Wir müssen doch noch kurz auf die Entlassung von US-General McChrystal zurückkommen. Es war ja wieder mal erstaunlich, wie gleichgeschaltet die Medien reagierten: ein General, ein Dummkopf, ein Journalist, ein Rächer der Gerechten.
Mit dieser Formel haben die Medien sehr geschickt von einer nicht unwichtigen Frage abgelenkt, nämlich die nach der Rolle des Reporters des Rolling Stone-Magazins. Der Mann hatte, wenn wir das richtig verstanden hatten, über Wochen Zugang zum General und zu seinem engsten Kreis.
Michael Hastings trank mit ihnen Bier, diskutierte nebenbei über Football oder weiss ich was. Man kann sich vorstellen, dass da über die Zeit hinweg ein vertrauliches, ja kameradschaftliches Verhältnis entstand - dafür braucht es wohl wenig Fantasie.
Und da wurde auch geredet und diskutiert und das Ergebnis können wir nachlesen1. Das Ergebnis?
Wir wissen inzwischen nur, was die Militärs gesagt haben. Aber was sagte eigentlich der Reporter? Schwieg der die ganze Zeit oder sagte er zwischendurch: Das kann ich aber nicht schreiben? Oder war er auch der Meinung, dass dieser oder jener Exponent der amerikanischen Regierung nicht ganz auf der Höhe der Zeit sei? Hat er widersprochen oder zustimmend mitgelacht oder hat er einfach nur gedacht: "Was für eine geile Geschichte"?
Wir wissen es nicht, weil diese seine Worte nicht überliefert sind. Denn über seinen Part in der Geschichte schweigt sich Michael Hastings2 aus.
Wenn jetzt festgestellt wird, McChrystal hätte wissen müssen, auf was er sich da einlässt, dann ist das die eine Seite der Medaille. Man kann von einem Journalisten ebenso verlangen, dass er weiss, worauf er sich einlässt. Auch Offiziere haben in einer Demokratie nach Dienstschluss beim Bier das Recht auf eine eigene Meinung. Und sogar während der ihrer Dienstzeit.
Es gehört zum grundsätzlichen Handwerk eines Journalisten, dass er zu unterscheiden weiss, zwischen privat und offiziell, er sich bewusst ist, dass während einer solchen Reportagearbeit Dinge hört, die nicht unbedingt an die Öffentlichkeit gehören.
Was lernen wir daraus? Lasse Dich als exponierte Person nie auf eine solche Reportage ein, lasse Dich nie über längere Zeit von einem Journalisten begleiten (für diese Art von Reportage stehen Journalisten übrigens Schlange) - ausser Dein Pressesprecher ist als Watchdog ständig mit dabei.
Und schliesslich: Wenn wir ein Personenporträt im Fernsehen sehen oder in der Zeitung lesen, ist dies nur die veröffentlichte Wahrheit. Wir erfahren nie, was der Porträtierte tatsächlich denkt und gesagt hat.
arlesheimreloaded.ch