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17.05.2012
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Winnenden: Gleichaltrigenorientierung und Jugendgewalt
Weitere Themen: Bildung, Familie

Gleichaltrigenorientierung als zentrale Ursache der Jugendgewalt

Gewaltausbrüche und Verhaltensstörungen bei Kindern und Jugendlichen sind vor allem auf fehlende Kind-Erwachsenen-Bindung zurückzuführen. Dies ist die zentrale These von Prof. Gordon Neufeld (siehe auch das Interview mit Prof. Neufeld auf freiewelt.net Nachstehend finden Sie Auszüge aus dem ersten Kapitel des bereits 2006 auf Deutsch erschienenen Buches von Prof. Neufeld „Unsere Kinder brauchen uns! – Die entscheidende Bedeutung der Kind-Eltern-Bindung“

„Mehr Kinder und Jugendliche als je zuvor bekommen auf Grund von Depressionen, Ängsten oder einer Vielzahl anderer Diagnosen Medikamente verordnet. Die Krise der jungen Generation zeigt sich inzwischen auf bedrohliche Weise in den zunehmenden Problemen mit yrannisierendem Verhalten in den Schulen und, im äußersten Extrem, in der Ermordung von Kindern durch Kinder. Solche Tragödien sind zwar selten, aber sie sind auch nur die dramatischsten Symptome für ein weit verbreitetes Übel in der Jugendkultur von heute, den Hang zu aggressivem Verhalten....

Es ist die These dieses Buches, dass die Störung, die man bei den Generationen der heute aufwachsenden Kinder und Jugendlichen beobachten kann, darauf zurückzuführen ist, dass diese die Orientierung an den für sie sorgenden Erwachsenen verloren haben...

Zum ersten Mal in der Menschheitsgeschichte wenden sich junge Menschen, um Anleitung, Vorbilder und Führung zu finden, nicht an Mütter, Väter, Lehrer und andere verantwortliche Erwachsene, sondern an Menschen, die von Natur aus nie für die Elternrolle vorgesehen waren – ihre eigenen Altersgenossen...

Im Rahmen einer internationalen Großstudie haben der britische Kinderpsychiater Sir Michael Rutter und der Kriminologe David Smith festgestellt, dass sich eine solche Kinderkultur, eines der dramatischsten und verhängnisvollsten gesellschaftlichen Phänomene des 20. Jahrhunderts, zum ersten Mal in der Zeit nach dem Zweiten Weltkrieg herausgebildet hat. In dieser Studie, an der führende Wissenschaftler aus 16 Ländern beteiligt waren, wurde die Eskalation des unsozialen Verhaltens mit dem Zusammenbruch der vertikalen Übermittlung der vorherrschenden Kultur in Verbindung gebracht. Mit dem Aufkommen einer von der vorherrschenden Kultur verschiedenen und separaten Kinderkultur haben Verbrechen, Gewalttätigkeit, tyrannisierendes Verhalten und Kriminalität insgesamt bei Jugendlichen deutlich zugenommen.

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Die zunehmende Gleichaltrigenorientierung in unserer Gesellschaft wird von einem alarmierenden und dramatischen Anstieg der Selbstmordrate unter Kindern begleitet, die sich in Nordamerika seit 1950 in der Altersgruppe der 10-14-Jährigen vervierfacht hat. Diese Gruppe weist allein in den Jahren 1980 bis 1992 mit 120% den bisher größten Zuwachs bei den Selbstmordraten auf. In Stadtzentren, wo es am wahrscheinlichsten ist, dass Gleichaltrige die Eltern ersetzen, ist der Anstieg bei den Selbstmordraten sogar noch größer4, und die Hintergründe dieser Selbstmorde sind sehr aufschlussreich. Ich habe eine Zeit lang mit jugendlichen Straftätern gearbeitet, wobei meine Aufgabe zum Teil darin bestand, die psychologische Dynamik von Jugendlichen zu untersuchen, die mit oder ohne Erfolg einen Selbstmordversuch unternommen hatten. Zu meinem Schrecken und meiner absoluten Überraschung war der wichtigste Auslöser bei der großen Mehrheit von ihnen die Behandlung, die sie durch Gleichaltrige erfuhren, nicht etwa durch ihre Eltern. Meine Erfahrung war kein Einzelfall, dies bestätigt die steigende Zahl von Berichten über Kinderselbstmorde, die durch das ablehnende und tyrannisierende Verhalten Gleichaltriger ausgelöst wurden. Je wichtiger Gleichaltrige sind, desto verheerender wirkt sich ihr unsensibles Verhalten auf unsere Kinder aus, wenn diese es nicht schaffen, dazuzugehören, und sie sich abgelehnt oder ausgeschlossen fühlen....

Die erste Warnung kam schon zu Beginn der sechziger Jahre.... In einer Studie mit siebentausend jungen Menschen hatte Dr. James Coleman festgestellt, dass die Beziehungen zu Freunden wichtiger wurden als die Beziehungen zu den Eltern.... James Colemans Warnungen wurden als Panikmache abgetan. ...

Auch ich habe den Kopf in den Sand gesteckt und wollte es nicht wahrhaben, bis mich meine eigenen Kinder abrupt aus dieser Haltung herausrissen. Ich hatte nie damit gerechnet, meine Kinder an ihre Altersgenossen zu verlieren. Zu meinem Schrecken stellte ich fest, dass mit Erreichen der Adoleszenz meine beiden älteren Töchter anfingen, um ihre Freunde zu kreisen, ihnen zu folgen, ihre Sprache zu imitieren und ihre Werte zu verinnerlichen. Sie ließen sich immer schwerer zu kooperativem Verhalten bewegen. Was ich auch unternahm, um mich durchzusetzen – es machte alles nur noch schlimmer. ... Ich hatte meine Kinder für immun gehalten: Sie zeigten kein Interesse für jugendliche Gangs oder Straftaten, wuchsen in einem relativ stabilen Umfeld auf, in einer liebevollen Großfamilie und in einer soliden, familienfreundlichen Umgebung. Ihre Kindheit wurde nicht durch einen Weltkrieg gestört. Colemans Erkenntnisse schienen für mein Familienleben einfach nicht relevant. Als ich allerdings anfing, die Zusammenhänge zu erkennen, stellte ich fest, dass das, was mit meinen Kindern geschah, eher die Regel darstellte als die Ausnahme...

Extreme Erscheinungsformen der Gleichaltrigenorientierung – tyrannisierendes Verhalten mit Gewaltanwendung, Selbstmorde und Morde unter Kindern – ziehen die Aufmerksamkeit der Medien auf sich. ... Solche Tragödien sind lediglich die dramatischsten Auswirkungen der Gleichaltrigenorientierung, einer Erscheinung, die sich inzwischen nicht mehr auf den Großstadtdschungel und das kulturelle Chaos in Metropolen wie Chicago, New York, Toronto oder Los Angeles beschränkt, sondern auch die Familien-Wohngegenden mit bürgerlichen Elternhäusern und guten Schulen erreicht hat.

Für uns Autoren kam der persönliche Weckruf mit der zunehmenden Gleichaltrigenorientierung unserer eigenen Kinder. Wir hoffen, Unsere Kinder brauchen uns kann Eltern in aller Welt und der Gesellschaft insgesamt als Weckruf dienen....

Die Beziehung zwischen Eltern und Kindern (sowie Erwachsenen und Kindern allgemein) muss wieder ihre natürliche Grundlage erhalten. Die gute Nachricht ist, dass wir die Natur auf unserer Seite haben. Unsere Kinder wollen zu uns gehören, auch wenn ihnen dies gar nicht bewusst ist und ihre Worte und Taten scheinbar das Gegenteil signalisieren. Wir können unsere eigentliche Rolle als Eltern und Mentoren zurückgewinnen. Im vierten Teil dieses Buches präsentieren wir ein detailliertes Programm, wie wir die Nähe zu unseren Kindern aufrecht erhalten können, bis sie zu Reife gelangt sind und wie wir die Beziehung, wenn sie bereits geschwächt wurde oder verloren gegangen ist, wiederherstellen können. Es gibt immer Dinge, die wir tun können. Auch wenn es bei keinem Ansatz eine Garantie gibt, dass er unter allen Umständen funktioniert, gibt es meiner Erfahrung nach, wenn die Eltern erst einmal verstehen, wo der Schwerpunkt ihrer Bemühungen liegen muss, viel mehr Erfolge als Misserfolge.

Aber der Heilerfolg hängt wie immer von der richtigen Diagnose ab....“

 



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Kommentare (2)




 
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pete zeit, 26.03.2009 11:12
Gerade in diesem Fall in Winnenden hatte jedoch der Junge eine sehr starke Bindung zu seinem Vater und eben nicht zu Gleichaltrigen. Er hatte kaum Freunde und verbrachte seine Freizeit im Schützenverein mit seinem Vater, der ihn von klein auf auch beim Tischtennis z.B. immer begleitet und unterstützt hat.


Rolf Bürgel, 13.03.2009 14:06
Im Leben eines Menschen ist nichts wichtiger als die Familie. Hier entsteht das Urvertreuen, ohne das ein Mensch nicht zu einer in sich gefestigten Persönlichkeit heranreifen kann. Das Schlüsselwort heißt Liebe. Nur in Mensch, der in sich reuht, kann den Anfeidungen der Umwelt erfolgreich widerstehen. Aber der gesellschaftliche Stellenwert sinkt nicht nur immer weiter. Er wird von der Politik ganz bewußt zerstört. Bischoff Mixa hat völlig zu Recht darauf hingeweisen, dass die Mutter immer mehr zur Gebärmaschinen wird. Die Überlegungen der Familienministerin kreist nur noch um die Frage, ab welchem Alter kann man die Kinder den Eltern wegnehmen, um sie in statlichen Einrichtungen (KITA, Kindergarten, Ganztagsschule) zu erziehen. Das Ganze nach dem DDR-Muster "Vater und Mutter arbeiten, Kinder kommen in den Hort." So reich Deutschland materiell immer noch ist, so arm sind wir menschlich geworden. Laptop und Handy ersetzen keine Elternliebe. Isonfern ist der Amokläufer von Winnenden mehr selbst Opfer als Täter. Das zu ändern wird ein langer Weg werden. Es wäre schon viel erreicht, es zu erkennen und uns auf den Weg zu machen. Eines ist sicher. Mit immer neuen Gesetzen wird man diese Fehltentwicklung - die man auch auf anderen Gebieten sehen kann - nicht korrigieren können.


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