Die Bürger haben die Hamburger Schulreform per Volksentscheid abgelehnt. Bei der Suche nach den Gründen für dieses Scheitern sollte man sich vielleicht nicht nur an den konkreten Reforminhalten abarbeiten.
Hooptes größtem Nachbarort gerade ziemlich zur Sache. Eine große Schulreform, für die neben dem Bürgermeister auch alle anderen im Hamburger Parlament vertretenen Parteien geworben hatten, wurde von niemand geringerem als den Bürgern höchstpersönlich per Volksentscheid für schlecht befunden.
Konkret ging es bei der Abstimmung darum, die Grundschule um zwei Jahre zu verlängern oder eben nicht. Die sechsjährige Grundschule sollte dann Primarschule heissen und das Ganze dann zu einem Kernstück der gesamten Reform werden. Man wird sehen, was von der Reform übrig bleibt, nachdem die Primarschule deutlich abgelehnt worden ist – aber dass der erste Bürgermeister Ole von Beust gestern seinen Rücktritt angekündigt hat, ist zweifellos eine erste politische Folge dieser Abstimmung, denn dass es mindestens knapp werden würde, war seit Tagen bekannt.
schießen öffentlich-rechtlich befeuerte Verschwörungstheorien schon länger ins Kraut. Aber wann hat es denn jemals eine Schulreform gegeben, die alle toll fanden und unbedingt wollten? Eine solche Reform bringt immer erstmal Chaos, nervt Schüler, Eltern und Lehrer gleichermaßen, verursacht Kosten und Mehraufwand. Jede Schulreform ist zunächst mal unangenehm – und ob und in welcher Weise sie sich positiv auswirkt, weiss man allenfalls nach einigen Jahren und selbst dass nie wirklich sicher.
Die bis gestern zur Abstimmung gestellte Verlängerung der Grundschule halte ich persönlich ausserdem für nichts weiter als Ideologie. Bestimmte Gruppen halten es offenbar für ungemein hilfreich, wenn Grundschüler länger zusammen lernen, andere finden das Gegenteil richtig. Ich behaupte, dass diese Frage vielleicht nicht völlig, aber weitgehend irrelevant ist, genau wie viele andere Punkte der weiteren Reform auch. Es gibt nicht den einen goldenen Weg in der Bildungspolitik, es gibt das perfekte Konzept nicht. Menschen sind ziemlich individuelle Wesen und diesem Umstand müsste ein gutes Bildungssystem möglichst weit entgegenkommen. Aber das ist schwierig mit einem starren Konzept, dass von oben herab sämtlichen Schulen so gut wie alles vorschreiben will, angefangen von der Zahl und sogar der Auswahl der Lehrer, der Größe der Klassen und bis hin zu den Inhalten von Lehrplänen und Büchern. Bestimmt ist es legitim, seitens der Politik gewisse Vorgaben zu machen aber – und das ist natürlich in den übrigen Bundesländern genauso – dass praktisch jedes Detail durchgeregelt wird, nimmt einem Bildungssystem jede Chance, aus sich heraus eine gewisse Flexibilität anzubieten.
Warum also gibt es nicht zur Abwechslung mal eine Bildungsreform, die unten ansetzt und es zum Beispiel Schulen (und/oder ihren Schülern) freistellt, ob es dort vier, fünf oder sechs Jahre lang dauern soll, bis man ausreichend gut lesen, schreiben und rechnen gelernt hat? Warum lässt man nicht zu, dass Eltern und Schülern Alternativen zur Verfügung stehen? Gerade eine dichtbesiedelte und Verkehrstechnisch bestens vernetzte Stadt wie Hamburg würde sich dazu ja hervorragend eignen.
Die Antwort, warum so etwas den meisten Damen und Herren Politikern gar nicht erst in den Sinn kommt, ist so einfach wie entmutigend: Für eingefleischte Ideologen gibt es wahrscheinlich kaum ein schöneres Feld zur Selbstverwirklichung und zur Umsetzung großer, teurer Menschenversuche, als Bildungspolitik. Dementsprechend sammeln sich genau hier verstärkt Leute, die meinen, die Weisheit gepachtet zu haben und diese darum mit beinahe religiösem Eifer ihren Mitmenschen aufzwingen wollen.
Vielleicht kann man das Hamburger Votum auch als Absage gegen diese Art politischer Besserwisserei sehen.