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04.02.2012
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     Stefanie Selhorst
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Poor Law? - Ein Plan! Ehrenrettung armer Eltern? - Ein Versuch!
Weitere Themen: Allgemein, Bildung, Familie

Charles Dickens schrieb viele große Romane darüber, wie kleine Jungen mühselig und tapfer die Trennung von ihrem Ursprung, ihren Ahnen überwinden mussten, um zu gesunden und ihre Identität zu finden. Heute, so scheint es, wird eine Trennung von Kindern und Eltern als Rettung, nicht als Not angesehen und deshalb staatlich angeordnet.

Mit vielen kleinen Meißel-Schlägen wird er gelockert, der Kitt zwischen dem Kind und seinen Eltern. Die politische Landschaft ist von einem Heer dieser auf Spaltung spezialisierter Steinmetze durchsetzt: Manche von ihnen planen Chipkarten für Bildungsangebote, zur Rettung vor veruntreuenden Eltern; mache fassen eine Kindergartenplicht ins Auge, zur Rettung der Migranten-Kindern vor ihrer Muttersprache; manche bereiten die Abschaffung der kinderärztlichen Schweigepflicht vor, zur Rettung vor prügelnden Eltern; manche filmen die Ohnmacht der Armen bei der Kindererziehung, zur Ergötzung der Besserwisser… Oliver Twist und David Copperfield heißen heute Justin und Murat und ihre Wege sollen sie nicht finden, um zu ihrem Ursprung zu kommen. Nein, sie sollen überhaupt nicht finden, sondern gelenkt werden, weit fort von Mutter und Vater…

Wie schlecht der Ruf nicht zweifach und nicht ganztags gelderwerbstätiger und armer Eltern ist, das zeigt die derzeit stattfindende Chipkarten Debatte. Kinder von Harz IV-Empfängern werden momentan nach einem Urteil des Bundesverfassungsgerichts nicht hinreichend mit dem Gut Bildung versorgt, denn deren Harz IV-Sätze berücksichtigen diese Kostenstelle nicht explizit. Die Bundesregierung ist gehalten, hier nachzuholen. Dieser Aufforderung des Verfassungsgerichts soll nun in Form von Chipkarten für eine festgelegte Auswahl an Bildungsangeboten nachgegangen werden. Den Eltern Bargeld für Bildungsausgaben auszuhändigen, das käme für Arbeitsministerin Ursula von der Leyen nicht in Frage, Harz IV-Eltern würden es mit großer Wahrscheinlichkeit veruntreuen. Die ganze Nation spricht vom Ankommen von Geld beim Kind, dem die Eltern mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit im Weg stünden.

Ja, sind wir wieder zurückgekehrt in die sozialpolitische Zeit der ersten Industrialisierung, in die Zeit, als Charles Dickens seinen „Oliver Twist“ schrieb? Dem Armenhaus entkommen, wird der kleine Waisenjunge bei einer Kinderpflegerin, Mrs. Mann, untergebracht. Dieser wird ein fester Pflegesatz pro Kind anvertraut, den sie aus Prinzip und immer bis zur Neige veruntreut. Viele der Kleinen überleben diese schmale Kost nicht, einige gerade so eben. Der Gemeinderat, als Gremium Vormund der armen Weisenkinder, geht mitunter dem unerklärlichen Tod eines Kindes in Mrs. Manns Obhut nach. Manchmal soll sie deshalb auch unangekündigt kontrolliert werden, doch sie ist nicht dumm und lässt sich von ihrem Verbündeten, dem Gemeindediener Mr. Bumble, stets vorher warnen.

Folgt man der ebenso eifrigen wie einhelligen Argumentation gegen die Bargeldförderung armer Familien heute, so findet man genau all dieselben Einwände gegen arme Familien, die auch gegen das „Poor Law“ und das öffentliche Erziehungswesen im England des 19.

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Jahrhunderts sprachen. Standen in den späten 1830er-Jahren die Bediensteten der englischen Armen- und Waisenhäuser in dem durchaus begründeten Verdacht sich auf Kosten der wehrlosen Zöglinge zu bereichern, so verdächtigt man heute in Deutschland die Eltern selber. Vorangetrieben wird diese Hetze gegen arme Eltern von Reality Shows, die in düsteren Szenen die Unzulänglichkeiten des Prekariats bei der Kindererziehung aufzeigen. Die Voyeure, während sie sich an der dargestellten Not ergötzen, können derweil, in Identifikation mir der intervenierenden Erziehungsberaterin vor Ort, genüsslich alles besser wissen. Und sich in den Phantasien über die Entmachtung der dargestellten Eltern ergötzen.

Die Kriminalisierung wirtschaftlich erfolgloser Eltern ist derzeit allgegenwärtig und schichtenübergreifend präsent; sie hat fast den Status eines gesellschaftspolitischen Dogmas. Nicht nur an den Stammtischen herrscht hier Einigkeit. Nein, es ist auch regierungspolitisches Programm, wehrlose Kinder regelrecht vor den bildungsfernen und selbstsüchtigen Absichten ihrer prekären Eltern zu schützen. Niemand fragt hingegen, ob das mit aller Überwachungstechnik letztendlich gelänge, und ob es nicht auch heute noch jede Menge Gemeindediener wie Mr. Bumble gäbe, die die Kontrolle vereitelten.

Jedoch, selbst wenn man davon ausgehen könnte, dass eine effektive Kontrolle der Kindererziehung armer Eltern möglich wäre, so verursachte dieses Instrument zur Schadensvermeidung an der Oberfläche des Sichtbaren, an anderer Stelle einen tiefergreifenden Schaden. Nehmen wir an, es gäbe sie, die gläserne Harz IV-Familie, die sich fügig dem „Familienlotsen“ im Arbeitsamt ihres Bezirks unterordnete, sich früh von ihren Babies trennte und ganztags studierten Krippnerinnen und später dann Flötenlehrerinnen anvertraute. Diese Familie wäre es, die sich tatsächlich an ihrem Kind versündigte. Deshalb ist es gut, dass sie nur ein politisches Ideal, ein Konstrukt von Sozialingenieuren ist.

Aber wo läge er denn der Schaden, den die gläserne und ferngesteuerte Familie anrichtete? Die Antwort ist ganz einfach, sie gäbe das Zepter aus der Hand, und sie nähme damit sich selbst und dem Kind die Würde der Herkunft. Das Kind würde sie nie in der Tat erleben, die elterliche Autonomie, deren Vorbildhaftigkeit für Kinder um Längen wichtiger ist als alle Geigen und Nachhilfestunden zusammen. Sie schnitte zudem die zwischenmenschliche und auf bedingungslose gegenseitige Bewunderung basierende postnatale und soziale Nabelschnur zwischen Eltern und Kind durch. In dem 4. von Gottes Geboten – dem einzigen begründeten übrigens - heißt es: „Du sollst Vater und Mutter ehren, auf dass es dir wohlergehe und du lange lebest auf Erden.“ Es heißt nicht: „Du bist Rohstoff des Renten- und Sozialsystems und hast dich den staatlichen Bildungsinterventionen  und -kontrollen zu fügen und unterzuordnen.“  Der immerwährenden Weisheit unseres jüdischen und christlichen Glaubens, unseres Gottes persönlich, wie er sich Moses offenbarte, widerspricht sowohl die Instrumentalisierung als auch die Kollektivierung von Kindern durch die jeweilige Gesellschaft in die sie zufälligerweise hineingeboren wurden. Das Ehren von Vater und Mutter ist eine zeitlose, gegenseitige und zutiefst persönliche Leistung im ständigen privaten Austausch, der Boden für die Bildung und Glück.

Werden nun sozialpolitische Maßnahmen mit der Abwesenheit von elterlicher Ehre begründet, so schließe ich daraus das Folgende:

a. Es liegt ein Bruch des vierten Gebots vor. Eine Gesellschaft, die die Eltern eines Kindes nicht ehrt, behindert das Kind bei der Einhaltung des 4. Gebots. Ein Kind, das aus dem familiären Einfluss genommen wird, weil seine Eltern als nicht ehrenwert und vertrauenswürdig erklärt werden (erkennbar dann an der Chipkarte selber), kann diese dann auch nicht unbeschwert ehren. Ihm wird es dann vielleicht nicht wohlergehen auf Erden und es wird nicht lange leben.

b. Es liegt eine pauschale Ungleichbehandlung der Erziehungs-Autonomie von wirtschaftlich abhängigen und wirtschaftlich unabhängigen Familien vor. Hierbei wird pauschal von wirtschaftlicher Not auf erzieherische Unehrenhaftigkeit geschlossen. Man könnte daher auch meinen, wirtschaftliche Not würde willkürlich zum Zweck einer Einschränkung von Erziehungs-Autonomie missbraucht. 

c. Es entsteht ein langfristiger demographischer Schaden: Elternschaft schlechthin erscheint in der gegenwärtigen gesellschaftlichen Debatte zunehmend als zunächst unehrenhaft. Sie steht im Ruch der Pflichtvergessenheit. Erwägt ein junges Paar sie, so steht es schon mit einem Fuß im Milieu der Veruntreuer. Will es den Fuß dann schnell zurückziehen, so muss es Erziehungsentscheidungen (schon vorab und im Geiste) tunlichst an das Arbeitsamt delegieren. Oder: Wozu eigentlich ein Kind? 

d. Nicht alle glauben an das düstere Bild, das Presse und Fernsehen von armen Familien zeigen. Viele wissen, dass es ebenso möglich wäre, die Mustergültigkeit der Armen bei der Erziehung ihrer Kinder mit der Vernachlässigung von Reichen zu kontrastieren. Tatsächlich weiß der durchschnittliche Deutsche, dass Erziehungsverantwortung in allen Wohlstandssegmenten gleichermaßen zu finden ist. Dieses Verantwortungsbewusstsein bei einer bestimmten Gruppe in Abrede zu stellen, das ist schädlich für die jeweils diskriminierte Familie und letztendlich für die Bindung der betroffenen Kinder an ihre Eltern. Reflektierte Menschen werden früher oder später gegen das auf Vorurteilenden basierende „Poor Law“ aufbegehren. Vielleicht werden aber vorher noch Romane geschrieben. 

Zum Schluss noch ein kleiner Trost. Nicht nur Oliver Twist, auch David Copperfield durften ihren Weg selber finden und kamen so zurück in den segensreichen Einfluss ihrer Ahnen, und sie sind gesundet. 



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Kommentare (1)




 
  Kommentare (1)

Elmar Oberdörffer, 01.09.2010 14:27
Bravo, Frau Selhorst, für Ihre glänzende Analyse! Aber vielleicht ist es ja das unausgesprochene Ziel der derzeitigen Politik, die Kinder aus dem unkontollierbaren Einfluß der Eltern zu lösen, damit man sie besser auf den politisch korrekten Weg bringen kann. Mündige, selbstdenkende und selbstverantwortliche Bürger, die gute Eltern in der Regel heranziehen, wie lästig und unangenehm für die Politik! Das wird man durch Diffamierung der Eltern, Zerstörung der Familie und möglichst frühzeitige staatliche Indokrination der Kinder doch wohl verhindern können!


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