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11.02.2012
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     Dr. Alexander Ulfig
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Ein Plädoyer für den Humanismus
Weitere Themen: Allgemein

 

Der Philosoph Norbert Bolz spricht von der Möglichkeit der Entstehung einer neuen „konservativen“ Partei. Brauchen wir eine solche Partei? Welche Werte sollte diese Partei haben?

 

Der Philosoph Norbert Bolz spricht in „Der Tagesspiegel“ von einem „Vakuum auf der Rechten“ und von der Möglichkeit der Gründung einer konservativen oder rechten Partei. Die Rechte ist „gegen den Paternalismus des vorsorgenden Sozialstaates, für mehr Selbstverantwortung und den unzweideutigen Schutz des Eigentums. Die Rechte ist für einen fröhlichen Patriotismus und eine christliche Leitkultur. Die Rechte hält am Vorrang der traditionellen Familie und an einem mehrgliedrigen Bildungssystem. Mit einem Wort: Die politische Rechte steht für Bürgerlichkeit.“

Bolz betont: „Die erste Aufgabe einer anspruchsvollen politischen Rechten wäre, zu sagen, was die Politische Korrektheit der Medienlinken zu sagen verbietet. Mehr noch als Ideen braucht man dazu Mut, denn in unserer Öffentlichkeit herrscht keine Waffengleichheit. Die Medienlinke hofiert die Linken und denunziert die Rechten.“ Besonders interessant die folgende Beobachtung: „Viele Akademiker, Journalisten und Intellektuelle sind aber gar nicht links, sondern maskieren sich nur so, um in ihren Institutionen überleben zu können. Wer einen ´rechten` Satz sagt oder schreibt, bekommt viel Zustimmung – hinter vorgehaltener Hand ... Hier zeigt sich besonders deutlich, dass sich der nachträgliche Kampf gegen die Nazis in den letzten fünfzig Jahren zu unserer größten Denkblockade entwickelt hat. Sie besteht in der grotesken Gleichung: konservativ=reaktionär=faschistisch. Diese Keule schwebt über jedem, der versucht, sich seines eigenen Verstandes ohne Anleitung der Gutmenschen zu bedienen.“ Anders formuliert: Wenn man Meinungen äußert, die den Linken nicht passen, wird man automatisch in die rechte Ecke gesteckt. Diese Meinungen müssen gar nicht rechts sein. Es genügt, dass sie den Linken nicht passen.

Der Text von Bolz behandelt viele fundamentale Begriffe und Probleme der politischen Kultur der Bundesrepublik und regt eine Grundsatzdiskussion über diese Kultur an. Ich möchte hier nur einige, hauptsächlich begriffliche Bedenken von mir äußern.

Mit dem Begriff „konservativ“ habe ich meine Probleme, wenn konservativ traditionell und bewahrend bedeutet. Dafür bin ich zu sehr auf die Zukunft und auf das Etwas-Neues-Ausprobieren ausgerichtet. Dafür habe ich zu positive Konnotationen mit den Begriffen „Veränderung“, „Entwicklung“ und „Fortschritt“ bzw. „progressiv“. Ich denke, dass man einen anderen, besseren oder zeitgemäßeren Begriff braucht, um das von Bolz festgestellte Vakuum zu erfassen.

Mit dem Begriff „rechts“ habe ich auch meine Probleme. Ihre Erläuterung würde den Rahmen dieses Artikels sprengen. Nur kurz: Ich dachte, dass mit dem Fall des Eisernen Vorhangs die Dichotomie links-rechts verschwinden wird. Damals haben fast alle so gedacht, sowohl die Linken als auch die Rechten. Doch die Dichotomie ist geblieben. Ich denke, dass die Dichotomie links-rechts auch eine gewisse Blockade darstellt, ein Schema, an das wir uns sehr gewöhnt haben. Uns allen sind bestimmt schon viele Menschen begegnet, die sich als „links“ bezeichneten, aber rechts waren, und solche, die sich als „rechts“ bezeichneten, aber links waren.

Es kann natürlich auch sein, dass ich selbst die von Bolz diagnostizierte Blockade habe und dass für mich „rechts“ oft in Richtung „rechtsradikal“ geht. Aber: Wäre es nicht an der Zeit, die Konstellation links-mitte-rechts aufzubrechen oder sich außerhalb dieser Konstellation zu positionieren? Die Piratenpartei zum Beispiel kann weder als rechts noch als links bezeichnet werden.

Dass der Konservatismus mit „christlicher Leitkultur“ verbunden oder gar gleichgesetzt werden soll, ist auch problematisch. Angesichts der Tatsache, dass sehr viele Menschen in der Bundesrepublik nicht gläubig sind und mit dem Christentum nicht viel anfangen können, wäre eine weltliche Orientierung angebrachter.

Ich muss ferner offen zugestehen, dass ich auch mit dem sehr oft erhobenen Vorwurf des Gutmenschentums nicht viel anfangen kann. Oder ich habe den Vorwurf nicht verstanden. Ich persönlich helfe sehr gerne anderen Menschen, ich engagiere mich viel für andere, vor allem für ältere Menschen. Bin ich dadurch ein Gutmensch? Ich bin für Freiheit, aber auch für Verständigung, Toleranz, Gerechtigkeit und Solidarität. Bin ich dadurch ein Gutmensch?

Ich plädiere dafür, den Begriff des HUMANISMUS in den Vordergrund zu stellen. Er beinhaltet das, was ich schon oben erwähnt habe: Achtung vor dem Menschen, Engagement für die Anderen, Freiheit, Verständigung (Frieden), Toleranz, Gerechtigkeit und Solidarität. Alles Werte, die wir bei Bolz nicht finden, die aber seine Vision ergänzen könnten. Ferner ist der Humanismus mit den meisten christlichen Werten kompatibel, ohne religiös sein zu müssen. Der Humanismus würde einer neuen politischen Partei eine menschenfreundliche und progressive Prägung geben, was sie von dem Vorwurf der Rechtslastigkeit fernhalten würde.

Bevor eine neue Partei gegründet wird, sollte man sich auf jeden Fall über einige Grundbegriffe der politischen Kultur verständigen.

 

Quelle: Der Artikel von Norbert Bolz:

http://www.tagesspiegel.de/meinung/andere-meinung/die-politische-rechte-steht-fuer-buergerlichkeit/1902294.html



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Kommentare (6)




 
  Kommentare (6)

Kokospalme, 17.08.2010 17:00
@Dr. Alexander Ulfig:

Ist vielleicht die Partei der Vernunft etwas für Sie?

http://www.parteidervernunft.de/


Theo, 15.08.2010 19:03
Und wie stehen die so genannten Humanisten zur Familie, zur politischen Homosexuellenbewegung, zu Gender Mainstreaming, zum Islam, zu ethischen Fragen wie Abtreibung und Sterbehilfe?

Entschluldigung, aber auch oder gerade an diesen Themen wird sich die Zukunft von Deutschland und Europa ganz maßgeblich entscheiden. Hier entscheidet sich, ob Deutschland seinen Niedergang fortsetzen wird oder nicht.

"Achtung vor dem Menschen, Engagement für den anderen, Freiheit, Verständigung (Frieden), Toleranz, Gerechtigkeit und Solidarität" ... das klingt ja alles schön und gut, weswegen alle Politiker egal welcher Richtung diese Worte im Munde führt, doch wirklich aussagekräftig in Bezug aufs Politische, auf die konkreten Probleme der Gegenwart sind sie nicht.
Es tut mir Leid, ich kann mir unter den "Humanisten" nicht wirklich etwas vorstellen.


Elmar Oberdörffer, 15.08.2010 17:58
Zur Frage, was ein Gutmensch ist: mit dem, was Bolz beschreibt, was er tut, wofür er ist, ist er sicherlich ein guter Mensch. Unter einem Gutmenschen verstehe ich - und ich glaube, auch die Allgemeinheit - einen Menschen, der genau weiß (oder es sich einbildet), was für die Menschheit gut ist und anderen vorschreibt, das zu tun, allerdings ohne es immer selber zu tun. Ergo: ein Gutmensch ist nicht notwendig auch ein guter Mensch!

Hans von Atzigen, 15.08.2010 15:07
Die Vertreter des Liberal Humanistischen Weltbildes wurden im verlauf der 80 iger Jahre zusehends an die Wand gedrückt.
Die sog.68 haben lauter geschriehen, und sind borniert und stur durch die Instidutionen Marschiert.
Beim durchmarsch haben sie alles niedergewalzt nun stehen sie ratlos an der Spitze und wissen zunehmend nicht mehr wie es weitergehen soll.
Dieser Ideologiepanzerdurchmarsch hat den Boden auf dem eine Humanere Welt wachsen sollte aufs schwerste beschädigt.In absehbarer Zeit wird dieser ,,Spezies,,unvermeidlich dämmern das da einiges schwehrwiegend schief gelaufen ist.
Der Mensch kann vieles eines jedoch niemals, die Zeit zurückdrehen.Falsch genuzte Zeit ist unwiederbringlich verloren.
Gratulation erstklassiger Beitrag gilt auch für Komentar 1.


Klimax, 15.08.2010 13:17
Den Begriff des Humanismus würde ich unterstützen. Die Tradition des Humanismus wurde in Deutschland aber stets von Liberalen vertreten, nicht von Konservativen. Bestes Beispiel: Wilhelm von Humboldt, der auf beide Begriffe, Humanismus und Liberalität ein gewisses Vorrecht hat.

Bolz Versuche, eine konservative, rechte Partei zu etablieren, sind da wenig überzeugend, wo doch gerade er erst jüngst ein sehr lesenswertes Buch über "Die ungeleibte Freiheit" veröffentlicht hat. Der Starke Staat, den Humanisten und Liberale stets bekämpft haben, ist aber nicht nur ein Wunsch der Linken, sondern war immer auch schon Ziel der Rechten und Konservativen.

Wir brauchen daher auch eine neue LIBERALE Partei, keine Konservativen.


Meier, 14.08.2010 20:54
Interessante Gedanken, Herr Dr. Ulfig.

Humanismus rückt den Menschen mit seiner Selbstverantwortung in den Mittelpunkt, es braucht also "Bürgerfreiheiten", statt staatlicher Gängelung. In der Philosophie der Aufklärung, die den Humanismus ermöglichte, sehe ich einerseits die Prinzipien der Rationalität als Grundvoraussetzung der Technischen-Wissenschaftlichen Revolution.
Andererseits aber auch diejenigen, die mit weniger Rationalität ausgestattet, sich quasi als "Verlierer" vehement der Romantik zuwenden, Freiheiten beschneiden, vergesellschaften, Emotionen befördern.

Die politischen rechts/links Einordnungen verderben die Aussichten auf "vernünftige Politik, auf kluge Konzepte", weil sie mit kindischer Emotionalität rationale Sachlichkeit verhindern, sich in emotionaler Romantik aufplustern.

Eine neue Partei, die auf "diese politische Romantik" verzichtet, in der sich Sachkundige mit klarem Verstand, weder in irgendein Lager abschieben lassen noch als Opportunisten und selbstgefällige Trittbrettfahrer auftreten, das wünsche ich mir.
Eine Partei die mit mutiger Ehrlichkeit und Sachlichkeit zu den Freiheiten humaner aufgeklärter Bürger steht, deren souveräne Demokratie anstrebt.
Der Kontrast zu links oder rechts, gewinnt eher im politischen Sein als im Schein und sollte dieses Vakuum als eine fortschrittliche, fröhliche Mannschaft mit Fachleuten ausmachen.
Denn gerade die linksorientierten Politiker und assoziierten Redakteure sind fachlich-sachlich schwach und rational schnell als esoterische Romantiker zu entlarven.



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