Vielleicht hat es dieses Paukenschlages des wahren Staatsmannes Köhlers bedurft: merken wir jetzt endlich, dass diese Republik zu einer Oligarchie des Mittelmaßes verkommt?
Es gehört sich, vor der Konsequenz und der Standhaftigkeit des Bundespräsidenten Köhler den Hut zuziehen. Es hat ihn nicht geschreckt, dass er mit der Maßnahme seines Rücktrittes ein Novum in der Geschichte der Bundesrepublik geschaffen hat (Heinrich Lübke trat zwar auch zurück, aber aus anderen Gründen). Ein Bundespräsident tritt nicht zurück, ein Bundespräsident ist doch jedermanns Freund, er geht in Würde nach Beendigung seiner Amtszeit. Ja, so war es bisher, aber bisher hat man Amt und Person auch mit Würde behandelt.
Aber in diesem Land herrscht der Wettbewerb des Zwergenweitwurfes, jeder politische Pimpf darf sich erheben und mit seinen durch keinerlei Weitsicht, Kenntnis, gar Wissen angereicherten Lächerlichkeiten Staatsorgane beleidigen und herabwürdigen. Ärger noch: diesem Bundespräsidenten hat die politische Zwergenklasse nie verziehen, nicht einer der ihren zu sein. Dieser Mann hatte sein Haupt aus eigener Kraft erhoben, er leistete sich die Freiheit einer eigenen Meinung, die ihn auch sehr bald von der Partei, die ihn auf den Schild gehoben hatte (und dafür ewige Dankbarkeit erwartete), unterschied. Die Kriegserklärung an die politische Kamarilla: die Entscheidung zu Beginn seiner Präsidentschaft, zwei Gesetze der großen Koalition nicht zu unterschreiben. Das haben die Zwerge ihm nicht verziehen, von da an sannen sie auf Rache. Es ist wie ein Natur-Gesetz: wer in einer Gesellschaft von Kleinwüchsigen zu groß wird, muss kleiner gemacht werden oder gehen.
Es ist dem Bundespräsidenten zu danken, dass seine letzte Amtshandlung darin bestand, uns sehr drastisch auf diesem Umstand hinzuweisen. Wenn schon der Rückzug des hessischen Ministerpräsidenten ein Beweis dafür war, dass ihn in seiner Größe seine eigene Partei nicht mehr ertrug, so steht nun die ganze politische Klasse ohne Maske dar. Wir werden von den Gabriels, Pofallas, Scholz’s, Gröhes, von Brüderles und Trittins gnadenlos auf deren Niveau herab regiert und runter verwaltet. Wenn das Mittelmaß das Höchstmaß ist, so erst können die Mittelmäßigen auffallen. Erst wenn Liliput Staatsräson ist, können Zwerge wie Riesen scheinen.
Diese Demission des ersten Mannes im Staate ist das Werk der Kanzlerin. Sie hat Horst Köhler erfunden, hat ihn unter nicht geringer Beschädigung von Wolfgang Schäuble ins Amt gehievt. Sie vor allem aber hat den dann gewählten Bundespräsidenten auf dem Gewissen, sie hat ihn nicht verteidigt, nicht zuletzt, als die Vor- und Anwürfe an Perfidie nicht mehr zu überbieten waren. Sie hat ihn sehenden Auges geopfert und wird ihn nun durch einen genehmen Zwerg ersetzen. Wer sich bisher um die Zukunft dieses Landes nicht gesorgt hat, sollte am heutigen Tag damit beginnen!