In dieser Frage sind sich Wirtschaftslobbyisten und tonangebende Medien einig: Deutschland braucht mehr Zuwanderer. Für Medienintellektuelle verbindet sich damit der Glaube an eine "weltoffene", multikulturelle Gesellschaft, für Unternehmen der Wunsch nach mehr Fachkräften und Profit. Für Unternehmen ist es stets bequemer, Arbeitskräfte von der Stelle weg einzustellen, als sie selber auszubilden. In dem Maße, wie preisgünstige Arbeitskräfte im Inland rar werden, verstärkt sich der Ruf nach Zuzug aus dem Ausland. In der Nachkriegszeit wurden deshalb Millionen von Gastarbeitern zunächst aus Südeuropa, dann auch aus der Türkei und Nordafrika angeworben. Schon wenige Jahre später war deren Arbeitskraft durch die Rationalisierung von Produktionsprozessen oft entbehrlich geworden. Die Migration setzte sich aber durch den Nachzug von Ehegatten, Kindern und Verwandten fort - und endete immer häufiger in den Sozialhilfesystemen. In Deutschland, wie auch in Frankreich, Großbritannien oder den Benelux-Staaten, sind Zuwanderer aus "Nicht-EU-Staaten" im Durchschnitt beruflich schlechter qualifiziert als "Einheimische", seltener erwerbstätig und deshalb häufiger auf Sozialtransfers angewiesen. Für diese Leistungen muss die Allgemeinheit aufkommen, während die einzelnen Unternehmen zuvor von der für sie billigen Arbeitskraft profitieren konnten. Im Gegensatz zur betriebswirtschaftlichen Kurzfristperspektive sieht der volkswirtschaftliche Saldo der Zuwanderung eher negativ aus. Noch kritischer als die ökonomische fällt die "Lebensweltbilanz" vieler Bürger vor allem in Großstädten mit hohem Bevölkerungsanteilen von Migranten aus: Nicht wenige fühlen sich fremd in ihrer Heimat.
In den Medien, im Wissenschaftsbetrieb und selbst in der Politik gilt diese Sicht des "kleinen Mannes" als unaufgeklärt-xenophob. Als aufgeklärt-rational gilt es hingegen, sich am Arbeitskräftebedarf der Wirtschaft zu orientieren. Eine neue Einwanderungspolitik soll nun Einwanderer zum Vorteil der gesamten Volkswirtschaft künftig arbeitsmarktkompatibel nach Qualifikation auswählen. Hochqualifizierte Zuwanderer sollen den Mangel an jungen Fachkräften beheben; Migration soll also die volkswirtschaftlichen Probleme des deutschen Jugendschwunds und einer defizitären Ausbildung kompensieren. Dass junge Arbeitskräfte ab 2010 immer knapper werden würden, war als Folge des Geburtenrückgangs seit den 1970er Jahren absehbar. Schon damals warnten Bevölkerungsökonomen eindringlich davor, in der Einwanderung einen "bequemen Ausweg" zu sehen: Schließlich würden qualifizierte Einwanderer auch "in den Ländern mit Kräfteüberschuss nicht reichlich zur Verfügung stehen". Seitdem sind die Geburtenraten in vielen "Schwellenländern" wie dem Iran, der Türkei oder auch Indien drastisch gefallen. Diese Länder altern nicht weniger, sondern sogar noch stärker und schneller als die wohlhabenden westlichen Industrieländer. Diesen immer noch relativ armen Ländern bleibt nur wenig Zeit, um Sozialversicherungen und/oder Kapitalstöcke für die Versorgung der rasch wachsenden Zahl älterer Menschen aufzubauen. Um diese Soziallasten zu bewältigen, werden sie die Arbeits-, Leistungs- und Innovationskraft ihrer Jugend dringend selber brauchen. "Sozialpolitische Reservearmeen" für alternde Industrievölker sind hier nicht zu rekrutieren. Die von Einwanderungsländern wie Kanada praktizierte Strategie, durch selektive Zuwanderung das Qualifikationsniveau ihrer Erwerbsbevölkerung zu verbessern, lässt sich nicht verallgemeinern: Zu begrenzt ist schlicht das Potential an Ärzten, IT-Experten, Ingenieuren oder auch qualifizierten Krankenschwestern in der (noch) kinderreichen "dritten Welt". Ethisch ist diese Strategie ohnehin zweifelhaft: Setzt sie doch darauf, dass ärmere Länder Arbeitskräfte ausbilden, um den Wohlstand der reicheren Industrienationen zu erhalten. Nachwuchs selber zu erziehen und auszubilden ist bekanntlich mühsam. Dies ist auch ein Grund, warum viele auf Kinder verzichten. Für den einzelnen mehrt die Kinderlosigkeit den Konsumwohlstand. Für die Volkswirtschaft bedeutet sie jedoch weniger Arbeitskräfte, weniger Steuer- und Beitragszahler, weniger Unternehmer und Innovatoren. Durch Zuwanderung lässt sich diese "Nachhaltigkeitslücke" nicht wirksam verringern - ohne eigenen Nachwuchs geht es eben nicht.
Der Beitrag erschien zuerst in einer ausführlicheren Version mit Anmerkungen und Grafiken beim Institut für Demographie, Allgemeinwohl und Familie (IDAF)