Ist Freiheit eine Definitionsfrage? Was macht Freiheit aus? Eine Auseinandersetzung mit einem fehlinterpretierbaren Begriff.
Der erste Satz, den Wikipedia uns in seinem Artikel "Freiheit" anbietet, lautet:
Der Titel dieses Artikels ist mehrdeutig. Weitere Bedeutungen sind unter Freiheit (Begriffsklärung) aufgeführt.
Im Fall von Wikipedia ist das relativ leicht zu erklären, denn es gibt viele Dinge, die Freiheit heissen, aber nicht unbedingt viel damit zu tun haben. Das Internetlexikon listet zum Beispiel Leute auf, die so heissen - oder Orte, Strassenund sogar Berge. Sogar eine DDR-Zeitung mit einem solchen Namen gab es mal - die Verfechter des totalen Staates haben manchmal einen makaberen Sinn für Humor.
Wikipedia liefert aber ausserdem auch eine allgemeine und wunderbar kurze Definition davon, was Freiheit im politisch-philosophischen Sinn ist:
Freiheit (lateinisch libertas) wird in der Regel verstanden als die Möglichkeit, ohne Zwang zwischen verschiedenen Möglichkeiten auswählen und entscheiden zu können. Der Begriff benennt allgemein einen Zustand der Autonomie eines handelnden Subjekts.
Das ist nun immer noch so allgemein gefasst, dass man je nach politischer Prioritätensetzung dieses oder jenes draus machen könnte.
Was ist zum Beispiel ein solcher zwang und würde der nicht dann bedeuten, dass es eben keine Freiheit gibt?
Klingt wirr aber mit solchen verdrehten Argumenten reklamieren tatsächlich gerne mal auch politische Geisterfahrer unterschiedlicher Färbung ebenfalls für sich, für Freiheit einzutreten. Weil sie Freiheit von der - normalerweise - unweigerlich damit verbundenen Verantwortung trennen.
Faktisch scheint Freiheit also tatsächlich Frage der Definition zu sein. Aber ideologisch begründete Missdeutungen sollten uns nicht darüber hinwegtäuschen, dass wahre Freiheit weder relativierbar, noch von Verantwortung zu trennen ist. Wer das tut, der bevormundet damit den Bürger automatisch.
Politisch für Freiheit einzutreten kann eigentlich nur bedeuten, einen Staat anzustreben, der seinen Bürgern in jeder Hinsicht maximale Freiheiten garantiert. So etwas wünschen sich in Deutschland zugegebenermaßen leider nur wenige Menschen. Die meisten fangen das große Relativieren an, wenns konkret werden soll.
Sehr beliebt ist dabei folgende Ansicht: wirtschatliche Freiheit möge möglichst abgestellt werden, weil wir vielleicht noch clever genug sind, mit unserer freien Meinung umzugehen aber total versagen, wenns ums Geld geht.
Ich behaupte: Freiheit kann man gar nicht unterschiedlich definieren, wenn man sie ernst meint. Freiheit heisst immer auch, sich der Verantwortung für sich selbst zu stellen. Das schließt selbstverständlich ein, dass man einfordert, sagen und tun zu dürfen, was man für richtig hält. Das schließt aber auch so profane Dinge wie freien Handel oder freie Berufswahl mit ein.
Man kann letzteres – also die wirtschaftliche Komponente der Freiheit – einschränken wollen, weil man beschließt, dass das "dem Untertan" (und ein solcher wird der Bürger, wenn er sich seine Freiheit nehmen lässt) nützt. Das kann ja vielleicht sogar in einem hohen Prozentsatz der Fälle zutreffen – bleibt aber dennoch eine Bevormundung.
Kiri fragt in Blogform den Präsidentschaftskandidaten Gauck nach dessen Definition von Freiheit (und so bin ich eigentlich überhaupt erst auf das thema gekommen; wesentliche Teile dieses Artikels stehen daher auch bereits unter dem verlinkten Artikel) und spitzt die Frage schließlich zu:
“Hab ich die Freiheit, zwischen Pest und Cholera zu wählen, oder darf ich meine eigene Auswahl noch mit einbringen, wenn mir kein Angebot gefällt?”
Die Freiheit, zwischen "Pest und Cholera" wählen zu müssen, ist nicht notwendigerweise Freiheit - kann es jedoch durchaus sein!
In einer freien Gesellschaft ist es nicht unbedingt der Fall, dass jemand dafür Sorge trägt, jedem seine individuelle Wunschlösung für alles Mögliche bieten zu können. Liberale (inklusive mir) gehen zwar davon aus, dass ein freier Markt diesem Idealbild relativ nahe kommt - aber eine Garantie gibt es dafür nie, nicht in einer freien Gesellschaft, jedenfalls.
Wie sähe die Alternative aus? Der Staat regelt, dass jeder kriegt, was er will und braucht?
Dazu müsste der Staat Wettbewerb und den freien Markt ausschalten oder zumindest umgehen, denn der freie Markt kann mir zwar praktisch alles liefern, was ich will - nur werde ich mir den Preis dafür nicht frei aussuchen können - egal, wie mein Wille in dieser Hinsicht aussehen mag. Dabei kann ein staatlich gelenktes Wirtschafssystem helfen. Dort legt der Staat dann willkürlich nach ihm korrekt erscheinenden Kriterien fest, dass dieses Ding oder jene Dienstleistung diesen oder jenen Preis zu haben hat - was dann im Idealfall vielleicht sogar meinem Wunschpreis entspricht.
Der Pferdefuss: Dieses Konzept setzt zwar die Auswirkungen von Marktwirtschaft ausser Kraft, damit aber noch lange nicht ihre Mechanismen, die nämlich dummer- oder auch glücklicherweise (hier dürften sich die Geister scheiden) universeller Natur sind. Will sagen: Abseits der von oben verordneten Preise existieren immernoch tatsächlichePreise. Weil Dinge und Dienste automatisch einen Wert erhalten, sobald sie nicht unbegrenzt zur Verfügung stehen.
Bezogen auf das Pest-Cholera-Beispiel kann man daher sagen: Wenn wir über eine bestimmte Fähigkeit, eine bestimmte Ausbildung verfügen, für deren Ausübung eine Nachfrage besteht, dann können wir uns damit an den fiesen Ausbeuter A wenden, der uns dafür vielleicht 2,50 Euro die Stunde bezahlt (das wäre dann die Pest) oder aber für Kapitalistenschwein B, das zwar 5 Euro bezahlen will - aber nur, wenn wir dafür mindestens 12 Stunden am Tag und auch jedes Wochenende arbeiten und auf jeglichen Urlaub verzichten (Cholera halt).
In einem System wirtschaftlicher Freiheit gibt es jetzt immer noch die Chance auf unsere eigene Antwort, nämlich zum Beisipel ein eigenes Unternehmen zu gründen und auf eigene Faust unsere Arbeitsleistung anzubieten.
(Spätestens hier wird übrigens klar, dass wir davon in Deutschland leider weiter entfernt sind, als uns lieb sein sollte. Hier gibt es ein unüberschaubares, wenn auch im Detail stets wohlbegründetes System von Kammern und (Meister-)Zwängen, ausserdem tonnenweise Vorschriften für jedes noch so lapidare Gewerbe, von einem hoffnungslos komplizierten Steuersystem ganz zu schweigen. Selbst etwas auf die Beine zu stellen ist daher viel zu oft leider keine Alternative, die ernsthaft in Frage kommt - was wiederum gut für die Verhandlungsposition etablierter Unternehmen in Gehaltsverhandlungen sein kann. Das nur am Rande)
Die Moral des Ganzen jedenfalls ist: In einem freiheitlichen System mögen die angebotenen Lösungen durchaus auch mal grottenschlecht sein. Im Gegensatz zu einem totalitären (aber, wie erwähnt, in gewisser Weise eben auch in einem sozialstaatlich geprägten) System bleibt allerdings immernoch die freie Wahl einer Flucht nach vorn, also selbst eine Alternative auf die Beine zu stellen.
Nicht die mögliche Wahl zwischen Pest und Cholera ist es, die Freiheit ausmacht. Es ist vor allem das Gewähren möglichst vieler denkbarer Alternativen und nur in Freiheit dürfen darunter auch mal welche sein, auf die sogar der Staat und all eine Beamtenarmeen in ihrer grenzenlosen Weisheit bisher noch gar nicht gekommen sind.