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11.02.2012
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     Bernhard Lassahn
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Teil 2: Idioten West - Die Sache mit der Verallgemeinerung
Weitere Themen: Allgemein, Bildung

Der Plural der Idioten. Im zweiten Teil soll es um einen Import einer sprachlichen Besonderheit - diesmal in die andere Richtung - von West nach Ost gehen.

Es geht dabei um einen entscheidenden Schritt, der auch für das Schnabeltier nicht so einfach ist. Dazu wollen wir uns zunächst an ein Gedicht von Robert Gernhardt erinnern:


Das Schnabeltier, das Schnabeltier

vollzieht den Schritt vom Ich zum Wir.

Es spricht nicht mehr nur noch von sich,

es sagt nicht mehr: „Dies Bier will ich!“

Es sagt: „Dies Bier,
das wollen Wir!“

Wir wollen es, das Schnabeltier!

Wie geht dieser Schritt vom Ich zum Wir? Politisch gesehen ist es der erste Schritt zum Sozialismus, vom Individuum zum Kollektiv. Grammatisch gesehen geht es um die Frage der Pluralbildung. Und wie machen wir das in Deutschland? Im Osten konnte man bisher (wie auch im Westen bis etwa in die Mitte der 70er Jahre) als Mehrzahl von einem einzelnen Berliner einfach „die Berliner“ sagen – also: ein Berliner; zwei Berliner; viele, viele, viele Berliner. Doch im Westen wurde es seit den erwähnten späten 70ern mehr und mehr üblich - und neuerdings wird es sogar verordnet -, „Berlinerinnen und Berliner“ zu sagen. Daran müssen sich die Deutschen im Osten noch gewöhnen.

Doch warum sollten sie das? Die Formulierung ist falsch. Und all die Besserwisser, Lehrer und Bürokraten, die enorm pingelig sein können, sind nicht ausgestorben. Wir sind schließlich in Deutschland. Hier herrscht Ordnung. Hier werden nicht einfach zwei Mengen aufgezählt und durch „und“ verbunden, wenn eine der beiden komplett als Teilmenge in der anderen enthalten ist. Man sagte ja auch nicht „auf der Karl-Marx-Allee fahren Trabbis und Autos“, aber das könnte daran liegen, dass man sowieso nicht gerne darüber gesprochen hat und dass der Satz in dem Fall sogar eine gewisse Berechtigung hat. Schlechtes Beispiel.

Auch die Formulierung „Bananen und Südfrüchte“ könnte im Osten einen speziellen Grund gehabt haben. Dennoch es ist ein Murks. Der Laden „Romane und Bücher“ in Neukölln hat auch inzwischen wieder zugemacht - vielleicht wegen des ungeschickten Namens. Dabei sagt man im Westen gerne ein Wort zu viel. Den Politikern, die nach Brüssel fliegen, ist diese Pluralbildung schon so in Fleisch und Blut übergegangen, dass sie sofort, wenn sie angekommen sind, zum Handy greifen, zu Hause anrufen und sagen „Ich bin gerade in Belgien und den Beneluxländern“.

Man könnte „die Berlinerinnen und die restlichen Berliner“ sagen oder „die Berlinerinnen und die andere Berliner“, oder anders herum: „die Berliner einschließlich der Berlinerinnen“ oder „die Berliner unter besonderer Berücksichtung der Berlinerinnen“. Das wäre wenigstens korrekt. All das klingt natürlich nicht besonders elegant, nicht gerade schön; es wirkt schon auf den ersten Blick überflüssig, unnötig kompliziert, linkisch und unbeholfen – aber das sollte einen richtigen Deutschen keinesfalls davon abhalten, so zu reden. Einen Politiker schon mal gar nicht.

Doch die unterschiedlichen Formulierungen - hier die „Berliner“ und da die „Berlinerinnen und Berliner“ - beziehen sich auch auf unterschiedliche Wirklichkeiten: Im Westen ist - im Unterschied zum Osten - eine Frauenbewegung und vor allem eine Frauenbürokratie aktiv gewesen, die eine Doppelstrategie verfolgt: einerseits sollen Frauen gezielt gefördert, bevorzugt und separiert werden, andererseits sollen sie – wie schon das geheimnisvolle Wort „mainstreaming“ besagt (was auch der Wessi nicht übersetzen kann) – als Hauptströmung mitten in der Gesellschaft wirken. Doch dazu dürfen die Frauen nicht als Umleitung außen herum geführt oder in Schutzräumen isoliert werden, sondern müssen sich mehrheitsfähig im Zentrum entfalten. Sie wollen also beides: mittendrin und zugleich außen vor sein. Praktisch ist das schwierig, theoretisch geht das schon, solange es nicht so genau drauf ankommt. Hauptsache man redet schon mal so.

Die Berlinerin aus dem Westen hatte also schon viel länger als die Uschi aus dem Osten zwei Möglichkeiten, den Schritt vom Ich zum Wir zu vollziehen: Sie konnte sich spontan bei den „Berlinerinnen“ angesprochen fühlen und in der Menge vor dem „und“ in einem virtuellen Frauenclub unter ihresgleichen bleiben, oder sich unter die „Berliner“ mischen, mitten unter die Gesamtheit aller Frauen und Männer aus dem Großraum Berlin einschließlich Potsdam. Die Frau aus dem Westen kennt auch schon länger die „Frauenparkplätze und Parkplätze“ - auch hier hat sie die Wahl: Sie kann auf einem der extra markierten Frauenparkplätze einparken, aber gerne auch an beliebig anderer Stelle, wo gerade Platz ist.

Für unsere Uschi, die bis vor kurzem noch einen Trabbi fuhr, ist das relativ neu, manchmal beschleicht sie der ketzerische Gedanke, dass da überflüssig viel Getue um ein Parkhaus gemacht wird, in dem auch nur mit Wasser geputzt wird. Sie hat ein ganz anderes Selbstbewusstsein und ein anderes Verhältnis zum Privatbesitz. Wenn sie mit ihrem rührend kleinen Schild „Uschi’s Shop“ dezent darauf hinweist, dass es da neuerdings etwas gibt, das ausschließlich zu ihr gehört, wirkt sie auf manche Wessis lächerlich (siehe Teil 1).

Die imperialistischen Valuta-Weiber dagegen sind dreist; sie markieren in einem Parkhaus, das eigentlich allen gehören sollte, die besten Plätze, manchmal gleich eine ganze Etage, so wie die Deutschen, die es in Mallorca als Erste an den Pool geschafft und rechtzeitig ihre Handtücher abgelegt haben und damit den englischen Touristen deutlich machen: So, das beanspruchen wir für uns. Sie können ja nicht lesen, was auf deren Badetüchern steht: We managed to get to the pool before the Germans did.

Der „Genitiv der Idioten“ aus dem ersten Teil heißt deshalb so, weil er auf einer fehlerhaften Anwendung beruht, als hätte jemand, der es offenbar nie lernen wird, schon wieder was falsch gemacht. Im Westen ist es nicht besser. Die Pluralbildung mit den angehängten „-innen“ beruht ebenfalls auf einem Fehler, dennoch ist die Bezeichnung „Plural der Idioten“ noch nicht weit verbreitet, hier steht auch nicht die Wucht des großen Genitivs der Idioten aus der alten DDR dahinter.

Ich verwende die Formulierung hier nicht etwa, um auf einen Schnitzer hinzuweisen. Dann könnte ich auch gleich sagen „Plural der Idiotinnen und Idioten“ und könnte Witze darüber machen, dass die Abmessungen für Frauenparkplätze schon deshalb größer sein müssen, weil Frauen nicht rückwärts einparken können, das muss ich aber gar nicht – das wird schon gemacht.

Solche Witze gefallen mir nicht. Da vermisse ich das Mitgefühl und das Verständnis für das Unglück, das sich dahinter verbirgt sowie die Erkenntnis, dass Sprechen auch immer an Denken gebunden ist. Im Westen wie im Osten. Uschi mag ein Problem mit dem Alleinsein haben, mit ihrem Shop, und damit, dass sie plötzlich ganz auf sich selbst gestellt ist, vielleicht hat sie einst als Ich-AG angefangen und ist inzwischen alleinerziehende Mutter. Im Westen sind die Frauen das Single-Dasein offenbar gewohnt, haben aber Probleme, sich sozial zu verhalten, die richtige Gesellschaft zu finden - eben den Schritt vom Ich zum Wir zu gehen, einen kleinen Schritt für den Menschen, einen großen für die Menschheit.

Ich versuche daher immer, nicht nur die Fehler zu verbessern, sondern die Welt zu verstehen, die dadurch zum Vorschein kommt, als würde Licht durch eine Ritze kommen. Ich spreche auch nicht deshalb vom „Plural der Idioten“, weil ich Frauen beleidigen will, sondern weil es die philosophisch korrekte Bezeichnung ist, die uns auch das Unglück dieser Frauen nach den Vorstellungen der nikomachischen Ethik erklärt.

Gehen wir kurz gedanklich zurück zu den alten Griechen, als es noch keine Autos und keine Parkplätze gab. Aber eine Polis - worin unsere Vorstellung von Politik steckt. Alle gehörten mit dazu, auch die, die nicht am demokratischen Prozess der Meinungsbildung teilnehmen konnten, wie die Sklaven, Frauen und Kinder. Für die wurde mit entschieden. Doch Halt. Es gehörten nicht alle dazu. Es gab Ausnahmen. Wer kein Mitglied der Polis war, kein so genannter „Polites“, war ein Außenstehender, was man auf Griechisch „Idiot“ nennt. Daher der Name. Die oben erwähnte Berlinerin mit ihren zwei möglichen Wegen vom Ich zum Wir kann sich also entscheiden, sich eher als Polites oder eher als Idiot zu sehen. Oder beides, mal so, mal so.

Lassen wir ihr das Vergnügen. Wir wissen ja: Es gibt nur ein – inzwischen glücklicherweise nicht mehr geteiltes – Berlin, und das Parkhaus ist für alle da, sofern sie einen Führerschein und ein Auto haben und sich an die Straßenverkehrsordnung halten, die auch im Parkhaus gilt (wie man an den kleinen Schildchen vor der Schranke sehen kann) - und die keine Geschlechtertrennung kennt. Ich kenne außerdem Männer wie zum Beispiel *** (er möchte lieber ungenannt bleiben), die aus Prinzip nur auf Frauenparkplätzen parken und das als „Ehrensache“ ansehen. Denn eigentlich ist alles eins – wie bei Buddha, wie in dem berühmten Gedicht von Rainer Maria Rilke, wie bei Albert Einstein und wie bei Nina Hagen. Dennoch: Mit dem Gerede von den „Berlinerinnen und Berlinern“ und den „Autofahrerinnen und Autofahrern“ wird immer wieder der Idioten-Status der Frauen hervorgehoben.

Doch die haben offenbar die Packungsbeilage nicht gelesen und nicht vorher die Apothekerin und den Apotheker, die Ärztin oder den Arzt nach den Nebenwirkungen gefragt. Es gibt nämlich welche. Der Idioten-Status bringt Unglück.

Aristoteles sieht bekanntlich zwei Wege zum Glück, zur „eudaimonia“, was soviel bedeutet wie „einen guten Dämon haben“, Glückseligkeit und Wohlbefinden – kurz gesagt: wellness. Zwei mögliche Wege sieht er schon deshalb, weil er auch zwei Definitionen für den Menschen auf Lager hat, eine als „zoon echon“, als denkendes Tier und eine als „zoon politicon“, als politisches Tier. Der breite, durchaus empfehlenswerte Weg zum Glück besteht für die überwältigende Mehrheit der Menschen darin, einen geeigneten Platz innerhalb der Gesellschaft einzunehmen, auf die man letztlich sowieso angewiesen ist, und ein nützlicher, allgemein akzeptierter Teil der Polis zu werden – und keinesfalls außen vor zu bleiben. Ansonsten müsste man entweder Idiot bleiben oder den schmalen Weg des zoon echon gehen, müsste frei von menschlichen Bedürfnissen werden und sich völlig dem Denken hingeben – nicht gerade jedermanns Geschmack, auch nicht jederfraus (oder: jederfrau’s? Da muss ich noch mal Uschi fragen).

Ja, leider. Es sieht mir auch ganz so aus. Die Frauen, die immer auf dem Idioten-Plural bestehen, wirken nicht gerade glücklich, vielmehr machen sie den Eindruck, als hätten sie dauerhaft schlechte Laune, wären verbittert und putativ beleidigt. Humor haben sie sowieso nicht. Manche hinterlassen schon nach kurzer Bekanntschaft den Eindruck, als wäre eine Konzentration auf das reine Denken und ein bedürfnisloses Leben für sie sowieso nicht das Richtige. Und das Gedicht mit dem Schnabeltier finden sie auch blöd. Bier sowieso. Sie können einem schon leidtun. Jedenfalls ein bisschen.

Aber dafür dürfen sie sich aussuchen, welchen Schritt vom Ich zum Wir sie gehen wollen oder ob sie unter diesen Umständen nicht lieber gleich ganz bei sich selbst bleiben wollen.

zu Teil 1

Beitrag erschien zuerst bei achgut.com



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Kommentare (1)




 
  Kommentare (1)

laurenzia, 01.07.2011 15:12
Aha!


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