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11.02.2012
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     Jutta Schützdeller
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Eine Tüte Schuld...
Weitere Themen: Finanzkrisen, Allgemein, Reformen

Wo sollen wir anfangen?

 

Beginnen wir bei den aktuellen Meldungen, dass immer mehr Unternehmen ihre Auszubildenden erst mal "Nachsitzen" lassen, um ihnen die Grundzüge von Rechtschreibung und Mathematik zumindest "nahe zu bringen"?

Beginnen wir mit dem Unmut der Bevölkerung darüber, dass "die da oben" sich angeblich "die Taschen voll machen", während der Rest der Bürgerinnen und Bürger die Zeche zahlen muss?

Beginnen wir mit Mißhandlungen an Schulen, auf Bahnsteigen, in Fußgängerzonen? Oder damit, dass 17 jährige ihre Eltern aus Habsucht erschießen? Ein 15jähriger eine 10jährige verletzt und dann in einem Schacht "entsorgt"?

Da kann einem schon richtig gruselig werden und mehr als ein Mal schießt mir der Spruch: "Denk ich an Deutschland in der Nacht, bin ich um den Schlaf gebracht" durchs Gehirn.

An Ostern habe ich eine Diskussion mit Freunden geführt, die gerade ein Baby erwarten und mir einen flammenden Vortrag über die Umweltverträglichkeit der Entscheidungen der Koalition gehalten haben. Insbesondere der Umgang mit der Atomkraft sei das Allerletzte, dann auch noch die globale Erwärmung und überhaupt, sie hätten eine Wärmepumpe und eine Solaranlage, SIE würden tun, was in ihren Kräften stünde. Warum das die Regierung nicht auch täte, wollten sie wissen.

Wer hat Schuld? Wer hat das alles verursacht? Wie konnte es so weit kommen?

Schön wäre es, man könne "die Schuld" in eine Tüte packen und sie dem Nächstbesten in die Hand drücken, anschließend empört mit dem Finger auf ihn zeigen und rufen: "Er war's!"

Betrachten wir jedoch nüchtern die Gesellschaft, in der wir alle leben, dann können wir die Augen nicht mehr davor verschließen, dass mit Dingen wie einer Erhöhung oder Senkung irgendwelcher Steuern die Problematik , vor der wir hier stehen, nicht in den Griff zu bekommen ist. Vordergründig mag es um die Frage gehen, wie viel Geld man im Portemonnaie hat, wie man seine Miete zu zahlen in der Lage ist und ob anschließend noch etwas "übrig" bleibt.

Kratzt man aber an diesen oberflächlichen Fragen, kommt sehr schnell die schillernde Oberfläche einer Sache zum Vorschein, die so und auf diese Art und Weise niemand wahr haben will:

Wir sind gierig.

Drei Worte, die zunächst einmal allenfalls ein Achselzucken wert sein mögen, aber bei genauerem Hinsehen erklären sie so ziemlich alles.
Warum die Regierung denn nicht hingehe und einen Schnitt machen würde? Über kurz oder lang prophezeihte mein Gesprächspartner einen "Knall", den es geben werde, und dann sei alles anders, man werde sich auf die wesentlichen Dinge besinnen...

Wissen Sie, was ich gefragt habe?

"Habt ihr einen Fernseher?"      - verdutztes Schweigen-    "Ja, wieso?"

"Welche Marke?"    - kurzes Überlegen  - "Wir haben uns einen Flachbildschirm gekauft, irgendwas Asiatisches halt"

"Klasse, wie teuer war der?"     - "Na ja, wir haben ihn bei Penny gekauft, der war halt günstig"

"Ihr wisst aber, dass ihr damit einen deutschen Arbeitsplatz wegradiert habt?"

 

Betretenes Schweigen. Ich konnte ziemlich schnell klar machen, dass wohl die allerwenigsten unter uns bereit wären, auch nur auf einen winzigen Teil dessen zu verzichten, was sie als "ihren Lebensstandard" bezeichnen und dabei ist es vollkommen gleichgültig, ob es sich um Leistungen der Sozialversicherung, der Bezahlung, der Steuern oder gar ihr Konsumverhalten geht.

Wir sind nicht bereit, zu verzichten, denn seit Jahrzehnten wird uns von klein auf beigebracht: "Du kannst alles haben, Du musst nur wissen, wie Du es anstellst." Das stellt eine Pervertierung des amerikanischen Gedanken des "anything goes" dar und ist ein Resultat einer Geiz-ist-geil-Kultur, die sich immer mehr in den Köpfen der Menschen breit macht. Sind wir mal ehrlich, wann haben Sie zum letzten Mal auf etwas gespart? Ich meine, so richtig? Brauchen Sie doch auch gar nicht, mit einer Null-Prozent-Finanzierung macht das doch auch gar keinen Sinn, oder? Da ist es doch schöner, man hat das, was man sich wünscht, gleich und sofort und spart quasi anschließend draufhin. Aber das führt dazu, dass man den Wert einer Sache zu schätzen verlernt. Jeder von Ihnen hat schon mal ein tobendes Kind an der Supermarktkasse erleben müssen, dass sich mit allen zu Gebote stehenden Mitteln dafür einsetzt, jetzt, sofort, auf der Stelle die Süßigkeit zu bekommen, die es sieht. Das reicht vom einfachen, nervtötenden Wiederholen des Wunsches über Schreien bis hin zum berüchtigten Bodenschmeißen und Füßeaufstampfen. Warum machen Kinder das? Ganz einfach, es gibt keine Null-Prozent-Finanzierung für Lutscher....

Wir sind gierig und wir sind auch ein bisschen feige.

Stellen Sie sich eine Regierung vor, die Ihnen vom ersten Tag an klipp und klar sagt: "Passt mal auf Leute, wir haben da ein massives Problem, wir werden nach der Wahl erst einmal die Steuern kräftig, und wenn wir sagen kräftig, dann meinen wir das auch so, erhöhen, werden die Sozialausgaben einfrieren, Subventionen bis auf ein Minimum streichen, nicht mehr in Straßen, Bildung und wer weiss was investieren. Das machen wir so ungefährt fünf Jahre, also erst Mal, dann schauen wir uns an, wie sich die Finanzen entwickelt haben und vielleicht, aber auch nur vielleicht, können wir uns dann mal wieder ein wenig leisten"  

Und? Für wie wahrscheinlich halten Sie es, dass eine Partei, die eine solche Aussage macht, auch tatsächlich gewählt wird? Ich schätze mal ganz grob: gegen Null.

Statt dessen haben wir Parteien, die ihre Ideen in homöopatischen, sozialverträglichen Dosen umsetzen, weil die Gesellschaft eine andere Vorgehensweise weder verstehen, noch durchstehen kann.

Und was wir über den Handel gerne mal unter den Tisch kehren, das hole ich jetzt mal hervor und staube es ein wenig ab. Die Tüte. Sie erinnern sich? Die mit der Schuld?

Da, nehmen Sie, ich hab auch schon eine, aber wir alle haben eine "verdient", denn wir alle sind Teil dieses Systems und tragen dazu bei, dass es ist, wie es ist.

Ich will ganz ehrlich sein. Das Fazit der Diskussion, die ich führte war: Erst wenn jeder von uns beim Kauf eines jeden Produktes darüber nachdenkt, woher es kommt, unter welchen Umständen es entstanden, erst wenn man nur dann etwas kauft, wenn man es sich auch wirklich leisten kann, nur dann, wenn wir unseren Kindern wieder vermittelt haben, dass man arbeiten muss, damit man Geld verdient, dass man auf bestimmte Dinge warten muss, dass man seinen Mitmenschen mit Respekt und Anstand behandelt und dass die Schule keine Einrichtung ist, um Lehrer zu beschäftigen, sondern um Schüler auszubilden, erst dann, und keine Sekunde früher, treffen wir uns noch Mal und werfen gemeinsam die Tüte in den Müll... oder jemand anderem an den Kopf.

 



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Kommentare (4)




 
  Kommentare (4)

Michael Schönherr, 10.04.2010 22:12
Liebe Frau Schützdeller!

Möchte Ihnen einmal meine Erfahrung schreiben,so wie ich es oft in meinem Bekanntenkreis erlebt habe.Der Zufall will es das einige davon sehr links eingestellt und in Gewerkschaften engagiert sind.Das beste Beispiel dafür ist Manfred.Seit Jahren kauft er nur noch in Tschechien ein,tankt nur noch dort und geht nur dort zum Friseur ("ist doch alles so billig!!").Doch an Deutschland,an unsere Wirtschaft,und an unsere kleinen und mittelständischen Unternehmen stellt er die größten Forderungen:"Ein Mindestlohn von über 10 Euro muß eingeführt werden!","Der Kündigungsschutz muß ausgeweitet werden!","Lohnfortzahlungen im Krankheitsfall müssen dauerhaft sein!"usw.
Spreche ich das Problem dann direkt an,werde ich haßerfüllt angegriffen und als böser Kapitalist hingestellt und niedergemacht.
Habe das immer wieder erlebt.Nicht nur bei Manfred.Vor allem fällt mir immer wieder auf,das gerade die Leute,die immer herummeckern und nörgeln und so tun als hätten sie nichts,die sind, die sich dann mindestens 3 mal im Jahr die schönsten Urlaubsreisen gönnen.Auch Manfred.

Liebe Grüße,Michael


Charly W., 10.04.2010 15:24
Richtig analysiert unsere Gesellschaft. Der wirtschaftliche Niedergang wird zum zwangsweisen Konsumverzicht führen.
Dann ist es vorbei mit dem Gutmenschentum, Ökowahn und Multi-Kulti.
Wohl dem der schon vorher keinen Fernseher brauchte und statt dessen Gemüse angebaut hat.


Hedwig Beverfoerde, 09.04.2010 19:03
Sehr erfrischend!
...wie Sie mich ertappt haben...


Noah, 09.04.2010 14:23
Bravo! Eine sehr treffende Charakterisierung der Situation in unserem Lande und der gutmenschenhaften Einstellung vieler Bürger, die die Schuld stets bei "den da oben", den bösen raffgierigen Managern, Steuerhinterziehern, nur aber nicht bei sich selbst suchen und gefunden haben wollen.


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