Wo ist eigentlich unser neuer Bundespräsident? In der Debatte um die Thesen des Herrn Sarrazin würde er gebraucht: einer muss endlich die Raserei der üblichen Verdränger beenden.
Besserwisserei verbietet sich ja, aber Wehmut darf schon sein: wenn man Joachim Gauck in diesen Tagen zusieht und zuhört, will einem erst Recht kein Grund einfallen, warum dieser Mann nicht Bundespräsident werden durfte. Diese ruhige Sachlichkeit, diese rhetorische Brillanz (am Dienstagabend bei Maischberger durfte man es mal wieder erleben) täte uns gut in diesen Tagen, da wieder eine künstliche Empörungswelle von den üblichen Verdächtigen losgetreten wird.
Und so wird noch deutlicher, dass der gewählte Bundespräsident Wulff non existent ist (oh pardon: heute ein wegweisendes Interview im dem wegweisenden Druckerzeugnis „Sächsische Zeitung“). Wo ist er in der Diskussion um die (teilweise krausen) Thesen des Thilo Sarrazin?. Warum rückt er nicht gerade, dass hier einer um den Grundgesetzartikel 5 gebracht werden soll, der bekanntlich das Recht auf eine freie Meinungsäußerung benennt? Ist der Bürger Sarrazin dieses Rechtes enthoben, weil er das Falsche sagt? Oder weil er Vorstandsmitglied einer ach so unabhängigen Bank-Behörde ist (sein Arbeitsvertrag ebendort sagt aber nichts über ein eingeschränktes Recht auf Meinung)? Oder aber weil er sich des Themas „Integration“ in einem anderen Sinne angenommen hat als der Bundespräsident, der dieses in den Mittelpunkt seiner Amtszeit stellen möchte? Ja denn mal los, Herr Präsident, die Nation redet über fast nichts anderes als über Ihr Thema!
Oder hat das Schweigen am Ende damit zu tun, dass Wulff den Herrn Sarrazin entlassen müsste, wenn die Bundesbank das von ihm fordert? Es ist gekommen, wie es zu erwarten war: der Parteipolitiker Wulff reagiert als Präsident eben wie ein Parteipolitiker. Der Bürger Gauck hätte wie ein Bürger reagiert. Quod erat demonstrandum!