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11.02.2012
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     Karin Pfeiffer-Stolz
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Macht Geld faul? Schulzensuren gegen Bezahlung
Weitere Themen: Bildung

Belohnung verderbe den Kindern den Spaß am Lernen, titelte die Süddeutsche Zeitung vor einiger Zeit. Der Beitrag beleuchtete den weitverbreiteten Usus, Schulkinder für Lernleistungen zu bezahlen. Im einleitenden Text schreibt der Autor (1): „Arbeiten Erwachsene engagiert, kann eine Gehaltserhöhung kontraproduktiv sein. Denn Geld macht aus Spiel Arbeit, aus Leidenschaft Pflicht.“

Bezahlte Schulleistung

Ich erinnere mich an die Zeit, da ich in der Grundschule Deutsch unterrichtete. In wöchentlichen Abständen ließ ich Kurzdiktate schreiben, deren Ergebnisse aufgrund meiner speziellen Methode (5-Minuten-Diktate) überwiegend sehr gut ausfielen. Nach jedem Diktat erzählten mir einige Kinder, sie hätten wieder Geld bekommen von Oma, Opa oder von den Eltern, wobei sich selbst eine Vier noch als wirtschaftlich lukrativ erwies. Ein Mädchen berichtete von der Staffelung der Entlohnungshöhe: Eine Mark (es war vor Einführung des Euro) für eine Vier, zwei für eine Drei, drei für eine Zwei und fünf für eine Eins. War es ein Zufall, daß es ausschließlich die weniger pflichtbewußten Schüler waren, deren Hauptein­nahmequellen schulische Zensuren zu sein schienen? Meine Klassenstars schienen hingegen leer auszugehen, obwohl – oder weil? – sie beim Lernen gewissenhaft, fleißig, belastbar, zielstrebig und begeisterungsfähig waren.

Diese Beobachtung deckt sich mit empirischen Befunden und psychologischen Untersuchungen, nach denen Belohnungen sowohl die Eigenmotivation als auch die Freude an der Selbstinitiative schwächen. Die gewohnheitsmäßig entrichtete Leistungsprämie in Form von Geld (für nicht einmal herausragende Schulleistungen!) vermag die kindliche Leistungsbereitschaft nachhaltig zu zerstören.

 

Der sogenannte Marshmallow-Test

Als Beleg dafür kann der als Marshmallow-Test bekanntgewordene Versuch dienen, den der amerikanische Psychologe Walter Mischel ersonnen und vor etwa 50 Jahren in einer Vorschule durchgeführt hat. Vor den Augen einer Gruppe von Kindern im Alter von durchschnittlich vier Jahren legte er eine Packung Marshmallows (Süßigkeiten) ab. Er versprach den Kindern jeweils einen Marshmallow – wenn sie sich einige Minuten gedulden könnten, dürften sie sogar zwei haben. Ein Teil der Kinder wollte nicht warten und verzehrte ohne Verzögerung den Marshmallow. Der andere Teil übte sich in Geduld, wobei die wartenden Kinder unterschied­liche Ablenkungsstrategien anwandten: wegschauen, die Augen schließen, sich anderweitig beschäftigen.

14 Jahre später überprüfte der Psychologe die Lebensläufe der „Marshmallow-Kinder“. Diejenigen Kinder, die ohne Zögern gierig nach der Süßigkeit gegriffen hatten, litten als junge Erwachsene unter einem Mangel an Selbstbeherrschung. Von den Personen ihrer Umgebung wurden sie als stur auf etwas beharrend, schnell frustriert und neidisch beschrieben. Die Gruppe der geduldig Abwartenden zeichneten sich aus durch Belastbarkeit und ein gutes persönliches Streßmanagement. Sie wurden von Bekannten als sozial kompetent, freigebig, vertrauenswürdig und zuverlässig beschrieben. Kaum noch erwähnt werden braucht, daß sie auch akademisch und beruflich erfolgreicher waren.

 

Lernen ist eine Art aktives Warten

Nun, was hat dieses alles mit Geld zu tun? Auf den ersten Blick erschließt sich das nicht, also riskieren wir einen zweiten. Materielle Belohnung lenkt den Blick des Beschenkten fort vom Gegenstand des Lernens auf billiges materielles Lob, das anstelle von Zuwendung und Aufmerksamkeit freizügig erteilt wird. Das Lernen selbst ist – ähnlich dem Warten – mühevoll und von teils unangenehmen Gefühlen begleitet. Dem Lernenden verlangt dieser Vorgang Selbstverzicht und Bündelung der Aufmerksamkeit ab; das ist anstrengend und kann sogar schmerzhaft sein. Gefühle des Überdrusses, der Langeweile, der Pein – ertragen muß sie, wer in einem Bereich Fortschritte machen möchte. Man kann dies als eine Art aktives Warten betrachten. An dessen Ende steht die Freude an der eigenen Kraft und am Zuwachs der Fertigkeiten. Solche Freude kann nicht entstehen, wenn Arbeit allein der Entlohnung durch einen Erwachsenen wegen getan wird. Die Erfolgsprämie ist ein leeres, ein falsches Lob.

 

Freikauf durch billiges Lob

Astrid von Friesen beklagt, daß Kinder „totgelobt oder mit Dank zugeschüttet“ würden, „sodass sie ihr eigenes Gespür für die realistische Wahrnehmung dessen, was sie da getan haben, ... verlieren.“ (2) Dabei wird deutlich, daß das Bezahlen von Schulzensuren die billigste Art und Weise darstellt, sich aus der gelebten Verantwortung zu stehlen: Das Kind wird bezahlt, damit ist der Saldo im Soll und

Haben der pädagogischen Buchhaltung wieder ausgeglichen. Kinder spüren das. Der Geldbetrag wird bereitwillig genommen, doch nur deshalb, weil die eigentlichen, die seelischen Bedürfnisse nicht artikuliert werden können. Kinder möchten etwas Nützliches zu leisten, das sie zu vollwertigen Mitgliedern der Gemeinschaft macht, um so dazuzugehören und geachtet zu sein. Das Dazugehören aber drückt sich hauptsächlich atmosphärisch aus. Um ein Lebensumfeld der freundlichen Akzeptanz zu erreichen, bedarf es weder vieler Worte noch überschwenglichen Lobes. Vollkommen überflüssig, ja geradezu schädlich aber wirkt hierbei Geld.

 

Quellen:

1) N. Westerhoff: Geld macht faul. in: sueddeutsche.de vom 2.9.2009 (URL: /wissen/604/486024/text/)

2) Astrid von Friesen: Von Aggression bis Zärtlichkeit, Kösel Verlag, München 2003



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Kommentare (3)




 
  Kommentare (3)

wallibelli, 17.07.2010 21:56
Da ist Einiges dran. Schon Konfuzius sagte: "Wer liebt was er tut, wird in seinem Leben niemals arbeiten." Geld bedeutet Abhängigkeit im Tun, ein schlechtes Gewissen. Es schränkt die Freiheit der selbstverwirklichenden Kreativität ein. Es macht nicht nur faul, sondern führt oft zu schlechteren Ergebnissen. Es manipuliert. Sicher muss man seinen Lebensunterhalt verdienen. Mehr brauche ich aber nicht. Weil ich mir meine Unabhängigkeit und innere Freiheit nicht nehmen lasse. Mir hat mal ein Unternehmensberater gesagt:
Du bist mehr als 5.000,- ¤ pro Tag wert und verkaufst dich für'em Appel und Ei. Du machst Deinen Job nicht, um Geld zu verdienen, sondern um Dich selbst zu verwirklichen. Ja, hab' ich ihm geantwortet. Weil ich lebe und liebe was ich tue. Und das ist mein Glück. Nicht das Geld dafür. Das ist eher mein Unglück. Die Konsequenz für solche Menschen: Sie brauchen einen Manager, der ihre Geldangelegenheiten regelt. Sie selbst können das nicht. Weil sie keinen Bezug zum Geld haben. Meine Honorare handelt meine Frau aus. Ich weiß davon nichts. Ich wäre nicht so gut,ich hätte meinen Kopf nicht frei. Es würde mich sogar unglücklich machen.
Dieses Phänomen hat man oft bei Menschen, die ihre Berufung zum Beruf machen. Z.B. Künstler, creativ tätige, Profisportler. Wenn die wüßten, was andere für ihre Leistungen bezahlen, viele davon würden in Blokade erstarren. Deshalb haben auch die meistens ihre Agenten, Agenturen bzw. Manager.


wahre worte, 08.03.2010 10:11
Was für eine Fragestellung zu so einem sensiblen Thema.

Das Fundament einer Studie ist theoretisches Zahlenwerk. Die Realität orientiert sich an der Praxis und zeigt im tatsächlichen umfänglichen Rahmen eindeutige Ergebnisse.
Ja, hoch lebe die amerikanische Kultur und dann noch der zitierte „Marshmallow-Test“ – was für ein Faktum !
Zensuren zur Entlohnung oder zur Belohnung, müsste das nicht die Fragestellung der heutigen Zeit sein ?
Zensuren sind immer schlechte Maßstäbe und von vielen Faktoren abhängig und werden leider von Menschen (Lehrern) vergeben. Ein bis heute schlecht durchdachtes Bewertungssystem.
Schüler aus Oberschichten und Unterschichten müssen Schulleistungen erbringen.
Meine Erfahrung bei gleichem Zensurenstand: Ein Schüler der Oberschicht fordert eine Entlohnung, weil er gesellschaftlich höher steht; ein Schüler der Unterschicht freut sich über eine Belohnung, weil er sie seltener erhalten wird. Dieser Schüler lebt die Erfahrung, wie hart es ist Geld zu verdienen und es schätzen zu lernen. Auch dann noch, wenn er für ein „ausreichend“ belohnt wird. Denn Belohnung kommt meist aus dem Herzen und Entlohnung nur aus dem Portmonee.

Unser Gesellschaftsbild zeigt, wie das reale Lohn/Leistungsgefälle eingeschätzt und angeblich gerecht verteilt wird.
Der Hartz 4 Empfänger (ehemaliger Ingenieur), der unter unwürdigen Bedingungen einen 1Euro Job annehmen muss, erhält unwürdigen Minderlohn !
Die Putzfrau, die den Dreck anderer unter hartem, physischem Leistungsdruck reinigen muss, erhält wenig Lohn.
Der Beamte, der noch nie unter Leistungsdruck arbeiten musste, erhält zuviel Lohn.

Solange unsere Gesellschaft und das darin funktionierende Schulsystem „Leistung“ sozial und ethisch nicht richtig bewerten und verwerten kann, ist die o.g. Fragestellung m.E. irrelevant.


Manfred von Beinen, 07.03.2010 13:31
Soll ich nun hoffen, dass Sie niemand für diesen Artikel bezahlt hat?


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