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11.02.2012
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     Wolfgang Röhl
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Duisburg oder München. Das große Geschnatter
Weitere Themen: Allgemein, Bildung

Vor zehn Jahren oder so habe ich mit meiner Frau das Münchner Oktoberfest besucht. Alles war war sehr drängelig auf den so genannten Wiesn und nur halb so lustig, wie wir es uns vorgestellt hatten.

Am Abend fuhren wir mit der U-Bahn in die Richtung, wo unser Hotel lag. Die Bahn war brechend voll. Der Bahnsteig der Station, wo wir aussteigen wollten, war eine einzige, wogende Menschenmenge. Wir kamen kaum aus dem Abteil raus, weil sofort nach Halt des Zuges Massen die Waggons stürmten. Die Stimmung war aggressiv…

Wir boxten uns mühsam nach draußen, fast hätte ich was auf die Glocke gekriegt. Am Aufgang zur Treppe nach oben ließen Bahnbedienstete ein Gitter runter. Offenbar wollte man den Zugang zur Station sperren, weil dort die Situation außer Kontrolle geriet. Wir schlüpften gerade noch durch. Was, wenn in dieser Situation da unten irgendein Idiot einen Feuerwerkskörper gezündet oder eine Schlägerei angezettelt hätte? Wir jedenfalls waren von Events dieser Art erstmal kuriert.

Mit Duisburg hat das insofern zu tun, denke ich jetzt, weil die Situation nicht völlig unvergleichbar ist. Wenn Hunderttausende einen Spielplatz aufsuchen, auf dem es überwiegend fröhlich zugeht, wo aber auch massenweise Dröhnung verabreicht wird (ich selber war auch nicht nüchtern, als wir in die Bahn stiegen), genügt ein einziger Engpass, irgendwo - und alles kann passieren. Was in Duisburg schief gelaufen ist, wird man en Detail erfahren. Man sollte nur, finde ich, nicht so tun, als sei ein einziger Mann (oder zwei, wenn man den Veranstalter dazu nimmt) an einer solchen Katastrophe schuld.

Die Demos gegen den offenbar ziemlich dummen Bürgermeister von Duisburg – dumm schon deshalb, weil er nicht sofort zurückgetreten ist –, die Todesdrohungen gegen ihn, die Aufschriften auf den T-Shirts von Demonstranten („Hass! Wut! Trauer!“) haben etwas Exorzistisches an sich. Ein konkretes Gesicht, ein richtig Böser muss gefunden werden. Es waren heute in den Fernsehnachrichten Szenen vor dem Rathaus zu sehen, die an einen Western erinnern, wo der Lynchmob vor dem Büro des Sheriffs die Auslieferung des vermeintlichen Killers – er heißt im Fall Duisburg auch noch Adolf und gehört der CDU an! - fordert.

Der Mann ist sowieso geliefert, karrieremäßig. Vielleicht kommt er vor Gericht, ebenso der Veranstalter. Vielleicht werden beide sogar ein bisschen verurteilt. Zu glauben, damit wäre der Rechtsfrieden wieder hergestellt oder Duisburg berge gar „eine Lehre“, welche maulflinke Kommentatoren vom Schwarzwälder Bergbauernblatt bis zum Flensburger Fördekieker plötzlich erkannt haben wollen, ist abwegig. Das ist bloßes Geschnatter. Jede Großveranstaltung, wie das Oktoberfest oder Fußballspiele oder Popkonzerte oder Ähnliches, kann ins Grässliche driften, wenn sich Umstände verbünden. Ob da genügend Rettungswege oder „Sicherheitskräfte“ sind, spielt im ungünstigsten Fall eine geringe Rolle.

Was wäre denn zu tun? Großveranstaltungen verbieten? Auch die kleineren vielleicht? In den beiden Landkreisen, an deren Grenze ich wohne, kommen nach meiner Schätzung jedes Jahr halb so viele junge Leute bei Verkehrsunfällen um wie kürzlich in Duisburg. Jedes Jahr. Man kann die Uhr danach stellen. In den Montagsausgaben der Lokalzeitungen immer wieder die gleichen Fotos zerschmetterter Autos, die gleichen Meldungen: „In der Nacht von Samstag auf Sonntag kam auf der Landstraße ein Wagen mit vier Insassen in einer Linkskurve...“ Die meisten Toten und Verletzten kamen von dörflichen „Events“. Feuerwehrbällen, Schützenfesten, aus Discos oder von Zeltfeten. Wen jetzt grillen? Die Behörden oder die Lokalpolitiker, die solche Partys nicht verbieten? Die Fetenbetreiber, die den Jungen und Mädchen nicht die Schlüssel abnehmen, wenn sie zu ihren Autos wanken?

Lehren aus Duisburg? Wüsste ich gerne.

 

Beitrag erschien zuerst auf achgut.com



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Kommentare (1)




 
  Kommentare (1)

Susanne, 04.08.2010 12:45
Eine Lehre kann jeder für sich persönlich ziehen: Nicht zu Massenveranstaltungen zu gehen und sich in das Gedränge der Massen zu begeben. Er ist sonst stets mehr dem Zufall als der Planbarkeit ausgeliefert. Nur wer sich dort nicht in die überfüllte Menge hineinbegibt, kann sicher sein, darin nicht umzukommen. Das hat auch in Duisburg funktioniert.


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