Eine Studie des Instituts zur Zukunft der Arbeit zeigt, dass schon dreijährige Mädchen weniger wettbewerbslustig sind als Jungen. Doch die Autoren folgern daraus nicht, was naheliegend wäre.
Ehrgeiz und Streitlust - das sind Eigenschaften, die man einem Menschen vermutlich kaum beibringen kann, wenn er oder sie sie nicht selbst verspüren. Und gelingt es doch, so wird der Mensch dadurch wohl kaum glücklicher. Doch über diese meine Vermutung kann man sich sicherlich streiten - wenn man streitlustig ist. Die Studie "Gender Differences in Competition Emerge Early in Life" des Instituts zur Zukunft der Arbeit (IZA) hat nun gezeigt, dass Mädchen zwischen drei und achtzehn Jahren deutlich weniger Interesse an Wettbewerb haben als gleichaltrige Jungs. Doch das solle man politisch ändern, fordern die Autoren Matthias Sutter und Daniela Rützler. Jungs und Mädchen, Männer und Frauen so anzunehmen wie sie sind, kommt offenbar nicht mehr in Frage.
In dem Experiment mit 1035 Jungs und Mädchen sollten die Unterachtjährigen eine bestimmte Strecke laufen und die Älteren eine Matheaufgabe lösen. Alle konnten sich aussuchen, ob sie eine mögliche Belohnung lieber im Wettstreit mit anderen oder auf Basis festgelegter Kriterien erringen wollten. Schon die ganz kleinen Jungs waren offenbar sehr viel stärker darauf aus, Wettrennen zu gewinnen als die Mädchen. Und diese Vorliebe betraf alle Altersgruppen. Die in vielen anderen Studien belegte größere Wettbewerbsfreude von Männern ist also schon in sehr jungen Jahren festzustellen.
Angeboren oder anerzogen? Die ewige Frage kann man anhand dieser Studie sicher nicht eindeutig beantworten, denn - so werden die Anhänger des Konstruktivismus sagen - die kulturelle Prädung hat bei Dreijährigen längst schon ihr Werk getan. Ich tendiere wie meist zum Sowohl-als-auch. Ohne gewisse biologische Grundvoraussetzungen, die geschlechtsspezifische kulturelle Prägungen sozial begünstigen, sind solche Unterschiede kaum plausibel zu erklären. In der IZA-Studie wird übrigens auch ein aktueller Aufsatz eines gewissen Wozniak erwähnt, der die geringe Wettbewerbsfreude der Frauen durch Hormone erklärt.
Bemerkenswert ist die Studie natürlich angesichts der aktuellen Forderungen nach einer Frauenquote für die Chefetagen von Wirtschaftsunternehmen. Wenn Frauen von Anfang an im Durchschnitt viel weniger wettbewerbsfreudig sind, dann ist ihre geringe Vertretung in Führungspositionen unserer wettbewerbsvergötternden Wirtschaft offensichtlich keine Folge irgendwelcher Diskriminierungen (oder zumindest nicht allein), sondern hat tiefere Gründe in den Unterschieden zwischen den Geschlechtern.
Die IZA-Studie zieht allerdings nicht den naheliegenden Schluss, dass die Überrepräsentanz von Männern in besonders wettbewerbsintensiven Branchen und Positionen vielleicht ganz einfach "normal" sei. Sutter und Rützler schwimmen im Gegenteil ganz eifrig mit im geschlechterpolitischen Hauptstrom: Es sei "desirable to close the gap right from the start, i.e. from early on in life." Also soll schon unter dreijährigen Mädchen (meine Tochter wurde gestern zwei!) der Geist der Konkurrenz anerzogen werden? Wollen wir in der Kita den Wettbewerb anstacheln? "Komm schon Paula, Du kannst doch bestimmt viel höher schaukeln als der Kevin!" Ja, offenbar ist das tatsächlich die Ansicht der Autoren: "Which policies work best to achieve this aim is certainly an important task for future (interdisciplinary) research." Distanz zu politischen, ökonomischen, ideologischen Zielen kann man vom IZA, einem von der Post-Stiftung finanziertes Institut an der Universität Bonn, offenbar nicht erwarten. Das IZA will also teilnehmen am großen Menschenveränderungsprogramm, das aus Männern und Frauen gleichartige Wettbewerbssubjekte machen will (dann stimmen vielleicht auch wieder die ökonomathematischen Formeln). Ein bizarres Bündnis von Gender-Ideologie und ökonomistischem Wettbewerbsabsolutismus!
Warum kann man die Menschen, Männer und Frauen und auch diejenigen, die nicht ganz eindeutig das eine oder andere sind, nicht einfach "sein lassen"? Letztlich, das zeigt die Geschichte der großen Ideologien, scheitern diese Versuche am Ende daran, dass der Mensch, wie Kant wusste, aus krummem Holz gemacht ist und sich nicht gerade
schnitzen lässt.