Vorbehalte von Eltern, das eigene Kind außerhalb der Familie in einer Krippe betreuen zu lassen, stoßen in der veröffentlichten Meinung auf Unverständnis: Dass kleine Kinder auf die dauerhafte Präsenz und liebevolle Zuwendung einer primären Bezugsperson angewiesen sind, gilt als ein antiquierter, bürgerlichen Familienidealen verhafteter „Müttermythos“. In diesem Sinne behauptet auch der 12. Kinder- und Jugendbericht der Bundesregierung, die „neuere Bindungstheorie“ habe das noch von Forschern wie John Bowlby vertretene Ideal der kontinuierlichen Betreuung kleiner Kinder durch eine einzige Bezugsperson „aufgegeben“. Die moderne Entwicklungspsychologie zeige vielmehr, dass Kleinkinder auf die Betreuung durch mehrere Bezugspersonen hin „angelegt“ seien. Um sich sozial und kognitiv zu entwickeln, benötigten Kleinkinder „den familialen Rahmen erweiternde und ergänzende Bildungsgelegenheiten“. Als unverzichtbar gelten hier Kinderkrippen und Tagesstätten insbesondere für Kinder aus Familien in prekären Lebenslagen oder mit einem Migrationshintergrund: Je früher und je länger diese Kinder öffentlich betreut würden, desto besser seien später ihre Chancen in Ausbildung und Beruf.
Vergessen werden bei solchen Behauptungen allerdings die elementaren psychischen Bedürfnisse von Kindern. Besonders in ihren ersten Lebensjahren sind Kinder sehr verletzlich und existentiell von der Pflege durch vertraute Bezugspersonen abhängig. Um ihr Überleben zu sichern, entwickeln Säuglinge deshalb enge Bindungsbeziehungen an vertraute Bezugspersonen. Zu diesem Zweck kommunizieren sie mit den Betreuungspersonen, die ihre leiblichen Bedürfnisse befriedigen und mit ihnen spielen. Die Qualität dieser Beziehungen ist davon abhängig, wie feinfühlig die Betreuungspersonen auf die physischen und psychischen Bedürfnisse des Kindes eingehen. Solche sicheren Beziehungen benötigen Kleinkinder, um die „Welt“ entdecken zu können. Bildung setzt Bindung voraus.
Bindungen aber lassen sich nicht einfach herstellen und beliebig austauschen. Zwar können kleine Kinder durchaus zu mehreren Personen engere Bindungen aufbauen. Diese Beziehungen sind jedoch „eindeutig hierarchisch geordnet, das Kind bevorzugt eine Bindungsperson vor den anderen“. Diese Person ist meistens die leibliche Mutter. Um sich emotional und sozial gesund zu entwickeln, müssen Kinder daher sichere Bindungsbeziehungen zu ihren Müttern entwickeln. Unerlässlich hierfür sind genügend Zeit und physische Nähe, denn längere Trennungen von ihrer Mutter lassen Kleinkinder leiden. Lange Zeiten der Fremdbetreuung (mehr als 30 Wochenstunden) beeinträchtigen regelmäßig die Mutter-Kind-Bindung. Dies bleibt nicht ohne Folgen: Wie Langzeitstudien belegen, stören unsicher gebundene Kinder später in der Schule häufiger im Unterricht und zeigen mehr Verhaltensauffälligkeiten. Schädlich für das Bindungs- und Sozialverhalten von Kindern ist es auch, wenn Erzieherinnen in Tagestätten zu häufig wechseln oder (wegen zu großer Gruppen) nicht individuell auf die Kinder eingehen können. Aufgrund solcher empirischer Erkenntnisse hält es die Kinderpsychologin Fabienne Becker-Stoll vom Staatsinstitut für Frühpädagogik „nur bei bester Qualität“ für „vertretbar“, Kinder ganztägig außerhalb der Familie zu betreuen. Entscheidend für die Betreuungsqualität seien kontinuierlich präsente und feinfühlig zugewandte Erzieherinnen. Nur unter diesen Umständen könne sich eine (zeitlich begrenzte) außerfamiliäre Betreuung überhaupt positiv auf die kindliche Entwicklung auswirken. Dies gelte besonders für Kinder aus sozial benachteiligten bzw. bildungsfernen Familien.
Ausgerechnet in den Ballungszentren in Westdeutschland, in denen besonders viele Kinder mit Migrationshintergrund leben, sieht Becker-Stoll die erforderliche Betreuungsqualität „nur sehr selten gewährleistet“. Angesichts der mit den neu eingeführten Bildungsplänen immens gestiegenen Erwartungen an die Kindertagesstätten einerseits und den knappen materiellen und personellen Ressourcen andererseits klafften „Anspruch und Wirklichkeit immer mehr auseinander“. Das politische Versprechen des sozialen Fortschritts durch mehr Ganztagsbetreuung erweist sich als ungedeckter Scheck und der mediale Spott über den vermeintlich überholten „Müttermythos“ als hohl. Vielmehr könnte man schon von einem politisch-medialen Mythos der staatlichen Ganztagsbetreuung sprechen.
Der Beitrag erschien zuerst in einer ausführlicheren Version mit Anmerkungen und Grafiken beim Institut für Demographie, Allgemeinwohl und Familie (IDAF)