In Deutschland ist es im Moment auf jeden Fall günstiger, als Aktie auf die Welt zu kommen denn als Kind.
In Baden Württemberg naht die Zeugnisausgabe, in anderen Bundesländern sind Familien schon friedlich vereint in den Ferien. Mit den Zeugnissen verbinde ich so manche erschütternde Szene. Ich erinnere mich, dass ich als junger Lehrer - die Klasse hatte den Raum schon verlassen - das Zimmer abschließen wollte. Wenn da nicht noch die 11-jährige Anne an ihrem Ranzen herumgenestelt hätte.
Anne, Jan, Klara, Bettina, Tobias und wie sie alle heißen ...
„Ist was mit Dir, Anne?“ – „Nein!“ – „Irgendwas ist doch ...“ – „Nein, es ist nichts.“ – „Anne, Du musst mir nichts ...“ – „Auf einmal flossen die Tränen in Sturzbächen und das Kind weinte haltlos ... mit ihrem Schluchzen kam ihr ganzes Elend aus ihr heraus:“Meine Eltern wollen sich trennen!“ – Die Eltern hatten ein großes Geschäft in der Innenstadt ... Für Anne würden die Ferien schrecklich sein; kein Halt durch, keine Ablenkung mehr in der Schule, kein Zusammensein mehr mit Freunden; nur noch Unglück zu Hause ... zu viel für diese kindliche Seele ...
Vor fünf Tagen: Ich unterhalte mich mit der 13-jährigen Klara (klar, dass ich Namen und Faktoren geändert habe), die in den letzten Wochen und Monaten erkennbar in ihren Leistungen nachgelassen und auf mich zunehmend freudlos gewirkt hatte; die Versetzung ist höchst gefährdet. Das alles spreche ich auch ihr gegenüber an. „Ich habe Probleme mit SVV“, sagt sie zu mir. – „Mit wem kannst Du darüber sprechen?“ – „Mit Bettina.“ – Ihre Klassenkameradin ist allerdings aus meiner Sicht auch nicht gerade die Stabilste. Das äußere ich auch so und frage: „Kannst Du nicht mit Deiner Mutter sprechen?“ – „Meine Mutter weiß nichts von mir.“ – „Und Dein Vater?“ – „Der ist kaum da.“ – „Aber Du brauchst jemand, mit dem Du sprechen kannst!“ – „Ich hab mein Tagebuch, da schreib ich alles rein.“
Eines der Kennzeichen allein gelassener Kinder - und sie sind es ja auch oft, selbst wenn die Eltern regelmäßig körperlich anwesend sind - ist, dass sie recht häufig über ihre Probleme wie Erwachsene reden. Überhaupt gibt es immer mehr Kinder mit 12, 13, 14 Jahren, die wie Erwachsene reden.
Ritzen, Haare ausreißen, saufen ...
So wie jenes Mädchen über ihr selbstverletzendes Verhalten (SVV). Ich möchte nicht wissen, wie viele Mädchen und Jungen in Deutschland sich ritzen, Haare ausreißen, in die Augen drücken und bohren, an Bulimie oder Borderlineymptomen leiden, von Komasäufern, die nur noch Thema für mediale Sommerlöcher sind, ganz zu schweigen.
Soll ich noch von mehr Schicksalen erzählen, vielleicht von jenem hoch begabten Jungen, dessen Mutter viele Fortbildungskurse macht, während der Vater geschäftlich in regelmäßigen Abständen die Welt bereist? Schon vor zwei Jahren hatte ich die Mutter darauf aufmerksam gemacht, dass ihr Kind - im Besitz zahlreicher Spielekonsolen, und immer der neuesten - auf mich zunehmend unglücklich wirke und zunehmend Leistungen verweigere. Dieses Jahr muss er die Schule verlassen ... scheinbar ein Schulverweigerer ... für mich hochbegabt, hochsensibel ... ein junger Mensch mit meines Erachtens großen Anlagen ... er hält das Binnenklima seiner Familie nicht aus; das hat das damalige Kind zerrissen und den jungen Mann total lethargisch werden lassen ... nun hat er sich seine Scheinwelt gebastelt, in der Schule für ihn keine Rolle spielt ...
Freudlose Kinder sind nicht krank, vor allem aber sind sie nicht gesund!
In dieser Tragweite ist dieser Junge vielleicht eher eine Ausnahme; nur kommen diese Ausnahmen öfters vor, als uns lieb sein kann und es gibt jede Menge von Zwischenzuständen, in deren Rahmen Kinder weder glücklich noch unglücklich sind, halt einfach freudlos, lernunwillig, apathisch - so wie das Elternhaus. Sitzen Sie mal Tag für Tag freudlos sechs Stunden in der Bank ... dann geht es heim, nach Hause, dahin, wohin einen wenig zieht, wo keine Wärme ist, kein Angenommensein, Futterplatz ja, Schlafplatz ja, mehr nicht; Jugendliche brauchen immer öfter den Frostschutz Alkohol, um nicht zu frieren ...
Natürlich und Gott sei Dank gibt es die Gegenbeispiele, Kinder, die nicht funktionieren, sondern leben, Lebensfreude ausstrahlen, auch ihre Schwächen haben, aber nach vorne schauen ... wenn Vater oder Mutter in die Schule kommen, dann spürt man die Energie, auf der solches Verhalten gründet.
Die Zahl der Kinder jedoch, die in der Schule aufgrund der familiären Situation ihre Leistung nicht bringen können, geht in Deutschland in die Hunderttausende. Und wenn ich auf die mittlerweile 30 Jahre meiner Zeit als Lehrer zurückblicke, so glaube ich, es sind Millionen, jedenfalls viel zu viele Kinder, die, geprägt durch ihre familiäre Situation, ihr Leben lang nicht an ihre eigentliches Leistungsvermögen herangeführt werden können (wobei die Schwächen der schulischen Didaktik ein anderes Thema ist).
Ich erinnere mich an einen Jungen, der mich durch sein Verhalten im Unterricht ziemlich nervte. Irgendwann bat ich die Eltern in die Sprechstunde. Nach einer Stunde war ich dann wirklich mit den Nerven fertig: Der Vater ein absoluter Choleriker, mit dem man einen Gedanken nicht zu Ende führen konnte, die Mutter ganz offensichtlich unglücklich in ihrer Ehe, aber ohne Kraft, konsequent zu sein oder ihrem neurotischen Mann erfolgreich die Stirn zu bieten. – Allerdings hatte sich eins nach dem Gespräch bei mir verändert: Ich habe den Jungen bewundert, dass er noch so normal ist ...
Was mir wichtig ist klarzustellen: Ich verurteile nicht einen einzigen Elternteil, ich verurteile in obigem Fall weder den Vater noch die Mutter. Im Grunde kommt es - so meine Erfahrung - sehr selten vor, dass ein Elternteil oder beide Eltern bewusst die Erziehung ihrer Kinder vernachlässigen. Aber dass ihnen bewusst wäre, dass sie im Grunde sich selbst übergehen, indem sie das Wertvollste, was ihnen das Leben gegeben hat - sieht man von ihrem eigenen Leben ab -, nämlich ihre Kinder, vernachlässigen, dieses Bewusstsein haben Eltern nicht. Oft setzen Eltern jene Vernachlässigung fort, die ihnen in ihrer Kindheit zuteil wurde.
Man muss sich entscheiden, ob man als Aktie oder als Kind auf die Welt kommt
Ich sehe die eindeutige Tendenz in unserer Gesellschaft, dass alles danach beurteilt wird, ob es sich nahtlos in den angepeilten Wirtschaftskreislauf integrieren lässt, ob es sich lohnt, Geld bringt, wie viel es kostet oder ob „es“ an die Börse kann. Solange Menschen und Kinder funktionieren, ist alles in Ordnung.
Ist das Leben?
Die Probleme unserer Kinder können nicht an die Börse – und unsere Kinder auch nicht, sonst gäbe es mehr. Ihnen würde, wären sie Aktien, jeden Tag in den Nachrichten Zeit eingeräumt, sie hätten Portfolios und einen eigenen Index; wären sie gut, würde man in sie investieren, die schlechten würde man abschieben (falls das nicht ohnehin die gesellschaftliche Praxis ist).
Nur ist, wenn Zuwendung ein Indikator ist, ganz eindeutig: Wir Deutschen lieben Aktien mehr als unsere Kinder.
Vielleicht reagiert ja wenigstens der ein oder andere Wirtschafts- oder Finanzminister auf Pekuniäres: Das Unglück unserer Kinder kostet uns, unsere Gesellschaft jedes Jahr Millionen, wenn nicht Milliarden. Wir können nur ahnen, wie viel Potential brach liegt, ja auf der Strecke bleibt, weil die familiären Rahmenbedingungen Freude am Lernen und Freude an der Leistung nicht zulassen.
Jedenfalls steht eins fest: In Deutschland ist es momentan günstiger, als Aktie auf die Welt zu kommen denn als Kind.
Die Kinder von heute sind oft nicht die, über die und von denen Erwachsene sprechen
Nehmen wir zur Kenntnis - und dies ist ein Faktor, der
erschwerend in der Kindererziehung von heute hinzukommt -, dass Heranwachsende heute nicht mehr vergleichbar sind mit Kindern und Jugendlichen vor zwanzig, dreißig oder vierzig Jahren. Ob man es glaubt oder nicht: Sie haben ein ganz anderes Bewusstsein als wir damals; es ist, als ob die Entwicklung der Menschheit, auch die Bewusstseinsentwicklung sich ungleich schneller, als wir ahnen, in die Gene der Menschheit einarbeitet. Es kommt noch hinzu, dass zu viele Erwachsene Kinder viel zu früh als junge Erwachsene behandeln, eine Unsitte, die verhängnisvolle Auswirkungen auf deren Entwicklung hat - schließlich ist die Kindheit nicht mehr nachzuholen und auch das Lernen aus Kindersicht, was ein Erwachsener ist, ist kaum nachholbar!
Auf obigen Hintergrund - und der geneigte Leser möge entschuldigen, dass manches nur angerissen werden kann - stellt sich für mich die Frage:
Wie lässt sich das Dilemma, in dem viel zu viele Kinder sich befinden, abstellen?
Wie lässt sich wirkungsvoll Familien helfen, die unglücklich sind?
Wie lassen sich grundlegende Prinzipien der Erziehung, die verloren gegangen sind, vermitteln?
Wie werden mehr Erwachsene wirklich erwachsen?
Erwachsen wird man heute immer weniger von selbst, weil Erziehende immer stärker zu einem einseitig partnerschaftlichen Verhalten ihren Kindern gegenüber tendieren und Jugendliche zunehmend weniger Vorbilder und Vorbildzeit für Erwachsensein haben.
Das Dilemma besteht auch in veralteten Lehrplaninhalten
Wann endlich werden Lehrpläne dem Tatbestand angepasst, dass heutige Jugendliche eine andere geistige Nahrung brauchen als vor 20, 30, 40 Jahren? Dass ihnen mit Faktenwissen oft nicht geholfen ist?
Dass die Lehrerausbildung umgestellt werden muss auf ein Bewusstsein von Jugendlichen, das meines Erachtens fortgeschrittener ist als viele Eltern und Lehrer zur Kenntnis nehmen und das dies dringendst andere Nahrung braucht als voruniversitäres Wissen oder die Alternative, den Schrott von RTL- und SAT1-Nachmittagssendungen oder öffentlich-rechtlichen Seifenopern ...
Ich glaube, den Lehrplanmachern fehlt weitestgehend ein Bewusstsein dieser Problematik.
Ja, ich wage die Behauptung, dass es immer mehr Jugendliche gibt, die in ihrer seelisch-geistigen Entwicklung Eltern und Lehrern voraus sind.
Klima der Seelen - Klima der Erde: unvorstellbar, dass es einen Zusammenhang gäbe ...
Man mag meine Perspektive als Lehrer verstehen: Wir diskutieren, ob es eine Klimakatastrophe gibt oder nicht, aber das wichtige Klima, das Binnenklima der Familie und das unserer Seele ist viel ausschlaggebender ....
Wir reden über Gender (ich kann´s echt nicht mehr hören) ... aber da, wo es darauf ankommt, in der Familie, kommen Mann und Frau viel zu wenig miteinander klar, herrscht viel zu wenig Gemeinsamkeit, Freude und Glück. Wer freudig und glücklich, wer mit Vertrauen ins Leben lebt, hat gewiss kein Gender-Problem ... wer glücklich ist, will lernen, will Leben erfahren ... und er findet seinen Weg, ob mit Quote oder ohne ...
Unsere Urteile verhindern Entwicklung - jedes Mal!
Wir urteilen und verurteilen ununterbrochen, es ist auch hier in der Freien Welt tagtäglich nachlesbar. Aber diese verdammten Wertungen und Urteile und Verurteilungen bringen uns nicht weiter ... Wenn ein Kind in einer gleichgeschlechtlichen Partnerschaft liebevoll erzogen wird, dann zählt die Liebe, vor allem die Liebe. Ich bin kein Freund von Erziehung im Rahmen gleichgeschlechtlicher Partnerschaft, aus unterschiedlichen Gründen. Aber warum regen wir uns darüber auf, wenn wir tagtäglich wahrnehmen, dass die traditionelle Familie mehr und mehr versagt?
Warum fragen wir nicht: Was können wir tun, damit mehr Kinder glücklich werden?
Und hören wir damit auf so zu tun, als ob das in erster Linie ein Problem von Krippenplätzen oder finanzieller Ausstattung wäre. Ich will damit materielle Voraussetzungen nicht kleinreden, aber ich möchte fragen, was wir tun können, damit die erkennbare ethische Verwahrlosung der Gesellschaft und die Deprivation des Wertes von Familien abgebremst wird, ja eine Gegenbewegung eingeleitet werden kann, die Menschen ihr MenschSein leben lässt, ein Miteinander in gegenseitiger Wertschätzung, Toleranz und Hilfsbereitschaft.
Der Stein der Weisen heißt schlicht Menschlichkeit
Wir lösen Probleme nicht durch Urteilen und Ausgrenzen. Durch das Diskriminieren Aussätziger, wen wir auch immer als solche definieren. Wir lösen sie allein durch Verstehen und verstehendes Handeln.
Wir lösen Probleme nicht intellektuell, wir lösen sie allein menschlich, von Mensch zu Mensch.