1793 veröffentlichte Friedrich Schiller sein philosophisches Essay „Über Anmut und Würde“. - In Bezug auf Anmut und Würde müssen Schweine heute den Vergleich mit nicht wenigen Menschen nicht mehr scheuen ...
Wir sind in der deutschen Medienlandschaft gewöhnt, dass Menschen verhöhnt und in den Schmutz gezogen werden. Harald Schmidt ist ja in dieser Hinsicht ziemlich zur Ruhe gekommen, auch Stefan Raab; dennoch haben beide - Schmidt als die intellektuelle Variante Raabs - jahrelang keinen Gag gescheut, der auf Kosten anderer ging.
Wenn einem gar nichts mehr einfiel, ein Gag über das Aussehen der Angela Merkel kam doch immer an, einer über die vielen Frauen des Gerhard Schröder oder, wenn die absolute Pointennot ausbrach, musste auch nochmal Rudolf Scharping herhalten oder Helmut Kohl ...
Beste Abendunterhaltung nennen das die einen, Kavaliersdelikte die anderen.
Was wirklich vorliegt, ist damit nicht benannt.
Zuschlagen, damit die Seele sich krümmt: Das fördert den Kultstatus!
Die Frage ist, was diesen Comedians - und wie sie sich auch immer nennen - wirklich gemeinsam ist, die anderen, seien es Homosexuelle, Politiker, Blondinen oder eben Menschen, die sie zu Minderbemittelten erklären, unter die Gürtellinie schlagen, dass der Getroffene sich krümmen muss, um den Schmerz auszuhalten, was die Möglichkeit bietet, ihm noch einen Genickschlag mitzugeben.
Was bringt Menschen dazu, so bewusst zu verletzen?
Wir schimpfen über die Kriege in Afghanistan und anderswo ... aber die gemeinsten Waffen, die Waffen, die vollkommen unterschätzt und "humor"-getarnt Kloakiges in so viele Seelen schießen, besonders in die der Verletzten, die lassen wir in den Händen ihrer Benutzer.
Und traurig aber war: Bei wie vielen Jugendlichen hatte z.B. Stefan Raab über viele Jahre Kultstatus. Für was bereitete er wohl den Boden?! Heute sind es andere, die willig an seine Stelle treten und dieses Wortkotzen perpetuieren.
Mit welcher Selbstverständlichkeit werden bzw. wurden Leute wie Harald Schmidt und Oliver Pocher in den öffentlich rechtlichen Anstalten subventioniert mit den Gebühren aller Zuschauer, obwohl sie das Recht auf Menschenwürde und Unverletzlichkeit der Person ständig verletzen?
Und dafür werden sie noch von einem Millionenpublikum begrölt.
So auch heute Abend in der Sendung "Verstehen Sie Spaß?"
Einen Ring über den Huf von Frau Parker Bowles
Der Verstehen-Sie-Spaß-Nachfolger von Frank Elstner, Guido Cantz - auf Focus.online als Meister der verbalen Blutgrätsche bezeichnet -, bemühte sich, einen Gag zu platzieren, indem er darauf verwies, dass es nun auch schon 5 Jahre her sei, dass Prinz Charles seiner Camilla den Ring über den Huf gesteckt habe ... um kurz darauf noch darauf hinzuweisen, dass sie ja noch 3 weitere Hufe habe.
Mir geht es weniger darum, dass eine öffentliche Person Großbritanniens, immerhin die Frau des Thronfolgers, in den Schmutz gezogen wird, was verständlicherweise auch einige Briten verletzen könnte.
Mir geht es schlicht und einfach um den Menschen Camilla Parker Bowles und wie also eine erwachsene Frau - vom Boulevard früher bereits als Pferdegesicht und Schlachtross diffamiert - einfach herhalten muss, damit ein 38-Jähriger eine Pointe platzieren kann. Vor einem Millionenpublikum. - Eine Breitseite Kloake in die Seele eines Menschen.
Das finde ich nicht nur geschmacklos, sondern entehrend und die Menschenwürde mit Füßen tretend.
Meistens lacht ja das Publikum, manchmal pflichtgemäß, manchmal grölt es auch, auch bei den dümmsten Späßen.
Übrigens bin ich mir ohnehin nicht sicher, ob der Gag von Cantz nicht bei Harald Schmidt geklaut ist. Sprach der nicht davon, dass Prinz Charles nie wieder heiraten wolle, weil er Angst habe, dass er den Ring nicht über den Huf kriege ... ? Und wie das Volk Camilla wohl nennen werde ... Prinzessin der Herzen ginge ja nicht mehr, also Prinzessin der Hüften ...
Politiker gehen übrigens bisweilen nicht viel anders mit ihresgleichen um.
Wir aber wundern uns, wenn Kinder in der Schule andere Kinder mobben und finden das ganz schlimm.
So eine Scheinheiligkeit.
Was bringt Menschen dazu, so viel Gülle auszuschütten, in alle Wohnzimmer und vor allem, indem sie das tun, in ihre eigene Seele, die, wenn sie sich beschweren könnte, schreien würde über den Güllegestank ihrer selbst.
Selbsthass und Selbstverachtung sind die Triebfedern solchen Verhaltens. Nicht-Angenommensein. Sich nicht selbst annehmen.
Wer sich selbst annehmen kann, kann auch andere annehmen, so wie sie sind.
Wer sich selbst nicht annehmen kann, kann das auch mit anderen nicht.
Im Extremfall machen er oder sie die anderen fertig - kultivieren das als besondere Fähigkeit und machen das zu ihrem Beruf.
Blutendes Fleisch der Seele
Manche mögen denken, die einzig Kriminellen sind die, die Pistolen, Messer und Ähnliches bedienen. Wir vergessen, wie kriminell es ist, andere mit Häme vollzukübeln, an den Pranger zu stellen, in den Schmutz zu ziehen, von dem zeitlebens etwas haften bleibt, manchmal nicht
wenig.
Schrapnells kommen oft aus Mündern; sie lassen blutendes Fleisch der Seele zurück.
Und wir vergessen, wie diese Wort- und Gesinnungskriminalität sich multipliziert. Millionenfach.
Wer mitmacht, wer mitlacht, ist Mit-Täter. Er verleiht den Gallionsfiguren solchen Treibens seine Energie; von ihr, von der vieler nähren sie sich.
Übrigens: Der Vorgänger von Guido Cantz, Frank Elstner, gab sich für solche üblen Sottisen nie her. Schade, dass er ging.
Von mir aus können wir Leute wie Cantz, Appelt, Pocher - und wie sie alle heißen - schnellstens gehen lassen. Oder es findet mal ein Unterhaltungs-Chef den Mut und sagt im Hinblick auf weitere Sendungen: So nicht! Übrigens saß der Unterhaltungschef - der ARD oder des SWR, ich weiß nicht genau - in der ersten Reihe. Vielleicht ist er jetzt echt im Dilemma: Cantz soll ja frecher rüberkommen als Elstner, soll ein jüngeres Publikum ansprechen ... da muss doch halt so eine Diffamierung drin sein ... nich wahr ...
Es liegt an uns, deutlich kundzutun: So nicht!
Vielleicht rückt ja dann auch wieder jene Schönheit im Menschen, von der Schiller sprach und mit ihr den Menschen als sittliches Wesen im Blick hatte, ins Zentrum. Klar klingt manches von damals abgehoben, auch wenn unser Klassiker von der menschlichen Bildung unter dem Regiment des Geistes schreibt; aber dennoch tut es so gut - wenn auch von ferne - zu spüren, was Menschentum auszeichnen kann. Wie schrecklich weit haben wir als Gesellschaft uns von solchen Gedanken und Einstellungen entfernt.