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     Daniel Leon Schikora
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Zum 95. Jahrestag des Völkermordes an den Armeniern
Weitere Themen: Allgemein

Am 24. April jährt sich zum 95. Mal der Beginn des jungtürkischen Völkermordes an den Armeniern. Ungeachtet der Zurückhaltung der deutschen Diplomatie in der Frage der Anerkennung der historischen Tatsache des am armenischen Volk in den Jahren 1915-17 verübten Genozids wird auch in Deutschland - in Berlin und Köln - der armenischen Opfer öffentlich gedacht werden.*

 

Ein Verdienst von Otfried Höffes Werk „Demokratie im Zeitalter der Globalisierung“ (1999) ist es, der Tendenz zu einer widerstandslosen Hinnahme totalitärer Angriffe un­ter dem Vorwand des „Dialogs der Kulturen“ die Konzeption eines weltrepublika­ni­schen Gemeinwesens entgegengesetzt zu haben. Als dessen Vorausset­zung betrachtet Höffe die Universalisierung von Bürgertugenden, zu welchen er einen zunächst weitgehend auf die nationalstaatliche Solidargemeinschaft  konzentrier­ten, tenden­ziell und potenziell jedoch kosmopolitisch aufgefassten Gerechtigkeitssinn zählt. Als dessen höchste Stufe manifestiert sich der Welt-Gerechtigkeitssinn auch in einem „kritischen Weltgedächtnis“, das der weit verbreiteten Verharmlosung von „Verbrechen gegen die Menschlichkeit“ (z. B. solcher, die in anderen Kontinenten an Angehö­rigen fremder Kulturen ver­übt und u. a. von „west­li­chen“ Anhängern des Multikulturalismus „aus ihrem kulturellen Kontext“ erklärt wer­den) Einhalt zu gebieten vermag: „Daß gewisse Genozide tief ins Weltgedächtnis eingegra­ben, andere dagegen lieber kleingeredet oder verdrängt werden, ist ein elementares ‘anamnetisches Unrecht’, dem ein gerechtes Weltgedächtnis dadurch entgegentritt, daß es die unterschiedlichen Ge­walttaten in Erinnerung hält.“

Das „anamnetische Unrecht“ an den Armeniern findet innerhalb der türkischen Grenzen seine institutionelle Garantie nicht zuletzt in der strafrechtlichen Verfolgung türkischer Menschenrechtler, die den Genozid öffentlich als solchen thematisieren, wie es auch der türkisch-armenische Journalist Hrant Dink getan hatte, bevor er im Januar 2007 von fanatischen Nationalisten ermordet wurde. Jedoch beteiligten (und beteiligen) sich auch „westliche“ Regierungen an der Verschleierung des völkermörderischen Charakters des jungtürkischen Armeniermordes. So erklärte im März 2001 die Bundesregierung Schröder-Fischer (auf eine Anfrage von MdB Ulla Jelpke [PDS]), die Bewertung der „Übergriffe“ auf die Armenier während des Ersten Weltkrieges sei „in erster Linie Sache der betroffenen Länder Armenien und der Türkei“. MdB Jelpke bemerkte treffend: „Den Völkermord an 1,5 Millionen Armeniern als ‚Übergriffe’ darzustellen, ist eine unglaubliche Bagatellisierung.“

Ralph Giordano, der seit vielen Jahren mit großem Mut für ein öffentliches Gedenken der Opfer des Armenier eintritt, führte 2005 den engen historischen Zusammenhang zwischen jungtürkischem Armenier- und Hitler-deutschem Judenmord vor Augen:

"Am 22. April 1939, also am Vorabend des von ihm und dem nationalen Kollektiv seiner Anhänger vorsätzlich vom Zaun gebrochenen Zweiten Weltkriegs, erklärte Adolf Hitler den versammelten Kommandeuren der SS-Todesschwadronen und einer höchst willfährigen Wehrmachtsgeneralität:
,Ich habe meine Totenkopfverbände bereitgestellt mit dem Befehl, unbarmherzig und mitleidslos Mann, Weib und Kind polnischer Abstammung und Sprache in den Tod zu schicken. Nur so gewinnen wir den Lebensraum, den wir brauchen.' Und dann:
'WER REDET DENN HEUTE NOCH VON DER VERNICHTUNG DER ARMENIER?'"

Bis heute hat sich der Deutsche Bundestag nicht dazu durchgerungen, auf gesetzgeberischem Wege einem angemessenen öffentlichen Gedenken der Opfer des anti-armenischen Völkermordes bundesweit zur Geltung zu verhelfen. Ein solcher Vorstoß könnte sich etwa an dem diesbezüglichen Gesetzestext der Französischen Republik aus dem Jahre 2001 orientieren: „Frankreich erkennt öffentlich den armenischen Genozid von 1915 an. Dieses Gesetz wird als staatliches Gesetz angewandt.“

* Gedenktag für die Opfer des Genozids an den Armeniern, 24. April 2010

- 18.30 Uhr, Französische Friedrichstadtkirche (Französischer Dom), Am Gendarmenmarkt, Berlin (Mitte)

- 19.30 Uhr, St. Agnes Kirche, Neusser Platz 18, 50670 Köln

(Dank an Madlen Vartian für die Veranstaltungshinweise.)



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Kommentare (3)




 
  Kommentare (3)

Gert, 24.04.2010 15:24
Man darf die Aramäer nicht vergessen, nicht nur Armenier sondern auch Aramäer wurden ermordet sogar bis zu 500 000 Tote

Hartmut Weißgerber, 23.04.2010 09:52
Ein Major des Verteidigungsministeriums hielt vor Anwärtern auf die höhere Offizierslaufbahn 1956 einen Vortrag über die Problematik des 20. Juli 1944. Er sagte u.a. ein Offizier muß dazu fähig sein, die Befehle prüfen zu können, ob sie nicht mit dem Völkerrecht kollidieren und ausgeführt werden dürften. Wenn der Offizier dazu nicht im Stande ist, müsste er dazu erzogen werden. In ähnlicher Weise geht jeden Staatsbürger Unrecht an, welches in unser Blickfeld kommt. Die Kommunisten wollten den Christen verbieten, Kinder mit der Religion bekannt zu machen. Erst ein Erwachsener sollte sich frei entscheiden können. Das ist der gleiche Betrug, als wenn man niemandem "aufzwingen" dürfte, an Völkermord - egal wo er stattgefunden hat bzw. verübt wird - erinnert zu werden. Eine andere Frage ist, ob ein Volk, das ein Wieder-
holungstäter in Sachen Völkermord ist - im 2. Weltkrieg viele Millionen Menschen und heute seit 1976 mindestens 9 Mio Ungeborene - ein geeigneter Ankläger sein kann.


Ebenherz, 22.04.2010 21:22
Opfern soll gedacht werden von Menschen, die das wollen und nicht muessen.

Plaedieren Sie hier fuer die Schande eines weiteren Holocaust-Paragraphen?



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