In der Flut schlechter Nachrichten (Erdbeben, Beinahe-Tsunami, Quotenabsturz von Gottschalk) wäre ein Ereignis von unabsehbarer Tragweite fast untergegangen. Die Pressefreiheit steht auf der Kippe! Nicht in Nordkorea, nicht im Iran, nicht in der Äußeren Mongolei; nein, hier bei uns.
Der NDR, mein fairer, ausgewogener Heimatsender, wird durch einen Boykott der Politik massiv in seiner aufklärerischen Arbeit behindert! Von „politischer Einflussnahme auf den unabhängigen Journalismus“ schrieb die entzürnte „Süddeutsche“. Da ich bereits bei der „Spiegel“-Affäre protestmäßig mit dabei war, wenigstens innerlich, wollte ich mir schon eine Papptafel mit der Aufschrift „Freiheit für die Presse!“ basteln und durch die Straßen laufen. Vorher las ich den SZ-Artikel aber noch ganz durch. Da kamen leise Zweifel auf…
Es verhält sich genau besehen nämlich so: nicht die Politik an und für sich möchte die Pressefreiheit abschaffen. Sondern eine tendenziell eher nicht so kriegsentscheidende Partei, die FDP, hatte Würdenträger und Mitglieder davor gewarnt, beim politischen Aschermittwoch in Karlsruhe Interviews zu geben. Sie, die FDP, wollte auch nicht dem ganzen NDR Interviews verweigern, sondern nur den Redakteuren von „Panorama“, deren Anmarsch sich herum gesprochen hatte. Begründung der Warnung: „Von dieser Redaktion kann nach den kürzlich gemachten Erfahrungen kein objektiver Journalismus erwartet werden.“ Differenzierte Meinungen würden dort nicht wiedergegeben: „Das ´aber´ hinter dem ´ja´ wird nicht gesendet.“
Liebe FDP, da liegst du nun ziemlich daneben. „Panorama“, das älteste öffentlich-rechtliche Politmagazin, stand noch nie vor der Aufgabe, „objektiven Journalismus“ (hi, hi) zu veranstalten. Geschweige denn, „differenzierten Meinungen“ (hö, hö) ein Forum zu einzuräumen oder Aber-Gelaber zu verbreiten. Das Magazin ist bekanntlich ein publizistischer Arm von Linken, Grünen, Sozen und der angeschlossenen Sozialindustrie. Es ist sozusagen die „taz“ on air. Darin besteht ja sein Charme. Ein solches Format hat die verdammte Pflicht, schwer verzerrend, gröbstens tendenziös und unfair bis zum Abwinken zu berichten – merkt euch das, ihr ahnungslosen Marktliberalen.
Ein typischer Panorama-Beitrag wird seit fast 50 Jahren nach demselben Muster gestrickt (gilt sinngemäß auch für „Monitor“ u.ä). Die Redaktion findet, dass eine Firma, eine Institution oder eine Partei - zum Beispiel euer Couponschneider-Club - reaktionären Mist macht und daher was auf den Deckel verdient hat. Gedacht, getan. Flugs wird eine der üblichen Kampfthesen entwickelt - irgendwas mit wachsender sozialer Kälte, explodierender Kluft zwischen Arm und Reich usw. Dazu wird ein knackiges Exposée geschrieben. Das gilt es nun mit Leben zu erfüllen. Ideal dafür sind, um bei Parteien zu bleiben, öffentliche Veranstaltungen, bei denen schon mal der eine oder andere Schoppen getrunken wird. Wie am Aschermittwoch bei der FDP.
Das TV-Team würde sich dort, wenn es bei den Oberen schon nicht landen könnte, irgendeinen gelackten Schnösel aus dem Fußvolk krallen, der so richtig nach Hartz IV-Basher aussieht, und ihm ein paar routinierte Fangfragen stellen, auf die er voll reinfiele. Zusätzlich schnappt man sich eine fernsehgeile, mit möglichst viel Schmuck behängte Besserverdiener-Tussi, die schon einen im Tee hat und zieht mit ihr die gleiche Nummer durch. Herrlich, wie die beiden sich verquatschen! Dazu werden herzzerreißende Bilder von den Armen & Hilflosen draußen im Land gestellt, ein Kurzinterview mit Professor Rudolf Hickel über die Notwendigkeit von Mindestlöhnen gesendet, obendrauf ein Statement von Sigmar Gabriel gesattelt - fertig ist die Laube. Da setzt das Panorama-Publikum gleich die Hasskappe auf, und eure raffgierige Klientelpartei steht voll im Regen. Sollte der Schnösel oder die Tussi irgendetwas Vernünftiges geäußert haben, so wird das keineswegs immer raus geschnitten! Nein, falls ein Interview für Panorama nicht so rund läuft, wird es einfach in die Tonne getreten. Die Magazineros verfügen über genug Zeit, Geld und Personal, um so lange zu drehen, bis ihnen die Richtigen vor die Flinte kommen.
Ist aber alles kein Grund, liebe FDP, gleich die Schotten dicht zumachen, wenn die fleißigen Fernsehmenschen aus Hamburg mal wieder anrücken. Das wirkt unsouverän, macht einen schlechten Eindruck ist zudem überflüssig. Panorama hatte 2009 im Schnitt 3,15 Millionen Zuschauer und somit eine halb so hohe Einschaltquote wie jeder mittelprächtige Krimi à la „Ein Fall für zwei“. Gesehen wird das Magazin, so darf man getrost annehmen, zu zwei Dritteln von Leuten, die euch „Liberalen“ (har, har) nicht mal dann ihre Stimme gäben, wenn ihr mit ihnen eine Stunde lang Waterboarding machen würdet. Das restliche Drittel entfällt auf Leute, die sich über Panorama ärgern wollen. Oder amüsieren. Oder die nur ungläubig staunen, dass so ein Steinzeitjournalismus der ganz alten Schule noch existiert.
Also entspann dich, FDP! Mach auf! Lass zu! Lade die Panorama-Leute mal auf ein Gläschen ein. Rette die blöde Pressefreiheit!
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