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     Matthias Schumacher
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Hartz IV ist Kunst
Weitere Themen: Allgemein, Reformen, Wirtschaftspolitik

In diesem Jahr gibt der Bund 146,82 Milliarden Euro für Arbeit und Soziales aus. Ganze 14,8 Prozent mehr als 2009.
Der gesamte Bundeshaushalt umfasst 325,4 Milliarden.

Wieder einmal sind die Sozialausgaben gestiegen und machen den größten Posten aus.
Sie steigen seit Jahren, denn nicht nur Mandy und Kevin in Marzahn (beide 17, arbeitssuchend und nun zweifache Eltern) wollen leben, sondern auch ihr Nachbar Willy (56), der sich unentwegt um Arbeit bemüht, aber keine bekommt, obwohl er qualifizierter nicht sein könnte…

Und dann ist da noch Jutta, Jutta ist Schauspielerin und Sängerin. Jutta wohnt direkt gegenüber, sie steht in der Mitte ihrer Lebenserwartung, ist preisgekrönt und einigermaßen bekannt, auch im Jobcenter. Das besucht sie ungern, aber regelmäßig, wenn mal wieder ein Engagement beendet ist oder ein Film abgedreht. Drei Monate Dreharbeiten liegen gerade hinter ihr. Davon stand sie real nur zwei Wochen vor der Kamera – dazwischen tagelange Pausen. Früh raus, 12 bis 16 Stunden rumstehen, warten, spielen, für ein paar Minuten Film. Immer auf Abruf. Jutta brennt für ihren Beruf. Sie liebt ihn. Sie hasst ihn.

Jutta kann, wenn sie ihre Kunst ausübt, gut davon leben, nur übt sie ihre Kunst nicht immer aus. Einige Monate hier am Stadttheater, im Sommer bestenfalls auf einer Freilichtbühne, irgendwo in der Provinz. Im Sommer sind Theaterferien. Jutta fühlt sich als Künstlerin, sie ist eine Künstlerin, sie kann nur nicht dauerhaft davon leben. Die Theater sind klamm und jedes zweite von der Schließung bedroht. Die Gagen: Hungerlöhne. Sie hangelt sich unermüdlich von Bühne zu Bühne. Manchmal gibt sie Autogramme. Man kennt und liebt sie. Ab und zu wird sie im Jobcenter angesprochen: “Was machen Sie denn hier?”
Jutta sagt dann meist sowas wie “Tja.” Was soll sie auch sagen?

Jutta ist froh, dass das Amt die Miete übernimmt und das Leben sichert, wenn sie mal ohne Engagement ist. Ja, das Geld ist schon verdammt knapp. Vielleicht sollte Jutta putzen gehen, Jutta weiß nicht so recht. Sie kann doch nicht jeden dritten Tag sagen: “Entschuldigung, morgen kann ich nicht, ich muss zum Dreh!”

Sven wohnt im Wedding. Er schreibt und lebt davon. Eigentlich schreibt er nur – und manchmal bekommt er das sogar bezahlt. Er veröffentlicht in Magazinen, die kaum einer liest, manchmal rutscht was bis in eine Tageszeitung durch. Dann gibt es in der Regel Zeilenhonorar. Zwischen 10 Cent und maximal einem Euro. Das ist nicht mehr als ein Zuverdienst zum Hartz IV. Im Moment ist bei Zeitungen eigentlich gar nichts zu holen. Das Internet macht den Papiermedien schwer zu schaffen. Sven bloggt jetzt, ziemlich erfolgreich sogar, zumindest was die Seitenaufrufe angeht. Er recherchiert, arbeitet dafür Tage und Nächte, kostenlos, vielleicht umsonst und vergebens. Zahlen will dafür keiner was.

Seit einem Vierteljahr ist sein Roman draußen. Bevor die Zusage vom Verlag kam, hat er monatelang in der Luft gehangen. Zu blöd, zu stolz, um Stütze zu beantragen. So blöd ist er heute nicht mehr. Beworben hat er sich damals so oft es ging. “Aber wer nimmt denn jemanden mit meinem Lebenslauf?” fragt Sven. “Hier eine Kurzgeschichte, da eine Reportage. Erklär das mal jemandem, der von Kunst und Journalismus keine Ahnung hat! Nirgends ein halbes Jahr am Stück gearbeitet! Wie sieht das denn aus?”
Sven hat in jener Zeit einige Male für Geld seinen “Arsch hingehalten”, wie er es nennt. Schwul zu sein, hat manchmal Vorteile, aber eigentlich sucht er sich schon lieber seine Sexpartner selber aus. Dass er auch mal im Supermarkt was hat mitgehen lassen, um seinen Freunden und seiner Familie nicht auf der Tasche zu liegen, weiß kaum jemand. Er hat an sich geglaubt, ist seinen Weg gegangen.

Dann die große Chance: Der Verlag, das Buch. Das Feuilleton warf sogar einen kurzen Blick auf Sven. Flüchtig, im Vorbeigehen auf dem Weg zu den Großen. Der Roman hat in den Buchhandelpalästen noch niemals Licht gesehen. Irgendwo in einer dunklen Ecke hat Sven ihn kürzlich entdeckt. Keine Chance zu vergilben, dachte Sven. Und einige Meter weiter standen die Sondertische mit dem Mainstreamscheiß aus den Büchersendungen. Der Markt ist voll.
Seit Wochen hat sich niemand mehr vom Verlag gemeldet. Der Vorschuss – längst ausgegeben.

Würde Sven einer sogenannten geregelten Arbeit nachgehen, wäre er nicht auf Hartz IV angewiesen. Aber seine Kreativität wäre dahin. Seine Reportagen schriebe auf seine Weise niemand anderes. Sie blieben ungeschrieben. Geschichten unerzählt. Seine Gedichte wortlos. Sven braucht den Müßiggang. Nur Spießer nennen das Faulenzen.

Sven hat neulich mal überlegt, ob er für Jutta ein Stück schreiben sollte. Er kennt sie ja ganz gut und er kennt Ulrike, Ulrike leitet ein kleines Kindertheater und Kabarett in Kreuzberg. Mehr oder weniger ehrenamtlich. Ohne ihren Einsatz wäre der Laden längst dicht, sie kämpft um Fördermittel und sammelt Spenden. Leben kann Ulrike davon nicht, aber mit Hartz IV kommt sie durch. Ihre zweijährige Tochter ist ja aus dem Gröbsten raus und pflegeleicht, die nimmt sie einfach mit, wenn sie arbeiten geht. Und die Sache mit dem Kindergartenplatz und dem Unterhalt von ihrem Ex – na, die kriegt sie auch noch gebacken. Sie lebe das Leben eines Klischees, sagte Sven einmal zu ihr. Und sie: “Klischee sind doch alle.”

Letztens saßen die drei zusammen, jammerten, lachten, fragten sich, wie und ob das alles noch lange so weitergeht. Man suchte Lösungen und stieß auf Fragen. Schallendes Gelächter gab es, als Sven erzählte, dass ihn das Jobcenter vor einem Monat zum Bewerbungstraining schicken wollte. Jutta hatte die gleiche Einladung bekommen. Beide hätten in wenigen Wochen gelernt, wie man anständig schreibt und sich ausdrückt. Der Autor und die Schauspielerin! Sven hat sich sofort einen Krankenschein geholt, Jutta haben zwei Castingtermine gerettet.
Man stimmte Ulrike zu: “Arme Schweine, die Arbeitsvermittler!”
Und dann ging es wie immer:
“Hartz IV muss weg!”
“Sei froh, dass es sowas überhaupt gibt!”
“Mindestlohn!”
“Was hätte unsereins vom Mindestlohn?”
“Bedingungsloses Grundeinkommen.”
“Träum weiter!”

Und plötzlich schoss es aus Jutta heraus:
“Ein Stück, ein Buch, über die Künstler und Hartz IV, das gab es noch nicht.”
“Gibt doch fast alles in der Richtung schon” entgegnete Sven. “Würden eh nur Künstler und Hartzler lesen. Haben die Geld für Bücher? Haben die Geld fürs Theater?”
Worauf Ulrike einwarf:
“Realsatire geht immer.”
Nach einem Häufchen Stille fragte Jutta:
“Sagt mal, wenn alle Hartz-IV-Bezieher 100 Euro mehr bekämen, wie viel würde das dann kosten?”
Sven rechnete: “Denk mal, so sieben Milliarden im Jahr.”
“Wäre doch eine super Kulturförderung”  rief Ulrike. Und:
“Irgendwann gibt’s ja Rente!”
Bitteres Lachen.

Sie sind Künstler, sie leben von Hartz IV. Hartz IV ist Kunst.

- zuerst erschienen auf matthias-schumacher.com



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Kommentare (13)




 
  Kommentare (13)

xRatio, 02.04.2010 17:22
Hartz IV ist die Kunst, andere gewaltsam (via Staat) abzuzocken.

Arbeit gibt es genug, ohne Hartz IV keine "Arbeitslosen". Je höher die Prämie umso mehr "Arbeitslose". Gibt schon ganze Dynastien, die in der 2. oder 3. Generation "erfolgreich" wirtschaften.

Beruf? "Hartzer". Berufsziel der meist reichlich vorhandenen Abkömmlinge? "Hartzer!"

Die Marktgesetze funktionieren eben auch im Sozialismus.

Arbeit "schaffen"?

Nichts lässt sich leichter "schaffen" als Arbeit. Warum aber sollte ein vernünftiger Mensch sich Arbeit "schaffen"? Arbeit ist etwas, was man reduzieren, vermeiden sollte. Das gesamte Streben aller Menschen ist seit Urzeiten darauf gerichtet, Arbeit möglichst zu vermeiden und nicht zu schaffen.

Arbeit "schaffen" ist leicht: Nehmen Sie Ihr Auto und fahren Sie es gegen den nächsten Baum, das dauert zwei Minuten und Sie haben hunderte von Stunden Arbeit "geschaffen"

Dies und weiteres hier:

http://ef-magazin.de/2010/01/09/1781-sloterdijk-debatte-ohne-produktive-geht-es-nicht

xRatio


Alexander Dill, 18.03.2010 15:35
Schöner Artikel! Allerdings muß ich darauf hinweisen, dass die Gesamtausgaben für Hartz IV im Jahre 2009 21 Milliarden Euro betrugen. Im selben Jahr schoss der Bund 80 Milliarden Euro in die Rentenversicherung zu - diese sind in ihren "Sozialausgaben" zu 100% enthalten - damit 1,5 Mio Beamte und 4,1 Mio Selbständige auch weiter nicht in die gesetzliche Rentenversicherung einzahlen müssen und Gutverdiener eine Beitragsbemessungsgrenze haben.
Das ist das Vierfache der Gesamtausgaben von Hartz IV.
Da es für den Großteil der Hartz IV Empfänger aber keinen 1. Arbeitsmarkt mehr gibt, ist es besser, diese machen Kunst oder pflegen den öffentlichen Raum.
Die Opportunitätskosten für eine fehlende Grundversorgung betragen z.B. in den USA etwa 1,4 Billionen Dollar jährlich.
Bei uns müssten wir mit 100 Mrd. Euro für Polizei, Gefängnisse, Justiz und Krankendienste rechnen, wenn wir Hartz IV streichen.
Der Hartz IV Empfänger, werter Klaus L., kann nur wenig tun, um Hartz IV zu beenden, solange es keinen Arbeitsmarkt für ihn gibt.


ajki, 17.03.2010 16:59
Das sind aber jetzt schlechte Beispiele. Die sind ja nur "Freidenker" und "Luftikusse". Und die Staatsgläubigkeit.. Der Staat soll dafür sorgen das alle Menschen genug Geld haben? Und woher bekommt der Staat das Geld?

Sorry wenn es nicht genug Arbeit gibt, muss man welche schaffen oder auswandern.

Der Staat kann gar nichts, der Staat sind wir. Himmel wenn ihr an was glauben wollt, dann glaubt an Gott oder so.

/ajk


Klaus L., 05.03.2010 13:59
noch einmal @xixu
soll ich das richtig verstehen, Du entscheidest, für wen dieses Gesetz Gültigkeit hat und wer Sanktionen erhält?
Du entscheidest also, wer arbeiten muss und wer nicht, oder zählst Du nach Deiner Rechnung 10 zu 1 die Arbeitslosen durch weil ja nicht genug Arbeit für alle da ist?
Oder müssen Arbeitslose gar nicht mehr arbeiten, sollen es doch die tun, die so dämlich sind, für das Geld zu arbeiten? Ist ja nicht genug Arbeit für alle da, sollen es die anderen tun, ich stelle mich hinten an?
So etwas ist genau das Anspruchsdenken, welches die Diskussionen entfacht hat und warum ich behaupte, nicht jeder ALG-II Empfänger ist arbeitswillig, noch mehr Beweise dafür brauche ich nicht.

Ich habe niemals behauptet, dass es bei Einhaltung der Gesetze bald keine Arbeitslosen mehr gibt. Soviel zum Thema nachdenken und hirnloses Gelaber, Du solltest nicht nur die Buchstaben entziffern, Du musst auch verstehen, was der Schreiber damit gemeint hat bevor Du solche sinnfreien Behauptungen aufstellst.
Lieber xixu, wenn Du die Inhalte solcher Texte und Kommentare nicht verstehen solltest (oder möchtest, ist ja auch eine Möglichkeit), kommentiere zukünftig bitte den Togolino Kinderclub. Aber auch da wird es schwierig werden, auch die Leser und Schreiber dort verlangen ein gewisses Maß an Intelligenz.

Schönen Tag und ich bitte um Vergebung bei allen anderen Lesern für meine Entgleisung.
Klaus L.


xixu, 05.03.2010 13:21
Ich bleibe bei dem, was ich gesagt habe.

Alles in Allem gibt es rund 10 Millionen Arbeitssuchende. Der aktuelle Bericht der Arbeitsagentur vom Januar 2010 weist nicht mal 1 Millionen zu besetzende Stellen aus. Und jetzt? Schafft Ihr tolles Gesetz 9 Millionen Arbeitsplätze? Als Kind wurde mir schon beigebracht: Nicht denken, Nachdenken!


Klaus L., 05.03.2010 12:29
@ xixu
Kannst Du mir sagen, was ich falsches behauptet habe? Gesetz ist Gesetz, ich werde es nicht ändern. Darf einem Zahnarzt eine Stelle als Produktionshelfer zugemutet werden, wenn er bereits 4 Jahre arbeitslos ist?
Ein Geselle bekommt Sanktionen, wenn er berufsfremde Tätigkeiten ausschlägt. (Gesetz)
Verlangt Ihr, dass bei einem Künstler diese Gesetze nicht gelten?
Die Verpflichtung, den Leistungsbezug (ALG-II) mit aller mir zu Verfügung stehenden Möglichkeiten schnellstens zu beenden ist ein fester Bestandteil des Sozialsystems und da gibt es nichts dran zu rütteln, denn es ist Gesetz.
Ich als Leistungsträger sehe es bestimmt aus anderen Augen als ein Leistungsempfänger, nur beleidige ich diese Leute nicht (von Wegen hirnloses Gelaber usw.), solche Kommentare kannst Du Dir sparen, die gehören nicht auf ein solches Portal.
Gruß
Klaus


Matthias Schumacher, 05.03.2010 00:52
@xixu: Die gängige Definition von Vollbeschäftigung lautet: Arbeitslosenquote nicht über 2 Prozent. In absehbarer Zeit nicht zu erreichen, stimmt.

Wenn wir den Begriff Leistungsbezug von Klaus L. einfach mal ausdehnen, müssten viele Theater schließen, denn Kultursubventionen sind schließlich auch staatliche Leistungen.

Ich habe in meinem Artikel Einzelschicksale verdichtet. Im künstlerischen und journalistischen Bereich ist es normal, dann und wann kurzzeitig "arbeitslos" zu sein. Ich sehe da auch keine wirklichen Alternativen, es sei denn, wir betreiben so etwas wie staatliche Kunst mit festen Arbeitsverträgen, bezahlt vom Steuerzahler und der Staat entscheidet, wer Künstler sein darf und wer nicht. Mit Journalisten machen wir das dann genauso. Ich kann mich mit diesem Gedanken nicht wirklich anfreunden.


Freigeist, 04.03.2010 20:08
(...) denn nicht nur Mandy und Kevin in Marzahn (beide 17, arbeitssuchend und nun zweifache Eltern) wollen leben (...)
Hallo,
in solchen Fällen sollte staatlich geförderte Familienplanung ansetzen.
Ich vermute, würde man den beiden eine Prämie zahlen, dass sie auf Kinder verzichten, würden sie eher das Geld nehmen als zusammen mit 2 Kindern noch mehr zu verarmen. Es ist ein Skandal, dass diesen Leuten nicht geholfen wird, zu erkennen, dass sie vermutlich nie mehr in Produktionsprezess ein Auskommen finden werden, einschließlich ihrer Kinder.
Grüße
Freigeist
Grüße
Freigeist


xixu, 04.03.2010 18:41
Lieber Klaus L.,

Du gehst von etwas aus, was es nicht gibt und niemals (mehr) geben wird. Es nennt sich (Vorsicht Fremdwort!): Vollbeschäftigung.

Falls Du Deine Traumwelt mal verläßt, um die Realität kennen zu lernen, vergiß bitte nicht, auf dem Weg Dein Gehirn einzuschalten. Es heißt, Hochmut kommt vor dem Fall. Der Aufschlag tut weh, wirklich sehr weh. Ich wünsche Dir, dass Du diese Erfahrung nie machen musst, aber bitte verschone uns mit derartig Hirnlosem Gelaber.

Vielleicht solltest Du auch mal Artikel 1 unseres Grundgesetzes nachlesen. Lesen soll ja bilden.

Hochachtungsvoll
xixu


Lars-Michael Lehmann, 04.03.2010 10:54
Ob Gesetz hin oder her, die meisten Hartz-IV-Empfänger würden ja sehr gerne Arbeiten gehen, wenn es bloß vernünftige Arbeit geben würde.

Man kann niemanden zumuten für einen Sklavenjob, arbeiten zu gehen. Denn viele Jobs die es heute gibt, sind solche.




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