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11.02.2012
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     Stefan Fuchs
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Krippenplatz-Ideologie
Weitere Themen: Bildung, Familie

Das schwere Erbe der Kristina Schröder

Bundesfamilienministerin Kristina Schröder hat ein schweres Erbe angetreten: Sie muss den von Ursula von der Leyen durchgesetzten Rechtsanspruch auf einen Betreuungsplatz ab dem 2. Lebensjahr von Kindern gewährleisten. Um diesen Rechtsanspruch einzulösen sollen bis  2013 insgesamt 750.000 Betreuungsplätze geschaffen werden. Diese Vorgaben begründet das Bundesfamilienministerium mit dem Ziel, für jedes dritte Kind unter drei Jahren einen Betreuungsplatz anzubieten. Nun leuchtet es kaum ein, dass lediglich ein Drittel der potentiell Berechtigten einen rechtsverbindlichen Anspruch nutzen sollte. Wie sich leicht berechnen lässt, entsprechen 750.000 Plätze auch einer Betreuungsquote von zwei Dritteln der 1-3-jährigen. Für Westdeutschland bedeutete dies eine grundlegende Systemveränderung: Statt in der Familie würde die Mehrheit der kleinen Kinder immer mehr in Institutionen aufwachsen.

 

Dies ist die Konsequenz des seit 2003 von der Bundesregierung vorangetriebenen Paradigmenwechsels zu einer „nachhaltigen“ Familienpolitik. Zentrale Ziele dieser Politik sind eine höhere Erwerbsbeteiligung von Frauen, eine höhere Geburtenrate von 1,7 Kindern pro Frau und ein besseres Bildungsniveau durch die institutionelle „Frühförderung“ von Kindern. In den Medien sowie bei Arbeitgebern und Gewerkschaften stieß diese Politik auf viel Beifall. Länder und Kommunen konnten (und wollten) sich diesem Meinungsklima nicht entziehen: Trotz leerer Kassen stellten sie Milliarden für den von ihnen praktisch umzusetzenden Betreuungsausbau bereit. Wer dessen Finanzierbarkeit bezweifelt, stellt sich politisch ins Abseits. Harte ökonomische Argumente sind hier ausnahmsweise einmal nicht erwünscht. Dabei war die neue Familienpolitik bisher schon teuer: So überstiegen etwa die Kosten für das Elterngeld die Planungen. Der erhoffte Impuls für die Geburten blieb dennoch aus. Wegen seiner „Wirkungslosigkeit“ steht das Elterngeld nun in der Kritik: Erste Kürzungen ab 2011 sind beschlossen und weitere Einschnitte werden gefordert. Dagegen sind Abstriche am Ausbau der Kinderbetreuung (noch) tabu. Allerdings wandelt sich die politische Argumentation: Vom Ziel einer höheren Geburtenrate ist nun nicht mehr die Rede. Umso mehr betont die Bundesregierung dafür das Anliegen einer besseren frühkindlichen Bildung, besonders für sozial benachteiligte Kinder. Um beurteilen zu können, ob der Betreuungsausbau effektiv diesem Ziel dient, wären Langzeitstudien erforderlich. Da es an diesen fehlt, lässt sich der Bildungsanspruch der „nachhaltigen“ Familienpolitik (im Gegensatz zum Geburtenziel) nicht mit „harten Fakten“ überprüfen. Da Bildung als Schlüssel zum wirtschaftlichen Erfolg gilt, immunisiert diese Argumentation den Betreuungsausbau gegen Kritik. Dies ist umso wirksamer, als die Medien den Glauben an die frühkindliche Bildung missionarisch verbreiten.

 

Dass es sich um einen Mythos handelt, zeigt die einschlägige Forschung: Denn institutionelle Betreuung wirkt sich, wie Langzeitstudien belegen, nur bei hoher Qualität positiv auf die kognitive Entwicklung von Kindern aus. Ein zentrales Qualitätsmerkmal sind kleine Gruppen, die es den Erzieherinnen erlauben individuelle Bindungen zu den Kindern aufzubauen. Solche Betreuungsverhältnisse sind jedoch gerade in den westdeutschen Kindertagesstätten mit vielen Kindern aus schwierigen Verhältnissen selten gewährleistet. Bildungsanspruch und Betreuungsrealität klaffen oft weit auseinander. Selbst bei einer hohen Qualität der Kinderbetreuung bleibt eine gelungene Bindung zu den Eltern für Kinder die zentrale Entwicklungsressource. Diese Bindung leidet, wie Langzeitstudien bestätigen, unter zu früher und zu langer Trennung von den Eltern. Ganztägige institutionelle Betreuung von Kleinkindern ist keine „frühe Bildung“, sondern ein Entwicklungsrisiko. Weniger ist hier oft mehr. Diese Erkenntnis widerstrebt der „nachhaltigen“ Familienpolitik, die mehr institutionelle Kinderbetreuung stets für besser hält. Dieses obrigkeitsstaatliche Quantitätsdenken ist nicht nur finanziell teuer, sondern behindert auch eine entwicklungsgerechte Erziehung und Bildung von Kindern. Es ist sicher die schwerste Hinterlassenschaft, die Kristina Schröder von ihren Amtsvorgängerinnen geerbt hat.

 

Der Beitrag erschien zuerst in einer ausführlicheren Version mit Anmerkungen und Grafiken beim Institut für Demographie, Allgemeinwohl und Familie (IDAF)

 



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Kommentare (6)




 
  Kommentare (6)

Petra, 28.07.2010 11:28
Die Krippen-Ideologie geht der kinderlosen Frau Schröder über alles.

Sozenschreck, 28.07.2010 08:41
@Mr. Truth: Schönes Zitat von Gorbi - schon gespeichert!

Satirische Amtsbilanz Schröders:

http://bluthilde.wordpress.com/2010/07/27/amtsbilanz-kristina-kohler-wird-schroder-wird-kohler-wird-schroder/


Friedemann, 27.07.2010 20:34
Es ist immerhin interessant, dass ausgerechnet das SPD-Urgestein, der Münchner OB Uhde, die Frage nach der Finanzierung stellt, denn natürlich sieht er, dass die Kosten für den Ausbau und die Betreibung der Krippen auf Länder und Kommunen abgewälzt werden und bei einer Inanspruchnahme dieses Versprechens auf Freibier für alle die immensen Kosten im jährlich hohen zweistelligen Milliardenbereich zwangsläufig alle anderen kommunalen Maßnahmen gefährden.

Meier, 27.07.2010 18:40
Man sollte auch m.E. zwischen Kinderkrippen und frühkindlicher Bildung unterscheiden.
Beim Krippenplatz hat die Mutter eine Betreuungsmöglichkeit für ihr Kleinkind, um z.B. ihrem Beruf nachzugehen. Mal abgesehen davon das Kindheit eine Zeit mit spannenden und glücklichen Erlebnisphasen sein kann, in der das Miteinander der engsten Angehörigen sich entwickelt und eben auch umkehrende Wiederholungen ermöglicht: wenn die Krippenkinder ihre Eltern dann später zur Betreuung abliefern.

In den Kinderkrippen frühkindliche Erziehung bzw. Bildung zu praktizieren liegt sicher nahe, wird aber sicherlich phänomenal überschätzt. An der Ausgangsvermutung, alle Kinder hätten natürlicherweise alle Talente, man müsse sie nur optimal fördern, sind schon Generationen von Eltern gescheitert. Das spricht nicht gegen die Förderung aber relativiert leichtsinnigen Irrglauben, man könne in Punkto Bildung Erhebliches erreichen und wenn`s sich der Erfolg nicht einstellt, sei der Aufwand nicht hoch genug gewesen.
Wenn man den Kleinkindern helfen will, geht das nur indem man ihren Eltern hilft, vielleicht weniger mit Geld eher mit Beratung, vorallem wo Bedarf offensichtlich ist, damit Schulfähigkeit entstehen kann.


Elmar Oberdörffer, 27.07.2010 10:45
@ Mr. Truth: Eine ganz einfache Antwort auf Ihre Frage: Wer sich einer Ideologie verschrieben hat, nimmt nichts zur Kenntnis, was dieser Ideologie widerspricht.

Mr. truth, 27.07.2010 09:46
Warum lernen unsere Politiker nicht aus der Vergangenheit? In seinem buch schreibt Gorbatschow zum Thema krippenpolitik in der ehemaligen Sowjetunion in seinem buch Perestroika: "Wir haben erkannt, dass viele unserer Probleme im Verhalten vieler Kinder und Jugendlicher – in unserer Moral, der Kultur und der Produktion – zum großen Teil durch die Lockerung familiärer Bindungen und die Vernachlässigung der familiären Verantwortung verursacht werden. Dies ist ein paradoxes Ergebnis unseres ernsthaften und politisch gerechtfertigten Wunsches, die Frau dem Mann in allen Bereichen gleichzustellen."

Warum nimmt Frau Schröder bzw. Frau von der Leyen die Worte von Gorbatschow nihct zur Kenntnis?



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