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     Stefan Fuchs
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Bindung, Bildung, Babies: Mythen und Wirklichkeit
Weitere Themen: Kindergartenpflicht, Bildung, Familie

Vorbehalte von Eltern, das eigene Kind außerhalb der Familie in einer Krippe betreuen zu lassen, stoßen in der veröffentlichten Meinung auf Unverständnis: Dass kleine Kinder auf die dauerhafte Präsenz und liebevolle Zuwendung einer primären Bezugsperson angewiesen sind, gilt als ein antiquierter, bürgerlichen Familienidealen verhafteter „Müttermythos“. In diesem Sinne behauptet auch der 12. Kinder- und Jugendbericht der Bundesregierung, die „neuere Bindungstheorie“ habe das noch von Forschern wie John Bowlby vertretene Ideal der kontinuierlichen Betreuung kleiner Kinder durch eine einzige Bezugsperson „aufgegeben“. Die moderne Entwicklungspsychologie zeige vielmehr, dass Kleinkinder auf die Betreuung durch mehrere Bezugspersonen hin „angelegt“ seien. Um sich sozial und kognitiv zu entwickeln, benötigten Kleinkinder „den familialen Rahmen erweiternde und ergänzende Bildungsgelegenheiten“. Als unverzichtbar gelten hier Kinderkrippen und Tagesstätten insbesondere für Kinder aus Familien in prekären Lebenslagen oder mit einem Migrationshintergrund: Je früher und je länger diese Kinder öffentlich betreut würden, desto besser seien später ihre Chancen in Ausbildung und Beruf.

Vergessen werden bei solchen Behauptungen allerdings die elementaren psychischen Bedürfnisse von Kindern. Besonders in ihren ersten Lebensjahren sind Kinder sehr verletzlich und existentiell von der Pflege durch vertraute Bezugspersonen abhängig. Um ihr Überleben zu sichern, entwickeln Säuglinge deshalb enge Bindungsbeziehungen an vertraute Bezugspersonen. Zu diesem Zweck kommunizieren sie mit den Betreuungspersonen, die ihre leiblichen Bedürfnisse befriedigen und mit ihnen spielen. Die Qualität dieser Beziehungen ist davon abhängig, wie feinfühlig die Betreuungspersonen auf die physischen und psychischen Bedürfnisse des Kindes eingehen. Solche sicheren Beziehungen benötigen Kleinkinder, um die „Welt“ entdecken zu können. Bildung setzt Bindung voraus.

Bindungen aber lassen sich nicht einfach herstellen und beliebig austauschen. Zwar können kleine Kinder durchaus zu mehreren Personen engere Bindungen aufbauen. Diese Beziehungen sind jedoch „eindeutig hierarchisch geordnet, das Kind bevorzugt eine Bindungsperson vor den anderen“. Diese Person ist meistens die leibliche Mutter. Um sich emotional und sozial gesund zu entwickeln, müssen Kinder daher sichere Bindungsbeziehungen zu ihren Müttern entwickeln. Unerlässlich hierfür sind genügend Zeit und physische Nähe, denn längere Trennungen von ihrer Mutter lassen Kleinkinder leiden. Lange Zeiten der Fremdbetreuung (mehr als 30 Wochenstunden) beeinträchtigen regelmäßig die Mutter-Kind-Bindung. Dies bleibt nicht ohne Folgen: Wie Langzeitstudien belegen, stören unsicher gebundene Kinder später in der Schule häufiger im Unterricht und zeigen mehr Verhaltensauffälligkeiten. Schädlich für das Bindungs- und Sozialverhalten von Kindern ist es auch, wenn Erzieherinnen in Tagestätten zu häufig wechseln oder (wegen zu großer Gruppen) nicht individuell auf die Kinder eingehen können. Aufgrund solcher empirischer Erkenntnisse hält es die Kinderpsychologin Fabienne Becker-Stoll vom Staatsinstitut für Frühpädagogik „nur bei bester Qualität“ für „vertretbar“, Kinder ganztägig außerhalb der Familie zu betreuen. Entscheidend für die Betreuungsqualität seien kontinuierlich präsente und feinfühlig zugewandte Erzieherinnen. Nur unter diesen Umständen könne sich eine (zeitlich begrenzte) außerfamiliäre Betreuung überhaupt positiv auf die kindliche Entwicklung auswirken. Dies gelte besonders für Kinder aus sozial benachteiligten bzw. bildungsfernen Familien.

Ausgerechnet in den Ballungszentren in Westdeutschland, in denen besonders viele Kinder mit  Migrationshintergrund leben, sieht Becker-Stoll die erforderliche Betreuungsqualität „nur sehr selten gewährleistet“. Angesichts der mit den neu eingeführten Bildungsplänen immens gestiegenen Erwartungen an die Kindertagesstätten einerseits und den knappen materiellen und personellen Ressourcen andererseits klafften „Anspruch und Wirklichkeit immer mehr auseinander“. Das politische Versprechen des sozialen Fortschritts durch mehr Ganztagsbetreuung erweist sich als ungedeckter Scheck und der mediale Spott über den vermeintlich überholten „Müttermythos“ als hohl. Vielmehr könnte man schon von einem politisch-medialen Mythos der staatlichen Ganztagsbetreuung sprechen.

 

Der Beitrag erschien zuerst in einer ausführlicheren Version mit Anmerkungen und Grafiken beim Institut für Demographie, Allgemeinwohl und Familie (IDAF)



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Kommentare (3)

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  Kommentare (3)

Kathrin, 09.04.2010 12:05
Bereits in grauer Vorzeit neigten diverse Männer dazu--die Bindung Mutter und Kind---schlicht nach der Geburt zu unterbinden.
Die ungeuerlichen Experimente an Kindern haben hinreichend bewiesen,
dass der natürliche, biologische
Bindungsaspekt Mutter-Kind--
zum gesunden Aufwachsen des Kindes unabdingbar ist.
Entzug der Mutterliebe hat nicht nur zur Sprachentwicklingsstörung sondern auch
zu lebenslangem Suchtverhalten geführt.
Kinder, die nicht in der beschützenden Zärtlichen Mutterliebe aufwachsen dürfen,
sind nicht nur die heutigen Drogenopfer,
sondern leiden zusätzlich an extremem Mangel---jeglichen Mitgefühls.
Das , was man mal moralisches Gewissen nannte--wird diesen Kindern nicht mehr mitgegeben, wie nicht nur die Amokläufe an Schulen beweisen, sondern eben auch die Brutalität, mit der auch häusliche Gewalttäter--Opfer schlicht verleugnen und verrecken lassen.
Durch Entzug der Mutterliebe wird nicht Frieden gestiftet, sondern Faustrechtgewalt gefördert.


Friedemann, 08.03.2010 14:41
@Erwin Müller
"In Frankreich kommen die meisten Kinder bürgerlicher Familien recht früh in Betreuung, und die Mutter geht wieder arbeiten."
In Frankreich haben Frauen wesentlich bessere Möglichkeiten, Teilzeitarbeitsstellen zu bekommen und die nehmen sie auch wahr, wenn sie 1 Kind haben, bei 2 und besonders bei 3 und mehr Kindern bleiben die meisten Französinnen die ersten Jahre zu Hause. Bei 3 und mehr Kindern ist das auch finanziell kein Problem, da die staatlichen Leistungen pro Kind dann über 500 Euro pro Monat liegen. Dadurch hat Frankreich auch als mit 2 Kindern pro Frau nahezu Bestandserhaltende Geburtsraten. Leider sind die diesbezüglichen finanziellen Unterstützungen sowie die von Unternehmen gewährten Möglichkeiten zur Teilzeitarbeit von Eltern in Deutschland wesentlich schlechter als in Frankreich. Ähnliche finanzielle Anreize werden in Norwegen (450 Euro) und Schweden (300 Euro) geboten, und auch dort betreuen seitdem die meisten Eltern ihre Kinder die ersten Jahre selbst, die ersten 18 Monate nahezu ausschließlich. Derartige Modelle sind für den Staat erheblich billiger - die Betreuung eines Kindes in der Krippe kostet pro Monat etwa 1000 Euro Steuermittel - und für die Entwicklung der geistigen Fähigkeiten der Kinder wesentlich günstiger, wie die größte veröffentlichte Studie, die NICHD-Studie sowie die unveröffentlichten Ergebnisse aus DDR-Einrichtungen zeigen. Leider sind diese Ergebnisse den meisten nicht zugänglich und überwiegend auch schwer verstehbar, insbesondere die sehr umfangreichen Ergebnisse aus DDR-Zeiten, die leider im Giftschrank landeten, weil das Ergebnis nicht das politisch gewollte war und selbst bei großzügiger Auslegung nicht freigegeben werden konnte, ohne die Krippenpolitik in Frage zu stellen.


Erwin Müller, 07.03.2010 21:51
In Frankreich kommen die meisten Kinder bürgerlicher Familien recht früh in Betreuung, und die Mutter geht wieder arbeiten. Trotzdem habe ich nicht den Eindruck, dass in dortigen Familien die Kinder schlechter aufwachsen, denn die Eltern kümmern sich in ihrer Freizeit um so intensiver um ihre Kinder. Und es ist auch nicht so, dass deren Kinder in der Schule schlechter wären, meist sind sie sogar selbständiger als deutsche.

Und wenn man sieht, wie viele Kinder hierzulande auch von nicht-arbeitenden Eltern unbetreut bleiben, dann wäre es für diese Kinder sicher besser, wenigstens den halben Tag in einer besseren Umgebung verbringen zu können.



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