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17.05.2012
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     Thorsten Trautmann
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Ein Bulle in der Türkei
Weitere Themen: Allgemein, Familie

Diesmal möchte ich mal keine dienstliche Erfahrung erzählen, sondern meine Erlebnisse aus meinem diesjährigen Urlaub in der Türkei aus Sicht eines deutschen Polizeibeamten schildern.

Meine Erfahrung mit dem türkischen Straßenverkehr begann schon auf der Busfahrt vom Flughafen zum Hotel. Ich ließ die für mich komplett neuen Eindrücke dieses Landes nichts ahnend auf mich wirken, als wir rechts von einem – nun ich denke es sollte ein Motorroller sein – überholt wurden. Dieser Roller war mit DREI Personen besetzt! Offensichtlich fand hier gerade ein Familienausflug statt, denn vorne saß der Vater, hinter ihm wohl die Mutter, die das Kleinkind von ca. 6 Jahren unter den Arm geklemmt hatte. Anders kann ich diese Haltung wirklich nicht beschreiben. Dabei saß die treu sorgende Mutter im „Damensitz“ auf der Sitzbank, also beide Beine zur linken Fahrzeugseite herabhängend. Den einzigen Helm der Combo hatte der Vater zwischen seinen Füßen auf dem Trittbrett liegen.

Beim Anblick dieses Gespannes musste ich kurz schlucken, die Augen schließen und mir immer wieder gedanklich sagen: „Du bist im Urlaub, du bist im…!“.

Wir setzten unseren Weg fort, wobei ich noch viele solcher Familientransporte erblickte.

Als wir einen Zwischenstopp an einem anderen Hotel einlegten, machte ich den Fehler, mir die Füße vertreten zu wollen und den Blick dabei auf den Zustand unseres Busses zu richten.

ALLE Reifen des Fahrzeuges hätten Michael Schuhmacher zu Zeiten, als in der Formel 1 noch Slicks erlaubt waren, richtig Freude gemacht. Mein Sicherheitsgefühl war indes für den Rest der Fahrt erheblich getrübt. Wieder half mir mein neu erfundenes Mantra „Du bist im…“.

Während unseres Aufenthaltes in der Türkei benutzten wir zweimal den hoteleigenen Shuttlebus in unseren Urlaubsort. Dieser war schon recht betagt fuhr aber immerhin unter einem guten Stern.

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Der Aufbau auf dem Dach ließ auf eine Klimaanlage hoffen. Die mochte es vielleicht auch gegeben haben, benutzbar war sie offenbar aber nicht. Um dieses Manko auszugleichen und die Passagiere zumindest nur medium zu grillen, ließ der Fahrer kurzerhand die Bustür geöffnet. Da auf dem Weg in den Ort eine dauerhafte Kontrollstelle der örtlichen Polizei eingerichtet war, wurde kurz vor dieser Stelle und immer wenn ein Streifenwagen in Sicht kam die Tür geschlossen. Sobald man den Sichtbereich verließ, öffnete der Fahrer die Tür wieder und ließ den erfrischenden Fahrtwind und die Abgase in den Innenraum.

Für ein Wochenende hatten wir uns ein Auto gemietet. Bei unseren Fahrten damit kristallisierten sich folgende Grundregeln heraus:

1. Rettungskräften und Polizei ist Platz zu machen, wenn es sich irgendwie einrichten lässt.

2. Taxis ist in jedem Fall Platz zu machen, da man sonst mit dichtem Auffahren und sogar Abdrängmanövern zu rechnen hat.

3. Jeder darf solange auf der linken Spur fahren, bis er von einem Lastwagen von dieser vertrieben wird.

4. Vorgeschriebene Fahrtrichtungen sind eigentlich nur ungefähre Anhaltspunkte, die man als Vorschlag ansehen kann.

5. Die zulässigen Höchstgeschwindigkeiten für motorisierte Zweiräder hängt von den Bastelfähigkeiten ihrer Besitzer ab.

6. Der TÜV Nord ist zwar inzwischen auch in der Türkei tätig, aber der Besuch ist jedem freigestellt.

7. Ein Kraftfahrzeug ist dann verkehrstauglich, wenn die Hupe funktioniert.

8. Blinkerhebel sind unnützer Ballast und dürfen deshalb ausgebaut werden.

9. Sobald jemand in der Lage ist, sich ein wichtig aussehendes Pappschildchen an das Hemd zu hängen, ist er berechtigt an Stellen seiner Wahl Parkgebühren zu erheben. Die Höhe der Gebühr wächst proportional mit der Professionalität, in der das Schild erstellt wurde.

10. Haltlinien an Ampeln sind grundsätzlich zu überfahren. Das Halten erfolgt erst direkt im Einmündungsbereich, das Wechseln der Ampelphase wird per Hupsignal (siehe Punkt 7.) vom nachfolgenden Verkehr angezeigt.

Auf unserer Fahrt zurück zum Flughafen sammelten wir wieder Gäste anderer Hotels ein. Dabei war der Zeitplan wohl so eng gestrickt, dass das Nutzen der nächsten Wendemöglichkeit für die Anfahrt eines auf der anderen Straßenseite gelegenen Hotels nicht infrage kam. Also fuhr der Fahrer ohne Zögern ein paar Meter auf der Gegenfahrbahn, die natürlich baulich getrennt von unserer war. Damit nicht genug, wurden dann auch noch beide Gegenfahrspuren gesperrt, damit man rückwärts in die Hotelvorfahrt setzen konnte.

Mein Mantra begleitete mich stets, sobald ich die Hotelanlage verließ. Es hat mir gute Dienste geleistet. Während der ganzen Zeit hatte ich aber den Eindruck, dass die einheimischen Kollegen einen ähnlichen Leitspruch entwickelt haben mussten. Nur so erklärt es sich, dass sie oft stundenlang in sengender Sonne am Straßenrand auf Klappstühlen verharrten, rauchten und teilnahmslos den Verkehrsgau beobachteten. Die südländische Gelassenheit fand hier eine uniformierte Verkörperung.

Bei mir verfestigte sich außer meinem Mantra noch der Gedanke: So wie die arbeiten, möchte ich mal Urlaub machen! Schön war der Urlaub trotzdem.

http://blog.poetry-cop.de/#post14



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Kommentare (8)




 
  Kommentare (8)

Petra, 20.09.2010 16:20
Eine kulturelle Bereicherung eben!

Freigeist, 19.09.2010 20:19
Ich störe mich an dem Wort Bulle. In meiner Umgebung darf dieses Wort niemand benutzen.

Susanne, 19.09.2010 20:05
Und da behaupte noch einer, die Türkei sei kein freies Land. Urlaub in der Türkei und endlich Freiheit genießen. Liebe türkische Freunde, hütet euch davor, Mitglied im unfreien Verein EU zu werden. Die hiesigen Kommissare würden euch das Fürchten lehren!

Freigeist, 19.09.2010 19:09
Die Türkei ist noch lange nicht fähig, in die EU aufgenommen zu werden.

Kaan, 19.09.2010 18:27
Ich fand das ganze auch sehr amüsant. Ich frage mich aber ob der Autor vielleicht nicht in Ägypten oder in Kairo urlaub gemacht hat. Ich bin oft in der Türkei aber ich wüsste gerne, in welcher Stadt bzw an welchem Flughafen das passiert ist.

cool, 19.09.2010 12:46
schöner artikel liest sich wie ein spannender roman. ich als türke brauche mindestens eine woche bis ich wieder ind deutschland menine fahreigenschaften wieder anpassen kann nach dem ich 3 wochen urlaub in der türkei mit meinem auto unterwegs war- also rücksicht auf die türkischen autofahrer die nach dem urlaub hier autofahren den sie können nichts dafür.

Tamy, 19.09.2010 10:12
Ich hab so gelacht, dass mir die Tränen kamen. Die ganze Geschichte erinnert mich an meinen Ägypten-Urlaub und der Fahrt durch Kairo. Mein Mantra klang da ähnlich. *G* Man kommt sich wie in einer anderen Welt vor und vor allem fragt man sich hinterher wie man überleben konnte. Ich trugs auch mit Humor und finde diesen Beitrag hier sehr erfrischend. *G*

Dr. Alexander Ulfig, 19.09.2010 09:28
Vielen Dank für den Beitrag. Ich habe mich köstlich amüsiert. Mir sind ähnliche Verhältnisse aus Osteuropa während der kommunistischen Zeit bekannt.


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