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11.02.2012
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     Steffen Hentrich
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Klimapolitik wird schöngerechnet
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Nachdem der IPCC durch seinen selektiven und teilweise fehlerhaften Umgang mit dem Stand der Forschung in den naturwissenschaftlichen Passagen des Vierten Sachstandsberichts in die Schlagzeilen gekommen ist, zeigt sich jetzt, dass auch die sozioökonomische Analyse an ähnlichen Mängeln leidet.

Auf dem klimawissenschaftlichen Weblog “Die Klimazwiebel” hat der Umweltökonom Richard Tol das Kapitel der Arbeitsgruppe 3 “Vermeidung des Klimawandels” (WG3) des Vierten IPCC-Sachstandsberichts etwas genauer unter die Lupe genommen. Nachdem bereits der Teilbericht der Arbeitsgruppe 2 (WG2) im Rampenlicht der Kritik gestanden hat, in dem sich erhebliche Fehler, Ungenauigkeiten und Übertreibungen der tatsächlichen Gefahr und möglicher Auswirkungen einer globalen Erwärmung offenbarten, dürfte nicht weiter verwundern, dass auch die sozioökonomische Analyse des Klimawandels  und seiner Vermeidung unter ähnlichen Mängeln leidet.

In seinem Review zeigt Richard Tol, dass ein Teil der wesentlichen Schlussfolgerungen auch dieses Teils des Sachstandsberichts aus sog. Grauer Literatur abgeleitet ist, die zuvor keinerlei Peer-Review-Prozess unterzogen wurde. Zudem werden positive Wachstumsaussichten und Beschäftigungseffekte aus Studien zitiert, deren Modellannahmen mit der Realität wenig gemein haben. Positive Beschäftigungseffekte, die etwa nur dann durchschlagen, wenn man von maßhaltenden Lohnforderungen der Gewerkschaften ausgeht, erscheinen eher zweifelhaft. Zudem zeigt sich, dass wachstums- und beschäftigungsfördernde Wirkungen der Klimapolitik nur dann plausibel sind, wenn man von der idealtypischen Annahme marktkonformer und effizienter Klimaschutzinstrumente, also einer Kohlendioxidsteuer oder Versteigerung handelbarer Emissionsrechte, und der Gegenfinanzierung von Steuererleichterungen auf den Produktionsfaktor Arbeit aus den Einnahmen dieser Instrumente ausgeht. Angesichts der klimapolitischen Realität, einer widersprüchlichen Mischung von ineffektiven Subventionen, sektoralem Emissionshandel und ineffizientem Ordnungsrecht, muss man die optimistischen Projektionen des IPCC-Berichts ohne viel zögern als Phantasiegebilde ansehen. So zeigen realistischere Studien, die sich bspw. mit den Kosten der EU-Zielsetzungen bis 2020 auseinandersetzen, dass die geplanten Maßnahmen mehr als doppelt so teuer ausfallen dürften als das aus der Perspektive einer effizienten Klimaschutzpolitik Gebotene.

Wesentlich Einfluss auf die Kosten klimapolitischer Maßnahmen haben die Annahmen über die Dynamik des technischen Fortschritts und die Größenordnungen derjenigen wirtschaftlichen Entwicklung, auf die wegen der Verwendung von Ressourcen für klimapolitische Maßnahmen verzichtet werden muss. Opportunitätskosten bilden den Kern jeglicher Abschätzungen über das Für und Wider spezifischer Klimaschutzinstrumente. Dabei ist die zukünftige technologische Entwicklung außerordentlich schwer abzuschätzen. Nichtsdestotrotz fehlt es dem IPCC an der gebotenen Vorsicht der Bewertung.  Obgleich unumstritten ist, dass die Dynamik des technischen Fortschritt nicht unabhängig von der Implementation klimapolitischer Instrumente ist und diese zu einer Beschleunigung des technischen Fortschritts in den betroffenen Bereichen führen kann, steht die Annahme des IPCC-Report, dies würde unweigerlich zu einer radikalen Senkung der Kosten der Klimapolitik führen, auf tönernen Füßen.  Hierbei sei, so Richard Tol, das Problem des Abzugs von FuE-Ressourcen aus anderen Sektoren nur unzureichend berücksichtigt worden.  Existierende Studien mit deutlich konservativeren Abschätzungen über die Kostendämpfung werden nicht erwähnt oder wie im Fall der Berechnungen von William Nordhaus sogar fehlinterpretiert. Zudem wurden in dem Bericht Schlussfolgerungen gezogen, die aus den Prämissen der zuvor diskutierten Literatur  nicht folgerichtig ableitbar seien. Ein Beispiel dafür ist etwa das unbegründete Statement, Learning-by-Doing in der Energiewirtschaft würde ein Vorziehen drastischer Klimaschutzmassnahmen zur Senkungen der Kosten der Klimapolitik rechtfertigen. Nach Tols Ansicht deutet die wissenschaftliche Literatur genau in die andere Richtung. Kostensenkender technischer Fortschritt sei gerade ein guter Grund mit einschneidenden Maßnahmen zunächst abzuwarten, bis kostengünstige Technologien zu ihrer Umsetzung zur Verfügung stünden.

Neben diesen methodischen Defiziten bemängelt Richard Tol auch die selektive Darstellung des Forschungstands der Klimaökonomik im IPCC-Bericht. So werden zwar die moderaten Wachstumseinbußen durch Klimapolitik innerhalb der ersten Hälfte dieses Jahrhunderts erwähnt, jedoch nicht darauf aufmerksam gemacht, dass der größte Teil der wirtschaftlichen Last erst in der zweiten Hälfte des Jahrhunderts auf die Menschheit zukommen dürfte. Dubios wird die Darstellung, wenn sie in dem Bericht jeglicher Erfahrung mit den Kosten umweltpolitischer Maßnahmen widerspricht. Während sich die Wachstumseinbußen von moderaten Emissionsziele einer Kohlendioxidstabilisierung auf 590-770 ppm von 0,05 Prozent auf schärfere Zielsetzungen von 535-590 ppm auf 0,10 Prozent des globalen Wirtschaftswachstums verdoppeln, führen wesentlich drastischere Ziele von 445-535 ppm plötzlich nur noch zu einer Wachstumsverzögerung um 0,12 Prozent. Die Realität zunehmender Grenzkosten der Emissionsvermeidung wird hier plötzlich auf den Kopf gestellt. Eine Begründung für dieses Phänomen, nachdem die zusätzlichen Kosten der Emissionsvermeidung auf wundersame Weise mit schärferen Maßnahmen sinken, wird im Bericht nicht gegeben.

Auch hier zeigt sich, dass der IPCC alles andere als ein neutraler Berichterstatter der Wissenschaft ist. Ganz im Gegenteil, ausgehend von einer klimapolitischen Vermeidungsagenda wurden die verfügbaren Forschungsergebnisse so lange sorgfältig ausgewählt und in geeigneter Weise dargestellt, bis die Botschaft dem Interesse der Auftraggeber des Gutachtens und dem mehr oder weniger weltanschaulich geprägtem Bild von der Funktion der wissenschaftlichen Politikberatung der Gutachter entsprach. Die Hoffnung auf eine neutrale wissenschaftliche Politikberatung bleibt unter diesen Bedingungen eine Illusion.

Dieser Beitrag erschien auch auf "Denken für die Freiheit", dem Weblog des Liberalen Instituts der Friedrich-Naumann-Stiftung für die Freiheit.



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Kommentare (1)




 
  Kommentare (1)

Erwin Müller, 07.03.2010 22:02
Gibt es überhaupt genügend fossile Brennstoffe, um den vorhergesagten Klimawandel auch eintreten zu lassen?
Um "Peak Oil" ist es plötzlich so verdächtig ruhig geworden...



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