dpa. In der Fußballbundesliga gibt es zu Beginn der kommenden Saison eine Neuerung: Wer von den Profis auf die Erde spuckt bzw. rotzt, erhält die Rote Karte.
Spaß beiseite (dabei ist mir gar nicht nach Spaß zumute), die meisten wissen: Bei Punkte- und Pokalspielen bekommt, wer sein Trikot - z.B. um es als Jubelfahne zu benutzen - auszieht, eine Gelbe Karte. Auf die Erde zu spucken dagegen scheint für die DFB-Oberen eher Ausdruck einer privaten Notdurft zu sein, womöglich sogar eine gern gesehene Dokumentation des männlich-intensiven Engagements ihrer Profis (Gott sei Dank habe ich beim Frauenfußball noch keine Dame auf den Boden spucken sehen, das kommt aber sicher noch ... übrigens auch das Trikotausziehen). – Spucken ist wie das Gähnen im Schulunterricht: Wer intensiv denkt, dessen Gehirn braucht einfach bisweilen Sauerstoffaustausch (Spucker trinken deshalb mehr Pausentee).
Und wenn ein Profi verzweifelt ist, weil der Schuss daneben ging: Auch öffentlich wirksame Ersatzhandlungen müssen erlaubt sein; einen Furz kann eben nun mal nicht jeder sehen.
Die Edelvariante: Der Nasenwurzelrotz
Viele kennen die besonders markante Szene: Der Fußballheld greift sich mit schwunghafter Armbewegung an die Nasenwurzel, nimmt diese zwischen Daumen und Zeigefinger, beugt sich leicht nach vorn, um die Unversehrtheit des Trikots zu wahren, und rotzt den Naseninhalt (samt dem bisschen Gehirn) auf den Rasen. In allerdings selteneren Fällen fährt er dann noch zwecks Reinigung mit einer schwungvollen Bewegung des Gegenarms über das untere Ende der Nasenscheidewand samt -löchern (bislang allerdings nur bei Trägern langärmeliger Trikots beobachtet).
Die Proll-Normal-Variante
Die alltägliche Variante, ab E-Jugendspielen in allen Landesverbänden zu beobachten, praktiziert auch in unzähligen Trainingseinheiten - klassenübergreifend(!) -, manchmal ansatzlos (wie man sich das von Torschüssen aus dem Fußgelenk abgefeuert wünscht!), manchmal auch mit mehr oder weniger intensivem Schleimhochziehen verbunden: ein richtiger Auler, so dass, wer gemütlich fernsieht und dabei zu Abend isst, unwillkürlich den Teller zur Seite zieht; manchmal ist auch die schleimige Masse bis in die Wohnstube deutlich erkennbar, und jeder sieht, wie die Erde dankbar den Mund öffnet.
Im Ernst:
Das Problem ist, die Erde kann nicht zur Seite treten. Könnte sie es, ich hätte nichts dagegen, wenn solche Rotzbuben in den Orbit diffundieren.
Eine ästhetische Sauerei - ist das noch ein Kriterium?
Zunächst ist diese Rotzerei einfach mal eine ästhetische Sauerei, schlichtweg unappetitlich (und übrigens überflüssig). Zumindest diejenigen, die es gewohnt sind, sich alles bildlich vorzustellen, fühlen sich einfach angewidert. Ich gehöre zu der Spezies Mensch, die innerlich weggucken muss, wenn einer der Rotzbuben aktiv wird; es ekelt mich.
Und ich hoffe und glaube, es geht nicht nur mir so.
Es gibt tatsächlich Fußballspieler - ich sage mal, solche, die sich aufgrund ihrer Kinderstube benehmen können -, die ich in obiger Hinsicht noch nie aktiv gesehen habe: Günter Netzer gehört - wenn ich mich recht entsinne - dazu, nicht aber Frank Rijkaard (Rudi Völler soll nur im Weg gestanden sein, haha); Philipp Lahm gehört dazu, Frooonck Ribéry gewiss nicht ... ich möchte sagen: Für manche verbietet es sich wie von selbst, für andere ist es die größte Selbstverständlichkeit, auf die Erde zu spucken. Das ist wie mit dem inneren Korsett: Manche haben es, auch weil Eltern und Lehrer ihnen halfen, es zu entwickeln, manche nicht.
Die Erde: Spucknapf oder Große Mutter
Im griechischen Denken gab es den Mikrokosmos und den Makrokosmos, den Menschen als kleinen Kosmos und das Universum als großen. Im Kleinen spiegelte sich für die Alten das Große. Wie im Himmel, so auf Erden, so heißt es deshalb im Vater unser und in der Tabula Smaragdina des Hermes Trismegistos lautet Entsprechendes: Was unten, ist gleich dem, was oben.
Für viele ist Mythologie gleich Mystik und die oft bemühte Ganzheitlichkeit, sobald sie eigene Denkgewohnheiten sprengt, kommt in den Esoterik-Topf. Nicht wenige halten es dann lieber mit Max Frischs Homo faber: Ich sehe, was ich sehe ... Wozu weibisch werden.
Wer radikal denkt, bis an die Wurzeln (lat. radix = Wurzel), kommt zu einer anderen Sichtweise, deren Nachhaltigkeit auf Dauer unserer Erde sehr bekommen könnte.
Oder warum haben Indianer nicht auf die Erde gespuckt?
Weil man seine Mutter, für die Griechen war es Gäa, nicht bespuckt.
Tatsächlich war im Denken der Alten und im Denken in der Tradition der Indianer, das über Hildegard von Bingen, Franz von Assisi, Paracelsus und Goethe bis heute wach geblieben ist, verankert, dass die Erde die Große Mutter war, die Nahrung und Nachwuchs im Überfluss hervorbrachte. Zu allen Zeiten wurde die Erde als diese Große Mutter verehrt; sie war heilig. Die Sonne, der Vater, die göttlich-männliche Energie, spendete der Erde, der göttlich-weiblichen Energie, die Kraft, die sie brauchte, um alles Notwendige zum Leben hervorzubringen. Eigentlich eine sehr einfache Religion, zu einfach für viele! So einfach, dass sie zu Kinderarmut führen musste. Wenn das Herz verarmt, verarmt auch die lebensspendende Kraft der Sexualität. Daran ändert auch das ganze mediale Rumgebumse nichts.
Wertschätzen statt bespucken
›Wenn der Indianer sagt: Die Erde ist meine Mutter, dann ist das mehr als eine Metapher. Nach seiner Vorstellung hat die Erde einen heiligen Geist. Sie ist ein Offenbarwerden des Weiblichen, die allen Geschöpfen das Leben gegeben hat. Sie werden von ihr ernährt und erhalten, beschützt und gelehrt.‹
So formuliert es Saupaquant, ein Wampanoak-Indianer. Und der berühmte Luther Standing Bear, zunächst Teilnehmer in der Wildwest-Show von Buffalo Bill, schreibt, heimgekehrt in die Reservation seiner Sioux-Indianer und erschüttert über deren Elend, sein Buch Land of the spotted Eagle, in dem es heißt:
›Der Indianer und die anderen Geschöpfe, die hier geboren wurden und lebten, hatten eine gemeinsame Mutter - die Erde. Deshalb war er verwandt mit allem, was lebt, und er gestand allen Geschöpfen die gleichen Rechte zu wie sich selbst.‹
Das hat zur Folge, dass wir, wenn "wir der Erde etwas wegnehmen, (..) wir ihr auch etwas zurückgeben (müssen). Wir und die Erde sollen gleichberechtigte Partner sein. Was wir der Erde zurückgeben, kann etwas so Einfaches - und zugleich so Schwieriges - wie Respekt sein." (Jimmie C. Begay, ein Navajo, in den Akwesasne Notes)
In diesem Naturverständnis stehen die "Krankheiten" der Erde in Zusammenhang mit denen der Menschen, mit deren mentalen Verirrungen.
Kleinster gemeinsamer Teiler: Ästhetik und Vorbild
Obige Gedanken lösen bei den Homo fabres dieser Erde gern Aggressionen aus, womöglich auch bei den DFB-Oberen. Die Zeiten von Paracelsus und Goethe scheinen nun mal einfach vorbei (in denen floss, wie gesagt, indianisches Blut, bei den DFB-Oberen steht auf den roten Blutkörperchen adidas, das prägt halt ...)
Aber wenn sie doch wenigstens aus ästhetischen und Vorbild-Gründen diese Spucksauerei verbieten könnten ... man müsste nicht dauernd den Regenschirm neben den Teller legen oder ihn blitzschnell vor den Fernseher halten, wenigstens als Sichtblende für den Zögling (sorry an die Gender-Aufsicht: Zöglingin geht nicht).
PS.
Ein Kompromiss-Vorschlag an den DFB:
Trikot ausziehen = Gelb-Bestrafung: bleibt!
Trikot ausziehen und reinspucken oder Nase leeren und umgehendes Wiederanziehen: keine Gelb-Bestrafung (zu überlegen wäre sogar, solch einen Profi - hallo Herr Wulff - für die Verleihung des Bundesverdienstkreuzes vorzuschlagen, Begründung: Der Bundestrainer hat´s auch bekommen anlässlich der letzten WM, obwohl er eigentlich nur seine Pflicht tat).
PPS.
Die Alternative: Es finden sich Schiedsrichter, die Rotzen abpfeifen. In gewisser Weise - auch ohne indianisches Blut - spielt ja die Erde mit, ja, ohne sie geht gar nichts (einen Ball kann man noch durch verknotete Lumpen ersetzen ...). Und Mitspieler (= Erde) zu beleidigen steht bekanntlich auch unter Strafe. Laut den Fußballregeln des DFB 2010/2011 gibt es eine Rote Karte für "Anspucken eines Gegners oder einer anderen Person ...".
Die Erde eine Person? Ein Wesen? Mit Rechten?
Ja.