Einloggen | Registrieren | 30.07.2010
   | HOME |   POLITIK     WIRTSCHAFT     LEBENSWELT     Suchen
 
 
 
     Erimar v. der Osten
Zur Person und Archiv      Email an diesen Blogger schreiben

Globale Beschleunigungskrise
Weitere Themen: Finanzkrise, Allgemein, Wahlen

Jeder umweltbewusste Bürger weiss oder ahnt, dass sich das immer grösser werdende Rad unserer globalen Wirtschaft auf dem Rücken der Umwelt dreht, wenn nicht hier im Lande, dann woanders. Müssten wir nicht aufatmen, wenn die Beschleunigung aufgrund der aktuellen Wirtschaftskrise für eine Weile nachlaesst und unserer Umwelt eine Verschnaufpause gewährt wird? Wenn ein Konsument für wenige Euro ein Kleidungsstück oder ein elektronisches Gerät erwirbt, weiss er, oder ahnt es zumindest, dass viele soziale und ökologische Externalitäten nicht an ihn weiter gereicht werden.

Auch darauf spielte Präsident Obama an, als er in seiner Antrittsrede sagte:

Nor can we consume the worlds resources without regard to effect. For the world has changed, and we must change with it.
Ubersetzung: Auch können wir die Ressourcen der Welt nicht verbrauchen, ohne auf die Konsequenzen zu achten. Denn die Welt hat sich geändert, und wir müssen uns mit ihr ändern.

Als negative Externalitäten werden die Effekte wirtschaftlicher Aktivitäten bezeichnet, die unbeteiligten Dritten ungerechtfertigte Kosten bescheren, wenn Produzenten mangels wirtschaftspolitischer Regelung die Freiheit nutzen, bei der Preisbildung nur die ihnen tatsächlich entstandenen betriebswirtschaftlichen Kosten, nicht aber die darueber hinaus anfallenden sozialen und ökologischen Kosten zu berücksichtigen.

In Europa hat sich in ökolgischer Hinsicht seit den 70er Jahren Enormes getan. Gerade im Kern Europas, insbesondere auch in Deutschland, wird die Bedrohung der Umwelt von einem grossen Teil der Bevölkerung wahrgenommen. Das hohe Umweltschutzniveau der Europaeischen Gemeinschaft wurde nach den so genannten Kopenhagener Kriterien auch auf die neuen Mitgliedstaaten ausgedehnt. Mittels unzähliger Programme gelingt es der EU eine umweltgerechte Entwicklung zu sichern und den „Umwelt für Europa“-Prozess sowie das von den Umweltministern der Wirtschaftskommission der UN für Europa (UN-ECE) vereinbarte Umweltaktionsprogramm für Mittel- und Osteuropa (EAP) umzusetzen. Auch in der Europaeischen Produktnormung werden heute Umweltschutzaspekte systematisch berücksichtigt.

Auf der 5. Vertragsstaatenkonferenz des Übereinkommens über die biologische Vielfalt (Biodiversitätsabkommen) 2000 in Nairobi wurden unter anderem die Prinzipien des sog. Ökosystemansatzes beschlossen. Die ökosystemare Umweltbeobachtung erfasst heute neben Strukturen vor allem Funktionen und Prozesse in Ökosystemen und zeichnet deren Veränderungen auf, so auch vor den Toren Berlins im Biosphärenreservat Schorfheide-Chorin. Viele deutsche Unternehmen, wie der Hamburger Otto-Konzern, wirken bei vielen Initiativen mit und gehen in der ganzen Welt mit leuchtendem Beispiel voran.

Macht es angesichts unserer soliden Umweltbilanz Sinn, Naturschutz in Zeiten grosser wirtschaftlicher Krisen in den Vordergrund zu rücken? Ich meine ja, so wie es Sinn macht zu fragen, wo wir Menschen heute stehen, nachdem wir grosse Kriege überwunden haben, zum Mond geflogen sind und mit der europäischen Gemeinschaft eine wirtschaftliches und politisches Modell entwickelt haben, was uns zumindest in Europa sehr viel Frieden und Freiheit beschert. Trotz aller Bemühungen hat nach einer fundierten WWF Studie das Wirtschaftswachstum der EU den ökologischen Druck auf die Erde in den vergangenen Jahren verdoppelt. Laut der Studie "The Economics of Ecosystems and Biodiversity" (TEEB), die von Deutschland 2007 während seiner EU-Präsidentschaft initiiert wurde, belaufen sich allein die jährlichen Verluste des Ökosystems Wald für die Menschheit auf zwei bis fünf Billionen Euro. Da hilft es wenig, dass die EU-Waldbilanz vergleichsweise gut abschneidet: Ökosysteme kennen keine politischen Grenzen.

Stehen wir womöglich vor unserer gewaltigsten Herausforderung: die Überwindung der globalen Beschleunigungskrise und die damit einhergehende Zerstörung der Biosphaeren, die trotz grosser Anstengungen des öffentlichen und privaten Umweltschutzes weiter voranschreitet? Wären nicht so viele Arbeitsplätze und Firmenexistenzen betroffen, müsste uns die augenblickliche Wirtschaftskrise als Segen vorkommen, denn sie provoziert darüber nachzudenken, ob wir Menschen Wissenschaft, Technik, Politik und Wirtschaft so organisiert haben, dass unsere Erde daran nicht zugrunde gehen wird. Längst wissen wir, dass die sichtbaren Fehlentwicklungen (rasant fortschreitende Reduzierungen der Artenvielfalt), nicht nur kleine Pannen sind, nach deren Behebung wir auf gewohnte Weise fortfahren können.

Diese Gedanken sind nicht originell, aber sie sollten uns stets aufs Neue beschäftigen.
Der verstobene Astrophysiker Peter Kafka wurde nie müde danach zu fragen, ob vielleicht in den Grundideen unseres Wirtschaftssystems ein Wurm steckt. Gerade jetzt, im wirtschaftlichen Umbruch, verdienen Politiker und Spitzenbeamte Applaus, wenn sie danach fragen und forschen lassen, welche Grundideen unserer Wirtschaftsordung noch weiterhin lebensfähig sind, welche Teile grundlegend reformiert werden müssen, damit wir keine Katastrophe erleben; wenn sie zu ergründen versuchen, inwiewiet sich die Ökologie der Wirtschaft unterzuordnen hat oder ob es nicht zu Gunsten unserer Nachfahren stets umgekehrt sein sollte.

Wir stehen ganz am Anfang der Entwicklung neuer ökologischer Wirtschaftsmodelle. An vielen Universitäten und Forschungseinrichtungen wird nicht nur intensiv und leidenschaftlich daran gearbeitet, sondern es findet dank moderner Kommunikationsmöglichkeiten ein interdisziplinärer länderübergreifender Austausch statt, wie keine Generation zuvor erlebt hat. Nach und nach löst sich im Denken vieler Wissenschaftler der rein wissenschaftlich-technisch begründete Fortschrittsglaube durch Einsicht in die systemtheoretischen Prinzipien der globalen Beschleunigungskrise auf. Wenn die Politik wartet, bis etwa die sozialen Versicherungssysteme zusammenbrechen, das Vertrauen zum Staat weiter schwindet, soziale Unruhen konstruktive Dialoge erschweren, mag jede Reformanstrengung zu spät kommen.



Artikel weiterlesen  
ANZEIGE


Kommentare (0)

Bookmark and Share   



 
  Kommentare (0)


Kommentar schreiben

*=Pflichtfelder

CAPTCHA*
 
 
 
ANZEIGE



Spruch des Tages
"Wem es in dieser Lage um die Wahrheit zu tun ist, der muß den Mut aufbringen nicht einfach zu sein."
- Karl Barth

Empfohlene Beitrage

Brüderle: Merkel sozialdemokratisiert Brüderle: Merkel sozialdemokratisiert

Nur noch 29 Prozent für Union - Merkel büßt Vertrauen ein Nur noch 29 Prozent für Union - Merkel büßt Vertrauen ein

Afghanistan: Guttenberg weist Opposition zurecht Afghanistan: Guttenberg weist Opposition zurecht

Regierungsbilanz: Merkel mit sich zufrieden Regierungsbilanz: Merkel mit sich zufrieden

Absolute Mehrheit für Rot-Grün - Schwarz-Gelb bei 34 Prozent Absolute Mehrheit für Rot-Grün - Schwarz-Gelb bei 34 Prozent

Sparpaket: Minister wehren sich gegen Schäuble Sparpaket: Minister wehren sich gegen Schäuble

Beust kritisiert Führungsschwäche von Merkel Beust kritisiert Führungsschwäche von Merkel

Gerhardt nimmt sich Koalition vor Gerhardt nimmt sich Koalition vor

"Merkel kann nicht führen"

Rot-Grüne Regierungsmehrheit - Schwarz-Gelb bei nur 35 Prozent Rot-Grüne Regierungsmehrheit - Schwarz-Gelb bei nur 35 Prozent


Interviews

Dr. Gérard Bökenkamp Reformen besser früher als später
Dr. Gérard Bökenkamp
Friedrich Naumann Stiftung für die Freiheit

Frère Wolfgang
Frère Wolfgang
Communauté de Taizé

Claudia Iyiaagan-Bohse Allumfassende SED-Netzwerke
Claudia Iyiaagan-Bohse
Bürgerrechtlerin

Stefan Reker Mehr Wahlfreiheit für die Menschen
Stefan Reker
Verband der privaten Krankenversicherung

Marco Mendorf Besser Sparen
Marco Mendorf
Initiative Neue Soziale Marktwirtschaft

David Harnasch Greenpeace ist ein Konzern wie jeder andere
David Harnasch
Journalist und Moderator

Christian Zeuß Manipulation der Geldmenge
Christian Zeuß
Portfoliomanager

Ewald König Europakritische Haltung nimmt zu
Ewald König
EurActiv.de

Klaus Riegert Sport vermittelt Einsatzfreude
Klaus Riegert
FC Bundestag

Oliver Uschmann Als seien sie unmündig
Oliver Uschmann
Schriftsteller

Mehr Interviews


Umfrage

Wie glaubwürdig ist Erzbischof Zollitsch als Aufklärer von Mißbrauchsvorwürfen gegenüber der Kirche?







Ergebnis


Reportage

Spirituelle Erneuerung mit Pater Jose Spirituelle Erneuerung mit Pater Jose

Ein paar Worte zu Armin Hary Ein paar Worte zu Armin Hary

Tagungs-Bericht: Tagungs-Bericht: "Das Geheimnis erfolgreicher Bildung"

Energieversorgung der Zukunft<br>Kernenergie - Contra und Pro Energieversorgung der Zukunft
Kernenergie - Contra und Pro

Afghanistan - ein Trauerspiel? Afghanistan - ein Trauerspiel?

Mütter in Erzwingungshaft! – Reportage von Eva Herman Mütter in Erzwingungshaft! – Reportage von Eva Herman

Der Glutkern des Glaubens Der Glutkern des Glaubens

Hilfe für Griechenland: Die Büchse der Pandora Hilfe für Griechenland: Die Büchse der Pandora

Symposium Symposium "Einfach, niedrig und gerecht"

Europarat: Besserstellung aufgrund geschlechtlicher Identität? Europarat: Besserstellung aufgrund geschlechtlicher Identität?

Mehr Reportagen


Galerien

"Das Geheimnis erfolgreicher Bildung" - Expertentagung in Düsseldorf \"Das Geheimnis erfolgreicher Bildung\" - Expertentagung in Düsseldorf


Empfohlene Blogs

author Albrecht Prinz von Croy
Alle Kraft voraus für Joachim Gauck!

author Gérard Bökenkamp
Gold oder Papier?

author Thomas M. Eppinger
Israel in der Doppelmühle

author Albrecht Prinz von Croy
Köhler-Rücktritt: die Zwerge verjagen die Riesen!

author Beatrix Herzogin von Oldenburg
Über die EZB, die EU und 500 Mrd. neue (!) Dammbrüche

author Christa Meves
Kindesmissbrauch: Ursachen und Konsequenzen

author Hartmut Bachmann
Eiszeit: Der Tod des EURO

author Saba Farzan
Ablenkungsmanöver in Teheran

author Jürgen Liminski
Was in der neuen Krippen-Spardebatte von allen verschwiegen wird

author Dr. Michael von Prollius
Inflation trifft die (kleinen) Verbraucher besonders hart


Video

Rücktrittserklärung Horst Köhler Rücktrittserklärung Horst Köhler

Professor Wilhelm Hankel über den Euro im März 2010 Professor Wilhelm Hankel über den Euro im März 2010

Das Gedächtnis der Gene Das Gedächtnis der Gene


Schlagworte

Aktueller Goldpreis


Aktueller Silberpreis


Deutschland Wetter




Finanzkrise
Bankenrettung belastet Staat mit mindestens 34,2 Milliarden
Rekonstruktion der Euro-Rettung
Wohl keine Kürzung beim Wohngeld
Nahost-Konflikt
Fidel Castro fürchtet atomaren Irankrieg
Gaza-Blockade: Türkei droht Israel
"Im Nahen Osten geht es um Leben und Tod"
DDR-Unrecht
Allumfassende SED-Netzwerke - Interview Claudia Iyiaagan-Bohse
Gericht: Bodenreform war politische Verfolgung
Bank muss SED-Geld zurückgeben
Allgemein
DIW bestätigt: Vollbeschäftigung bald möglich
Brüderle glaubt an Vollbeschäftigung
Arbeitslosigkeit steigt leicht
Bildung
Reformen besser früher als später - Interview Gerard Bökenkamp
Ministerin will Medien auf "kultursensible Sprache" verpflichten
Integration verkehrt: Schockierende ARD-Doku
Reformen
EU will sämtliche Girokonten umstellen
Brüderle: Merkel sozialdemokratisiert
Brüderle will Staatsquote und Mittelstandsbauch angehen
Wirtschaftspolitik
DIW bestätigt: Vollbeschäftigung bald möglich
Brüderle glaubt an Vollbeschäftigung
Karlsruhe: Arbeitszimmer dürfen wieder abgesetzt werden
Familie
Immer mehr Alleinerziehende
Deutschland ist Schlußlicht bei Geburten
Experte rechnet mit 24 Prozent Rentenbeitrag
Autoindustrie
Opel-Hilfe: Brüderle lehnt ab, Merkel berät weiter
Keine Staatshilfe für Opel?
China: VW investiert 6 Milliarden
Wahlen
Nur noch 29 Prozent für Union - Merkel büßt Vertrauen ein
Rot-grüne Mehrheit in Baden-Württemberg?
Absolute Mehrheit für Rot-Grün - Schwarz-Gelb bei 34 Prozent
1945-49 Verfassungsbruch 1990
Demonstrative Einigkeit um Zentrum für Vertriebene
Deutscher Richter: Bananenrepublik in Sichtweite
CDU und FDP für Wiedergutmachung
Justiz
Karlsruhe: Arbeitszimmer dürfen wieder abgesetzt werden
30 Jahre Haft für Rote Khmer-Folterer
Loveparade-Tragödie: Heftige Kritik an Veranstaltern

Nach Oben  |  Impressum  |  Home  |  Politik  |  Wirtschaft  |  Lebenswelt  |  RSS RSS
© FreieWelt.net 2008