Empirische Befunde vs. Klischee. Kapital allein genügt nicht: Ohne „Manpower" kommt die Wirtschaft nicht aus. Der Schwund junger Arbeitskräfte gefährdet das wirtschaftliche Wachstum, wie mittlerweile immer mehr Unternehmen spüren. Um langfristig den Wohlstand zu sichern, strebt die Bundesregierung mit ihrer „nachhaltigen" Familienpolitik deshalb eine höhere Frauenerwerbsbeteiligung und eine höhere Geburtenrate an. Eine höhere Erwerbsbeteiligung von Frauen soll kurzfristig das Erwerbspersonenpotential erhöhen, eine höhere Geburtenrate langfristig den Nachschub an Arbeitskräften sichern. Beide Ziele gelten dabei als sich wechselseitig ergänzend und gut miteinander vereinbar. Als statistischer Beleg für die Vereinbarkeit dieser Ziele wird immer wieder auf die positive Korrelation zwischen der Frauenerwerbsquote und der Geburtenrate im Vergleich der OECD-Staaten verwiesen. In Ländern mit höheren Frauenerwerbsquoten seien tendenziell auch die Geburtenraten höher. Advokaten der „nachhaltigen" Familienpolitik in Politik und Medien ziehen daraus den Schluss, eine höhere Frauenerwerbsbeteiligung fördere die Geburtenrate in Deutschland.
Übersehen wird in dieser Argumentation nolens volens die Rolle der Teilzeitarbeit. Aber zwischen dem Anteil der in Teilzeit beschäftigten Arbeitnehmerinnen und der Geburtenrate besteht im Vergleich der OECD-Staaten ein signifikant positiver Zusammenhang. Zwar gibt es Länder wie die Schweiz oder auch Deutschland mit relativ hohen Teilzeitquoten und niedrigen Geburtenraten. Die umgekehrte Kombination ist jedoch kaum zu finden: In den osteuropäischen Ländern, in Korea, Portugal und Griechenland mit ihren geringen Teilzeitquoten ist auch das Geburtenniveau niedrig. Demgegenüber sind in den Ländern mit relativ hohen Geburtenraten (mehr als zwei Kinder pro Frau) Frauen wesentlich häufiger in Teilzeit beschäftigt. Eine Ausnahme bilden hier die Vereinigten Staaten mit einer relativ niedrigen Teilzeitquote: In den USA ist allerdings auch die Frauenerwerbsquote niedriger als in den meisten anderen OECD-Ländern. In Island ist dagegen sowohl die Frauenerwerbsquote als auch die Geburtenrate im OECD-Vergleich ungewöhnlich hoch, gleichzeitig ist aber auch die Teilzeitarbeit von Frauen häufig. Slowenien weist gleichzeitig eine sehr hohe Frauenerwerbs- und eine niedrige Teilzeitquote auf: Frauen sind also hochgradig in den Arbeitsmarkt integriert. Damit verbunden ist aber auch die Geburtenrate gering. Die Verheißungen der „nachhaltigen" Familienpolitik halten einer empirischen Prüfung also nicht stand. Mit anderen Worten: Die Ziele einer umfassenden Erwerbsbeteiligung von Frauen und eines höheren Geburtenniveau lassen sich nicht harmonisch vereinbaren, sondern stehen im Konflikt.
Was folgt daraus? Schon heute liegt die Erwerbsquote von Frauen in Deutschland über dem Durchschnitt der OECD-Staaten. Dabei unterscheiden sich die Erwerbsmuster kinderloser Frauen kaum von denen der Männer - Vollzeiterwerbstätigkeit ist die Regel. Auch Mütter sind heute mehrheitlich erwerbstätig; mehr als zwei Drittel von ihnen arbeiten jedoch auf Teilzeitbasis. Ihre Arbeitszeitarrangements unterscheiden sich damit grundlegend vom „männlichen Normalarbeitsverhältnis". Ökonomen, Arbeitsmarkt- und Gleichstellungspolitiker(innen) wollen dieses „Gender Gap" überwinden: Mütter sollen ihr Arbeitsangebot ausweiten und vermehrt in Vollzeit erwerbstätig sein. Sie fordern deshalb, Ehepaare höher zu besteuern, um „Anreize" zur Vollzeiterwerbstätigkeit beider Partner zu setzen. Das Erwerbspotential mag sich auf diese Weise kurzfristig erhöhen lassen. Äußerst fraglich ist allerdings, ob dies auch zu höheren Geburtenraten führt. Denn für viele Mütter in Deutschland wie in anderen europäischen Ländern ist Teilzeitarbeit keine „Notlösung", sondern entspricht ihren Wünschen zur Vereinbarkeit von Beruf und Familie. Wer die Entscheidung für mehr Kinder unterstützen will, sollte diese Präferenzen (potentieller) Eltern berücksichtigen. Letztlich muss sich die Politik entscheiden: Will sie kurzatmig um jeden Preis Mütter als Reserven für den Arbeitsmarkt vollzeitig mobilisieren oder ist sie bereit, im Interesse einer nachhaltigen Bevölkerungsentwicklung und damit einer nachhaltigen Sicherung der Sozialversicherungssysteme auf die Anliegen von Familien Rücksicht zu nehmen.
Der Beitrag erschien zuerst in einer ausführlicheren Version mit Anmerkungen und Grafiken beim Institut für Demographie, Allgemeinwohl und Familie (IDAF)