... sondern aus der Tugend der Reichtum".
Ist dieser Gedanke so ungewöhnlich für uns geworden, dass wir einen oder zwei oder drei Momente brauchen, um zu verstehen, was Sokrates in seiner großen Verteidigungsrede, der Apologie meinte?
Ja, angesichts unserer gesellschaftlichen Realität - und mit "unserer" beziehe ich mich auf die reichen Industrienationen der Erde - kommt diese Aussage fast einem Koan gleich, jener Aufgabe, die der Schüler im Zen-Buddhismus von seinem Meister erhält und zu lösen hat.
Bezüglich der Werte und Sichtweisen des Vaters aller abendländischen Philosophie, des Vorläufers von Jesus sind wir als ach so gebildete Europäer und Erdenbürger Schüler geworden.
Man muss nur unsere tägliche Realität ansehen. Finden wir nicht in den Nachrichten bestätigt, dass es uns gut geht, wenn die wirtschaftlichen Indices nach oben zeigen? Wenn die Wirtschaft brummt, brummt unser Glück, zeigen sich Nachrichtensprecher sichtlich aufgehellt, Börsenexperten wirken nahezu euphorisch und richtiggehend menschlich emotional und die Menschen zeigen sich in bester Laune, was mittlerweile immer zugleich auch Kauf-Laune meint. Auch Politiker, soweit sie der Regierung angehören, hängen ihr Mäntelchen in den Börsen-Wirtschaftswind, das im Zuge steigender Kaufkraft lustig flattert ... Wenn die bunten Scheine wehen, geht die Fahrt wohl über´s Meer ...
Glück und Geldwert scheinen nahezu identisch geworden zu sein.
Da muss dieser verschrobene Grieche kommen und schon vor 2400 Jahren gesagt haben: Aus dem Reichtum entsteht keine Tugend.
Aus der Tugend entsteht Reichtum!
Reichtum meint ein ReichSein an Tugend.
Das nun scheinen wir mittlerweile besser zu wissen. Schließlich ist es ja auch zu lange, ein bisschen mehr als 500 Jahre her, dass ein gewisser Martin Luther in der Auslegung des Ersten Gebots in seinem Großen Katechismus schrieb:
"Woran dein Herz hängt, das ist dein Gott"!
Wenn wir begutachten, womit sich die Medien vorzugsweise beschäftigen und was unser Denken ausmacht, dann kennen wir die Götter der Moderne; wir kennen auch die unseres Inneren; in der Bibel werden sie als GOLDENES KALB bezeichnet.
Jener Tanz um das Goldene Kalb hat die Menschheit damals schon das Original der 10 Gebote gekostet, denn angesichts dessen, was sein Volk tat, während er ihm Heiliges brachte, zerbrach Mose die Tafeln, auf denen die 10 Gebote standen.
Schon damals fehlte dem Volk Israel jegliche Wertschätzung von Heiligem, Göttlichem und ich sehe es hier stellvertretend für die Menschheit insgesamt.
Während Mose in Kommunikation mit dem Höchsten stand, tat sein Volk genau das Gegenteil.
Ob es heute anders wäre?
Ob, wenn das Göttliche sich auf diese besondere Weise wie damals auf der Erde zeigt, die Menschen den Blick von den Börsenkursen und Vergleichbarem wegwenden könnten hin zu für ihre Seele Essentiellem?
Bis heute haben wir als Menschheit nur eine Kopie der 10 Gebote.
Es scheint, als ob es vielleicht diesen deshalb nicht gelungen ist, in die tiefen Schichten des Bewusstseins der Menschen vorzudringen.
Wie hätte auf dieser Grundlage in der Folge das große Gebot der Liebe eine angemessene Beachtung finden können?
So schlimm ist es doch gar nicht, höre ich sagen, wir trauern mti den Harz-IV-Empfängern um das Elterngeld, wir leisten in aller Welt Entwicklungshilfe, wir erhöhen die Ausgabe für Bildung ...
Die Frage ist, ob das aus Berechnung geschieht oder weil unser Herz möchte, dass es vielen Menschen gut gehe ...
Nur vereinzelt gibt es diese Wunder der Liebe, beispielsweise in dieser mutigen jungen Amerikanerin Withney Johnson, die in den Townships inmitten von mit Aids infizierten Kindern im Rahmen von Ubuntu Africa hilft, deren Körper und Seele zu heilen.
"Ein jeder sieht, was er im Herzen trägt."
Fast jeder weiß sich mit dem berühmten Satz von Saint-Exupéry zu schmücken, heftet sich an die Brust zu wissen, dass man ja wirklich nur mit dem Herzen gut sehe. Doch ist dieses Wissen, dass der Fuchs dem Prinzen mitteilt, mehr als nur Poesiealbumschnickschnack - und anspruchsvoller, als die meisten wohl wirklich wissen wollen.
Sehen wir uns an, was wir sehen, dann wissen wir, was wir im Herzen tragen und was wir in Wirklichkeit nur sehen können!
Dieser Satz - Ein jeder sieht, was er im Herzen trägt -, den wir zu Beginn von Goethes Faust in der Szene Vorspiel auf dem Theater finden ist der Schlüssel nicht nur zum Verständnis dieses Werkes, sondern auch der Schlüssel zu der Realität unseres Lebens.
Schauen wir an, was wir so tagtäglich sehen, im Außen wie im Innen; dann wissen wir über unsere Herzensrealität und unseren "Reich"-Tum Bescheid.
Klar mag man die Aussage des großen Griechen, die er im Angesicht des Todes sagte, für übertrieben halten. Aber angesichts unserer Herzensrealität und jener, die wir bei anderen glauben beobachten zu können, sind die sokratischen Worte nur zu angemessen, dass ja eben dies das größte Gut für den Menschen ist, täglich über die Tugend sich zu unterhalten und über die anderen Gegenstände, über welche ihr mich reden und mich selbst und andere prüfen hört, dass aber ein Leben ohne Selbsterforschung gar nicht verdient, gelebt zu werden.
Diese Orientierung auf wahre Werte, das ist es, was auch die Bibel meint mit jenem An-Spruch:
Betet ohne Unterlass.
Paulus meint damit kein frommes Gesülze, sondern eine geistige Ausrichtung, die den wahren Reichtum im eigenen Inneren wissen will, ganz im Sinne des Bias von Priene, einem der sieben großen Weisen des Altertums:
omnia mea mecum porto
All meinen Besitz trage ich bei mir.
In diesem Sinne können wir sagen: All unseren Besitz tragen wir in uns.
Ein geistiges Herz lässt sich nicht transplantieren. Wie lange und ob es geistig schlägt, dafür sind alleine wir verantwortlich.
PS:
Ich glaube im Übrigen, dass der Grund, warum so viele Herzen Joachim Gauck zuflogen, schlicht darin lag, dass, wenn er gesprochen hat, sein Herz zu spüren war. Christian Wulff kann gewiss professoraler und sonorer sprechen. Er kann gewiss auch schnell silberne Lorbeerblätter verteilen und sich telegen und deplatziert in Südafrika in Szene setzen. Aber diese Herzebene, die Joachim Gauck besitzt, die spüre ich bei ihm nicht. Ich glaube, so ging es vielen, womöglich auch unseren Volksvertretern. Man hätte ihnen den Mut des Sokrates gewünscht, der sich sein Leben lang todesmutig für Verfemte und ungerecht zum Tod Verurteilte eingesetzt hat und sein Leben riskierte.
Unsere Volksvertreter hätten beileibe nicht ihr Leben riskiert, sondern ihre Feigheit, ihren Konformismus.
Heraus hätte kommen können ein Mut, ein neuer Mut für Herz und Tugend ...