, dass Homeschooling bedeutet, dass Kinder ihr ganzes Schulleben lang isoliert von allen anderen Menschen nichts als Dummes Zeug lernen und anschließend zwangsläufig eine Karriere als irrer Massenmörder oder gänzlich chancenloser HartzIV-Empfänger fristen müssten, ist nicht nur offensichtlich völlig abwegig, sondern wird durch die Praxis allerorten ständig widerlegt.
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