Nun sind wir auf dem glitschigen Boden des Boulevards angekommen: die Diskussionen (und Kampagnen) um den Bundesaußenminister setzen dem Versuch einer wirklichen bürgerlich-liberalen Veränderung dieser Republik ein Ende.
Rechthaber sind eine scheußliche Spezies. Noch schlimmer allerdings sind Rechthaber, die sich genau erinnern. Als denn: es war mir vergönnt, an dieser Stelle im September 2009 (also vor der Bundestagswahl) folgende Prognose hinsichtlich der FDP abzugeben. „Ein genauerer Blick in die Partei offenbart die immer noch vorhandenen strukturellen Schwächen der FDP. Nach wie vor steht die Truppe von Guido Westerwelle im Wesentlichen nur für ein Thema: Steuersenkungen. Was für die Regierungszeit von rot-grün und die Große Koalition richtig war, kann jetzt nicht falsch sein. Aber in welchen gesellschaftspolitischen großen Entwurf ist diese Forderung eingebunden? Wo ist der programmatische Ansatz für eine wirklich freie, selbstbestimmende Bürgergesellschaft? Wo will die FDP hin? Sie drückt sich um eine Wahrheit: weniger Staat heißt ja auch mehr Bürger. Weniger Staat heißt ja auch einen radikalen Umbau dieser Gesellschaft. … Die Partei scheut die klare Kante. Sie müsste den Bürgern (und Wählern) sagen, dass eine freie Gesellschaft Opfer bedeutet, mehr Selbstverantwortung und vor allem mehr Verantwortung für den Nächsten fordert. Das hat durchaus auch eine konfessionelle Komponente. Auf diesem Feld wird die Partei aber nicht wahrgenommen, hier wirkt die antikirchliche Prägung vieler Jahre noch nach. Die FDP hat sich thematisch nicht ausreichend erneuert, sie ist auf dem Stand von vor acht Jahren, auch personell… Die FDP muss aufpassen, dass sie nicht wird wie das berühmte Michelin-Männchen: außen immer runder und stärker, innen immer hohler und leerer“!
So ist es gekommen. Die personelle Wüste ist allgegenwärtig, Westerwelle muss den innenpolitischen Beißer und den außenpolitischen Herren geben und verfängt sich in unnötigen (und eigentlich auch unappetitlichen) Affärchen. Frau Leutheuser-Schnarrenberger fällt nichts anderes ein als dem antiklerikalen Affen ihrer Partei Zucker zu geben, Brüderle dilettiert nahezu unbemerkt vor sich hin, der Gesundheitsminister ist bereits von Pharmalobby und Öffentlichkeit eingemauert und Herr Niebel fällt vor allem durch seine alte Armee-Mütze auf. Niemand hat sich die Idee der freien, selbstbestimmenden Bürgergesellschaft zu eigengemacht. Im Gegenteil: durch ihre sich nun erweisende Regierungsunfähigkeit führen sie diese große liberale Idee ad absurdum. Es war ein Experiment, das zu den schönsten Hoffnungen berechtigte. Es hätte Aufbruch und Neuanfang bedeuten können. Stillstand und alberne Eitelkeitsübungen sind daraus geworden. Die FDP ist in atemberaubender Zeit zum befürchteten „Michelin-Männchen“ mutiert: innen hohl und leer!