Was die Umdeutung von Familie kostet. Hat die Familie als Lebensform ausgedient? Dies fragen sich nachdenkliche Zeitgenossen angesichts ernüchternder statistischer Befunde: Geburtenbaisse, steigende Kinderlosigkeit, Heiratsmüdigkeit und immer mehr Single-Haushalte.
Allein im Haushalt leben nicht nur - wie früher üblich - verwitwete ältere Menschen, sondern auch immer mehr Erwachsene im klassischen Familienalter zwischen 30 und 40 Jahren. Nicht wenige dieser Alleinwohnenden haben einen außerhalb ihres Haushalts lebenden Partner. Dieses "Living apart together" steht - so die Auskunft von Soziologen - für ein "verändertes Partnerschaftsideal, das stärker auf Autonomie setzt". Institutionelle Vorgaben wie die lebenslange Ehe hätten an Bedeutung verloren, so dass man "freier entscheiden kann, wie man leben will". Familie wandele sich: Sie sei heute „nicht mehr so stark auf den Haushalt beschränkt" und habe "zunehmend den Charakter von sozialen Netzwerken". Neben der "klassischen Kernfamilie" hätten "sich viele andere Lebensformen etabliert". Familie verliere deswegen nicht an Bedeutung, sondern "gewinne an Vielfalt".
Was aber ist nun eine Familie, wenn sie als "soziales Netzwerk", nicht mehr durch Ehe, Haushalt und Eltern-Kind-Verhältnisse konstituiert ist? Befürworter eines "postmodernen" Familienbildes sprechen von "Verantwortungsgemeinschaften". Wer wofür und für wie lange Verantwortung tragen soll, definieren sie allerdings nicht. Was "Familie" bedeutet, bleibt damit dem subjektiven Empfinden des Einzelnen überlassen. Empirisch-statistisch lassen sich dann zwar noch verschiedene Lebensformen, aber nicht mehr die Familie als soziale Institution erfassen. Aus dieser Perspektive kann es per definitionem auch keine Krise der Familie geben: Denn mangels objektiver Kriterien lässt sich eine Abkehr von der Familie bevölkerungsstatistisch erst gar nicht feststellen. Sorgen angesichts des "Wandels familialer Lebensformen" erscheinen dann als Ausdruck eines "falschen Bewusstseins" von "Fundamentalisten", die hartnäckig am "alten Ideal der Kernfamilie" festhalten. Noch bis vor wenigen Jahren war dieser vermeintliche "Fundamentalismus" regierungsoffiziell: Die auf die Ehe gegründete Vater-Mutter-Kind-Familie galt als "Grundeinrichtung der menschlichen Gesellschaft" (René König). Noch 1995 stellte die Bundesregierung in ihrer Stellungnahme zum 5. Familienbericht fest: "Die Familie ist und bleibt der Ort der personalen Entfaltung des Menschen. Eine gesicherte Beständigkeit innerfamiliärer Beziehungen, die auch Belastungen durchsteht, gibt Kindern das notwendige Vertrauen in den Wert der eigenen Person wie in die Zukunft".
Wie aber sieht es mit der Beständigkeit von Lebensformen aus, die "stärker auf individuelle Autonomie" setzen? Die empirischen Befunde sind eindeutig: Das Risiko des Zerbrechens der Beziehungen ist - zumindest im statistischen Durchschnitt - wesentlich größer als in (ehelichen) Kernfamilien. Die Flüchtigkeit von Beziehungen wollen Befürworter einer "seriellen Monogamie" als Chance verstanden wissen: Als "Entwicklungsaufgaben" im Lebenslauf ermöglichten es Partnerschafts-Trennungen, "die Lebenssituation neu und oftmals für alle Beteiligten befriedigender zu organisieren". Auch die betroffenen Kinder würden die Trennung ihrer Eltern meistens gut bewältigen. Dies will mittlerweile auch das Bundesfamilienministerium glauben machen. Statistische Fakten werden dabei (bewusst?) ignoriert: Nach den Zahlen der amtlichen Statistik betreffen drei von vier Maßnahmen der Heimerziehung wie der öffentlich geförderten Vollzeitpflege Kinder, deren Eltern sich getrennt haben. Mit diesen familienersetzenden Hilfen übernimmt der Staat die Kosten für das Zerbrechen von Kernfamilien. Zugleich ertönt der Ruf nach noch mehr Staat: Um "Erziehungskatastrophen" zu verhindern, sollen Kinder künftig von klein auf in Ganztagskindertagesstätten und -Schulen in "öffentlicher Verantwortung" erzogen werden. Das ist nicht nur für den Steuerzahler teuer. Besonders hoch ist der Preis der Abkehr von der Kernfamilie für die Kinder selbst: Für sie droht aus der postmodernen "Vielfalt" der Lebensentwürfe Erwachsener ein Aufwachsen im Einheitstakt staatlicher Institutionen zu werden.
Der Beitrag erschien zuerst in einer ausführlicheren Version mit Anmerkungen und Grafiken beim Institut für Demographie, Allgemeinwohl und Familie (IDAF)